Foto: Roman Jasiek / AVALOST

AGONOIZE – Midget Vampire Porn

Inzwischen hätte ich beinahe schon angenommen, die Berliner Hellektro-Formation Agonoize würde sich fortan darauf beschränken, mit bestehendem Material Konzerte zu spielen, bis es in der Hölle anfängt zu schneien. Ich meine, warum denn auch nicht. Die ebenfalls in der Düsterszene beheimateten The Sisters Of Mercy sind schließlich gefühlt seit ungefähr 2000 Jahren mit den gleichen ollen Kamellen unterwegs; tatsächlich feiert deren letztes Album nächstes Jahr 30. Jubiläum. Soweit aber lassen es die Herren Agonoize dann doch nicht kommen und präsentieren mit Pauken, Trompeten und wehenden Fahnen ihre Rückkehr in Form des neuen Albums „Midget Vampire Porn“, das sie zuvor mit der EP „Blutgruppe Jesus (-) / Schmerzpervers 2.0“ angeteasert haben. Nun sind, frei nach Captain Obvious, fünf Jahre keine dreißig, aber dennoch eine lange Zeit, in der sich die Musikwelt mehrere Male gedreht hat. Die Frage ist: Können die selbsternannten Gottväter und Gründer des Hellektro diesem Genre noch neue Facetten abgewinnen? Und: Braucht das eigentlich noch jemand? Schauen wir uns die Sache doch mal an.

Quelle: RepoRecords

Rückkehr ist im Falle Agonoize ein deutlich zu hoch gegriffener Begriff. Weg waren sie ja nicht; auch wenn es längere Zeit kein neues Album gab, so standen die Herren Agonoize doch immer wieder mal im Spielplan diverser Festivals. Mit anderen Worten: Während Frontmann und Oberhaupt der Band, Chris L., sich zwischenzeitlich auch als Galionsfigur von Funker Vogt verdingte, wurde die Fangemeinde doch immerhin mit musikalischen Live-Audienzen bei Laune gehandelt. Ich habe nicht mehr so richtig auf dem Schirm, wie das bis dato letzte Album „Apokalypse“ ringsherum aufgenommen wurde – mein Fall war es jedenfalls nicht. Irgendwie konnten sie mich damit nicht mehr abholen, warum auch immer. Und das überraschte mich seinerzeit umso mehr, als das ich vorher jedes Album mit einigermaßen großem Genuss gehört hatte. Ich kann mich sogar noch erinnern, Agonoize in Kleinst-Clubs in Hannover live erlebt zu haben, als sie von diverser anderer Szene-Journaille noch milde belächelt wurden. Vielleicht war es für mich einfach auch Zeit für eine Trennung auf Zeit. Jedenfalls habe ich gerade mal wieder Bock auf ein Album von Agonoize.

Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Mit dem instrumentalen, einigermaßen pathetischen „Apeirophobia“ geht es jedenfalls schon mal gut los. Apeirophobia bezeichnet übrigens die Angst vor der Unendlichkeit und ist damit quasi das Gegenstück der Angst vorm Sterben. Es gibt schon seltsame Phobien, fürwahr. Als gechillter Einstieg ist die Nummer ok, wird aber bei mehrmaligen Konsum des Albums gewiss nicht nur bei mir der Skip-Taste zum Opfer fallen. Dafür ballert „Weltenschmerz“ direkt ins Gesicht. Es ist durchaus ok, wenn sich Agonoize musikalisch hier selbst zitieren. Das ist als Brückenschlag in die eigene Vergangenheit nach der Pause durchaus sinnvoll. Damit man gleich wieder weiß, wo der Frosch die Locken hat und wo ihm der Hammer hängt. Inhaltlich zeitgeistiges Onprangering der Marke Agonoize gemischt mit fast schon klassischen Sounds der Band, lediglich der verzerrte Brüll-Singsang von Chris L. tönt ein wenig anders.

Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Blutgruppe Jeus (-)“ ist ja bereits bekannt, ändert aber nüscht daran, dass Agonoize sich hier einmal mehr bei der Kirche keine Freunde machen dürften, dafür aber einen hellektrischen, technoiden Tanzflächenfüller liefern. Das ebenfalls schon bekannte, akustische Kantholz „Schmerzpervers“ fügt sich da gut ein. Kommen wir mal zu ein paar Highlights der neuen Platte. „Kiss Me, Kill Me“ erinnert rein vom Titel her an U2sHold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me“, hat aber damit so rein gar nüscht zu tun. Für Agonoize-Verhältnisse beinahe schon mit Pop-Appeal angestrichen, in jedem Fall aber ein fieser kleiner Sack von einem Ohrwurm, der zwingend auch auf die Tanzfläche entlassen werden möchte. „Teufelskind“ ist umgekehrt ziemlich düster ausgefallen. Und das will was heißen bei einer Band, die harte, dunkle Electro-Mucke macht! „A Vampire Tale“ hätte, musikalisch bisschen gemäßigt und mit anderen Vocals auch bei den ehemaligen Labelkollegen Blutengel stattfinden können, tut der Nummer aber keinen Abbruch. Oh und dann ist da ja noch „Homme Fatale“. Erinnert Ihr Euch noch an „Femme Fatale“ vom Album „Sieben“? Ich weiß, lange ist’s her, aber nach „Koprolalie“ dürfte das wohl einer der größten Gassenhauer der Band überhaupt sein, der in Clubs rauf und runter gedudelt wurde. Jedenfalls: In „Homme Fatale“ bekommt nun also auch das oppositionelle Geschlecht seine musikalische Ohrfeige. Unterhaltsame Reminiszenzen an besagtes „Femme Fatale“ inklusive. Interessant ist übrigens auch das finale „True Blood“, das einer Ballade schon ziemlich nahekommt und mich musikalisch ein bisschen an Vangelis oder sonstigen New-Age-Tüdelkram erinnert – nur eben mit den verzerrten und ziemlich intensiv intonierten Vocals von Chris L. Das schindet schon irgendwie Eindruck.

Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Halten wir mal fest: Auch fünf Jahre später ist immer noch Agonoize drin, wo Agonoize angeschrieben steht. Das ist schon mal beruhigend. Die Modifikationen im Soundgewand sind da – schließlich sind die Jahre auch an den Berlinern nicht spurlos vorbeigezogen – aber so dezent, dass sich niemand umgewöhnen muss, der länger nicht mehr zugeschaltet hat. Und dennoch erfolgreich um Abwechslung bemüht, trotz des selbst gewählten, recht engen musikalischen Korsetts. Evolution statt Revolution, möchte ich sagen. Gut so, Bands die mal eben ihr Konzept über Bord geworfen haben und damit auf die Fresse geflogen sind, hat man schließlich schon zu oft erlebt. Um auf die Ausgangsfragen zurückzukommen: Doch, neue Facetten im Hellektro sind hörbar. Und braucht Agonoize bzw. Hellektro noch jemand? Nun.. es ist schon gut, wenn in einer Szene, die auch immer mehr in Gefälligkeit zu versinken droht, irgendjemand da ist, der nicht gänzlich angepasst ist. Vielleicht ein bisschen pöbelt, aneckt und dabei trotzdem nicht gänzlich mit dem Niveau den Boden wischt. Agonoize haben diverse Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen, die gerne immer noch ein bisschen stumpfer, derber, krasser oder whatever sein wollten als das Original. Aber, und das muss man nach dieser Pause eben auch wieder festhalten, niemand beackert dieses Feld so gut wie Agonoize. Einziger Wehmutstropfen: Die Mischung ist teilweise nicht so richtig gut gelungen; die Vocals von Chris L., die ob ihrer Verzerrung ohnehin schon gelegentlich eine Herausforderung an die Hörer sind, verschwinden mitunter zu sehr im musikalischen Gewüt. Es ist nicht auszuschließen, dass dies nur an dem mir vorliegenden Promo-Material liegt. Getestet wurde es jedoch auf verschiedenen Abspielgeräten unterschiedlicher Güte. Dem Unterhaltungswert dieses Albums tut das jedoch keinen Abbruch.


Wie gesagt, ich hatte mal wieder Bock auf eine Platte von Agonoize und erfreulicherweise wurde ich nicht enttäuscht. Die Berliner haben es verstanden, zum Auftakt erst einmal eine Anknüpfung an die Vergangenheit zu schaffen, ehe sie dann mit behutsamen, aber hörbaren Modifikationen ihres Sounds den Weg in die Zukunft ebnen. Wer sich zu Agonoize auf der Tanzfläche verausgaben will, bekommt hier genauso Material wie diejenigen, die das lieber live abfeiern oder in der eigenen Bude konsumieren. Die Zeiten, in denen Agonoize mit ebenso provokanten wie platten Textzeilen wie „Fick mich“ oder „Du Fotze“ für Aufmerksamkeit sorgten, sind scheinbar vorbei. Kein Verlust, „Midget Vampire Porn“ zeigt auf, dass die Berliner eben doch mehr können, als das auf was sie so gerne festgenagelt werden. Vielleicht habe ich nach dieser gelungenen Rückmeldung jetzt sogar wieder Bock auf ein Konzert.


Erscheinungsdatum
25. Oktober 2019
KÜNSTLER
Agonoize
TITEL
Midget Vampire Porn
LABEL
RepoRecords
TRACKLIST
DISC 1: APEIROPHOBIA | WELTENSCHMERZ | BLUTGRUPPE JESUS (-) | SCHMERZPERVERS 2.0 | KISS ME KILL ME | POPULAR | TEUFELSKIND | A VAMPIRE TALE | BULLET | ANTIHELD | HOMME FATALE | NO PLACE FOR STRANGERS | TRUE BLOOD || DISC 2: INFERNO | KINGDOM OF DARKNESS | 1,2,3 | GLEICHSCHRITT | ALONE IN THE DARK
Unsere Wertung
7.7
AGONOIZE – Midget Vampire Porn
FAZIT
Die Berliner haben es verstanden, zum Auftakt erst einmal eine Anknüpfung an die Vergangenheit zu schaffen, ehe sie dann mit behutsamen, aber hörbaren Modifikationen ihres Sounds den Weg in die Zukunft ebnen. Wer sich zu Agonoize auf der Tanzfläche verausgaben will, bekommt hier genauso Material wie diejenigen, die das lieber live abfeiern oder in der eigenen Bude konsumieren. Die Zeiten, in denen Agonoize mit ebenso provokanten wie platten Textzeilen wie „Fick mich“ oder „Du Fotze“ für Aufmerksamkeit sorgten, sind scheinbar vorbei. Kein Verlust, „Midget Vampire Porn“ zeigt auf, dass die Berliner eben doch mehr können, als das auf was sie so gerne festgenagelt werden.
INHALT / KONZEPT
8
TEXTE
7
GESANG
6.5
PRODUKTION
6.5
UMFANG
10
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung1 Bewertung
9.8
POSITIV
+ Die Pause tat gut: Agonoize geht so gut ins Ohr (und in die Beine) wie lange nicht mehr.
+ Musikalisch sinnvolle Evolution statt unnützer Revolution.
+ Mit einem Doppelalbum wieder einmal ein sehr stattlicher Umfang.
NEGATIV
- Die Abmischung ist (zumindest in der Promo-Fassung) teilweise unglücklich: Die verzerrten Vocals lassen sich mitunter nur sehr schlecht verstehen.
7.7
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung