ARTHUR BEATRICE - Working Out
FOTO: RICHARD ROUND-TURNER / UNIVERSAL MUSIC.

ARTHUR BEATRICE – Working Out

Einen Fuß in die Tür der Musikwelt zu bekommen ist ganz sicher keine leichte Aufgabe. Manche Leute haben das Glück, von entsprechenden A&R Agenten entdeckt zu werden, einen Plattenvertrag unter die Nase gehalten zu bekommen, mit professionellen Studiomusikern zu arbeiten und anschließend ein vielleicht sogar brauchbares Album auf den Markt zu bringen. Es gibt Geschichten über One-Hit-Wonder, die so anfangen. Dann gibt es Künstler, die reißen sich den Hintern auf, haben tatsächlich hochgradig cooles Material am Start und kommen doch nie so richtig über ein paar Demos hinaus. Andere begnügen sich von vorneherein damit, als Coverband durch Bars und Kneipen zu tingeln, einen Abend lang einen Eindruck davon zu bekommen, wie das Leben als Musiker so sein kann und am nächsten Tag wieder in der Fabrikhalle Autos zusammenzuschrauben. Es gibt aber noch eine weitere Sorte Musiker. Die Sorte nämlich, die sich nicht auf Glück oder Zufälle verlässt, sondern zielstrebig und mit aller gebotenen Hingabe so lange arbeitet, bis sich der Erfolg einstellt. Und ganz nebenbei solche Fertigkeiten aneignet, dass es sich auch ohne entsprechende Produzenten oder Verträge ganz wunderbar überleben lässt. ARTHUR BEATRICE, ein aufstrebendes Quartett aus London, gehört zur letztgenannten Sorte Künstler. Ihr Debütalbum „Working Out“ beweist dies sehr eindrucksvoll.

Vier junge Leute sind es, die unterwegs sind, um als Arthur Beatrice ihre Fußabdrücke in der Welt zu hinterlassen: Ella Girardot, die singt und Keyboard spielt. Orlando Leopard, der ebenfalls singt und bezüglich der Instrumentierung den Ton angibt. Hamish Barnes, singt auch und spielt Bass und Gitarren. Und Elliot Barnes, der an Drums arbeitet. Was heute wie eine Einheit wirkt, die schon immer aus einem Guss zu bestehen scheint, hatte anfänglich den schwierigen Weg vor sich, eine gemeinsame Linie zu finden. Während Elliot zunächst total auf Jazz stand, lagen Orlandos Interessen beim klassischen Klavier. Die Wurzeln von Hamish lagen im R&B und Ella, nun, ihrer Stimme wohnt durchaus ein Hauch Blues inne. Vier Leute also mit vier unterschiedlichen Interessen, die sich dennoch alle immer wieder in den knapp 42 Minuten des Debüts „Working Out“ wiederfinden. Und zusammen mit dem Album reiften auch die vier jungen Leute heran, um sich selbst ihren Platz in der Musikwelt zu schaffen. Eigenes Label (Open Assembly), eigene Gigs – wenn schon Schubladen, dann bitte eine mit eigener Beschriftung. Darum lässt sich „Working Out“ auch nicht klar einer bestimmten Kategorisierung unterziehen. Pop-Musik, klar, aber eben auch mit einem bisschen Jazz, einer Prise Indie, ein bisschen Blues, einer Prise R&B, ein paar Spurenelemte von Tanzmusik und das alles zu einer gleichwohl vertrauten wie sich neuartig anfühlenden Mischung verwoben. Was auch das Ziel der Band gewesen ist. Elliot sagt dazu: „Wir finden es toll, wenn Leute etwas Vertrautes in den Songs finden, ohne genau sagen zu können, was es ist“.

Nun ist es ja so, dass Musik auf jeden Hörer anders wirkt. Logisch, deshalb lässt es sich ja auch über kaum etwas so intensiv debattieren wie über Gehörtes. Naja ok, allenfalls Fußball vielleicht, wobei ich die dort auftretenden Emotionen wohl in diesem Leben nicht mehr nachvollziehen können werde. Wie auch immer, zurück zu Arthur Beatrice. Mit stets vergleichsweise wenigen Mittelchen schafft das Quartett eine ganz eigene, ganz besondere Atmosphäre. Wenn sich sehr dezente Synthieteppiche im Hintergrund ausbreiten, Drums und Percussions eigenwillig zittern und die Gitarre oszilliert, wenn manchmal ganz schön schweres Klavierspiel sich um die faszinierende Stimme von Sängerin Ella Girardot windet, wenn die manchmal unvermutet düster wirkende Musik den Raum erfüllt, dann passiert folgendes: vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen, die nach getaner Arbeit die Krawatte lockern oder noch mal schnell Parfum nachlegen und dann in einer angesagten Bar in einer anonymen Großstadt verschwinden. Ein paar kühle Getränke, ein paar Gespräche, ein paar flüchtig ausgetauschte Blicke, aus denen alles und nichts hätte entwachsen können, die ihre Halbwertszeit aber schon Sekunden später überschritten haben. Menschen, die in kleinen Grüppchen sitzen oder stehen, reden, schweigen, lachen, ernsthaft diskutieren, während kühles Neonlicht lange Schatten in der kurzen Alltagsflucht dieser Afterwork-Veranstaltung wirft. Und dann sind da noch die anderen, die einsam auf den Barhockern sitzen. Den Kopf über ihr Glas gebeugt schauen sie dem Eiswürfel zu, der langsam in den Resten des hastig heruntergestürzten Bourbon Whiskeys schmilzt. Alle sind sie in dieser Bar vereint und doch sind sie alle mit sich alleine. Für eine Vertiefung von irgendwas sind die jeweiligen Sorgen und Nöte im Unterbewusstsein zu präsent. Man ist ja eh auch gerade auf dem Sprung. Und irgendwann, nachdem die letzte Bestellung durch ist, springen sie alle raus in die neonkalte Nacht dieser anonymen Großstadt. Begleitet von den geistigen Echos der Band, die den ganzen Abend die Szenerie beschallte…

Ihr merkt schon: Arthur Beatrice eignet sich ganz hervorragend dazu, nach Feierabend die Füße hochzulegen und seinen Gedanken freien lauf zu lassen. Den Tag noch mal Revue passieren lassen, über dieses oder jenes sinnieren – was auch immer. Die hochgradig feingliedrig arrangierten Songs drängen sich nicht auf. Wollen sich auch gar nicht aufdrängen. Wenn Ihr da gerade Bock drauf habt, gibt es genügend liebevolle Kleinigkeiten, an denen ihr während des Hörens erfreut hängenbleiben könnt, ansonsten wirkt „Working Out“ sehr anregend für geistige Aktivitäten. Träumen, grübeln, philosophieren, über einem Problem brüten, you name it. Da ist es nur konsequent, dass Arthur Beatrice zugeben, oft ernsthafte und düstere Musik zu machen. Übrigens nicht gleichbedeutend mit Trauermucke oder ähnlichem. Bei Songs wie „Late“, „Midland“ oder „Charity“ könnte ich mir die beschriebenen Großstädter durchaus beim Tänzchen vorstellen. Unterm Strich handelt es sich hierbei um ein sensationelles Erstlingswerk, bei dem die Mühe, die über eine lange Zeit hineingesteckt wurde, in jeder Sekunde hörbar ist. Bitte mehr davon!


Die Songs dieses Albums wirken so fragil, so zärtlich eingespielt, dass ich manchmal beinahe fürchte, ich würde sie kaputt machen, wenn ich zu genau hin höre. Wenn jeder Newcomer, der die internationale Musikbühne betritt, mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe an die Arbeit ginge und noch dazu so konsequent alles in handwerklich hochwertigster Eigenregie machte – Sendungen wie DSDS, Voice Of Irgendwas und wie sie alle heißen, sie hätten keine Chance mehr. So aber können wir uns die Musiklandschaft weiterhin wie einen nächtlichen Sternenhimmel vorstellen. Einen Himmel, an dem Arthur Beatrice mit ihrem Debütalbum ganz besonders hell funkeln. Wie lange, das wird die Zeit zeigen. Der Anfang aber war schon mehr als beachtlich.


arthur beatrice - working day - 2014 - CMS Source


INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.8
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Tiefenentspannt, musikalisch vielfältig, einnehmend, kurz: rundum gelungen.
7.8
PUNKTE.
FAZIT.
Die Songs dieses Albums wirken so fragil, so zärtlich eingespielt, dass ich manchmal beinahe fürchte, ich würde sie kaputt machen, wenn ich zu genau hin höre. Wenn jeder Newcomer, der die internationale Musikbühne betritt, mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe an die Arbeit ginge und noch dazu so konsequent alles in handwerklich hochwertigster Eigenregie machte - Sendungen wie DSDS, Voice Of Irgendwas und wie sie alle heißen, sie hätten keine Chance mehr. So aber können wir uns die Musiklandschaft weiterhin wie einen nächtlichen Sternenhimmel vorstellen. Einen Himmel, an dem Arthur Beatrice mit ihrem Debütalbum ganz besonders hell funkeln. Wie lange, das wird die Zeit zeigen.