Foto: Out of Line

ASHBURY HEIGHTS – The Victorian Wallflowers

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Kürzlich erst hatte ich mit Mick, meinem Freund und Mitbetreiber dieses formschönen Blogs hier, wieder eines unser üblichen iMessage-Gespräche. Aufgrund dieses „real life“, von dem immer alle reden, haben wir bedauerlicherweise nicht so oft Gelegenheit dazu, uns persönlich auszutauschen. Daher muss eben irgendeine Form von Chatsoftware für diesen Zweck herhalten. In jenem Gespräch kamen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass wir uns manches Mal die Zeit zurückwünschen, in der einige Umstände leichter, andere Dinge besser und überhaupt rückblickend vieles irgendwie cooler war. Musik, Freunde, Festivals, Bier und einen Sack voller Sorgen weniger. Keine fundamentalen Erkenntnisse, fürwahr, zudem wird diesen Gedanken so ziemlich jede/r von Euch schon nachgehangen haben. Früher™️ ist eben rückblickend immer ganz vieles soooo viel besser gewesen. Ist natürlich Quatsch, aber es gibt Momente, wo das die Wahrheit zu sein scheint. Was das mit ASHBURY HEIGHTS zu tun hat? Nun, die Schweden haben vor nunmehr acht Jahren mit „Take Cair Paramour“ ein maximal sensationelles Album veröffentlicht, das in die Zeitperiode des besagten Früher™️ passt und in vielen tollen Situationen ein musikalischer Begleiter war. So wie Woodstock-Besucher ihre Bands und Alben und Songs haben, die für sie stellvertretend für eine gute Zeit stehen, so ist es in diesem Fall eben das zweite Album von Ashbury Heights. Um nach dieser ellenlangen Einleitung endlich mal zum Punkt zu kommen: das Duo Anders Hagström und Tea F. Thimé hat ein neues Album im Kasten. „The Victorian Wallflowers“ heißt es. Und es hat das Potential, die alten Zeiten zumindest im Kopf zurückzuholen – und als neuer Begleiter für neue gute Zeiten zu dienen.

So. Nach diesem Exkurs in Sachen sentimentaler Vergangenheitsverklärung widmen wir uns jetzt mal dem eigentlichen Thema. Ashbury Heights darf man in der Düsterszene, in der sie sich beheimaten, durchaus eine Sonderstellung einräumen. Der Legende nach war die Band, die 2005 von Anders Hagström und Yasmine Uhlin gegründet wurde, das bis dato schnellste Signing in der Geschichte des Berliner Düster-Labels Out Of Line. Es folgte 2007 die Veröffentlichung des Debütalbums „Three Cheers For The Newlydeads“ und anschließend ein fragwürdiges Hin und Her mit dem Label und überhaupt mit der Welt, die in der Auflösung der Band 2010 mündete. Diese aber dauerte nicht lange an, schon 2011 läutete man die Rückkehr ein. Seitdem scheint man bei Ashbury Heights – also speziell Sänger und Songzauberer Anders – soweit fest im Sattel zu sitzen, dass man musikalisch reifen und immer neue Glanzstücke veröffentlichen kann. Seit 2013 ist die aktuelle Sängerin Tea F. Thimé mit an Bord und, das kann man sicherlich so stehen lassen, stimmlich die bisher beste Ergänzung für die fetzigen Sounds, die dem Anders so aus dem Geiste springen. Als sie 2015 „The Looking Glass Society“ veröffentlichten, präsentierte sich das Duo als eine Band, die scheinbar nur ein Ziel hat: den Olymp in Sachen düster angehauchter, schwedischer Synthie-Pop-Mucke zu erklimmen und sich ganz, ganz oben einzunisten. Kein leichtes Unterfangen, denn die Luft ist sehr dünn und die Konkurrenz quantitativ und qualitativ gut aufgestellt. Aber, und das zeigt das neue Album „The Victorian Wallflowers“ sehr deutlich, der Ehrgeiz ist da. Und das Talent auch.

Die neue Platte wurde in Sachen Sound von Mario Rühlicke in die Hand genommen. Rühlicke hat dies auch bei Blutengel getan und daher wird man sich im Bezug auf die klatschenden Beats vielleicht ein bisschen daran erinnert fühlen – ohne dass es sonst auch nur irgendwelche anderen Anknüpfungspunkte an die Berliner Finsterlinge gäbe. Besonders deutlich wird as beim Eröffnungssong „Headlights“. Oh Junge, was für ein sensationeller Track – die Wucht in Tüten, möchte ich sagen! Direkt zum Einstieg servieren Ashbury Heights also einen der besten Songs ihrer bisherigen Karriere. Flotter Beat, eingängige Melodien, im Gehör hängenbleibender Refrain. Und dazu diese charmante, unwiderstehliche Mischung aus 80er-Jahre-Anleihen und modernen, sich an Electronic Dance Music orientierenden Sounds. Das ist überhaupt die Marschrichtung dieses Albums.

Textlich sind Ashbury Heights nach wie vor keine gute-Laune-Kapelle. Das emotionale Spektrum reicht hinab bis in melancholische oder gar zynische Gefilde. Die Musik aber, die macht richtig (gute) Laune. Das ist zum großen Teil dem Umstand geschuldet, dass sich Anders nicht davor scheut, in seinen Electro-Pop Einflüsse anderer Stilrichtungen elektronischer Musik einfließen zu lassen. Es gibt manchmal Momente auf diesem Moment, in denen ich denke: „Na Anders? Biste auf dem Tomorrowland gewesen? Haste dich da inspirieren lassen?“ Das sich Musiker gerne mal anderweitig umgucken, ist nichts Neues. Es gab vor ein paar Jahren mal diesen kurzlebigen Trend, die eigene Mucke mit Dubstep-Momenten aufwerten zu wollen. Das hat oftmals eher so semi-gut funktioniert und meistens nur ein Augenleiern meinerseits provoziert. Auf „The Victorian Wallflowers“ aber wirkt es wie die natürlichste Sache der Welt, hier mal ein bisschen Dubstep einfließen zu lassen („Headlights“), EDM mit einer Gitarre zu paaren, die ebenfalls in dem Song herum new-ordert („Ladders“), 80er-Jahre-Süßigkeiten mit modernem Electro zu mischen („Missing Mr. Marchie“) oder Trap auf abermals 80er Synthies treffen zu lassen („Journey“). Tea und Anders haben ganz offensichtlich nichts unversucht gelassen, ihrem vierten Album maximale Abwechslung angedeihen zu lassen. Dass dieser Kessel Buntes, der hier angerührt wurde, auch noch Sinn ergibt, ist ein großer Bonus.

Als wäre das alles noch nicht genug, haben Ashbury Heights hier ein paar neue Gassenhauer geschaffen, die künftig in so mancher Playlist und Party zu finden sein dürften. „Headlights“ hatte ich schon erwähnt. Dringend erwähnt werden muss auch „Waiting For The Fall“! Waiting for the night to take us home, because we have no business in sun, singen sie da und ich frage mich ernsthaft, wie ich diese Hookline, die sich gerade in mein Hirn gebrannt hat, jemals wieder loswerden soll. Ich summe diese Passage immerzu vor mich hin. Schrecklich! „Tomorrow Is Dead To Me“ schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe. Und dann gibt es noch Titel wie „Long Lost Dead And Gone“, wo sich Ashbury Heights an einem Song versuchen, der gerne mit episch umschrieben werden möchte. Das gelingt ihm auch ziemlich gut, möchte ich sagen. Von allen Songs, die je das Haus Ashbury Heights verlassen haben, sicherlich der „breiteste“. Der föhnt Euch weg. Aber das trifft, die richtige Laune und Empfangsbereitschaft vorausgesetzt, auch auf den Rest des Albums zu.


Poah! Neulich erst habe ich wieder das Gefühl gehabt, dass mich viele Promos, die hier so eintrudeln, ein bisschen langweilen. Das Gefühl, etwas wirklich frisches, unverbrauchtes zu hören – es wird immer seltener, je länger man diesen Job macht. Womit wir wieder bei diesem ominösen Früher™️ angelangt wären, das ich eingangs erwähnte. Zum Glück gibt es aber immer noch und immer wieder Ausreißer, die den Spaß-Faktor an diesem Job hier oben halten. Ashbury Heights’ „The Victorian Wallflowers“ ist einer dieser Ausreißer. Sicherlich, ein zweites „Take Cair Paramour“ werden wir wohl nicht noch einmal bekommen. Aber nach meinem Dafürhalten positionieren sich diese viktorianischen Mauerblümchen direkt dahinter – und bewerben sich mit Nachdruck um die Krone für das beste Electro-Pop-Album des Jahres 2018! Um auf die Einleitung zurückzukommen: dieses Album schafft etwas, das viele andere Alben nicht schaffen. Es macht die Erinnerungen lebendig. Wer bei Ashbury Heights erst jetzt zuschaltet, kann sich mit diesem Album tolle Erinnerungen schaffen. Der Soundtrack dafür ist spätestens jetzt da. Und was mich angeht – ich denke, ich werde Mick mal „Long Lost Dead And Gone“ vorträllern, wenn ich ihn das nächste Mal treffe. Fiese Ohwürmer für alle!


INHALT / KONZEPT.8.5
TEXTE.9
GESANG.7.5
PRODUKTION.8
UMFANG.7.9
GESAMTEINDRUCK.9
LESERWERTUNG.9 Votes7.9
POSITIV.
Musikalische Vielfalt, die sich an anderen Stilrichtungen elektronischer Musik orientiert
Inhaltlich nach wie vor Ashbury Heights
Tolle Produktion, Thea stimmlich ein Hauptgewinn für das Projekt
8.3
PUNKTE.
FAZIT.
Sicherlich, ein zweites „Take Cair Paramour“ werden wir wohl nicht noch einmal bekommen. Aber nach meinem Dafürhalten positionieren sich diese viktorianischen Mauerblümchen direkt dahinter - und bewerben sich mit Nachdruck um die Krone für das beste Electro-Pop-Album des Jahres 2018! Um auf die Einleitung zurückzukommen: dieses Album schafft etwas, das viele andere Alben nicht schaffen. Es macht die Erinnerungen lebendig. Wer bei Ashbury Heights erst jetzt zuschaltet, kann sich mit diesem Album tolle Erinnerungen schaffen. Der Soundtrack dafür ist spätestens jetzt da

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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