Vor nicht ganz einem halben Jahr überraschte uns ASP mit dem fulminanten Auftakt zur zweiteiligen Geschichte des lebendig gewordenen Hotel Astoria. Alex Spreng schuf mit der Symbiose aus Album und Kurzgeschichte eine ganz neue Kunstform und lieferte ganz nebenbei eine eindeutige Definition für seinen Gothic-Novel-Rock. „VERFALLEN – FOLGE 1: ASTORIA“ zog mich sofort in seinen Bann und endete dann mit einem Cliffhanger.

Wie geht es also weiter mit dem Hotel und Paul, der in Diensten Astorias steht. Die Antwort darauf könnt ihr seit 1. April mit „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ selbst ergründen. In der Limited 2CD Edition erhaltet ihr nicht nur eine Bonus-CD und das umfangreiche Artwork, darüber hinaus gibt es auch noch viele Fan-Beigaben. Ich persönlich finde den Astoria Türknauf-Anhänger sehr gelungen. Wenn ihr das Album also ungestört geniessen wollt, einfach Musikzimmer-Tür schliessen und das „Bitte nicht stören!“ Schild an die Klinke hängen. Und genau das mache ich jetzt.

VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ beginnt, wie „VERFALLEN – FOLGE 1: ASTORIA“ endete, nämlich mit „Fortsetzung folgt…2 (Vorspann)“. Der Titel verarbeitet das musikalische Thema seines Vorgängers, doch verzichtet auf elektronischen Schnickschnack, was sicher die Kritiker des letzten Albums erfreuen wird. Die klassischen Rockgitarren erhalten Unterstützung von einer Violine, die auch mir auf dem Vorgänger zu wenig Einsatz fand. ASP schlägt also wieder vertraute Pfade ein und entführt in die Tiefen der Katakomben von Astoria.

Nicht nur der schicke Türknauf-Anhänger der Limited Edition trägt die Aufschrift „Bitte nicht stören!“, es ist auch der Titel des zweiten Tracks. Das zweieinhalb minütige Intro stimmt also abermals auf den musikalischen Höchstgenuss des Albums ein.

Die chorale Hymne „Unwesentreiben“ beginnt dann endlich, die Geschichte weiter zu erzählen. Wow, hier zeigt ASP, wie genial man einer fiktiven Geschichte Leben einhaucht, in dem er einen Bezug zur NS-Zeit mit verwebt. Textlich wie musikalisch kann ASP mittlerweile kaum jemand das Wasser reichen und Textzeile wie „Draussen ändert sich jäh das Regime, der Wahnsinn streicht durch jede deutsche Stadt“, die vom Rasseln der Snaredrum-Kette begleitet werden und marschierende Soldaten imitieren, zeichnen mir ein schaurig bildhaftes Kopfkino, Gänsehautvergnügen inklusive. Paul treibt, geleitet von Astoria, nun also schon seit über 15 Jahren sein Unwesen und ist im Leipzig der 30er Jahre angekommen.

Nicht nur Astoria dürfte Pauls „OdeM“ sehr verzücken, denn er hebt seine Liebste hier auf den höchsten Sockel, der ihr seiner Meinung nach gebührt. Doch die Fans musikalischer Kost aus der Feder ASPs sind sicher auch sehr erfreut über den kurzweiligen Düster-Rocksong, der auf Konzerten definitiv für gute Party-Stimmung sorgt und uns für die Geschichte um Astoria brennen lässt.

Wie vom ersten Teil bekannt, nutzt ASP die Titel Zwischentöne, um Paul die Gelegenheit zu geben, den Handlungsstrang der Geschichte zu erzählen. Die ruhige Ballade „Zwischentöne: Höhepunkt“ liefert dem Hörer demnach in deskriptiver Weise weitere Puzzleteile um Pauls Beziehung zu Astoria, die von ruhigem Gitarrenspiel umschmeichelt werden.

Nach dem vorangegangenen ruhigen Stück, zeigt ASP dann wieder, wofür das Wort „Rock“ in Gothic-Novel-Rock steht. Zunächst beginnt der Titel „Das Kollektiv“ mit einer Art synthetischer Marimba-Klänge, die wie wie viele kleine Teilchen eine wundersame Melodie bilden, doch dann entpuppt sich „Das Kollektiv“ zu einem waschechten Rock-Song, der richtig Druck macht. Die Instrumentierung lässt sogar Sackpfeifen nicht vermissen, die sehr gut mit der verzerrten Gitarre und auch den synthetischen Klängen harmonieren. Spätestens jetzt dürften die letzten Zweifler versöhnt sein, dass ASP seiner Linie treu geblieben ist.

Mit dem Titel „Hinter den Flammen“ beweist ASP einmal mehr, dass er große Kunstwerke schafft. In etwas über acht Minuten erschafft er ein düsteres Metal-Musical, wechselt zeitweise in eine tragische Ballade, verblüfft mit Tango-Elementen und einer „Vaterunser“ Variation, um Astoria in der dramatischen Rock-Hymne auferstehen zu lassen. „Astoria – Das Musical“, wär das nicht was für die Brüder und Schwestern der schwarzen Zunft? Ich reserviere hiermit mal unverbindlich Plätze in Reihe eins zur Premiere.

Die „Zwischentöne: Abfall“ liefern uns einen Hinweis, wieviele Jahre mittlerweile vergangen sind. Paul singt, von Gitarre begleitet, nicht nur von der Vergängnis, sondern auch vom Mauerbau. Demnach ist die Geschichte um Astoria in den frühen 60er Jahren angekommen.

Der Titel „Köder“ beginnt mit einer Klavier-Variation ähnlich der synthetischen Klänge aus „Das Kollektiv“, wechselt dann doch schnell ins Rock-Genre, behält das Klavier als Melodie-Instrument aber bei. Pauls Sicht auf Astoria wirkt hier etwas abgeklärter, doch ihrem Bann hat er sich noch immer nicht entzogen. „Köder“ ist ein kraftvoller Rock-Song der durch das gefühlvolle Arrangement gar nicht so düster klingt, wie seine Botschaft verheisst.

Auch „Ich lösche dein Licht“ klingt durch das Klavier fröhlicher, als die von Paul dazu erzählte Geschichte. Der druckvolle Rock-Song hat viel Dynamik, wartet mit Tempowechseln auf und gleitet nahtlos in „Ich lösche dein Licht (Reprise)“ über. In der Reprise gibt es ein weiteres Highlight, in Form eines gut einminütigen E-Gitarren-Solo. An Abwechslung mangelt es im Album „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ nicht.

Häufig entdeckt man Variationen bereits bekannter Melodien und Themen von vorangegangenen Songs auf dem Album. Die Arie „Ich bringe dir nichts mehr“ beginnt mit ruhigem Klavier und ASP trägt stimmgewaltig Pauls Dilemma vor. Ja, singen kann er, der Herr Spreng und mit „Ich bringe dir nichts mehr“ manifestiert sich in mir immer mehr der Wunsch nach dem Astoria-Musical oder der Oper, denn nicht nur die Geschichte würde es her geben, auch die thematische Gliederung weist Ähnlichkeiten auf.

Der Rock-Song „Umrissmann“ nimmt thematisch Bezug zur Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ von Kai Meyer, beziehungsweise liefert weitere Puzzle-Teile dazu. Ein Glockenspiel-Sample gibt dem ansonsten von hartem E-Gitarren-Brett dominierten Song eine gewisse Leichtigkeit, die mir sehr gut gefällt. Auch „Umrissmann“ hat das Zeug zu einer ASP-Hymne.

SouveniReprise“ ist leider schon der letzte Titel auf dem Album „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ und der zweite Teil von „Souvenir, Souvenir“ vom voran gegangenen Album. Der Song ist etwas ruhiger als der erste Teil und leiht sich nicht nur Melodieteile, sondern auch einige Textzeilen, wie beispielsweise im Refrain. ASP oder Paul, singt vom Mauerfall und schafft so die Brücke in die Gegenwart von Astoria, in der die Kurzgeschichte beginnt. Klanglich schafft ASP eine schöne Atmosphäre aus der Tiefe der Gemäuer von Astoria und lässt das Ende offen.

Die Bonus-CD enthält zwei Auszüge aus Kai Meyers Lesungen aus der Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“, je eine Akustik-Version von „Astoria“ und „Alles, nur das nicht!“, die Video-Fassung von „Dro[Eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen“ und die Kurzhaarschnitt-Version von „Loreley“.


Mit „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ lässt ASP jegliche Zweifler verstummen; wo ASP drauf steht, ist auch ASP drin. Und so wirkt der zweite und letzte Teil der düsteren Geschichte um das menschenverschlingende Leipziger Hotel Astoria weniger experimentell, wie der erste Teil, doch nicht weniger genial. ASP überlässt kompositorisch nichts dem Zufall und beweist, dass er nicht nur gute Songs schreiben und Geschichten erzählen kann, er überzeugt auch durch sein vielseitiges Gesangstalent. Thematische Wiederholungen, Variationen und orchestrale Arrangements haben den Charakter einer Musical-Produktion. Die Handlungen Pauls und seine Passion zu Astoria wurden im ersten Teil bereits dargelegt, der zweite Teil beschäftigt sich mehr mit seiner Motivation und seinen Zweifeln über all die vielen Jahre. ASP schafft es, die fiktive Geschichte, durch Verknüpfungen mit wahren geschichtlichen Gegebenheiten lebendig werden zu lassen und dadurch den Spannungsbogen aufrecht zu halten. Musikalisch bewegt sich das Album wieder etwas mehr auf der Linie zwischen „Weltunter“ und „Maskenhaft“, doch das Gesamtwerk wird immer von einem gewissen Musical-Charakter umrahmt. Das bedeutet nicht, dass „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ keine Konzertbühnen-tauglichen Kracher an Bord hat, sogar mehr als sein Vorgänger. Ob „Fortsetzung folgt“, „OdeM“, „Das Kollektiv“, „Köder“, „Ich lösche dein Licht“, „Umrissmann“ oder „SouveniReprise“, hier gibt es zahlreiche schöne ASP-Hymnen. Wie im Fazit zum letzten Album muss ich mich wiederholen und kann ASP „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ einen der oberen Plätze in den „AVALOST TOP 30“-Alben 2016 garantieren, meine persönliche Nummer 1 ist es jetzt schon. Bleibt noch mein Dank an ASP für ein weiteres schaurig schönes Album, welches seinesgleichen vergeblich sucht. Meine nächste Review möchte ich über „ASTORIA – Das Musical“ schreiben.


ASP - Verfallen Folge 2: Fassaden (Limited 2CD Edition)


ASP - Verfallen Folge 2: Fassaden (Limited 2CD Edition)
Mit „VERFALLEN - FOLGE 2: FASSADEN“ lässt ASP jegliche Zweifler verstummen; wo ASP drauf steht, ist auch ASP drin. Und so wirkt der zweite und letzte Teil der düsteren Geschichte um das menschenverschlingende Leipziger Hotel Astoria weniger experimentell, wie der erste Teil, doch nicht weniger genial. ASP überlässt kompositorisch nichts dem Zufall und beweist, dass er nicht nur gute Songs schreiben und Geschichten erzählen kann, er überzeugt auch durch sein vielseitiges Gesangstalent
INHALT / KONZEPT.9
TEXTE.9
GESANG.8
PRODUKTION.8.5
UMFANG.9
GESAMTEINDRUCK.9
POSITIV.
  • Spannende und gelungene Fortsetzung dieser Gruselgeschichte rund um das Hotel Astoria
  • Weniger experimentell, doch kompositorisch dennoch nicht weniger stark
8.8TOTAL.
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