Foto: Universal Music

BEAR’S DEN – Red Earth & Pouring Rain

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Musiker verteufeln ja gerne mal diese ganzen Streaming-Dienste. Dass das eine ziemliche Schweinerei ist, wie dort Einnahmen verteilt werden und es sich vor allem bei kleineren und unbekannteren Bands finanziell eigentlich so gar nicht lohnt, dort vertreten zu sein, darüber brauchen wir gar nicht diskutieren. Kein Wunder also, dass immer wieder entweder Künstler gar nicht bei Apple Music, Spotify & Co. vertreten sind – oder eben nur Teile eines Albums oder des bisherigen Schaffenskataloges. Es ist wohl ein bisschen eine Zwickmühle. Wird die Musik dort nicht legal angeboten, findet sie anderweitig den Weg zu potentiellen Hörern. Und sei es nur als muffiges Youtube-Video. Andererseits kann so ein Streaming-Dienst dabei helfen, sich neue Hörer zu erschließen, die dann vielleicht doch noch mal Geld zwecks Tonträgererwerb oder Konzertbesuch in die Hand nehmen. So ging mir das neulich erst wieder. Grundsätzlich muss ich mir über neue Musik keinen Kopp machen. Erfreulicherweise kommt sie quasi automatisch ins Haus. Und doch gönne ich mir dann und wann die Zeit und betreibe ein bisschen Perlentaucherei. Da bin ich dann beispielsweise bei Soundcloud unterwegs und klicke mich durch diverse Listen. Oder ich bin bei Apple Music bzw. Spotify und folge dort den Empfehlungen. Bei einem dieser Perlentaucherabende bin ich auch auf „Red Earth & Pouring Rain“ von BEAR’S DEN gestoßen. Das ist jetzt locker zwei Monate her. Wie sich herausstellen sollte, entwickelte sich besagtes Album nicht nur zu meinem bisherigen Liebling in diesem Jahr, sondern überdies zu meinem musikalischen Suchtmittel Nummer eins.

Ob sich die Londoner nach dem Naturschutzgebiet bei New Salem, Massachusetts (USA), benannten oder schon alleine der Bandname die Gemütlichkeit, die den Songs innewohnt, ausdrücken soll, ist nicht bekannt. Dafür aber, dass sich im Jahre 2012 die Herren Andrew Davie, Kevin Jones und Joey Haynes zusammengefunden hatten, um unter diesem Namen eine ganz besonders gefällige Mixtur aus Indie, Folk und Pop zu erschaffen. Noch im gleichen Jahr tourten Bear’s Den durch die Vereinigten Staaten, anschließend gefolgt von Touren durch Europa und Australien und Auftritten zusammen unter anderen mit den Kollegen von Mumford & Sons. Sie sind also noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums „Islands“ ganz schön herumgekommen. Besagtes „Islands“ erschien 2014 und erfreute Hörer neben den tollen Melodien und dem gewitzten Songwriting unter anderem auch durch die Verwendung eines Banjos zur instrumentalen Ausschmückung ihrer Songs. Hört man heute ja nicht mehr so häufig, dieses Instrument, wenn man nicht gerade in Country-Gefilden unterwegs ist. Zwei Jahre später kommen die Londoner nun mit ihrem Nachfolgewerk um die Ecke: „Red Earth & Pouring Rain“. Das Banjo ist weitgehend verschwunden, Joey Haynes auch, dafür gibt es musikalisches Gefühlskino im Breitbild.

Oftmals ist es ja so, dass ein Cover-Artwork nicht unbedingt Auskunft darüber gibt, was beim Inhalt zu erwarten ist. Hier ist es anders. Es zeigt das Gemälde einer Frau im Inneren eines Wagens, die scheinbar durch die Nacht fährt. Bear’s Den positionieren ihre Musik eigener Aussage nach auch genau für solche Momente: für nächtliche Autofahrten. Und ganz ehrlich – passender war das Zusammenspiel von äußerer Verpackung und Inhalt selten. Daher kann ich den folgenden Konsumhinweis an dieser Stelle auch schon mal einstreuen: den größten Zauber entfaltet dieses wahrlich magische Album besonders in den Abendstunden. Ganz gleich, ob man es sich dabei auf dem Sofa gemütlich gemacht hat, irgendwo an einem Ufer sitzt und die Musik via Kopfhörer und iPod konsumiert oder aber dabei tatsächlich gerade mit dem Auto durch die Nacht braust, während im fahlen Licht der vorbeirauschenden Straßenlaternen Häuser, Autos, Menschen, Gegenstände sichtbar werden, einem kurzen Blick durch einen Spion in ein anderes Leben gleichend.

Bear’s Den eröffnen mit dem gleichnamigen Titelstück ihr Album und zeigen gleich zu Beginn auf: ja, auch ihre Welt hat sich weiterbewegt. Sie sind nicht mehr so richtig im Indie-Folk zuhause. Ihre Musik gleicht nun tiefenentspannt vor sich hinplätscherndem Wave, der seinen Ursprung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben muss. Erstaunlich einfach und fast schon spärlich wirkt der Song, der mit nur wenigen Instrumenten und einer einfachen, aber klaren Melodieführung auf bemerkenswerte Weise Stimmung und maximale Sogwirkung entwickelt. Schon nach dem ersten Refrain, spätestens aber bei der Brücke haben Bear’s Den ihre Hörer schon abgeholt mit dieser famosen Mischung aus 80’s-Synthies, zarten Gitarren und gefühlvollem Gesang. Eine Rezeptur übrigens, die sie auf das ganze Album anwenden. 12 Songs bieten sie hier – und weder ist da auch nur ein einziges Stück dabei, das man überspringen möchte, noch stellt sich eine Sättigung ein. Wer das erste Mal durch ist, wird umgehend einen weiteren Hördurchgang starten. Und dann noch einen. Und noch einen. Und ganz schnell mausert sich dieses Album zu einem neuen Lieblingsbegleiter für die Nacht, den man immer und immer wieder herausholt. Ganz ehrlich, Leute – darauf würde ich glatt wetten wollen.

Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat im 17. Jahrhundert einem Freund in der Provinz mal geschrieben, dass sein Brief nur deshalb so lang ausgefallen sei, weil er keine Muße gehabt hätte, ihn kürzer zu gestalten. Pascal wird gerne mal falsch zitiert und diese Aussage anderen Leuten – von Voltaire bis Marx – auch falsch zugeordnet, steht aber heute noch sinnbildlich dafür, dass es so viel einfacher ist, immer noch mehr in etwas hineinzupacken – ganz gleich ob Brief oder eben Musik – anstatt zu kürzen und auf das Wesentliche zu reduzieren. Tatsächlich ist das eine Kunst, die schwierig zu meistern ist. Bear’s Den beherrschen sie perfekt. Es ist dabei völlig egal, ob sie einen Ohrwurm wie „Dew on the Vine“ geschrieben haben, in „Gabriel“ inneren Zwiespalt thematisieren (und kurz mal das Banjo zurückholen!) oder in dem Song des Jahres, „Auld Wives“, sich mit Alzheimer bzw. Demenz auseinandersetzen. Stets tun sie es auf sehr einfache, sehr schlichte und sehr zu Herzen gehende Weise. Jeder Ton, jede Note, jedes gesungene Wort, jedes gespielte Instrument wirkt wie auf den Punkt platziert. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig.

Wer weiß, ob ich auf Bear’s Den aufmerksam geworden wäre, wenn es die eingangs erwähnten Streaming-Dienste nicht gäbe. Denkbar ist es jedenfalls. Inzwischen stehen hier die Tonträger der Band herum und ich überlege, wo und wann ich sie mir bei einem Live-Konzert angucken kann. Gehört habe ich das Album inzwischen so viele Male und eine Übersättigung, die sich bekanntlich oftmals einstellt, wenn man ein Album immer und immer wieder hört, ist weiterhin nicht in Sicht. Dafür sind die Gelegenheiten, in die wunderschönen, stimmungsvollen Songs einzutauchen, einfach zu zahlreich. Auf der vermutlich endlosen Suche nach einem, wenn nicht sogar DEM perfekten Album, bin ich dem Ziel mit „Red Earth & Pouring Rain“ so nahegekommen, wie vielleicht nie zuvor. Wie vielleicht nie wieder.


Moderne Pop-Alben sind oftmals so überzogen. So laut, so schrill, so überkandidelt – es wirkt oft ein bisschen so, als wollten sich die Musiker und deren Produzenten immer noch ein bisschen mehr übertrumpfen mit dem, was sie an Geschützen auffahren. Hier noch ein Effekt oder ein Sample im Hintergrund, da noch ein bisschen was an der Stimme drehen oder generell den Loudness-War auf ein neues Level heben. Höher, schneller, weiter. Nicht so bei „Red Earth & Pouring Rain“. Bear’s Den haben ein Pop-Album geschaffen, so einfach, so geradlinig, so stimmungsvoll, so schön, dass man die Genialität dahinter nur staunend bewundern kann. Die Kunst ist eben nicht, immer noch mehr in eine Produktion zu stopfen, sondern die wahre Kunst besteht im Weglassen. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dass das eindeutig schwieriger ist, als immer noch etwas aufzustapeln wird bestätigen können, wer mal beispielsweise aus einem langen Text eine Kurzfassung machen und gleichzeitig die essenziellen Infos erhalten musste. Schon ihr Debütalbum „Islands“ war ein großer Wurf, aber mit ihrer Musik, die sie für nächtliche Autofahrten empfehlen, schrammen Bear’s Den sehr dicht an der Perfektion vorbei. Viel besser kann ein Pop-Album wohl kaum noch werden. Absolute Empfehlung meinerseits!


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INHALT / KONZEPT.8.5
TEXTE.8.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.9
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.10
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Dicht dran an DEM perfekten Pop-Album
8.8
PUNKTE.
FAZIT.
Bear’s Den haben ein Pop-Album geschaffen, so einfach, so geradlinig, so stimmungsvoll, so schön, dass man die Genialität dahinter nur staunend bewundern kann. Die Kunst ist eben nicht, immer noch mehr in eine Produktion zu stopfen, sondern die wahre Kunst besteht im Weglassen.

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