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BIOMEKKANIK – Violently Beautiful

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Dinge, die in dieser Welt nicht verkehrt laufen, sind mittlerweile nur noch mit der Lupe zu finden. Ich meine, schaut Euch doch mal um: hier, dort und überall jagt eine Katastrophe die nächste. Anschläge, Wirtschaftskrisen, Kriege, Krankheiten mit dem Potential der Massenvernichtung, Totalüberwachung, fehlgeleitete Figuren die den falschen Idealen folgen und deshalb auf die Straße gehen, die Sache mit Fukushima ist auch noch lange nicht vom Tisch – diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Mit anderen Worten: eigentlich sind wir am Arsch und der letzte Tag ist vermutlich gar nicht mehr so weit entfernt. Da scheint es mir sinnvoll, jede Minute mit guter Musik zu füllen. Schließlich kann ja keiner sagen, wie lange das noch geht. Gute Musik wie „Violently Beautiful“, dem neuen BIOMEKKANIK Album zum Beispiel, das ganz bequem den Soundtrack für die heutige Zeit darstellen könnte. Auch wenn im Pressetext von einer lang vergessenen Zukunft die Rede ist.

Ob wir eine Zukunft haben, werden wir wohl erleben, schätze ich. Biomekkanik erzählen uns hier jedenfalls ihre Version. Inzwischen ist das schwedische Musikprojekt nicht mehr nur Christer Hermodsson (u.a. S.P.O.C.K), sondern ist seit der Veröffentlichung des Debütalbums „State Of Perfection“ mit Gitarrist Mattias Johansson und Keyboarder Andreas Ingefjord zu einer ‚richtigen’ Band angewachsen. Moment mal – Gitarre? Wurde der einstmals schicke, einzigartige Sound etwa mit einer Gitarre verwässert? Nun, bevor Euch aus Panik graue Haare wachsen – ja, der Sound ist jetzt mit Gitarre. Aber nicht verwässert. Veredelt trifft es viel mehr. Wie ein besonderes Gewürz, das ein eh schon leckeres Gericht die letzte, ganz besondere Note gibt und es zu einem Highlight macht. Electro und Rock wurde selten so genussbringend kombiniert wie in diesem Fall.

Die neue Marschrichtung wird in dem Eröffnungsstück „Monumental Me“ gleich auf beeindruckende Weise vorgegeben. Es beginnt bedrohlich, kalt, elektronisch und steigert sich zu einem wahren Inferno, dem die Gitarrenwände das treibende Tempo verleihen. Was für ein Brett! Und das gleich zu Beginn. Falls Ihr morgens ein bisschen Schwierigkeiten damit habt, in die Gänge zu kommen, dann probiert es doch mal mit diesem Song. Dazu Christers bemerkenswerte Stimme, die er hier an die Grenze des Geschreis treibt. Junge, Junge, was für ein Ritt – ich schwitze ja jetzt schon! Und so geht es weiter. Ich habe selten ein Album erleben dürfen, das nur durch die enthaltene Musik eine solche atemlose Spannung erzeugen kann! „True Believers“ ist wieder den Hörern gegenüber versöhnlicher, die sich den „alten Sound“ Biomekkaniks zurückwünschen. Elektronischer, aber auch wieder mit Gitarre und einem verdammt eingängigen Groove. Es tut mir leid, aber ich kann gerade nicht stille sitzen während ich diese Zeilen tippe. Und „Kamikaze Playboy“ ist wohl schon jetzt einer DER Tanzflächenfüller des Jahres 2015. Spurenelemte des Sounds der 80er, gemischt mit Elektronik der Neuzeit und einer eingängigen Hookline – so einen Wurf kriegen wohl irgendwie wirklich nur Schweden hin. „Long Forgotten Future“, eine beklemmende Powerballade, darf wohl als legitimer Erbe von „Pitch Black Ocean“ angesehen werden. Und es zeugt von einem gewissen, wenn auch angebrachten Zynismus, im EBM-Stampfer „Democracy“ zu singen „we come to teach you democracy“ und im vergleichsweise stillen Finale des Albums „Dry Dusty Ground“ unter Klavierbegleitung direkt nachfolgend zu beginnen: They came without warning / they came out of the blinding sunlight / mechanical birds on black wings / filled up with purpose and right. Passiert ja manchmal, dass irgendeine politische Supermacht verbrannte Erde hinterlässt unter dem Vorwand, Demokratie zu bringen. Ach, diese Assoziationen immer…

Viel abwechslungsreicher und vielschichtiger kann man ein Album, das im Bereich Düsterelektro zuhause ist, nicht gestalten. 110% Energie und Emotionen, eingängig und doch kalt und düster und semi-bequem, dazu thematische Gesamtbetrachtungen einer Zukunft, die uns viel zu nahe ist. Dieses Album berührt und wird in so manchen Hälsern zu Klößen führen. Und ganz ehrlich Leute – mehr kann man von einer Platte mit knapp 50 Minuten Spielzeit auch nicht erwarten. Ich ziehe meinen Hut!


„Violently Beautiful“ ist wieder eines dieser Alben bei denen ich froh bin, es nicht beim ersten Durchgang belassen zu haben. Offenbar musste ich erst den Kopf bzw. die Ohren freibekommen, um mich auf dieses Album einzulassen. Im Gegensatz zu manchem Nörgler im Netz finde ich die Gitarrenwände im Klangbild Biomekkaniks nicht störend. Viel mehr verleihen die peitschenden Riffs den Songs die Extraportion Power und Energie. Rockelemente in elektronischen Grundgerüsten funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Hier aber ist es in meinen Ohren die perfekte Symbiose. Dazu die mitunter gesellschaftskritischen Texte – et voilà ist ein Meisterwerk. Ja, Meisterwerk! Christer Hermoddsons und seine Mitstreiter haben ein fesselndes, atmosphärisch unheimlich dichtes Album geschaffen, einen schrecklich schönen Soundtrack für einen dystopischen Film im Kopf des Hörers, der die reale Welt auf beklemmende Weise spiegelt. Es ist eines dieser Alben, die ich künftig anführen werde, wenn ich wieder von Schweden als Exportweltmeister hochwertiger (Electro-)Mucke ins Schwärmen gerate. Das Jahr ist noch jung und wir wissen natürlich nicht, was alles noch so kommt. Dass wir uns am Ende des Jahres noch einmal „Violently Beautiful“ ins Gedächtnis rufen, wenn es um die jährlichen Top-Alben geht, scheint mir aber schon jetzt so sicher wie das Amen in der Kirche.


biomekkanik_violentlybeautiful


INHALT / KONZEPT.9
TEXTE.8.5
GESANG.8
PRODUKTION.9.5
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.9
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Abwechslungsreiches, düsteres Electro-Gewitter, wie es nur aus Schweden kommen kann!
8.7
PUNKTE.
FAZIT.
Christer Hermoddsons und seine Mitstreiter haben ein fesselndes, atmosphärisch unheimlich dichtes Album geschaffen, einen schrecklich schönen Soundtrack für einen dystopischen Film im Kopf des Hörers, der die reale Welt auf beklemmende Weise spiegelt. Es ist eines dieser Alben, die ich künftig anführen werde, wenn ich wieder von Schweden als Exportweltmeister hochwertiger (Electro-)Mucke ins Schwärmen gerate. Das Jahr ist noch jung und wir wissen natürlich nicht, was alles noch so kommt. Dass wir uns am Ende des Jahres noch einmal „Violently Beautiful“ ins Gedächtnis rufen, wenn es um die jährlichen Top-Alben geht, scheint mir aber schon jetzt so sicher wie das Amen in der Kirche.

NEUE KOMMENTARE.

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    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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