Foto: Michael Kanzler / AVALOST

BLUTENGEL – Monument

Ein „Monument“, so erklärt es uns die Begriffsdefinition der Wikipedia, bezeichnet ein Denkmal besoderer Dimension. Etwas wahrhaftig großes, bedeutendes, das womöglich die Zeiten überdauert. In aller Bescheidenheit tauften die Berliner Düsterpop-Institution BLUTENGEL ihr neues Album so, versahen es mit dem Nebentitel „Uns gehört die Nacht“ und schicken sich an, damit die Charts dies- und jenseits des Mainstreams zu erobern. Bei einem Album mit einem solch mächtigen Titel erwartet man natürlich einen großen Wurf. Die Frage ist, ob er Blutengel, einer Band die Alben beinahe wie am Fließband produziert, gelungen ist. Schauen wir mal.

Ich denke, da sind sich (vor allem langjährige) Blutengel-Hörer einig: die letzten beiden Alben, „Tränenherz“ und vor allem „Schwarzes Eis„, die waren irgendwie nix. Eine Zeit lang haftete Blutengel ja der Ruf an, dass sie immer dann wirklich gut sind, wenn sie lediglich eine EP veröffentlichen – ungeachtet der Tatsache, dass diese auch gerne mal auf Albumslänge aufgebläht worden sind. „Nachtbringer“ oder „Soultaker“ waren großartige Werke, die noch heute auf eine höhere Rotation kommen dürften als die genannten Alben.

Monument“ beginnt mit dem instrumentalen Intro „A New Dawn To Rise„. Beinahe schon Tradition. Das hört man sich einmal an, vielleicht zweimal, danach geht es dann direkt über zum ersten Kracher dieses Albums – „You Walk Away„. Bereits vorab als Single ausgekoppelt macht diese Nummer deutlich, dass der Sound Blutengels sehr viel ausgereifter, erwachsender geworden ist. Noch deutlicher wird dies beim nachfolgenden „Kinder dieser Stadt„, das durch durch fetzige Programmierung, geschmeidige Harmonien, tolle Synthies, eingängigen Refrain – ja einfach rundherum begeistert. Wenn man ein Beispiel dafür bräuchte, wie großartiger Düsterpop im Jahre 2013 zu klingen hat – hier ist es.

Da wir es mit einem Blutengel-Album zu tun haben, einem Werk einer Band also, die ihre Wurzeln in der Schwarzen Szene hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Texte oftmals in diesen düsteren Gefilden bewegen. Dem Unbedarften mag das fürchterlich düster und dramatisch vorkommen, dem Szene-Mensch wahrscheinlich kitschig und klischeeüberladen. „Willst Du?“ ist hier ein gutes Beispiel dafür. Aber wer wollte Blutengel dafür ernsthaft Vorwürfe machen? Sie bedienen in erster Linie ein Publikum, das diese Klischees selbst geschaffen hat. So gesehen macht der oft als „Dieter Bohlen der Schwarzen Szene“ gescholtene Chris Pohl an dieser Stelle alles richtig. Kitsch, Klischee und Pathos gehören hier einfach dazu. Wirklich zum Fremdschämen sind da schon eher Ausrutscher wie „When I Feel You„, die textlich und musikalisch nun wirklich eher einem Dieter Bohlen zuzuordnen wären. Erfreulicherweise hält es sich mit solchen Ausrutschern aber in Grenzen.

Wie es sich für ein Monument gehört, machen Blutengel hier auch ein paar Schlenker in vergangene Tage. „Lebensrichter“ weckt aufgrund des gehobenen Tempos Erinnerungen an Zeiten, in denen Titel wie „Lovekiller“ noch die Messlatte im Härtegrad des Blutengel-Sounds waren. In diese Richtung dürfte es künftig ruhig wieder öfter gehen, zumal es sich zu einem solchen Song in den Tanztempeln für Finsterlinge auch besser tanzen lässt. Ähnlich verhält es sich bei „All These Lies„, das überdies mit dem scheinbar obligatorischen und somit unvermeidlichen Dubstep-Moment dieses Albums aufwartet. Nix gegen Dubstep, höttma, aber muss das nu wirklich überall Einzug finden? Irgendwann ist auch mal gut… Überraschend ist noch das sehr schwere „I Am„, das in seiner brachialen Wucht manchmal an das neoklassische Schwergewicht Arcana erinnert. Und das will was heißen! Und ohne ein richtiges Eigenzitat kommt dieses Album nicht aus. Die ersten Momente von „Nie mehr“ beinhaltet astreines Recycling von Blutengels Coverversion von „Cry Little Sister„. Noch jemand hier, der bei den ersten Sekunden von „Nie mehr“ förmlich darauf wartet, dass Chris‚ Gesang mit „a last fire will rise“ beginnt?

Zwar hat Goldkehlchen Ulrike Goldmann auch auf „Monument“ wieder ein paar schöne Momente (u.a. „Kinder dieser Stadt„), bei denen sie ihr Gesangstalent unter Beweis stellt, insgesamt fühlt sich das neue Album aber eher wie eine Solo-Nummer von Chris Pohl an, der die letzte verbliebene Blutengel-Sirene hier weitgehend zur Statistin verkommen lässt. Nicht zuletzt deshalb, weil alle Songs dieses Mal ausschließlich aus der Feder von Herrn Pohl stammen. Ob das eine bewusste Entscheidung war oder sich einfach im Laufe der Produktion so entwickelt hat, weiß natürlich kein Außenstehender. Etwas schade ist es aber schon, dass Frau Goldmann hier nicht mehr Bühnenzeit eingeräumt bekam. Gerade angesichts der Tatsache, dass sie die beste Sängerin ist, die bisher bei Blutengel zu hören war.

Monument“ ist dank des Produktionsgeschicks von Henning Verlage, der hier abermals sein goldenes Händchen anlegte, ein hübsches, geschmeidiges Gothic-Pop-Album geworden, auf dem sich so manche Titel befinden, die das Zeug zum Blutengel-Immergrün mitbringen. „Kinder dieser Stadt“ sei hier nochmals genannt, oder das als Single ausgekoppelte „You Walk Away„. Der vorprogrammierte Erfolg hat sich ja auch umgehend eingestellt. Mit einem Einstieg von 0 auf Platz 4 der deutschen Albumcharts ist Blutengel der höchste Charteinstieg in der Bandgeschichte gelungen. Mag man von Blutengel halten was man will, aber dieser Erfolg kam, ohne dass Chris Pohl die komplette Medienlandschaft abgeklappert hätte, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Nicht, so wie es ein unheiliger Bernd vor ihm getan hatte, um Gruftischlager im Mainstream populär zu machen und sich vor allem die Rosette zu vergolden.


Kommen wir noch einmal auf die Begriffsdefinition Monument und den Zusammenhang mit Blutengel zurück: ein Album, das der Tragweite dieses Begriffs wirklich gerecht wird, erwarte ich von einer Band wie Blutengel nicht. Wenn wir uns über Monumente bzw. monumentale Alben unterhalten wollten, würden mir eher Namen wie Pink Floyd oder, um in der Szene zu bleiben, Joy Division einfallen. Was ich aber erwarte ist ein geschmeidiges Düsterpop-Album elektronischer Natur. Und was soll ich noch groß sagen? Das ist Chris Pohl und Ulrike Goldmann hier ganz vorzüglich gelungen. Den inhaltlichen (und in einigen wenigen Fällen sogar zum Fremdschämen verleitenden) Kitsch kann ich ausblenden und mich stattdessen an den gefälligen, eingängigen Melodien und der beeindruckenden Produktion erfreuen. Tatsächlich können Blutengel von sich behaupten, vom Klang her noch nie besser gewesen zu sein. Für mich ist „Monument“ der beste Output aus dem Hause Blutengel seit „Labyrinth“, es kann diesem oder gar dem Immergrün „Seelenschmerz“ jedoch nicht ganz das Wasser reichen. Muss es ja aber auch nicht, Spaß macht es trotzdem. Das eine Bein im Schlagerbereich hin oder her.