Foto: Roman Jasiek / AVALOST

BLUTENGEL – Omen

Wann ich angefangen habe, BLUTENGEL zu hören weiß ich noch. Das war unmittelbar nachdem Chris Pohl sein Projekt Seelenkrank eingestampft hatte und Blutengel mit „Child Of Glass“ auf der Bildfläche aufgeploppt ist. Wann ich anfing, mich schriftlich mit Blutengel zu befassen, weiß ich indes nicht mehr. Da die Berliner zu einer der umtriebigsten Bands in der Düsterszene gehören, kommt da inzwischen einiges zusammen – sollte ich mich also versehentlich wiederholen, wenn wir uns nachfolgend über ihr neues Werk „Omen“ unterhalten – sorry. Dauert nicht mehr lange und wir feiern 20 Jahre Blutengel. Eine lange Zeit, in der die Berliner stets weiter an sich und ihrem Sound gefeilt haben und immer mehr die Hände in Richtung der Krone im Bereich Düsterpop ausgestreckt haben. Ob sie mit „Omen“ damit ein Stückchen näher gekommen sind? Schauen wir mal.

Lässt man das tolle Klassikalbum „Black Symphonies – An Orchestral Journey“ außen vor, das bis auf „Krieger“ nur altbekanntes in neuem, klassischem Gewand bot, blieben Chris Pohl und Ulrike Goldmann ihrem eingespielten Rhythmus, alle zwei Jahre ein neues Album zu veröffentlichen, treu. Das letzte „herkömmliche“ Blutengel-Album, „Monument“, veröffentlichten sie Anfang 2013, „Omen“ nun fast auf den Tag genau zwei Jahre später. Zwei Jahre scheint mir ein guter Kompromiss zu sein. Dies gibt der Band Gelegenheit zu gucken, welche Songs des letzten Albums sich vielleicht zu neuen Immergrünen entwickeln und das nächste Album nicht übers Knie zu brechen, Fans hingegen müssen nicht so fürchterlich lange warten.

Nun also „Omen“, auch dieses Mal wieder mit zwei Singles („Sing“ und „Asche zu Asche“) angeteasert, startet das Album mit einem orchestralen Intro („Prologue: Omen“), bei dem wie gewohnt und erwartet mit Pathos nicht gespart wurde. Die Überleitung zum nachfolgenden „Sing“ gelingt. „Sing“ selbst erinnert mit seinem stampfenden Rhythmus kurz an „We Will Rock You“ von Queen, ansonsten handelt es sich hier aber um eine mit dezenten Streichern aufgewertete Powerballade typischer Blutengel-Manier. Zusammen mit dem Intro lässt sich festhalten: jo, der Auftakt ist gelungen.

The Siren“ ist vergleichsweise schnell, sehr treibend, sehr tanzbar und gleichwohl eingängig und melodisch und im Kontext des Albums und dem aktuellen musikalischen Kurs, den die Berliner fahren, relativ „hart“. Ein bisschen wie ein kleiner Brückenschlag in frühere Zeiten, über den sich langjährige Hörer sicher freuen. Wird bei Konzerten oder in den Clubs gewiss eine gute Figur machen. „Wir sind was wir sind“ ist mir persönlich eine Spur zu unheilig und ein bisschen zu sehr NDR2 wenn Chris singt: Wir sind was wir sind / Wir können nicht anders sein / In einer Welt in der der Mensch erst lernen muss / Was es heißt ein Mensch zu sein / Ist das Einzige was zählt / Der Kampf ums überleben, Tag für Tag / So lange sich unsere Welt noch dreht. Puh!

Große Überraschung: das Solo für Goldkehlchen Ulrike Goldmann, die in „Give Me“ eine herzzerreißende Ballade liefert – und einen ihrer besten Songs bisher überhaupt. Die unerwarteten Melodiebögen lassen mich selige „Labyrinth“-Zeiten denken, als man in Stücken wie „Beauty And Delight“ oder „When The Rain Is Falling“ in den Melodien noch richtig experimentierte und geschickt mit den Erwartungen des Hörers spielte. Harmonisch zwar, aber beim ersten Hören erfreulich überraschend. Schön zu hören, dass sie das Experimentieren nicht verlernt haben. Ganz tolle Nummer und auch stimmlich eine ganz tolle Leistung von Ulrike! Angesichts des Umstandes, dass sich „Monument“ vor allem wie ein Solo für Chris angefühlt hatte, umso erfreulicher.

Der hingegen hat einen seiner großen Auftritte auf der hymnischen, wieder treibend-tanzbaren und erfrischend elektronischen Nummer „The War Between Us“. Ohrwurm, ick hör dir doch trappsen! Fetzig auch „Fire In The Distance“, das ebenfalls das Zeug zu einem Tanzflächenfüller hat. Dass es davon einen Remix gibt, indem Chris sein Projekt Terminal Choice reaktivierte, ist ein Bonus für Fans. Die Frage, die sich dabei jedoch unweigerlich stellt: Ist dies womöglich gar ein – ähem – Omen auf Dinge, die da noch kommen? Gegen ein neues Terminal Choice-Album wäre nichts einzuwenden. Die Dominanznummer „Dein Gott“ passt gut in die aktuelle „50 Shades Of Grey“-Welle, danach fällt das Album kurz ein bisschen ab. „Guilty“, Chris’ Solo über Schuld und Sühne kickt mich persönlich genauso wenig wie die klaviergeschwängerte Trauerballade „Der Regen fällt“. Ich glaube manchmal, solche Nummer müssen zwischen all dem Bombast und dem Hochglanzpop noch mit ins Programm, um die Zugehörigkeit zur Düsterszene zu untermauern und dem Bandnamen weiterhin eine Legitimation zu geben. Nicht falsch verstehen: die früher ach so typischen, lyrischen Ergüsse von Suffering und Blood und Darkness und bla haben die Berliner zum Glück schon eine ganze Weile hinter sich gelassen und das Themenspektrum dergestalt erweitert, dass Blutengel als Bandname manchmal nur noch bedingt passen will. Das gleicht sich wohl aber dadurch aus, dass sich Themen und Motive immer wieder in sehr ähnlicher Form auf den Alben wiederfinden. Hach, aber irgendwie will man es als Blutengel-Hörer ja vielleicht auch gar nicht anders haben.

Um nicht jeden Song einzeln betrachten zu müssen, noch folgender Hinweis: es empfiehlt sich, mindestens zur Deluxe-Edition des Albums zu greifen. Da nämlich ist auf der zweiten CD „Stay (With Me)“, drauf. Der nächste, ganz große Auftritt von Ulrike. Chilliger Dubstep (Chillstep quasi), verpackt in eine tolle Ballade mit einmal mehr unerwarteten Melodien. Zu was Blutengel musikalisch noch in der Lage sind, zeigt diese Nummer ziemlich eindrucksvoll. „Starkeeper“ gefällt mit an Eurythmics erinnernden Synthies. Und dann ist da ja auch noch der erwähnte Blutengel vs. Terminal Choice Remix von „Fire In The Distance“, das erwartungsgemäß um krachige Gitarren aufgepeppt wurde. Das rockt schon.

Kommen wir mal zurück auf die anfängliche Aussage: ich höre Blutengel quasi seit immer. Und auch wenn ich den Berlinern stets die Treue gehalten habe – mit allem einverstanden, was deren Tonstudio verlassen hat, war ich nie. Da gab es schon Alben oder Singles/EPs, die man in meinen Ohren vielleicht besser in der Schublade gelassen hätte. „Schwarzes Eis“ beispielsweise ist für mich einer der absoluten Tiefpunkte in der Geschichte der Band. Die Berliner haben bei mir also keinen Freifahrtsschein, sondern müssen mich als Konsumenten jedes Mal erneut überzeugen. Und auch wenn ich manchmal die alten Zeiten mit all ihrem elektronischen Geballer und verzerrten Vocals und allem vermisse, so stehe ich der musikalischen Entwicklung aufgeschlossen gegenüber, die für mich spätestens seit der Beteiligung von Frau Goldmann sowie der Einbeziehung externer Produzenten ziemlich steil nach oben geht. Wer das ähnlich sieht bekommt heute von Blutengel mit „Omen“ ein Album geliefert, das randvoll ist mit tollen, eingängigen Pop-Hymnen, die in vielen Fällen danach schreien, abgefeiert zu werden. Stünde da nicht Blutengel dran wäre die öffentliche Begeisterung sicher größer. Wer, aus welchen fehlgeleiteten Gründen auch immer, Blutengel immer noch pauschal scheiße findet, den holen Chris Pohl und Ulrike Goldmann wohl auch dieses Mal nicht ab. Auch inhaltliche Tiefe mit gesellschaftskritischen Gesamtbetrachtungen unserer Welt darf man hier nicht erwarten. Blutengel machen Unterhaltungsmusik mit düsterem Flair, alles schön harmonisch, bieten mit ihren Themen Identifikations- und Mitsingpotential für ein großes Zielpublikum von jung bis alt und das inzwischen schon so gut, dass die Krone in ihrem Bereich inzwischen echt zum Greifen nahe ist. Alles, was Blutengel in ihrer Entwicklung aufgegriffen haben – bis hin zu den Erfahrungen mit dem Klassikalbum – ist auf „Omen“ vertreten. Viel runder kann ein Blutengel-Album vielleicht nicht mehr werden.


Die Zeiten elektronischer Kühle und Härte sind im Hause Blutengel offenkundig ein für alle Male vorbei. Ganz überraschend kommt das nicht, schließlich ist „Omen“ der Höhepunkt einer Entwicklung, die schon seit vielen Jahren anhält und spätestens mit „Labyrinth“ ihren Anfang gefunden hatte. Inzwischen machen Blutengel schlicht ganz hervorragende, im Höchstmaß eingängige Popmusik mit Düsteranstrich („Gothic Pop“), gewohntem Kitsch und Pathos und eher einfach gestrickten Texten. Dass sie dabei immer neue Käufer erreichen, liegt nicht nur in der Natur der Sache, sondern wird auch das Ziel sein – und stört mich persönlich herzlich wenig. Zumal jeglicher Erfolg aus eigener Anstrengung heraus entstand und nicht etwa, weil ein Industriegigant die Tasche aufgemacht und die Berliner bei jedem sich bietenden Event herumgereicht hätte. Unterm Strich wird es auch dieses Mal so sein wie immer: Haters gonna hate – vor allem bei ach so elitären Teilnehmern der Düsterszene bzw. Musikkritikern mit Bessermensch-Attitüde wird Blutengel der übliche Gegenwind entgegen wehen. Alle anderen freuen sich über ein ganz hervorragend produziertes Pop-Album. Für mich das beste Album der Berliner seit dem erwähnten „Labyrinth“, unerwartet besser noch als das schon ziemlich gelungene „Monument“. Dass Frau Goldmann ein paar der besten Songs ihrer Karriere auf diesem Album präsentiert, ist für mich ein Bonus oben drauf.


Blutengel-Omen