CHVRCHES - Every Open Eye
Foto: Danny Clinch / Universal Music

CHVRCHES – Every Open Eye

Mein Orakel, meine Glaskugel und mein juckender, rechter großer Zeh sagen mir: „Every Open Eye“, das zweite Album von CHVRCHES gehört zu den mit größter Spannung erwarteten Alben im Electro- / Synth-Pop-Bereich in diesem Jahr. Ist auch wenig überraschend. Seitdem das Trio aus dem schottischen Glasgow vor etwa drei Jahren auf der Bildfläche aufgetaucht ist, haben sich die Wellen um sie nie wieder so richtig geglättet. Das kann nicht alleine an Lichtgestalt Lauren Mayberry gelegen haben. Nö, sehr wahrscheinlich spielten ihre bis dato überzeugende Mucke sowie ihr geschickter Umgang mit den verschiedensten Kanälen sozialer Mediendie gewichtigeren Rollen. Zwei Jahre sind seit ihrem Debütalbum ins Land gezogen und nun gehen sie mit dem oft so schwierigen zweiten Album an den Start. „Every Open Eye“ heißt es. Lasst uns nachfolgend doch mal durchleuchten, was sich so getan hat im Hause Chvrches. Alles neu, alles beim alten oder doch irgendwas dazwischen?

Ok, das wird jetzt zur Abwechslung mal etwas einfacher für mich. Das Glasgower Trio CHVRCHES hat ja schon lichterloh am Electro-Pop-Himmel gebrannt, da war das Debütalbum „The Bones Of What You Believe“ noch gar nicht draußen. Den kometenhaften Aufstieg zur Sensation dürfte wohl jeder mitbekommen haben, dessen musikalische Bedürfnisse nicht schon mit Helene Fischer gedeckt werden. Darum kann ich die Vorstellung von Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty im Folgenden kurz und knapp abhandeln.

Foto: Danny Clinch / Universal Music
Foto: Danny Clinch / Universal Music

Die Geschichte der Chvrches beginnt im September 2011 und kaum dass sich die drei Musiker zusammengetan hatten mit dem Ziel, eine Indie-Rock-Formation zu schaffen und dabei die Gitarren durch Synthies zu ersetzen, ging es ziemlich schnell ziemlich steil ab. Ratzfatz waren sie im Vorprogramm einiger Depeche Mode-Konzerte, verkauften von ihrem Debütalbum mehr als 500tausend Einheiten, spielten innerhalb von nur zwei Jahren sagenhafte 364 Shows (in Worten: dreihundertvierundsechzig!) und nahmen auf dem renommierten SXSW Festival die Auszeichnung als „Best New Act 2013“ entgegen. Ja selbst wir feierten das Trio damals in unserer Top 30 als eines der heißestens Eisen, welches das Genre gerade zu bieten hatte. Diese Mischung aus unverbrauchten, progressiven Synthie-Sounds, die mitreißenden Arrangements, der ewig zuckersüßen Lauren und ihrer auffälligen Stimme (die noch immer nicht jedem gefallen wird), die fetzige, auf den Punkt gebrachte Produktion – all das schien zu bestätigen, dass das nächste große Ding gefunden war. Die Erfolge sprechen ja auch für sich.

Anstatt nun aber auf dem fliegenden Teppich in Richtung Starallüren aufzubrechen und die bestehende, funktionierende Zauberformel über Bord zu werfen schafften es die drei Musiker irgendwie, zwischen dem ganzen Getoure und dem unterwegs Ideen in den Laptop hämmern irgendwie, sich wieder in das Studio zurückzuziehen, in dem alles began. Eine umgebaute Drei-Zimmer-Wohnung im Süden Glasgows war es, in dem Chvrches an ihren noch immer höchst fetzigen Sounds schraubten. Sie tauften ihr Studio Alucard, was schon ein bisschen nerdig ist, insgesamt aber zum Auftreten der Band passt. Irgendwo zwischen Soundcheck und Tourbus sammelte die Band musikalische Ideen, die in besagtem Studio mit einem Füllhorn an Melodien, Riffs und Loops aufgearbeitet wurden. Später frickelte man an den Vocal-Melodien, der noch später durch Laurens Gesang ergänzt wurde, in welchem sie ihre on the road verfassten Texte vorträgt. Thematisch sind es die kleinen, zwischenmenschlichen Problemchen und die großen Gefühle, die Lauren behandelt. Herzschmerz und dessen Aufarbeitung und so, sich schließenden alten und daraufhin öffnenden neuen Türen. Negativen Müll über Bord zu werfen, positiv nach vorne zu schauen, sich nicht zu verbiegen, sich nicht vorschreiben lassen was wie man zu sein oder was man zu tun hat. Solche Dinge. Abgemischt hat die neue Scheibe Spike Trent (u.a. bereits für Muse, Björk oder Depeche Mode tätig) und gemastert wurde es von Bob Ludwig (u.a. Pet Shop Boys und Daft Punk).

Und was hat sich musikalisch nun getan? Nichts. Und ich meine buchstäblich nichts. Chvrches holen ihre Hörer exakt an der Stelle ab, an der sie vor zwei Jahren mit den letzten Tönen von „The Bones Of What You Believe“ zurückgelassen worden sind. Wenn die ersten Töne von „Never Ending Circles“ aus den Boxen schallen, Laurens liebliche Stimme sich über das electropopige Klanggerüst mit den nach wie vor charmanten 80er Anleihen schmiegt, jepp, dann ist man wieder mitten drin im Klangkosmos der Glasgower. Als wäre nüscht gewesen. Als hätten die letzten beiden Jahre nicht stattgefunden. Es fühlt sich an, als sei das Debüt die A-Seite einer Platte und man hätte nur mal kurz die Scheibe umgedreht und könnte sich nun der zweiten Seite widmen. „Leave A Trace“, das vorab ja schon unter anderem mit einem schicken Video gekrönt wurde, setzt die Fahrt im Fahrwasser des eigenen, markanten und inzwischen hinlänglich bekannten Trademark-Sounds konsequent fort. So wie eigentlich alle Songs dieses Albums. Kurz aufhorchen muss man lediglich bei „Keep You On My Side“, das durch einen ziemlich schnellen, ziemlich stampfenden Beat überrascht, mit flirrenden 80s-Synthies begeistert und in Clubs sicher eine gute Figur machen wird. Es klingt wie eine 80er Disconummer auf Speed. Ziemlich cool.

Clearest Blue“ ist akustisch abermals die dezente Anleihe an Videospielsounds vergangener Tage, „Afterglow“ die herzerwärme Deluxe-Ballade, bei der sicherlich nicht nur ich kollektiv mit den Polkappen dahinschmelze. Es ist alles so vertraut und so gar nicht neu auf diesem Album, dass man Chvrches, wenn man sie vorher schon nicht leiden mochte, eine gewisse Ideenlosigkeit unterstellen könnte. Fans hingegen werden sagen, dass sie das, was sie schon immer gemacht haben, einfach noch ein bisschen haben reifen lassen und jetzt noch besserererer sind als je zuvor. Vielleicht eher noch ein bisschen gedrosselter, nicht mehr sooo überkandidelt. Ich würde sagen, wir treffen uns in der Mitte. Ein paar mehr frische Ideen hätten dem zweiten Album sicher nicht geschadet. Andererseits: eine Band, die schon vor zwei Jahren den fortschrittlichsten Electro-Pop des Jahres lieferte hat es naturgemäß sehr schwer, noch zu überraschen. Jedenfalls dann, wenn man der gerade erst erlangten Fan-Base nicht vor den Kopf stoßen möchte. Aber das sind echt alles Luxus- und erste-Welt-Probleme. Am Ende war es schon immer besser, wenn ein Schuster bei seinem Leisten blieb, als mit irgendwelchen kruden Experimenten das Ergebnis zu versauen. So ist es auch mit „Every Open Eye“.


In der IT-Branche gilt die olle Binsenweisheit: never change a running system! Die Einhaltung dieses Leitsatzes ist manchmal sinnvoll, manchmal nicht. Umgemünzt auf die Musikindustrie lässt sich bequem die Behauptung aufstellen, dass so manche Band bzw. mancher Künstler vielleicht besser daran getan hätte, etwas das funktioniert nicht zu verändern. Auf das Glasgower Trio Chvrches lässt sich das jedoch nicht anwenden. Mit einer nahezu erstaunlichen Konsequenz gehen sie auf „Every Open Eye“ den Weg weiter, den sie mit ihrem umjubelten Debüt „The Bones Of What You Believe“ eingeschlagen haben. Auch 2015 ist noch Chvrches drin, wo Chvrches drauf steht. Und zwar exakt so. Änderungen im Sound müsste man schon mit der Lupe suchen. Man kann es aber auch dabei belassen und sich stattdessen darüber freuen, dass eine der unterhaltsamsten und progressivsten Alternative-Electro-Pop-Bands dieser Tage ganz genau das liefert, wonach es so vielen begeisterten Fans dürstet. Da lässt sich die fehlende Innovationsbereitschaft oder Experimentierfreude gut verkraften. Kurz gesagt: wer mit Chvrches damals schon nix anfangen konnte, wird durch „Every Open Eye“ nicht bekehrt werden. Wer das aber damals schon großartig fand feiert die Platte als eine der besten ihrer Art in diesem Jahr ab, betitelt sie vielleicht sogar als Wucht in Tüten. Schon wieder mal. Zu recht, wie ich finde. Für Album Nummer drei, das Gewiss irgendwann folgen wird, dürften sie dann aber gerne einen Schritt weiter gehen. Andernfalls verlöre auch eine Band wie Chvrches an Leuchtkraft.


fdl211205-635227-roman.jasiek@avalost.de-Chvrches_Albumcover_UniversalMusic


INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.8
GESANG.8
PRODUKTION.8.5
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Chvrches gehen in Sachen Inhalt und Sound auf Nummer Sicher
NEGATIV.
Chvrches gehen in Sachen Inhalt und Sound auf Nummer Sicher
8.1
PUNKTE.
FAZIT.
Kurz gesagt: wer mit Chvrches damals schon nix anfangen konnte, wird durch „Every Open Eye“ nicht bekehrt werden. Wer das aber damals schon großartig fand feiert die Platte als eine der besten ihrer Art in diesem Jahr ab, betitelt sie vielleicht sogar als Wucht in Tüten. Schon wieder mal. Zu recht, wie ich finde. Für Album Nummer drei, das Gewiss irgendwann folgen wird, dürften sie dann aber gerne einen Schritt weiter gehen.