Foto: Wolf James

DEAF HAVANA – Rituals

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Um sich von Dingen zu befreien, die einem auf der Seele brennen, gibt es ja verschiedenste Möglichkeiten. Es gibt Leute, die das innere Brennen mit Alkohol oder Drogen zu löschen versuchen. Andere verletzen sich auf die ein oder andere Weise selbst. Wieder andere schreiben Tagebücher, rufen den Gott ihrer Wahl an oder aber versuchen gar den Ballast so lange zu verdrängen, bis es zu spät ist. Und dann gibt es noch die Gruppe Menschen, die besagtes innere Feuer dazu verwenden, es in Kreativität umzuwandeln und den Ballast, der schwer auf der Seele liegt, beispielsweise in Songs zu gießen. James Veck-Gilodi gehört zu denen, die so musikalisch vorgegangen sind. Das Ergebnis nennt sich „Rituals“, wird als neues Album von DEAF HAVANA verkauft und ist aber in mancherlei Hinsicht ein Solo-Album. Mit hohem Überraschungsfaktor für all diejenigen unter Euch, die der Band schon eine Weile folgen.

„Sicherlich ist es eine Platte der gesamten Band, aber das Ganze ist eine sehr persönliche Sache, ein Alleingang, der mir einiges von der Seele genommen hat. Ich schreibe normalerweise über dieselben Dinge, also eher persönliche Erfahrungen, aber diesmal wusste ich, dass ich dem Ganzen ein übergreifendes Thema geben wollte. Also habe ich religiöse Themen als Metaphern benutzt – eine Metapher auch für mich. Ich bin nämlich manchmal ein richtiges Arschloch!“ – so wird der 28-jährige Veck-Gilodi zitiert. Ob er ein Arschloch ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Das ist hier auch nicht mein Job. Was sich aber über den jungen Mann sagen lässt, ist: er ist ein wahrlich begnadeter Sänger, Songschreiber und Musiker. Dinge, die Fans von Deaf Havana längst wissen. Dass er die Platte dazu nutzt, sich zu entschuldigen, lässt ihn aber doch sympathisch wirken. Er sagt: „Auch hier geht es wieder darum, wie man Leute scheiße behandelt. Die ganze Platte dreht sich im Prinzip darum, wie ich mich entschuldige. Mea culpa. Es geht um das Leben auf Tour vor dem letzten Album. Das ganze Album ist eine Zusammenfassung früherer Versionen von mir. Einiges ist ein wenig übertrieben, also ein klein wenig fiktional“ und spricht dabei über den Song „Hell“, der sich akustisch übrigens an dem Tun einer anderen großen, britischen Rockband, normalerweise ebenfalls in der Alternative-Ecke zuhause und ebenfalls nicht um Experimente verlegen, orientiert: Placebo. „Wir haben ein bisschen mit Drum Loops herumgespielt. Dabei hatten wir den Placebo-Song ‘Pure Morning’ im Hinterkopf, der aus einer Note, einem Brummen besteht, und überlegten, ob wir nicht etwas Ähnliches zustande bringen könnten“. Das hat geklappt. So wie vieles auf diesem Album geklappt hat.

Rituals“ wurde in nur sagenhaften drei Monaten geschrieben und aufgenommen. Um das mal in ein Verhältnis zu setzten: Der Vorgänger, „All These Countless Nights“, benötigte hingegen satte fünf Jahre für seine Entstehung. Wirken die Songs nun aber dadurch wie mit der heißen Nadel gestrickt? Hey, wir reden immer noch von Deaf Havana! Zwar tönt alles hier sehr nach Pop (und zwar von der Sorte, die ohne sonderlich markante Gitarren auskommt), aber dafür gibt es auch ein paar gute Erklärungen. „Rituals“ braucht nur wenige Momente seiner insgesamt 45 Minuten, verteilt auf 13 Songs, umfassenden Spieldauer um zu verdeutlichen: es ist musikalisch alles anders hier. Veck-Gilodi über die Herangehensweise, die für diesen überraschenden, gleichwohl aber frischen Sound sorgte: „Ich habe so etwas noch nie gemacht. Tatsächlich muss man sagen, dass alles an diesem Album absolut neu für mich war. Normalerweise komponiere ich auf einer akustischen Gitarre, aber diesmal habe ich viel am Computer gearbeitet und einen Großteil der Produktion selbst übernommen. Ich würde allerdings nicht behaupten, dass ich mich dabei sonderlich wohl gefühlt habe – am Anfang hatte ich keine Ahnung, was da überhaupt gemacht habe! Aber wir haben es dann doch irgendwie geschafft“. Zu Hilfe kam ihm hier FOH-Mischer Phil Gornell. In den besagten drei Monaten verschanzten sich die beiden mehr oder weniger durchgängig im Studio, um in Rekordzeit das Album entstehen zu lassen, was wir nun hören können. „Eigentlich sollten es nur drei Tage werden, für nur ein Demo, aber am Ende bin ich drei Monate dort geblieben. Phil und ich haben geschrieben und aufgenommen. Wir hatten schlechte Einfälle und haben sie verworfen. Wir hatten bessere und haben sie behalten. […] Phil denkt anders über Musik als ich. Ihn interessieren Texte nicht, er steht auf Melodien. Ich feile manchmal Urzeiten an einem Text, davon hat er mich abgebracht. Ich glaube nicht, dass ich dieses Album so geschrieben hätte ohne Phils Hilfe – er hat etwas in mir ausgelöst, mich von etwas befreit. Ideen, die ich vielleicht als Mist verworfen hätte, hat er in richtige Songs verwandelt. Und das ergibt Sinn: Er sieht und hört mich jeden Abend auf Tour. Er kennt mich und meinen Geschmack in und auswendig. Er passte perfekt“, sinniert James über diese sicher ziemlich (arbeits-)intensive Zeit. Bemerkenswert dabei: bei aller Überraschung, bei all dem neuen Anstrich im Sound – ganz schnell wirken die Songs dieses Albums auch vertraut. Eben wie Deaf Havana. Es scheint, als würden James und Phil nicht nur sich gut kennen, sondern eben auch ihre Hörer.

Foto: Wolf James

Und mal unter uns: Titel wie das treibende, fast schon hymnische „Sinner“, das live sicher eine gute Figur macht, das Titelstück „Ritual“ oder besagtes „Hell“ haben das Zeug, ihre Hörer sofort abzuholen. Wer mit Deaf Havana bisher nicht in Kontakt kam, wird sicher etwas schneller Zugang finden als die Hörer früherer Tage. Aber auch die können sich einmal mehr von den Briten umgarnen lassen. Oftmals ist es ja so eine Sache, wenn eine Band plötzlich die Richtung wechselt und plötzlich in einem anderen Genre wildert. Aber ist nicht Schubladendenken eigentlich total für’n Arsch, sagt mal? Genauso wie das Festhalten an ewig gleichen Ritualen? Ist nicht das Leben eigentlich ständige Veränderung? Und ist es nicht eigentlich völlig egal, welches Gewand ein Song trägt, wenn der Kern, der Spirit – also all das, was einen irgendwann mal zum Fan hat werden lassen – immer noch vorhanden ist und nach wie vor gelebt wird? Wer das für sich mit ja beantworten kann, der bekommt mit „Rituals“ einen definitiven Knüller. Oder, wie der kreative Kopf hinter dem Album sagt: „Ich glaube, das sind die besten Songs, die ich bisher geschrieben habe, von den Texten her ehrlich und sehr tiefgehend“. Wisst Ihr bescheid.

James Veck-Gilodi gibt bezüglich „Rituals“ übrigens weiterhin zu Protokoll: „Das ist das erste Album, das ich komplett für mich allein gemacht habe. Das ist die Musik, die ich zum jetzigen Zeitpunkt machen wollte und ich bin keine Kompromisse eingegangen. Das sind die Songs, die ich schreiben wollte und die die Leute hören sollen“. Einhergehend mit der genannten Feststellung, dass sich Fans und langjährige Hörer der Band womöglich überrascht die Ohren reiben werden, lässt die Erkenntnis reifen: Jupp, „Rituals“ ist musikalisch ein Pop-Album. Hier und da schimmert der treibend-rockige Bodensatz früherer Tage durch, dennoch ist eben auch zu hören, dass die Mucke vor allem zunächst am PC entstanden ist. Daraus lässt sich schlussendlich folgendes ableiten: „Rituals“ wird wohl nicht jedem Fan gefallen, ganz sicher nicht. Aber das war ja auch nicht das Ansinnen von Veck-Gilodi. Wie im richtigen Leben: einige kommen, einige gehen. Gleichzeitig ist „Rituals“ aber immer noch ein Album von verdammt hoher Qualität und Güte, das zeigt: Texte und Emotionen können die Briten um ihren Frontmann unverändert hervorragend schreiben und transportieren – und Pop, hey, das können sie also offensichtlich auch. Wären Deaf Havana dereinst direkt mit Pop ins Musikbusiness eingestiegen, hätte man sie vermutlich auch dort als Sensation gefeiert. So aber muss jeder Konsument für sich entscheiden, ob ihm der seelische Befreiungsschlag in Form von „Rituals“ gefällt. Ich möchte hier übrigens nicht von einer anhaltenden Neuausrichtung sprechen. Dagegen stünden die Aussagen von Veck-Gilodi, sich von genanntem Ballast befreien zu müssen. Und wenn „Rituals“ eines sehr deutlich zeigt, dann dass da immer noch viel kreatives Feuer lodert. Ich glaube nicht, dass wir schon alle Facetten zu hören bekommen haben, zu denen Deaf Havana musikalisch fähig sind. Ich glaube vielmehr, dass wir im Bezug das Denken in Genres oder Kategorien bei Deaf Havana künftig einstellen können. Und das ist doch cool. Es erhält die Spannung.


Wie vermutlich alle anderen Hörer auch, habe auch ich erst einmal einen Moment gebraucht, um mich von der Überraschung ob der aus den Boxen schallenden Töne zu erholen. Das letzte Mal, dass ich mich schriftlich mit Deaf Havana befasst habe, war hier vor fünf Jahren anlässlich der Veröffentlichung von „Old Souls“. Ein Album, das mich nachhaltig beeindruckt hatte und mich zum Fan der fünf Briten werden ließ. Für „Rituals“ gilt: wenn man sich erst einmal mit dem Umstand arrangiert hat, dass dieses Album musikalisch Pop ist – hochwertiger zwar, aber eben doch Pop – dann hat man plötzlich viel mehr Kapazitäten frei, sich mit den Inhalten und Emotionen zu beschäftigen, die vor allem James Veck-Gilodi hier auf dem Silbertablett präsentiert. Und dann fällt auf: jo, die musikalische Umverpackung ist dieses Mal eine andere, aber im Kern ist „Rituals“ noch immer Deaf Havana. Man kann diese Art Katharsis, die Veck-Gilodi betreibt, gut finden oder auch nicht. Man kann die dafür verwendete Form passend oder unpassend finden. Man kann über „Rituals“ gewiss sehr vieles sagen, eines aber nicht: dass es ein schlechtes Album wäre. Nach meinem Dafürhalten ist es das genaue Gegenteil davon. Und wenn eine Band, den seit 2005 betrampelten Pfad verlässt, ohne dabei den eigenen Spirit aufzugeben, dann ist das durchaus begrüßenswert. Unterm Strich: ich freue mich über „Rituals“ als gelungenes, frisches Kapitel in der Discographie von Deaf Havana und warte mit Gespannung auf das nächste.



INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.8
UMFANG.7
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.1 Vote7.6
POSITIV.
Es ist ein Pop-Album
Inhaltlich immer noch Deaf Havana
NEGATIV.
Es ist ein Pop-Album. Das gefällt sicher nicht allen Fans
8
PUNKTE.
FAZIT.
Für „Rituals“ gilt: wenn man sich erst einmal mit dem Umstand arrangiert hat, dass dieses Album musikalisch Pop ist - hochwertiger zwar, aber eben doch Pop - dann hat man plötzlich viel mehr Kapazitäten frei, sich mit den Inhalten und Emotionen zu beschäftigen, die vor allem James Veck-Gilodi hier auf dem Silbertablett präsentiert. Und dann fällt auf: jo, die musikalische Umverpackung ist dieses Mal eine andere, aber im Kern ist „Rituals“ noch immer Deaf Havana. Man kann diese Art Katharsis, die Veck-Gilodi betreibt, gut finden oder auch nicht. Man kann die dafür verwendete Form passend oder unpassend finden. Man kann über „Rituals“ gewiss sehr vieles sagen, eines aber nicht: dass es ein schlechtes Album wäre.

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