DEPECHE MODE - Delta Machine
Foto: Markus Nass / Sony Music

DEPECHE MODE – Delta Machine

Die erste Single-Auskopplung „Heaven“ war zweifelsohne eine Überraschung. Selbst im DEPECHE MODE Fanlager stieß der langsame, reichlich düstere Song, der als Vorbote des neuen Albums „Delta Machine“ diente, nicht auf ungeteilte Gegenliebe. Wie man zahlreichen Diskussionen in sozialen Netzwerken, (Kunden-)Rezensionen und persönlichen Gesprächen entnehmen konnte, hielten die einen „Heaven“ für ein gefühlvolles Meisterwerk, die anderen hingegen waren reichlich enttäuscht. Zu langweilig, zu inspiriert, zu sperrig, hieß es. Auch wenn es Depeche Mode längst nicht mehr nötig haben: sie wurden zu einem der meist diskutierten Themen in der Musikwelt. Mit „Delta Machine“ wird diese Diskussion wohl aber nicht verebben, sondern weiteren Nährboden finden. Ist es große Kunst? Ist es langweiliges Zeug? Oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?

Unzählige Konzerte und Tourneen, mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger weltweit, persönliche Höhen und Tiefen, die teilweise dramatischer kaum hätten sein können – es gibt wohl nicht mehr viele Wege, die Depeche Mode nach 30 Jahren Bandgeschichte noch beschreiten können. Zudem gelten sie zu Recht als eine der einflussreichsten und wichtigsten Band aller Zeiten. Nahezu jede nachfolgende Generation Künstler, die ebenfalls im (elektronischen) Bereich Musik macht, gibt Depeche Mode als Inspiration oder Einfluß an. Was macht also eine Band, die die absolute Spitze erreicht hat und nicht zuletzt aufgrund manchmal fast schon religiöser Verehrung durch ihre Fans mit einer Erwartungshaltung konfrontiert wird, die jenseits von gut und böse rangiert?

Nüscht. Sie lässt Erwartungen einfach Erwartungen sein und transferiert die Musik, die in ihren Adern fließt, auf einen Tonträger. Dazu passt folgende Aussage Martin Gores: „Es war das erste Mal überhaupt, dass wir uns die Demos anhörten und allen die generelle Richtung sofort zusagte. Wenn wir ein neues Album beginnen, haben wir oft einen Song, der ganz gut funktioniert, aber wir wollen ihn in eine andere Richtung bringen und besser machen. Wir probieren dann zehn verschiedene Herangehensweisen aus, meistens gibt es dann auch eine Reggae-Version. Es funktioniert nie, aber wir probieren es jedes Mal wieder. Dieses Mal war dieser Prozess aber nicht notwendig.

Depeche Mode haben es nicht mehr nötig, Hits zu schreiben die Welt ehrfürchtig erstarren lässt. „Delta Machine“ steckt voller Songs, die sich zunächst nicht unbedingt geschmeidig ins Gehör fressen wollen. Zumal: aus dem Alter, wo man noch wilde Parties feiern müsste, sind die Herren Gahan, Gore und Fletcher lange raus. Dass sich ihre Welt inzwischen weiterbewegt hat, machen sie gleich zu Beginn des Albums deutlich, wenn sie ihre Hörer mit „Welcome To My World“ in genau diese einladen. Es beginnt mit pulsierenden, düsteren elektronischen Soundflächen, nur um sich später, flankiert von Daves gefühlvollem Gesang und Streichereffekten, zu einem dramatischen Höhepunkt zu steigern. And if you stay while / I’ll penetrate your soul / I’ll bleed into your dreams /You’ll want to lose control. Prophetische Worte, die sich bewahrheiten können, wenn man das Album mit der gebotenen Aufmerksamkeit verfolgt. Wem „Heaven“ gut ins Ohr ging, findet sich hier schell zurecht. Wer bei Depeche Mode jedoch immer noch in den 80ern und 90ern stecken geblieben ist, hat es da womöglich schwerer. Auch das nachfolgende „Angel“ nimmt sich da nicht anders aus, überrascht aber durch einen straffen Mittelteil, bei dem Martins Gitarrenspiel kurze Reminiszenzen an einen persönlichen Jesus vergangener Tage weckt. Eingängiger (und somit versöhnlicher für Anhänger der „guten alten Zeiten“) ist das Stück „Secret To The End„, das aus der Feder Dave Gahans stammt. Ein hübsches Stück düsterer Elektronik, mit flirrenden, analogen Synthies im Hintergrund und einer Eingängigkeit, wie man sie sonst oft auf diesem Album vermissen kann. Kann.

Depeche Mode demonstrieren hier Experimentierfreude und Verspieltheit, die anderen Bands manches Mal auch gut zu Gesicht stünde. „Soft Touch / Raw Nerve“ beispielsweise – minimalelektronisches Getüdel, anyone? „Soothe My Soul„, die zweite Single und der musikalische Brückenschlag in die Vergangenheit. Vielleicht liegt das an meinem Hörempfinden, aber ich höre hier abermals ein bisschen den persönlichen Jesus mitschwingen. Insgesamt wirkt das jüngste Schaffenskind des Trios dieses Mal düster, irgendwie schmutzig – und immer wieder sehr von Blues geprägt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück „Slow„, das Martin Gore bereits zu Zeiten von „Songs Of Faith And Devotion“ schrieb, bisher aber nie vertonte. Dave Gahan dazu: „„Der Blues-Einfluss ist ganz klar vorhanden. Was die Songs miteinander verbindet, ist ihr Ruf nach Hilfe. Das ist ja auch ein Element des Blues. Man jammert über sein Leid, doch durch die Musik wird man auf gewisse Art und Weise davon erlöst.“ Und weiter: „Wir nehmen die Elemente der Songs und des Songwritings, die aus dem Blues kommen und stellen sie auf den Kopf. Led Zeppelin haben den Blues genommen und die Lautstärkte aufgedreht, die Stones haben ihn schlicht cooler gemacht und ich denke, wir haben alles dafür getan, ihn komplett zu versauen und in eine nicht ganz so einfache Richtung umzuleiten.

Eine nicht ganz so einfache Richtung – besser lässt sich der aktuelle Kurs von Depeche Mode nicht umschreiben. Vielschichtige, sehr komplexe Arrangements, ein fetter Sound – und Melodien und Texte, die aufmerksam konsumiert werden wollen. Das kann und wird nicht jedem Hörer gefallen. Depeche Mode, bei ihrer Selbstverwirklichung, dürfte das allerdings wohl herzlich egal sein. Die Ausgangsfrage, ob es sich hierbei um Kunst handelt oder ob das weg kann, lässt sich nicht einfach beantworten, sondern hängt von mehreren Faktoren ab. Von der eigenen Erwartungshaltung beispielsweise und der Bereitschaft, genau diese über Bord zu werfen und aufmerksam zuzuhören. Die Diskussion um Depeche Mode wird also weitergehen.


Wie für so viele andere auch ist die Musik von Depeche Mode seit gefühlt 300 Jahren ein immer wiederkehrender Begleiter in meinem Leben. Daher habe ich, wie so viele, eben bestimmte Erwartungen an ein neues Album. Und deshalb ist es auch nicht einfach, hier zu einem Fazit zu kommen. Depeche Mode machen es dem Hörer mit „Delta Machine“ sehr einfach, zu sagen, dass es sich hierbei um uninspiriertes, langweiliges Genörgel handelt, dem es an Esprit und der nötigen Würze fehlt, um zu spontanen Begeisterungsausbrüchen zu führen. Ich betrachte „Delta Machine“ als ein im Wortsinn reifes Album einer Band, die alles erreicht haben dürfte, was man als Künstler nur erreichen kann und es demnach nicht mehr nötig hat, den Erwartungen zu entsprechen. Vielmehr ist „Delta Machine“ aufgrund seiner komplexen Arrangements in meinen Ohren eine Herausforderung für den Hörer und vor allem eines: eine Richtungsweisung für die nachfolgenden Synthie-Pop Generationen, was die Produktion angeht und das liebevolle Arrangieren von Songs, die über das übliche Tralalala hinausgehen. Das muss ich jedoch nicht notwendigerweise alles gut finden, aber ich respektiere es. Ich respektiere Depeche Mode als Künstler, die keinem Trend folgen, sondern konsequent ihr eigenes Ding durchziehen. Die Zeiten aber, in denen Depeche Mode noch Musik schufen, die mich tagein tagaus begleitet, an die ich vielleicht sogar Erinnerungen knüpfe, sind scheinbar endgültig vorbei.


Depeche Mode - Delta Machine Cover


INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.7
GESANG.8
PRODUKTION.8
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.6.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Experimentell und verschroben, ...
Daves Stimme
NEGATIV.
...dafür aber auch schwerer zugänglich
Bisschen lahm, so insgesamt
7.3
TOTAL.
FAZIT.
Vielmehr ist "Delta Machine" aufgrund seiner komplexen Arrangements in meinen Ohren eine Herausforderung für den Hörer und vor allem eines: eine Richtungsweisung für die nachfolgenden Synthie-Pop Generationen, was die Produktion angeht und das liebevolle Arrangieren von Songs, die über das übliche Tralalala hinausgehen. Das muss ich jedoch nicht notwendigerweise alles gut finden, aber ich respektiere es. Ich respektiere Depeche Mode als Künstler, die keinem Trend folgen, sondern konsequent ihr eigenes Ding durchziehen. Die Zeiten aber, in denen Depeche Mode noch Musik schufen, die mich tagein tagaus begleitet, an die ich vielleicht sogar Erinnerungen knüpfe, sind scheinbar endgültig vorbei.