Foto: Michael Kanzler / AVALOST

DIARY OF DREAMS – Elegies In Darkness

Zu behaupten, Adrian Hates, Gaun:A und der Rest der im White Room werkelnden Mitglieder und Helferlein von DIARY OF DREAMS seien Arbeitstiere, käme einer charmanten Untertreibung gleich. Wessen musikalisches Herz sich für das Tun der Tagebuchträumer erwärmen kann, muss für gewöhnlich nie lange auf Nachschub warten. Erst im letzten Jahr überraschten die Herren mit dem rein elektronischen Nebenprojekt .com/Kill, im Jahr zuvor gab es ein Akustikalbum und eine zweite Raritätensammlung und das letzte DIARY OF DREAMS Album liegt auch erst drei Jahre zurück. Am Freitag, den 14.03.2014 veröffentlichen sie ihr neues Album „Elegies Of Darkness“. Wer nach inzwischen gut und gerne zwanzig Jahren Tagebuchträumerei zuletzt gewisse Ermüdungserscheinungen bemerkte, sollte auf jeden Fall hinhören. Es ist gut möglich, dass Diary Of Dreams das Feuer von einst erneut entfachen.

Diary Of Dreams sind zweifelsohne eine feste Institution in der Düsterszene. Die regelmäßigen Veröffentlichungen sowie ständige Bühnenpräsenz auf Tour oder auf Festivals sorgen dafür, dass sie niemals gänzlich aus dem Gespräch kommen. Noch dazu haben es Adrian Hates und Kollegen verstanden, soziale Netzwerke wie Facebook zur Selbstpromotion zu nutzen. Die Ankündigung des neuen Albums, die Dokumentation des Werdegang selbigens, Mundwassersteigerung mittels Präsentation des Coverartworks oder Snippets – manchmal konnte man sich des Eindrucks sicherlich nur schwer erwähren, dass kein Tag ohne entsprechendes Facebook-Posting vergangen sei. Manchen mag es vielleicht genervt haben, ich persönlich finde diese Interaktion mit den Fans ganz vorbildlich. Schließlich sind sie es, die den Musikern die Brötchen bezahlen. Was mich angeht: ich hatte zuletzt ganz andere Probleme mit Diary Of Dreams. Ich mache keinen Hehl daraus, dass die Tagebuchträumer seit Jahr und Tag zu meinen Lieblingsbands gehören. Die Tonträger stehen alle fein säuberlich hier im Regal und auch Konzerte habe ich inzwischen nicht zu knapp mitgenommen. Doch nach der Veröffentlichung von „Ego:X“, das auch unter Fans nicht ganz unumstritten war, machte sich im Unterbewusstsein eine leichte Ermüdungserscheinung breit, die auf dem Amphi Festival 2013 ihren Höhepunkt erreichen sollte. Da stand ich nun also im Publikum, eigentlich ursprünglich vorfreudig wegen des DoD-Auftritts und stellte fest: ich kann es nicht mehr hören! Es geht einfach nicht mehr! Sollte ich mir Diary Of Dreams etwa überhört haben? Das konnte, ja das durfte doch nicht wahr sein! Oder war die Inception eigentlich eine andere?

Wenige Monate vorher veröffentlichten Adrian und Gaun:A das Debütalbum ihres .com/Kill getauften Nebenprojekts. Dieses Album atmete in vielen Stellen so sehr den Geist früherer Tage Diary Of Dreams’, dass ich wild mit den Armen wedelnd durch die Gegend hätte rennen können und Hurra! schreien! Sollten diese Ermüdungserscheinungen also womöglich davon kommen, dass mir die zunehmende Gitarrenpräsenz, das zunehmende Einwerfen von Sprachsamples irgendwie inzwischen zu viel wurde und ich mir die eher elektronische Seite der Band zurückwünschte? Denkbar. Ich gebe zu, die Ankündigung des neuen Albums „Elegies In Darkness“ habe ich eher einfach nur zur Kenntnis genommen, anstatt mich so richtig darüber zu freuen. Entsprechend nüchtern ging ich auch an den ersten Hördurchgang heran, nachdem mir die Promo ins Haus trudelte. Dass mich die neue Platte zu aus den Latschen kickt, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!

Schon gleich beim ersten Song des Albums, „Malum“, macht sich so ein wohliges „oh, irgendwas ist anders“-Gefühl breit. Brachiale Drums, jede Menge Elektronik und die wie immer angenehm dunkle Stimme von Adrian Hates schmeicheln dem Ohr. So manche Synthie-Spielerei erinnert mich sogar ein bisschen an die seligen „Psychoma?“-Zeiten. Der nicht weniger mächtig brachiale, deutschsprachige Refrain macht überdies klar: den Kuschelkurs gab es vielleicht zuletzt auf dem Akustikalbum „The Anatomy Of Silence“, aber nicht hier. Das nachfolgende „The Luxury Of Insanity“, etwas versöhnlicher ausgestaltet und hier wieder in Englisch vorgetragen, hätte auch ganz bequem nach „The Wedding“ stattfinden können. Hier stand der Fokus mehr auf Eingängigkeit, ganz klar. Kann mir auch gut vorstellen, wie die versammelte Menge bei diesem Song bei Konzerten ausgelassen mitgröhlt. Auch schön: „A Day To December“, eine reichlich pianogeschwängerte Ballade mit ganz schön düsterem Anstrich. Diary Of Dreams halt. Weiterhin muss „A Dark Embrace“ genannt werden, bei dem sich verzückende Elektronik an einen extrem lässigen Beat schmiegt. Der heimliche Star dieses Albums, der mich überlegen lässt, wie gut er sich in Clubs schlagen wird. Eine Ohrwurmhymne liefern Diary Of Dreams mit „The Game“ ab. Und dass sie mit „Dream Of A Ghost“ eine der schönsten Electro-Pop-Songs mit finsterer Fassade dieses Jahres liefern, damit hätte bei Diary Of Dreams wohl keiner gerechnet. So manche Band, die in diesem Genre zuhause ist, muss fortan stets Konkurrenz fürchten. Könnte ja schließlich sein, dass Herr Hates und Kollegen künftig nochmals in diesem Gebiet wildern. Und wenn das Album mit „Die Gassen der Stadt“ zu einem Ende kommt, werde wohl nicht nur ich aufgrund dieser vornehmlich vom Klavier getragenen Ballade mit dem üblichen Kloß im Hals zurückbleiben.

Vom Akustikalbum abgesehen fällt mir spontan kein Diary Of Dreams-Album ein, das dermaßen gefüllt ist mit Volltreffern. Die Skip-Taste ist hier definitiv arbeitslos. Die Rückkehr zu einem deutlich elektronischeren, sehr viel kälteren Sound steht der Band aber gut zu Gesicht. Es ist beinahe so, als sei .com/Kill die Frischzellenkur gewesen. Die Texte des Albums sind wie gewohnt so verfasst, dass sich jeder Hörer in ihnen wiederfinden und sie auf ganz eigene Weise interpretieren kann. Wenn es in „The Game“ beispielsweise heißt: You betray what you can’t defeat / My war against the end of time / This game is out of reach / In many ways you’re so much like me“ empfinde ich sicher ganz andere Dinge als Ihr da draußen. Aber das zeichnet Diary Of Dreams aus. Sie zeigten stets einen inhaltlichen Pfad auf, dem man folgen kann, aber eben nicht muss. Es ist dein Traumtagebuch in deinem Kopf, die Band liefert nur den Soundtrack dazu. Der übrigens einmal mehr sehr hochwertig von Daniel Myer (Architect, Haujobb, DSTR) produziert und von Rainer Assmann abgemischt wurde. Derart satt, derart sauber – hui, die richtige Anlage vorausgesetzt, ballert dir das Album förmlich ins Gesicht.

Unterm Strich kann jeder Musikfreund mit dieser wehmütigen Klagerei in der Dunkelheit sehr, sehr zufrieden sein. Ganz gleich, ob er oder sie im Vorfeld darauf gewartet hat oder nicht. „Elegies In Darkness“ ist gekommen, um zu bleiben. Nicht mehr ganz so organisch, dafür wieder kühler. Eben wie früher.


Ich erinnere mich noch gut an die Fragen, die bezüglich .com/Kill mancherorts aufkamen: wozu soll das jetzt gut sein? Nun, vielleicht war der rein elektronische Seitensprung von Adrian Hates und Gaun:A so etwas wie ein Befreiungsschlag, der Diary Of Dreams den Weg zurück zu einer wieder sehr viel elektronischeren Seite geebnet hat. Sicherlich, die Gitarren sind immer noch da und werden live mit Sicherheit sehr viel präsenter sein. Aus der Konserve genossen sind sie aber meist nur noch ein dezentes, aber feines Detail. Soll mir recht sein, da ich die frühen Alben von Diary Of Dreams stets mehr mochte als die Spätwerke. Wer sich womöglich zuletzt sogar ausgeklinkt haben sollte, bekommt von mir nun folgenden, ernstgemeinten Ratschlag: „Elegies Of Darkness“ unbedingt mal probehören! Da stecken so viele kleine Anleihen an vergangene Tage drin, dass es eine wahre Freude ist. Den Tagebuchträumern ist hier ein sensationelles Album gelungen, das nicht nur einen Maßstab im Düsterbereich für das Jahr 2014 darstellt, sondern sich auch wie ein lange verschollenes und vermisstes Bindeglied zwischen „Freak Perfume“, „Nigredo“ und „Nekrolog 43“ anfühlt. Zeigten sich bei mir zuletzt leichte Ermüdungserscheinungen nach all den Jahren, bin ich jetzt wieder Feuer und Flamme!


elegies


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