Foto: AVALOST / Michael Kanzler

DIE KRUPPS – V – Metal Machine Music

An Erlebnisse aus seiner Schulzeit erinnert sich der ein oder andere ja mitunter gern. Ich kann mich noch sehr gut an das Jahr 1995 erinnern. Ich fuhr zu der Zeit den tiefsten, schwärzesten und verspoilertsten 55 PS Renault Clio in der Stadt. Den halben Kofferraum nahm die selbstkonstruierte passive Compound-Bandpass-Bassreflex-Box ein und die Musik kam von einer CD aus dem 12-fach Wechsler. Die Streifenpolizisten kannten mich dann schon mit Namen, weil ich ja bei jeder allgemeinen Verkehrskontrolle den Leitz-Ordner mit den ganzen ABEs zur Überprüfung vorlegen durfte, was mich allerdings nicht davon abhielt, regelmäßig den Wintergarten im Jolly Joker in Braunschweig zu okkupieren. Nun, die Abi-Klausuren waren gerade durch und im Wechsler liefen die nagelneuen Silberlinge der Krupps (Odyssey of the Mind) und Clawfinger (Use Your Brain) in heavy rotation, raus aus dem Auto, rein in den düsteren Wintergarten und weiter den ursprünglichen Industrial hören. Ach ja, die guten alten Zeiten, bevor der Ernst des Lebens begann.

In der darauf folgenden Zeit gab von den Krupps nur ein paar Remixe, so dass ich sie aus den Augen verloren hatte und 1997 die Veröffentlichung von „IV – Paradise Now“ schon gar nicht mehr mit bekam. Bis unsere Reisegruppe 2014 den Weg nach Oberhausen zum E-Tropolis antrat, auf dem die Krupps einer der Headliner waren. Da konnte ich mir die Bühnendarbietung von Jürgen Engler und seinen Mannen nicht entgehen lassen, doch schnell machte sich Ernüchterung breit. Nicht nur ich war 20 Jahre älter, der Engler war es auch! Und die Musik war nicht mehr das selbe, oder mein Geschmack hatte sich einfach im Lauf der Jahre gewandelt. ? Sollte damit für mich das Kapitel Krupps beendet worden sein? Klare Antwort: NEIN! Denn zum Glück trudelte vor ein paar Wochen die Promo zu „V – Metal Machine Music“ in die AVALOST-Redaktion ein und als Industrialist hab ich mich der neuen Scheibe mal angenommen – und bin seit dem wieder 20 Jahre jünger!

Was hat der Jungbrunnen von Sänger Jürgen Engler, Drummer Volker Borcher, den beiden Gitarristen Marcel Zürcher und Nils Finkeisen sowie den Mann am Synthesizer, Ralf Dörper, nun zu bieten? 12 brachiale Industrial-Electro-Metal-Songs, die auf die Bühne und in den Club gehören, also Obacht, Mutti schieb den Rollator in die Ecke, DIE KRUPPS sind zurück!

Nach dem einminütigen Prelude „Die Verdammten“ geht es dann auch schon gleich mit Volldampf voraus. Der Album-Opener „Kaltes Herz“ zeigt mit Power-Drums, Hammer-Synthie und E-Gitarre der neuen deutschen Härte, wie sie klingen muss, so dass sich alle neueren Vertreter des Genre gleich mal für den Kniefall anstellen dürfen. Messerscharfer Text gepaart mit guter Musik, „Kaltes Herz“ was willst du mehr.
Battle Extreme“ klingt gleich von der ersten Sekunde, als handle es sich um die Vertonung eines Ego-Shooters, eben Electro-Metal aus der Feder der Altmeister. Die Lyrics von Dörper und Engler stehen der Musik natürlich in nichts nach.
Keine Pause zum verschnaufen bietet „Fly Martyrs Fly“. Hier geht es wieder genauso hart ans Werk, die Sequenzer glühen und erinnern an die glorreichen Zeiten. Wow, ich hab Entenpelle!

Der Song „The Truth“ kam mir irgendwie bekannt vor, was wohl daran lag, dass Clawfinger Mitte der 90er Jahre mal einen Track mit ähnlichem Titel brachten, doch Taiginseng und meine alten CDs haben mir schnell auf die Sprünge geholfen. Industrial mit Sprechgesang im Stil der 90er, die Zutaten für gute Songs sind manchmal einfach zusammengestellt und doch so effektiv.
Der „Road Rage Warrior“ rast, von Trash-Gitarren getrieben, auf seinem Motorrad durch den Song. Wieder werden die Lyrics durch die Musik gekonnt in Szene gesetzt und der einsame Motorradfahrer kommt nicht zur Ruhe.
Zu „Vampire Strikes Back“ verrät der Pressetext, dass der Song bereits um 1997 geschrieben wurde und in einer zahmen Version 1998 im Videospiel „Wing Commander: Prophecy“ verwendet wurde. Er fügt sich in der Version von 2015 so sehr in das Gesamtkunstwerk „V – Metal Machine Music“ ein, dass man das kaum glauben mag. Ähnlich treibende Gitarren wie „Road Rage Warrior“ und ein beinahe brüllender Engler, Metal Machine Music eben.

Bei „Alive In A Glass Cage“ soll der Entwurf bereits auf das Jahr 1985 zurück gehen, doch keine Angst, hier staubt nix. Im Gegenteil, mit rotzfrecher E-Gitarre geht es munter weiter und wer auf dem Album eine Stelle zum Ausruhen braucht, kann das bestenfalls im Refrain von „Alive In A Glass Cage“, ansonsten geht es sofort weiter.
Branded“ beginnt mit dem 1990er typischen Synthie-Sound, doch prompt setzt das E-Gitarrengewitter ein, Kindergeburtstag ist das hier ja schließlich nicht. Die E-Gitarre dominiert diesen Titel ordentlich und wird nur von Jürgen Englers Gesang übertroffen, denn die Lyrics bauen das eigentliche Gerüst des Songs auf.
Wer bei „Kaos Reigns“ an Speed-Metal glaubt, der irrt, dafür versteht man doch den Sprechgesang von Engler im Song zu gut, was ja auch gewünscht ist. „…hell is empty, all the devils are here…“, lautet eine sehr eingängige Textzeile und das ist nicht die einzige Botschaft, die mit dem Song rüber gebracht werden soll.

Auch „The Red Line“ fügt sich harmonisch ins Bild von „V – Metal Machine Music“ ein. Der Song wirkt etwas weniger brachial, doch kein bisschen schwächer als alle anderen.
Der vorletzte Titel „Bonded By Blood“ hat mich mit Einsetzen des Gesang sehr überrascht. Höre ich da einen Vocoder-Effekt à la Chris L.? Sei es drum, passt hier gut zum Track, zumal die Lyrics eindeutig im Vordergrund stehen und die Gitarren und Sequenzer mehr als Untermalung dienen. „Bonded By Blood“ ist etwas langsamer und ruhiger, wenn man diese Worte bei einem derart rasanten Album überhaupt schreiben darf.
Der letzte Titel heisst „Volle Kraft voraus“ und natürlich ist der Titel Programm. Eine LIVE-Hymne, um die Massen auf ein schweißtreibendes Konzert vorzubereiten. Ich sehe das Publikum schon wie Galeerensklaven an den Ruderpinnen kämpfen. Was für ein Anheizer-Song, warum er den Schluss des Albums krönt? Vielleicht legen die Krupps ja schon bald die VI nach.


DIE KRUPPS SIND ENDLICH WIEDER DA! „V – Metal Machine Music“ ist für mich ein absoluter Anwärter auf die AVALOST TOP-ALBEN 2015. 20 Jahre nach der „Odyssey of the Mind“ schaffen Engler, Borcher, Zürcher, Finkeisen und Dörper den Spagat, ohne angestaubt zu klingen ihre Wurzeln wieder auszugraben. Die Urväter des Industrial sind zurück und spielen mit dem Album jeden an die Wand. Ein Kracher-Song jagt den nächsten, Zeit zum Ausruhen gibt es nach dem Album. Es macht einmal mehr deutlich, für welche anderen Bands DIE KRUPPS der 1990er die kreativen Vorlagen lieferten. Ich danke den KRUPPS jetzt schon für meinen persönlichen Jungbrunnen 2015, wir sehen uns auf dem NCN.


metalmachinemusic


DIE KRUPPS - V - METAL MACHINE MUSIC.
FAZIT.
DIE KRUPPS SIND ENDLICH WIEDER DA! "V - Metal Machine Music“ ist für mich ein absoluter Anwärter auf die AVALOST TOP-ALBEN 2015. 20 Jahre nach der „Odyssey of the Mind“ schaffen Engler, Borcher, Zürcher, Finkeisen und Dörper den Spagat, ohne angestaubt zu klingen ihre Wurzeln wieder auszugraben. Die Urväter des Industrial sind zurück und spielen mit dem Album jeden an die Wand. Ein Kracher-Song jagt den nächsten, Zeit zum Ausruhen gibt es nach dem Album. Es macht einmal mehr deutlich, für welche anderen Bands DIE KRUPPS der 1990er die kreativen Vorlagen lieferten.
INHALT / KONZEPT.
7.5
TEXTE.
7.5
GESANG.
8
PRODUKTION.
9
UMFANG.
8.5
GESAMTEINDRUCK.
8.5
LESERWERTUNG0 Bewertungen
0
POSITIV.
NEGATIV.
8.2
PUNKTE.