Foto: Nicole Bringer

DIORAMA – Even The Devil Doesn’t Care

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Jetzt mal ehrlich Freunde: Es gibt in der Musikwelt so unglaublich viel belanglosen Scheiß. Daher ist es eigentlich nicht so richtig überraschend, dass Musik – eigentlich die tollste Erfindung auf diesem Planeten, gleich nach Bier – einen immer kleineren Stellenwert im Leben von umgekehrt proportional dazu immer mehr Menschen einnimmt. Wenn ich tagein, tagaus immer nur inhaltsleerer Mucke, die wirkt wie am Reissbrett entworfen, beschallt würde – ich hätte inzwischen vermutlich schon die Farbe von meiner Stereoanlage gebissen und würde mich auch nur noch von Fernsehen ernähren. Aber gut sei Dank gibt es immer wieder gallische Dörfer, die tapferen Widerstand gegen Stumpfsinn und Belanglosigkeit leisten. Wie die Reutlinger Band DIORAMA beispielsweise, die mit ihrem neuen Album “Even The Devil Doesn’t Care” auszog um uns zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat.

Even The Devil Doesn’t Care” ist das nunmehr 8. Studioalbum der Reutlinger, die längst schon fester Bestandteil unserer alternativen Szene geworden sind. Klar, dauert ja auch nicht mehr soooo lange, und die Truppe um Torben Wendt ist auch schon 20 Jahre dabei. In dieser Zeit hat sich die Band eine treue Fangemeinde erarbeitet, die sich inzwischen schon als Diorama-Lemminge organsieren. Hintergrund ist wohl zum Teil die exzellente Live-Qualität dieser Band. Diorama bei einem Konzert beizuwohnen ist immer ein besonderes Erlebnis. Immer.

Nun würde aber vermutlich kein Mensch zu diesen Konzerten pilgern, wenn hier musikalisch nüscht geboten werden würde. Man veröffentlicht keine 8 Alben, ist Dauergast auf den wichtigen Festivals und hat den Schatten (Diary Of Dreams), aus dem man einst hervorgetreten ist, längst hinter sich gelassen, wenn man nicht über eine gewisse Magie verfügen würde. Was ist es aber, was den besonderen Reiz dieser Band ausmacht? Das dafür sorgt, dass besagte Diorama-Lemminge ihren Helden um den halben Erdball hinterher düsen? Tja so ist das mit Magie: nicht immer lässt sie sich in Worte kleiden, manchmal passiert sie einfach. Es wird wohl die Mischung aus sinnigen Texten, den Stimmen von Torben Wendt und Felix Marc, der vielschichtigen instrumentalen Ausgestaltung und der Tatsache, dass sich das Resultat in keine feste Schublade stecken lässt, sein. Die Band vermeidet übrigens selbst auch jede Klassifizierung ihres Tuns (“The band doesn’t know and the band doesn’t care”). Wenn man die Begriffe Darkwave, Electro, Einflüsse von Rock, Progressive, Alternative und Melancholie ins Spiel bringt, liegt man aber jedenfalls nicht ganz falsch.

Diesen unbeschreiblichen Zauber entfachen Diorama mit “Even The Devil Doesn’t Care” erneut – und wie! Das fängt schon bei dem sensationellen Artwork an, das von der Landsberger Künstlerin Katharina Schellenberger umgesetzt wurde. Ihre Malereien, so heißt es im Pressetext, flankieren Musik und Texte und sollen einen neuen, visuellen Zugang zur Athmosphäre des Albums ermöglichen. Und wisst Ihr was? Das funktioniert ganz hervorragend! Wenn man sich der Musik hingibt, während man nebenbei die hübschen Malereien bewundert und die Texte, manchmal gesellschaftskritisch (“The Scale”), manchmal gewohnt metaphorisch (“Weiss und Anthrazit”, das einzig deutschsprachige Stück hier) und manchmal einfach typische Diorama-Melancholie (“The Long Way Home From The Party”) liest, bekommt das Erleben des Albums eine ganz neue Qualität. Eine ganz neue Qualität wurde übrigens auch in produktionstechnischer Hinsicht gewonnen. Den größten Aha-Effekt erlebt man hier, wenn man sich diese Scheibe mittels Kopfhörern zu Genusszwecken zuführt. Der Sound war noch nie luftiger und gleichzeitig druckvoller. Sehr schön. wie hier die vielen Details wie die Gitarrenriffs, Akustikdrums oder Flötenspiel herausgearbeitet wurden. Vielschichtige Klangkollagen ist man von Diorama ja gewohnt, hier lässt sich die viele Mühe, die in das Arrangements der Songs gesteckt wurde, auch bestens heraushören. Was auch immer in diesem Jahr noch kommen mag – es wird sich in dieser Hinsicht mit diesem Album messen lassen müssen.

Kommen wir zurück auf den anfänglich erwähnten belanglosen Scheiß. Dioramas neues Album ist der höchst erfreuliche Gegenentwurf dazu. Texte, die über langweilige, totgenudelte Klischees hinausgehen. Musik, die gerne Pfade neben der sicheren Spur beschreitet, ohne dabei krampfhaft alternativ zu wirken. Eine Stimme, die man auch nach dem hundersten Hördurchgang noch nicht über hat. Eine rundherum gelungene Scheibe mit der typischen Diorama Magie, der man verfällt oder eben nicht. Erklären lässt sie sich allerdings tatsächlich nicht.


Dioramas “Even The Devil Doesn’t Care” ist mehr als jedes andere Diorama-Album zuvor ein Gesamtkunstwerk. Im Booklet blättern, das hübsche Artwork genießen und die tolle, wie immer sehr vielschichtige Musik auf sich wirken lassen. Ein stimmigeres Gesamtpaket ist mir schon eine ganze Weile nicht mehr untergekommen. Möglicherweise sind auf früheren Alben mehr vermeintliche “Hits” versammelt – nachhaltiger und mächtiger war die Truppe um Torben Wendt bisher noch nicht. Angefangen bei dem Artwork Katharina Schellenbergers über die astreine Produktion hin bis zur Musik selbst – auch wenn es den Teufel vielleicht nicht kümmert, aber “Even The Devil Doesn’t Care” ist Dioramas Meisterstück und lässt auch “Her Liquid Arms”, “The Art Of Creating Confusing Spirits” und sogar “Amaroid” (!) hinter sich. Bin mir sicher, dass wir uns noch mal über dieses Album unterhalten werden, wenn es um die Jahresendauswertung geht. Bis dahin aber habt Ihr alle hoffentlich dieses Album gekauft, gehört und damit Euren Beitrag gegen die grassierende Belanglosigkeit getan.


Diorama - Even The Devil Doesn't Care


Dioramas “Even The Devil Doesn’t Care” ist mehr als jedes andere Diorama-Album zuvor ein Gesamtkunstwerk. Im Booklet blättern, das hübsche Artwork genießen und die tolle, wie immer sehr vielschichtige Musik auf sich wirken lassen. Ein stimmigeres Gesamtpaket ist mir schon eine ganze Weile nicht mehr untergekommen. Möglicherweise sind auf früheren Alben mehr vermeintliche “Hits” versammelt – nachhaltiger und mächtiger war die Truppe um Torben Wendt bisher noch nicht. Angefangen bei dem Artwork Katharina Schellenbergers über die astreine Produktion hin bis zur Musik selbst – auch wenn es den Teufel vielleicht nicht kümmert, aber “Even The Devil Doesn’t Care” ist Dioramas Meisterstück und lässt auch “Her Liquid Arms”, “The Art Of Creating Confusing Spirits” und sogar “Amaroid” (!) hinter sich.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.8.1
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Herausragende Produktion
Wunderschönes Artwork
8.3
TOTAL.

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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