Foto: Gus Black / E-Works / PIAS

EELS – The Deconstruction

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Wenn bei uns ein neues Album eintrudelt mit der Bitte um Beachtung, dann ist für gewöhnlich ein Schreiben beigefügt, in dem uns all die tollen Eigenschaften des vorliegenden Tonträgers näher gebracht werden sollen. Mitunter in höchsten Tönen wird dann geschwärmt davon, unter wessen Mithilfe das Werk entstanden ist, in welchen Studios rund um die Welt verteilt aufgenommen wurde und/oder was sich der/die Künstler nicht alles tolles als Botschaft für ihr jüngstes Schaffenskind ersonnen haben. Diese Selbstbeweihräucherung ist manchmal wirklich nur schwer erträglich. Mark Oliver Everett – oder eben E, der „EEELS guy – geht hier einen anderen, deutlich erfrischenderen Weg. Er hat den Beipackzettel zum neuen Album „The Deconstruction“ einfach selbst verfasst.

Hi“, schreibt er dort, „wir könnten nun die übliche Plattenfirmen-„Bio“ bezüglich dieses neuen Albums machen, aber ernsthaft, who gives a fuck“. Und weiter: „Die Welt ist ein Durcheinander. Das ist nur Musik. Musik von jemandem der glaubt, dass Veränderung vor deiner eigenen Haustüre beginnen. Ich bin optimistisch genug zu glauben, dass das den Menschen noch helfen kann. Es [das Album, Anm. d. Red.] hat keine Antworten, außer vielleicht, dass es eben keine Antworten gibt. Dass sich der Staub niemals legen wird, dass alles außer Kontrolle geraten ist und so weiter, aber es zeigt dabei folgendes: Du kannst etwas verändern. Daher kannst Du die Welt verändern. Richtig?

Die Welt verändern… das klingt immer so nach ganz großen Taten. Danach, als müsste man in der gesellschaftlichen Nahrungskette weit oben stehen, prall gefülltes Bankkonto inklusive, um mittels Millionenzahlungen einen Unterschied machen zu können. Natürlich ist dem nicht so. Veränderungen fangen schon in kleinstem Rahmen an. Wie E sagt: vor der eigenen Haustür. Beim Einkaufen auf die Plastiktüte verzichten, beispielsweise. Oder kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr kaufen, wenn überhaupt noch. Nicht für jeden noch so kurzen Weg mit dem Auto losfahren, sondern lieber zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Bei einer Neuanschaffung eines Autos darüber nachdenken, ob ein SUV bei einem hauptsächlichen Einsatz im Stadtverkehr unbedingt erforderlich ist. Den Müll trennen. Stromverbraucher ausschalten, wenn sie keinen aktuellen Nutzen erfüllen (sprich: muss der Fernseher wirklich weiterlaufen, wenn ich gerade in der Badewanne sitze?). Mehr Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen. Soziale Einrichtungen und/oder Projekte unterstützen, so wie es eben zeitlich und/oder finanziell möglich ist. Und so weiter und so fort. Ansatzpunkte, die Welt zu einem anderen, zu einem besseren Ort zu machen, gibt es viele. Das sind alles nur kleine bis kleinste Schritte, die einem Einzelnen nicht viel Mühe machen, in Summe aber durchaus etwas bewirken können. Einzig: man müsste nur mal anfangen damit. Wer entsprechende Motivation braucht, kann sich das fröhlich-beschwingte und bereits schon im Vorfeld ausgekoppelte „Today is the Day“ als akustischen Ärmelhochkrempler zu Gemüte führen. Today is the day it starts right here / Don’t gotta thing to worry about now / Today is the day it starts right here. Den Ballast rausschmeißen, die Sorgen an die Seite schieben und einfach mal anfangen. Es gibt eben nichts Gutes, außer man tut es.

Foto: Gus Black / E-Works / PIAS

Freundlicher seinen Mitmenschen gegenüber zu sein ist dem erwähnten Pressetext nach ebenfalls ein gutes Mittelchen, um Veränderungen herbeizuführen. E schreibt: „ Die andere Sache die wir tun können, während alles so ein Durcheinander ist, ist zu versuchen, freundlich zu sein. Warum auch nicht? Wir haben alle mal schlechte Tage, aber warum nicht diese Mühe machen, wann immer es möglich ist? Leicht hat es niemand, aber die jeweiligen Geschichten könnten aus der Ferne auftauchen. Warum also nicht versuchen, nett zu sein? Angefangen bei sich selbst. Das ist eine schöne Veränderung für die Welt. Gute Dinge werden daraus erwachsen. Es gibt hier auch ein einige Songs in diese Richtung“. Möglicherweise hätten wir so manches Problem nicht, wenn sich nicht immer jeder selbst der nächste wäre. Über all diese Dinge kann man nachdenken, während man sich „The Deconstruction“ zu Gemüte führt.

Man kann es aber auch lassen. Oder, wie E sagt: „Scheiß auf all dieses ‚jibber jabber‘ [schnelles, aufgeregtes und schwer verständliches Gerede, Anm. d. Red.] und schau, ob dir die neue Platte gefällt! Hier sind 15 neue EELS-Tracks, die dich vielleicht oder vielleicht auch nicht inspirieren, rocken oder nicht rocken. Die Welt wird immer verrückter. Aber wenn du danach suchst, dann ist da immer noch viel Schönheit zu finden. Und manchmal musst du noch nicht einmal danach suchen“. Wie wahr. In regelmäßigen Abständen kommt eine kleine Portion Schönheit in Form von neuen Songs aus dem Hause EELS. Zwar kann man dennoch weitersuchen, aber einen kleinen Beitrag zu einer etwas schöneren Welt haben E und der Rest der Gang (auf dieser Platte: Koool G Murder, P-Boo und The Deconstruction Orchester & Chor) hier abermals geleistet.

Erwähnenswert wäre zum Beispiel das Titelstück, EELS-typisch von eigenwilliger Melancholie gekennzeichnet, musikalisch durch den Einsatz hauchzarter Instrumentierung ein teilweise fast schon fragiler Einstieg in diese 15 neuen EELS-Songs. Das letzte Album, „The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett“, war ja durch die Bank ziemlich ruhig. Dass EELS aber immer noch auch Rock’n’Roll können, zeigen sie in „Bone Dry“, zu dem es passend zur Veröffentlichung des Albums ebenfalls ein neues Video gibt. Aber es geht eben auch immer noch ganz, ganz ruhig zu, wie das extrem schwermütige Interludium „The Quandary“ zeigt. Ein Stück wie „Premonition“, getragen von Es rauchiger, kauzig-brüchiger Stimmer und einer Akustikgitarre, hätte auch auf besagtem letzten Album noch Platz gefunden. In dem ebenfalls wunderbar verschrobenen „Rusty Pipes“ ist hintergründig das genannte The Deconstruction Orchester zu hören. Für diesen Song, aber auch für nahezu alle anderen gilt: wer Spaß daran hat, bei Musik auf Entdeckungsreise zu gehen und mal zu hören, welche Details sich finden lassen, wird mit „The Deconstruction“ wirklich viel Freude haben. Mit einer Handvoll Hördurchgänge hat dieses Album jedenfalls noch lange nicht alles Pulver verschossen. Und wenn das Album mit „In Our Cathedral“ mit Chorgesängen, Orchestereinlagen und feinem Kirchengeorgel endet, dann bleibt man als Hörer nach einer guten Dreiviertelstunde Laufzeit gleichermaßen begeistert und ergriffen zurück. Wie E schon sagte: manchmal muss man nicht einmal selber suchen, um das Schöne in der Welt zu finden. Manchmal wird es einem quasi auf dem Silberteller serviert. So wie im Fall von „The Deconstruction“. Was man dann daraus macht, bleibt den Hörern überlassen.


Im Vergleich zum letzten Album geht es auf „The Deconstruction“ wieder flotter zur Sache – aber immer noch genauso schön, ergreifend, mitreißend, bewegend, gefällig und gleichzeitig auch kauzig und einzigartig wie eh und je. Der Einsatz von Chor und Orchester, die bei manchen Songs dezent im Hintergrund das Klangbild veredeln, erweist sich als höchst sinnvolle Ergänzung. Das und die wie üblich markante Vortragsweise von E, die kleinen Geschichten die hier erzählt werden – es sorgt alles für ein sehr wohliges Gefühl beim Hören. Leider dauert das Vergnügen von „The Deconstruction“ gerade mal rund 44 Minuten. Aber es spricht ja nichts dagegen, sich dieses Album mehrmals anzuhören. Einerseits, weil es musikalisch viel zu entdecken gibt, andererseits weil es seine Hörer jedes Mal mit dem guten Gefühl entlässt, gerade ein besonderes Album gehört zu haben.


INHALT / KONZEPT.8.5
TEXTE.8
GESANG.8
PRODUKTION.8
UMFANG.6
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Wieder mehr Tempo
Nach wie vor toll erzählte Geschichten
Sinnvolle Ergänzungen im Sound wie etwa Chor und Orchester
NEGATIV.
Nur eine knappe Dreiviertelstunde Spielzeit
7.8
PUNKTE.
FAZIT.
Im Vergleich zum letzten Album geht es auf „The Deconstruction“ wieder flotter zur Sache - aber immer noch genauso schön, ergreifend, mitreißend, bewegend, gefällig und gleichzeitig auch kauzig und einzigartig wie eh und je. Der Einsatz von Chor und Orchester, die bei manchen Songs dezent im Hintergrund das Klangbild veredeln, erweist sich als höchst sinnvolle Ergänzung. Das und die wie üblich markante Vortragsweise von E, die kleinen Geschichten die hier erzählt werden - es sorgt alles für ein sehr wohliges Gefühl beim Hören.

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    Roman Jasiek
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    Roman Jasiek
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