KONZERTBERICHT: Enno Bunger, 27.11.2015 Pavillon Hannover
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

ENNO BUNGER – Herzen auf links (EP)

So lange ist es noch gar nicht her, dass ENNO BUNGER ankündigte, zusammen mit seinen Mitstreitern Nils und Onno im Dezember abermals auf Tour zu gehen. Da dann quasi als Boyband O.N.E., die im Rahmen der „Herzen auf links – auf die leise Tour“ einen Querschnitt des bisherigen Schaffens des Ostfriesen in akustischer Form präsentieren wird. Zeitgleich mit Ankündigung der Tourdaten (Anpfiff ist übrigens Anfang Dezember) posaunte Enno auch heraus, mit den Jungs eine kleine aber feine EP aufgenommen zu haben, die schon mal so ein bisschen auf die kommenden Konzerte einstimmen soll. „Herzen auf links“ ist seit letzten Freitag erhältlich. Und folgendes kann ich Euch an dieser Stelle schon mal verraten: wer den Bunger mag, kommt an dieser EP nicht vorbei. Wirklich nicht.

Aus der Reihe offene Geheimnisse, Binsenweisheiten und Feststellung offenkundiger Tatsachen kommt heute: die Songs von Enno Bunger erzielen immer dann ihre größtmögliche Wirkung, wenn der Piano Man sie akustisch oder gar nur durch sich selbst am Klavier begleitet vorträgt. Bunger-Interessierte kennen sicher alle die Videos von den Hamburger Küchensessions oder TV Noir, in denen die Songs in ganz ähnlicher Form vorgetragen werden wie auf vorliegender EP. Liebstes Beispiel: „Regen“, ohnehin schon Klos-im-Hals-Verursacher Nummer eins im Werk des Ostfriesen, bekommt in akustischer und demnach auf das Wesentliche reduzierter Fassung noch mal eine ganz neue Qualität. So ist es übrigens auch mit der Version auf dieser EP, die noch mal ein bisschen anders eingespielt wurde, als alle bisherigen Versionen zuvor. Sehr schön, es soll ja auch dem gewieftesten Kenner noch was geboten werden, nicht wahr?

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Dass „Regen“, vermutlich auch DER Fan-Liebling überhaupt, hier vertreten sein würde, überrascht nicht wirklich. Eher würde ich behaupten wollen, hier haben Enno und seine Gang schlicht Erwartungen erfüllt. Ein Fehlen von „Regen“ hätte gewiss nur einen #Aufschrei und ein #DankeMerkel produziert. Der kluge Barde sorgt eben vor. Ebenfalls dabei und schon deutlich überraschender: „Neonlicht“, eines der Highlights und die erste Auskopplung des letzten Albums „Flüssiges Glück“. Im Original ein flottes Stück, das von reichlich Elektronik durchzogen ist. Dass die Nummer auch als Akustik-Version so gut funktioniert, hätte ich nicht angenommen. Gefällt mir persönlich sogar besser so, aber das liegt womöglich daran, dass ich „Neonlicht“ seit Erscheinen ungefähr tausend Mal gehört habe. Ebenfalls mit an Bord „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“. Hier verhält es sich ähnlich wie mit „Regen“. Kennt man, liebt man. Ist in der gebotenen Darbietung ein bisschen romantischer als das Original. Quasi der perfekte Soundtrack zum sommernächtlichen Liegen auf einer Wiese, Kopf an Kopf und die Hände hinter selbigen verschränkt die Sternen beobachtend.

Nun hat „Flüssiges Glück“ aber auch gezeigt, dass Flausenleger Enno Bunger eben nicht nur Gefühlskino in Töne verpacken kann, sondern er überdies auch um klare Ansagen und politische Positionierungen contra Rechts nicht verlegen ist. Stichwort ist „Wo bleiben die Beschwerden?“, das schon auf der zurückliegenden Tour nur so vorgetragen wurde, wie eben auch hier auf dieser EP. Als Dank, Bestätigung und sehr angebracht wurde dies stets mit dem größten und langanhaltendsten Applaus quittiert. Man muss wohl keine Kristallkugel bemühen um zu erahnen, dass es auch künftig so bleiben wird. Gegenüber der Fassung auf „Flüssiges Glück“ ist diese hier sehr viel intensiver, eindringlicher, bewegender und erschütternder. Der traurige Soundtrack zu einer erschreckenden Entwicklung in unserem Land, von der man eigentlich hätte annehmen können müssen, dass sich diese ganze Nazi-Kacke niemals wiederholt. Man hätte einfach annehmen können müssen, dass wir aus der Vergangenheit gelernt und begriffen hätten. Pustekuchen! Ein Blick in irgendein beliebiges Nachrichtenmedium, egal welcher Tag, zeigt, dass wir scheinbar gar nichts gelernt haben. Oder großartig darin sind, zu vergessen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Ein Jammer, dass es weiterhin viel zu viele Menschen übrig bleiben werden, die Enno damit nicht erreichen und wenigstens zum Nachdenken bewegen wird. Deshalb: streut das Video immer mal wieder in den sozialen Netzen Eurer Wahl in Eure Timeline. Manche Dinge müssen gebetsmühlenartig wiederholt werden, „Wo bleiben die Beschwerden?“ gehört meines Erachtens nach dazu.

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Vier Songs dieser „Herzen auf links“-EP kennen wir schon in der einen oder anderen Form. Alles alter Kaffee also, frisch aufgebrüht in akustischem Gewand? Nö, nicht so ganz. Auch wenn es nicht oft genug betont werden kann, dass Bungers Songs in dieser spärlichen Darbietung die größte Wirkung entfalten, so beschränkt sich der Pop-Poet nicht einzig und alleine darauf. Will sagen: „Herzen auf links“ bietet mit „Bitte bleib bei mir“ eine Coverversion eines Songs, der im Original von den nicht minder großartigen Element Of Crime stammt. Faszinierend zu hören, wie sehr sich Enno in seiner Vortragsweise an Sven Regener annähert. Freilich, Ennos Stimme ist nicht ganz so kratzig und nöhlig wie die von Regener, dennoch: sollte dieser mal keinen Bock mehr haben, mit Element Of Crime durch die Gegend zu touren oder vorübergehend einen Ersatz brauchen, der mal einspringt: Enno Bunger hat sich hiermit empfohlen und eine eindrucksvolle Visitenkarte abgegeben.

Die „Herzen auf links“-EP ist so gut und so schön ausgefallen, dass es ein Jammer ist, hier gerade mal fünf Songs bzw. 22 Minuten Spielzeit geboten zu bekommen. Klar, es gibt ja im Dezember eine entsprechende Tour, wo deutlich mehr Lieder in dieser minimal-reduzierten Akustikversion vorgetragen werden. Hach, aber ein bisschen mehr hätte es dennoch sein dürfen! Nicht, dass wir uns falsch verstehen – das war gerade Jammern auf allerhöchstem Niveau.


Ich wiederhole es noch einmal und das nur zu gerne: die größtmögliche Wirkung seiner Songs erzielt Enno Bunger immer dann, wenn er sie nur als Klavierballade bzw. nur in sparsamer, akustischer Begleitung vorträgt. „Herzen auf links“ zeigt das (erneut) ganz Eindrucksvoll. Diese schnuckelige, kleine EP steht für mehrerlei Dinge: einerseits ist sie natürlich ein Geschenk an die Fans, welche die Videos von TV Noir oder den Hamburger Küchensessions schon so oft geschaut haben, dass deren Play- bzw. Repeat-Button bei Youtube inzwischen ganz verschlissen aussieht. Andererseits ist sie ein toller Begleiter für die kommende Tour, wo wir uns auf sehr viel mehr derartig vorgetragener Songs freuen dürfen. Und nicht zuletzt: durch die ganz hervorragende Auswahl der Stücke und ihre gebotene Darbietung empfiehlt sie sich als Dauerbrenner in jenen Playlisten, wo die Songs des Ostfriesen ohnehin vertreten sind. Alles super, alles prima – und trotzdem hätte ich gerne ein ganzes Album in dieser Machart. Bisschen träumen wird man ja wohl noch dürfen. #DankeEnno


ep300


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.9
GESANG.8
PRODUKTION.8.5
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Enno ist akustisch immer noch am besten
Alle Songs, inklusive der gelungenen Cover-Version von Element of Crime, sind große Würfe
NEGATIV.
Ein ganzes Album in diesem Stil wäre mehr als wünschenswert
8.2
PUNKTE.
FAZIT.
Diese schnuckelige, kleine EP steht für mehrerlei Dinge: einerseits ist sie natürlich ein Geschenk an die Fans, welche die Videos von TV Noir oder den Hamburger Küchensessions schon so oft geschaut haben, dass deren Play- bzw. Repeat-Button bei Youtube inzwischen ganz verschlissen aussieht. Andererseits ist sie ein toller Begleiter für die kommende Tour, wo wir uns auf sehr viel mehr derartig vorgetragener Songs freuen dürfen. Und nicht zuletzt: durch die ganz hervorragende Auswahl der Stücke und ihre gebotene Darbietung empfiehlt sie sich als Dauerbrenner in jenen Playlisten, wo die Songs des Ostfriesen ohnehin vertreten sind.