FOTO: DENNIS DIRKSEN.

ENNO BUNGER – Was berührt, das bleibt

„Was berührt, das bleibt“ ist der Titel des neuen Albums von Enno Bunger – und gleichzeitig auch das Motto eines Benefizkonzerts gewesen, das Enno Bunger im Mai 2018 zu Ehren der verstorbenen Lena Dietrich gab. Lenas Geschichte, die gleichzeitig auch die von Ennos Freund und Bandkollegen Nils ist, zeigt einmal mehr, dass Krebs ein Arschloch und das Schicksal ein mieser Verräter ist. Lena erhielt 2016 die Diagnose Blutkrebs. Ihre Verlobung feierte das Paar Lena und Nils auf der Leukämiestation des Uniklinikums Eppendorf in Hamburg. Für einen Moment schien es, dass sich das Blatt gewendet hatte und am Ende alles gut geworden ist. Im August 2017 heiratete das Paar; Lena war zu dem Zeitpunkt bereits für einige Monate krebsfrei. Enno Bunger, der zu den Trauzeugen gehörte, besang seinen Freund mit dem Stück „Ponyhof“, das auch auf dem vorliegenden Album zu hören ist. Doch dem Paar war nur ein kurzes Glück als Eheleute vergönnt. Lenas Krebs kehrte zurück und dieses Mal würde sie den Kampf nicht gewinnen können. Anfang November des gleichen Jahres verstarb Lena im Beisein ihres Mannes und ihrer Familie.

Ich kann mir nicht ausmalen, was für ein unfassbarer Schlag das für die Hinterbliebenen – speziell Nils – gewesen sein muss und wie man lernen soll, wieder auf die Beine zu kommen, nachdem man vom Schicksal so derbe in die Mangel genommen wurde. Gleichwohl weiß ich, wie sehr Krebs ein mieses Arschloch ist, das immer, immer, immer zu früh zuschlägt. Ich habe es selbst beobachten müssen. In meiner Familie, in der von engsten Freunden. Für alle, die das erleben mussten, vielleicht gerade selbst in einer solchen Situation stecken und auch als eine Art Selbsttherapie aufgrund eigener Erfahrungen hat Enno dieses Album gemacht. Teile davon waren schon vor diesem Schicksalsschlag fertig, beim Hören merkt man jedoch, wie sehr der weitere Entstehungsprozess dadurch beeinflußt wurde. Schließlich musste Enno selbst auch einen herben Schicksalsschlag ähnlicher Gewichtsklasse verarbeiten, wurde doch bei seiner Freundin ebenfalls Krebs diagnostiziert. Die aber scheint nach meinem derzeitigen Kenntnisstand den Kampf gewonnen zu haben. Ein wichtiger, ein großartiger Hoffnungsschimmer. Logisch, dass auch diese Erfahrung Einzug in den Entstehungsprozess des Albums gehalten hat. Genauso wie die Hoffnung, übrigens.

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Ich hätte in dieser Phase eigentlich dringend einen Psychotherapeuten aufsuchen müssen, aber ich wollte mich durch das Schreiben selbst therapieren. So können aus den traurigsten Anlässen die berührendsten Lieder entstehen. Die größte Scheiße, durch die man gehen muss, kann der beste Dünger für berührende Kunst sein“, sagt Enno über dieses Album. Wie recht er hat. Kennt Ihr das Buch „Vincent“ von Joey Goebel? Ich habe das hier im Blog schon verschiedentlich erwähnt. Im Prinzip ist die Grundaussage dieses sehr lesenswerten Romans folgende: Wirklich große Kunst entsteht immer nur dann, wenn es dem Künstler aus diesem oder jenem Grund nicht gut geht. „Was berührt, das bleibt“ ist (nicht nur) in dieser Hinsicht Ennos Meisterstück. Leider, möchte man fast sagen. Und es ist ein Geschenk für alle, die durch schwere Zeiten gehen.

Flüssiges Glück“, das letzte Album, bestach seinerzeit durch eine verspielte Leichtigkeit, musikalisch neu beschrittener Wege durch den vermehrten Einsatz elektronischer Elemente und ganz viel Wortwitz. Der selbsternannte Flausenleger war seinerzeit der Ansicht, dort läge der Gin des Lebens. Wie die Geschichte zeigte, liegen Freud und Leid oftmals sehr dicht beieinander.

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Ein bisschen schwingt davon noch im Eröffnungsstück „Kalifornien“ mit. Leichtfüßiger, gitarriger Indie-Pop, der gleich zu Beginn eine der wichtigsten Botschaften des Albums liefert: Zeit ist Geld, wir werden so reich geboren. Mal ehrlich, Leute – wie viele Tage unseres Lebens verbringen wir eigentlich damit, sie bewusst zu genießen? Und an wie vielen Tagen funktionieren wir nur? Weil uns Job, Alltag oder was weiß ich so versklavt haben, dass der Blick für das Wesentliche verloren gegangen ist, während jeder verstrichene Tag eine Einheit von unserem verbleibenden Zeitkonto abbucht. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das vorab ausgekoppelte „Bucketlist“. Wir alle haben diese Liste mit Dingen, die wir irgendwann noch gemacht haben, Orte die wir irgendwann noch gesehen haben wollen. Die Kollegen von Kettcar haben im Song „Benzin & Kartoffelchips“ ihres sensationellen Albums „Ich vs. Wir“ vorab schon mal eingegrätscht: Irgendwann ist Wohlfühlmist und graue Theorie. Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie. Und dann, so lässt es sich interpretieren, folgt das Album dramaturgisch dem Schicksal Lenas.

Das bereits erwähnte „Ponyhof“ ist eine Ode auf eine besondere Freundschaft, die ergreifender und bewegender kaum sein könnte. Eine solche Trauzeugenrede wünscht man sich und allen, die eine derartige Rede präsentiert bekommen. Das pianogeschwängerte „Stark sein“ schildert sehr eindringlich den Zeitpunkt, als die (neuerliche) Diagnose kam. Oder die von Ennos Freundin. Alles ist nicht mehr so wichtig. Jeder Vorsatz, jeder Plan, steht jetzt erstmal hinten an. Und: Jeder Pieks in deinen Arm ein Stich in mein Herz – das mitschwingende Gefühl kennt wohl jeder, der schon einmal den Leidensweg von Krebspatienten miterleben musste. „Die Bäume streuen Konfetti“ ist folgend die musikalische Erinnerung an die Beerdigung. Kannst du das sehen, wie wir uns vor dir verneigen? Die Bäume streuen Konfetti und klatschen mit den Zweigen. Du musstest früher gehen, aber was berührt, das bleibt. Spätestens hier kann es passieren, dass sich Tränen ungehemmt ihren Weg bahnen.

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Die nachfolgenden Songs beschreiben die Zeit der Trauer, des Zweifels an Gott und/oder dem Schicksal, das Loch in das man fällt und wie man vielleicht wieder daraus hervorkommt. Die Pianoballade „Glaube an die Welt“ stellt die berechtige Frage, woran man noch glauben soll, wenn einem das Schicksal so derbe in die Fresse schlägt. Das eher minimalelektronische „Wofür hältst du dich“ schildert, wie man nach so einem Ereignis in Depressionen verfällt und in einem selbst die Frage aufkommt, wofür man sich eigentlich am Leben festhält. Enno beantwortet diese Frage nicht, weil es manchmal keine Antworten gibt. Oder sie erst im Nachhinein, sehr viel später, klar werden, und mitunter nichts anderes funktioniert als zu funktionieren. In „Wolken aus Beton“, musikalisch sehr zeitgenössischer, fast schon pompöse Pop-Musik und wieder deutlich fröhlicher, möchte der Erzähler dem Gefallen wieder auf die Beine helfen. Es ist schwer, hier keine Analogie zu Enno und Nils hineinzuinterpretieren.

Niemand wird dich retten“ ist quasi ein lyrischer Streifzug durch die Popkultur und insofern ein Motivator, dass man in vielen Fällen nur sich selbst ein Held sein kann. Hier haben auch wieder vermehrt die Wortspiele Einzug gehalten, für die man Enno Bunger unter anderem schätzt: Du suchst überall nach einem Helden, doch hier ist niemand, der einen Clark kennt. Niemand hier kann Dich retten. Niemand, außer Dir selbst. Ein bisschen der Brückenschlag zurück zum Anfang des Albums. Lebst du schon oder existierst du nur?

Zum Schluss wird es mit „Weichzeichnungsfilter“ noch einmal tragisch und melancholisch, aber auch hier zündelt Enno an dem Funken herum, der die Hoffnung entfachen kann.

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Auf dem letzten Album sang Enno im Stück „Heimlich“ sinngemäß, dass er Kummerjäger sein möchte. Auf „Was berührt, das bleibt“ löst er dieses Versprechen ein. Für sich. Für seinen Kumpel Nils. Für alle, die mit dem Verlust geliebter Menschen fertig werden müssen. Es ist ein Album, das berührt, das betroffen macht und traurig – und gleichzeitig Mut und neue Zuversicht weckt. Die heilende Kraft der Musik? Enno Bunger hat verstanden, wie das geht. Verpackt in weniger Elektro, viel mehr Klavier – und so viel Gefühl, wie noch nie.


Durch die Ankündigung des Albums wusste ich ja im Prinzip vorher schon, was zu erwarten ist. Zudem konnte man das tragische Schicksal, das den traurigen Hintergrund von „Was berührt, das bleibt“ lieferte, unter anderem über Ennos Social Media-Kanäle ein bisschen mitverfolgen. Ich hätte allerdings nicht erwartet, wie feinfühlig Enno mit dem Thema Tod umzugehen vermag, wie sensibel er etwas so unbegreifliches wie das viel zu frühe Ableben geliebter Menschen oder Diagnosen, die das Leben verändern, in Songs verpacken kann. Dieses Album ist stellenweise so unfassbar traurig und doch: Gleichzeitig umarmt es das Leben. Und den Mut, daran festzuhalten. Ein ums andere Mal standen mir die Tränen in den Augen. Durch die Verluste, die ich selbst erlebt habe, aber auch durch die Schicksalsschläge, die mein bester Freund zu durchstehen hatte. Enno schafft es hier in musikalischer Form, eine Brücke zu schlagen zwischen all jenen, die trauern. Die irgendwie wieder mit dem Leben zurechtkommen, die wieder aufstehen und weitermachen müssen. Oder die noch mitten drin sind in einem Kampf, bei dem man schnell die Hoffnung verlieren kann. Dieses Album hat das Zeug dazu, Wunden wieder aufzureißen – um sie dann, vielleicht endgültig, auf behutsame Weise wieder zu verschließen und die Hörer mit der Erkenntnis zu bedenken, dass es weitergeht. Auch wenn es vielleicht momentan nicht klar ist, wie das funktionieren soll. Und dass das Leben das einzige ist, was wir haben und demnach lieber gestern als morgen damit anfangen, es richtig auszukosten. Ich möchte mich bei Enno und seinen Mitstreitern (u.a. Thomas Siebert und Roland Meyer de Voltaire) aufrichtig bedanken, für den Mut, für die Aufrichtigkeit und die nötige Sensibilität, dieses schwere Thema auf diese Weise aufzuarbeiten, uns teilhaben zu lassen an seinem Schmerz und dem von Nils und dadurch gleichwohl Kraft zu geben. Gleichzeitig hoffe und wünsche ich, dass Enno in seiner weiteren Karriere nie wieder ein Album dieser Güteklasse machen muss.



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ENNO BUNGER – Was berührt, das bleibt
FAZIT
Ich möchte mich bei Enno und seinen Mitstreitern aufrichtig bedanken, für den Mut, für die Aufrichtigkeit und die nötige Sensibilität, dieses schwere Thema auf diese Weise aufzuarbeiten, uns teilhaben zu lassen an seinem Schmerz und dem von Nils und dadurch gleichwohl Mut zu machen. Gleichzeitig hoffe und wünsche ich, dass Enno in seiner weiteren Karriere nie wieder ein Album dieser Güteklasse machen muss.
INHALT / KONZEPT
10
TEXTE
10
GESANG
9
PRODUKTION
9.5
UMFANG
8.5
GESAMTEINDRUCK
10
Leserwertung6 Bewertungen
9.4
POSITIV
+ Selten wurde der Tod eines geliebten Menschen musikalisch so feinfühlig aufgearbeitet wie hier.
+ Es klingt wie eine abgedroschene Phrase, aber Enno Bunger klingt erwachsener und gereifter als je zuvor.
+ Mut und Schwermut sind perfekt ausbalanciert. Man kann bei diesem Album viel weinen - und noch mehr Mut und Kraft schöpfen.
NEGATIV
9.5
PUNKTE