KONZERTBERICHT: Enno Bunger, 27.11.2015 Pavillon Hannover
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

KONZERTBERICHT: Enno Bunger, 27.11.2015 Pavillon Hannover

„Flüssiges Glück“ nennt sich das aktuelle Album von ENNO BUNGER. Seit Mitte Oktober verzückt das jüngste musikalische Kind des Ostfriesen wohl nicht nur uns. Ganz klar: bei einem Werk, das wir derart abgefeiert haben wie dieses mussten wir uns einfach angucken, wie gut die Songs live funktionieren. Und das taten wir. Am Abend des 27. Novembers 2015 spielten Enno Bunger und Band im Pavillon Hannover das 14. von sechzehn Konzerten im Rahmen der Flüssiges-Glück-Tour. Mick und ich haben uns einmal mehr als rasende Chronisten betätigt und uns mal angeschaut, was Enno und seine Leute dort auf die Bühne brachten.

Lestat Vermon. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Lestat Vermon. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Der Weg in die „verbotene Stadt“ (sorry, unser Herz schlägt halt für Braunschweig ;) ) war uns noch bestens in Erinnerung. Schließlich hatten wir den Weg in Richtung Pavillon erst im Oktober hinter uns gebracht, als Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol alias Gloria im Pavillon aufspielten. Da man an einem Freitagabend den Verkehr auf der A2 immer nicht so richtig einschätzen kann, sind wir lieber früher als später nach Hannover aufgebrochen und erreichten das Pavillon kurz nach 19 Uhr. Parkplatz direkt vor der Tür – perfekt! Der Abend fing ja gut an. Einlass war für 20 Uhr, der Beginn sogar erst für 20:50 Uhr angesetzt. Genug Zeit also, die Kulisse zu begucken und sich mit einem Bier zu akklimatisieren. Als um 20 Uhr die Pforten zum Großen Saal des Pavillons aufgestoßen wurden, war es im Hinblick auf die Zahl wartender Gäste noch sehr überschaubar. Das würde doch bitte nicht so bleiben? Nee, blieb es nicht.

Projektor. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Projektor. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Bevor es jedoch an die Musik ging, eroberte gegen 20:50 Uhr Sören vom Pavillon die Bühne, begrüßte die Gäste und gab ein paar Veranstaltungstipps des Pavillons bekannt. Dann übergab er das Wort an Enno Bunger, der an diesem Tag übrigens seinen Geburtstag feierte. Ein entsprechendes Ständchen durch die Gäste folgte im Verlaufe des Abends in einer Pause zwischen zwei Songs. In seiner Begrüßungsansprache erklärte Enno uns, dass er richtig Bock auf den heutigen Abend habe und dass die folgende Veranstaltung eine Art „Festival der guten Laune“ sei, bei dem die Mitstreiter seiner Band zunächst mit ihren eigenen Projekten den musikalischen Reigen eröffnen würden: Tobias Siebert mit And the Golden Choir, Phil Makolies von Woods Of Birnam mit Lestat Vermon sowie Onno Dreier & Nils Dietrich mit projektor.

Projektor. | Foto; Michael Kanzler / AVALOST
Projektor. | Foto; Michael Kanzler / AVALOST

Und so geschah es. Den Anfang machte Lestat Vermon. Ein ziemlich chilliger, sehr ruhiger Einstieg war es, den Singer-Songwriter Philipp Makolies hier präsentierte. Schon mit dem zweiten Stück war der Auftritt von Lestat Vermon schon wieder vorbei, nicht jedoch ohne dass der sympathische Dresdener vorher erklärte, das finale Stück „Little Cute Bunny Shirt“ für seine kleine Tochter geschrieben zu haben. Man könnte förmlich spüren, wie eine Welle der Sympathie in Richtung Bühne schwappte. Danach ging es in unveränderter Konstellation auf der Bühne weiter. Projektor waren am Start. Ebenfalls leider mit nur zwei Stücken, aber dafür schon mit deutlich mehr Tempo. Leicht elektronisch eingefärbter Indie-Pop, sehr gefällig und vor allem passend zum eigentlich Act des Tages. Anschließend wurde die Bühne von allen Musikern geräumt, übrig blieb nur Thomas Siebert mit seinem Ein-Mann-Projekt And The Golden Choir. Er erklärte, dass er Menschen ja nicht so möge – und ließ die Musik im Folgenden bis auf sein Gitarrenspiel von einer Schallplatte abspielen, die er jahrelang in ihre Rillen gekratzt habe. Herrliches Knistern inklusive. Und Wechseln / Umdrehen der Vinyls zwischen den Songs. Herrn Siebert war eine längere Spielzeit beschieden, die er gekonnt zu nutzen verstand. Als letzter „Anheizer“ vor Bunger hätte es gar keine bessere Wahl geben können. Nach etwa ca. 40 Minuten waren die allesamt sehr erlebens- und vor allem hörenswerten Vorbands durch, es wurde noch kurz ein bisschen auf der Bühne vorbereitet und gemacht und getan und weitere, knapp zehn Minuten später hieß es dann endlich: Bühne frei für Enno Bunger!

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Den Einstieg machten Enno und Band mit dem elektrisch pulsierenden „Renn!“. Auf das Lied abgestimmt prasselte auch ein Strobo-Gewitter auf die Gäste ein. Das war in seiner Konsequenz vielleicht ein bisschen viel des Guten. Wir konnten so einige Gäste beobachten, die sich die Augen bedeckt hielten. Strobo kann auf Dauer doch ganz schön anstrengend sein. Zum Glück wurde das im Verlaufe des Konzerts nicht so häufig genutzt. Es folgte „Neonlicht“, die erste Auskopplung des neuen Albums. Und spätestens jetzt hatten die Musiker auf der Bühne ihre Gäste abgeholt. Schade nur, dass es Enno nicht gelungen war, trotz mehrmaliger Aufforderung etliche Besucher auf den Rängen näher an die Bühne zu locken. Aber so ist das bei uns in diesem Teil Niedersachsens: wir Ostfalen sind ein schwieriges Publikum. Ob nun Braunschweig oder Hannover, das Eis, das es zu schmelzen gilt, ist schon ein ziemlich dicker Panzer. Am deutlichsten wurde dies bei „Nichts immer alles jetzt“, dem einzigen Stück, bei dem Enno hinter seinem Keyboard hervorkam und das Publikum zum Mitsingen animieren wollte. Leider mit überschaubarem Erfolg. Nach unserem Dafürhalten hätte es ruhig noch mehr zu einer Geburtstagsparty mit noch mehr tanzenden und singenden Menschen vor der Bühne werden dürfen. Nicht zuletzt weil die Akustik dort nun wirklich geiler war.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

An der Set-List sowie den charmanten und humorvollen Ansagen zwischen den Songs konnte die Zurückhaltung jedenfalls nicht gelegen haben. So ziemlich alles, was im bisherigen Schaffen Enno Bungers Spaß macht, wurde gespielt. Der Überhit „Regen“ beispielsweise fand sich relativ früh im Programm wieder. Ironisch begleitet mit dem Seitenhieb auf Klaas Heufer-Umlauf, der den Song für seine Band Gloria wohl ohne zu fragen gecovert hatte – und Enno dafür zum Dank einen Kasten Bier spendierte. Oder: Im Vorfeld zu „Heimlich“ erklärte Enno uns, dass er ja früher immer depressiv gewesen sei und aus dieser Stimmung heraus traurige Songs geschrieben habe. Und dass es ihm jetzt fast peinlich sei, dass es ihm aktuell einfach gut ginge und er deshalb fröhliche Songs schreibe, die von Musikkritikern argwöhnisch aufgenommen würden. Nö, nicht von allen. Die vielen kleinen Anekdoten, die er immer wieder einstreute, lockerten das Geschehen sehr auf und erhöhten den Unterhaltungswert dieses Konzerts enorm. Sich hinstellen und einfach die Lieder runterrasseln kann man machen, muss man aber nicht. Fans freuen sich über Darbietungen wie an diesem Abend gewiss viel mehr. Wie zum Beispiel auch über die mit der Anekdote bezüglich „Am Ende des Tunnels“, in dem sich der „Wut-Bunger“ (eigene Aussage!) über den Rotz, den so viele Radiosender heute produzieren, aufregt.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Apropos Wut-Bunger und vor allem Wut-Bürger: Auch das richtige und wichtige „Wo bleiben die Beschwerden?“ wurde gespielt. Begleitet von der Ansage, dem Rassismus und dem leider immer mehr erstarkenden rechten Schwachsinn entgegen zu treten, wo und wann immer möglich. Dies wurde von den Gästen mit dem längsten Applaus quittiert. Richtig so! Es war dem Enno deutlich anzusehen, dass ihn dieses Thema persönlich sehr berührt.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Kurz nach 23 Uhr verließen die Musiker kurz die Bühne, bevor es an den angekündigten, obligatorischen Zugabenblock ging. Dieser wurde eingeleitet mit „Klumpen“ vom aktuellen Album. Mit dem ihm eigenen Humor erzählte Enno dem Publikum, dass er ja erkältet sei und dies auch war, als er jenen Song geschrieben hatte. Darum handele es sich bei „Klumpen“ auch um ein Stück in Pull-Moll. Da war er wieder, der Wortspieler. Wohlwollendes Gelächter belohnte diesen Gag. Beim zweiten Teil der Zugabe handelte es sich um „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“. Oh, wie wahr, wie wahr! Es war offensichtlich, dass sich das Konzert dem Ende näherte. Es ging inzwischen auch schon auf halb zwölf zu. Wir lassen uns treiben / zum springenden Punkt. / Ich möchte noch bleiben / die Nacht ist noch jung. / Wir lächeln und schweigen / so vertraut und doch fremd / ich möchte noch bleiben / für diesen Moment singen und spielen Enno und Kapelle und anhand der Gesichter rings um uns herum ließ sich erkennen: oh ja, sie wollten alle noch bleiben, die Nacht war ja schließlich noch zu jung, die Stimmung und das Konzert gerade zu schön, um jetzt schon zu gehen.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Leider ist es aber so, dass alle schönen Dinge einmal enden müssen. Und das taten sie in diesem Falle mit der ultimativen Hymne auf das pulsierende Leben einer besonderen Stadt: „Hamburg“. Es kam einmal mehr das Strobo-Licht zum Einsatz, das zwar wieder bestens auf den Rhythmus des Liedes abgestimmt, aufgrund des Dauerfeuers allerdings abermals ein bisschen anstrengend war. Schade, dass im elektronischen, tanzbaren zweiten Teil dieses Knüllersongs weiterhin so wenig Bewegung vor der Bühne und auf den Rängen zu beobachten war. Enno und seine Mitstreiter hatten alles dafür getan, dass die Gäste hier theoretisch tanzend eskalieren hätten können – es aber offensichtlich weitgehend vorzogen, eher verträumt in der Musik zu schwelgen. Auch gut.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Als die Lichter im Pavillon angingen, waren ringsherum glückliche Gesichter auszumachen. Ein richtig tolles Konzert war das! Ein schönes Geburtstagsgeschenk von Herrn Bunger an sich selbst, eine musikalische Geburtstagstorte für die Gäste. Die anfänglich zugesicherte Lust darauf, an diesem Abend zu spielen, war in jeder Sekunde spürbar. Die aktuelle Runde der Flüssiges-Glück-Tour ist inzwischen leider fast vorbei, doch schon für das Frühjahr 2016 sind weitere Termine angekündigt. Wir werden ganz Gewiss bei einem Auftritt in unserer Nähe diesem tollen Entertainer erneut einen Besuch abstatten und legen Euch ans Herz, es uns gleich zu tun. Musiker mit derart viel Bock darauf, ein Konzert zu spielen erlebt man echt nicht alle Tage. Wenn wir, begleitet von dieser Musik, wieder flimmernd und leuchtend durch die Nacht rauschen, dann spüren wir wieder: hier liegt der Gin des Lebens.

Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Enno Bunger. | Foto: Michael Kanzler / AVALOST