Quelle: Faderhead

FADERHEAD – Asteria

Seit dem 4. Oktober können sich Faderhead-Fans am zehnten Album des Hamburger Künstlers erfreuen. Es hört auf den Namen „Asteria“ und verspricht laut Pressetext das düsterste Werk aller Zeiten zu sein. Poppig war gestern, heißt es da sinngemäß und doch sollen wir es mit einem intensiven Futurepop/Darkelectro/Industrial-Album zu tun bekommen, in dem Faderhead seinen persönlichen Veränderungsprozess zu Gehör bringt. Na, neugierig geworden?

Okay, doch bevor wir in die 13 neuen Titel reinhören, möchte ich doch noch aus dem Pressetext zitieren, was Faderhead zu „Asteria“ motiviert hat. „Wenn man das Gefühl hat, dass nichts was man ist, einem selbst noch ausreicht, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: man kann komplett aufgeben oder man kann sich Stück für Stück von dem lösen, was man ist. Um dann zu versuchen, jemand zu werden, mit dem man besser leben kann. Die Songs auf „Asteria“ sind Momentaufnahmen dieser Versuche.“ — Hat jetzt noch jemand außer mir Gänsehaut bekommen?

Mit dem ersten Titel auf dem Album gibt der Hamburger Producer auch gleich Volldampf. „From His Broken Bones“ ist der schnellste Track auf „Asteria“ und genau so schnell stürmt er als Single auch an die Spitze der DAC auf Platz #2. Anfangs erinnerte mich der Song noch ein wenig an EBM. Ein eingängiger Beat mit tiefem Bass-Sound, der es kaum erwarten kann, den Staub aus den Lautsprechermembranen zu pusten. Dazu schnelle Lyrics, die dann allerdings zum Refrain immer melodischer werden, obwohl der Text wenig Harmonie, sondern viel Melancholie versprüht. Interessant ist auch die instrumentale Bridge, in der die technoide Bassline wie der Soundtrack zu einem Computerspiel klingt.

Es folgt „The Other Side Of Doom“, mit Abstand der langsamste Titel des Albums. — Moment, kann man das so machen? Faderhead kann und um ehrlich zu sein, treiben der ultratiefe, leicht verzerrte Bass, die Drum-Sequenzen, der verzerrte Gesang und der düstermelodische Refrain so sehr durch den Song, dass er auf die Tanzfläche möchte. Wer jetzt meint, war da nicht was von düsterstes Album und so, der sollte sich mit den Lyrics auseinandersetzen. Uups, das war eindeutig zweideutig, denn wie häufiger auf diesem Album sind Text und Musik doch sehr gegensätzlich und doch von Faderhead immer bewusst so inszeniert, um seinen persönlichen Veränderungsprozess zu beschreiben. Ich vermute, es geht Faderhead in „The Other Side Of Doom“ ein Stück weit um das Reflektieren, warum man so ist, wie man ist und dass man seinem Gegenüber nicht in den Kopf schauen kann, um zu erraten was er denkt oder weiß. Ich glaube, man könnte dann hier von intrinsischen Faktoren beim Veränderungsprozess sprechen. Gibt es da bei Faderhead auch extrinsische? Die Antwort darauf liefert prompt „Watching The Watchers“. Der Song beginnt mit einem Sample eines Barack Obama Statements zu PRISM, einem geheimen Überwachungsprogramm digitaler Kommunikation durch die amerikanische Regierung. Der düstere Futurepopsong kommt so melodisch daher, während Faderhead vom gläsernen Menschen singt und die Schere im Kopf beschreibt, die ihn in der heutigen Gesellschaft hindert, Dinge öffentlich zu sagen. Musikalisch hat der Song etwas hymnenhaftes und gefiel mir vom ersten Moment.

Der vierte Song auf „Asteria“ ist „With A Borrowed Knife“, eine düstere und getragene Ballade, die sich ohne Schnörkel in den Kontext des Albums einreiht. Beim ersten Hören der Worte „Knife“ und „Life“ hatte ich gedanklich falsche Assoziationen, geht es doch in dem kurzweiligen Track vielmehr darum, der zu werden, mit dem man besser leben kann. Dieser Transformationsprozess mündet musikalisch wie textlich im Acid-Techno-Bass-Feuerwerk von „The Acid Witch“. Roman hat es sehr treffend beschrieben: „The Acid Witch ist ein Musik gewordener, total ekstatischer (Drogen-)Trip, den man sich für die Love Parade gewünscht hätte. Wenn die Doors heute noch Musik machen würden… wer weiß, das Ergebnis wäre vielleicht sogar ähnlich psychedelisch und losgelöst von der Wirklichkeit.“. Dem kann ich kaum noch etwas hinzufügen, außer vielleicht einen Vergleich, der mir beim ersten Hören in den Kopf ging. Das minimalistische „The Acid Witch“ dröhnt aus den Boxen und Faderhead dirigiert das hypnotisierte Publikum vor der Bühne. „Rechts, links, rechts…“, Douglas McCarthy hätte es nicht besser machen können. Mit nur einer Strophe und einem einzeiligen Refrain schafft Faderhead den ausdrucksstärksten Track auf „Asteria“.

Kraftvoll geht es dann auch schon mit „Slowly We Inch“ weiter. Oberflächlich musikalisch betrachtet, könnte man Parallelen zu „TZDV“ vom Album „FH3“ aus dem Jahr 2008 ziehen. Doch auf „Asteria“ hat sich Faderhead schon so viele Meilen vom Schreiben inhaltsleerer Partykracher entfernt, wie man sich nur irgend vorstellen kann. „Slowly We Inch“ markiert den erhobenen Zeigefinger Faderheads, in dem er die Titelzeile schon beinahe heraus schreit, um dann mit zuckersüßer Gesangstimme zu Beginn der ersten Strophe eine Textzeile aus „Watching The Watchers“ zitiert. „Slowly We Inch“ knüpft also in den Lyrics thematisch wieder an den Verlust der Privatsphäre an. Faderhead geht außerdem auf die aktuell in der Medienlandschaft geführten Propagandakriege (Storytelling) ein, die jedem gesunden Menschenverstand entbehren und doch die stumpfen Massen hinter sich postieren. Er unterstreicht das Ganze durch ein Textsample zum „battle of ideas“ (Krieg der Ideen), das sich geschickt unter dem tanzbaren Beat versteckt und den Song – bei all der Düsternis – absolut für die Tanzfläche empfiehlt.

Quelle: Faderhead

Ebenfalls auf die Tanzfläche gehört der Futurepoptrack „Murder“. Eher melodisch und beinahe heiter klingt der Song auf dem ansonsten doch viel düstereren Album und schreitet der Veränderung gleichförmig entgegen. Der Titelsong „Asteria“ beginnt sehr ruhig und entfaltet seine Kraft durch die große Dynamik. Der Song wechselt zwischen technoiden und ruhigen Passagen und lässt Faderhead Raum, seine gesanglichen Fähigkeiten auf dem Weg zur Veränderung zu präsentieren. Bei „Mistakes & Pain“ handelt es sich nach meinem Empfinden für eine Überleitung, eine Art Zwischenspiel. Der Song wirkt ängstlich und doch kurzweilig, dunkel und doch mit kleinen Lichtblicken. Die Lyrics unterstreichen einmal mehr, was Faderheads Veränderungsprozess beeinflusst hat und dass es Fehler gibt, die dennoch nicht zu bereuen sind. Durch den immer wieder eingesetzten Vocodereffekt auf Samis Stimme wirkt der Song wie ein Duett Faderheads mit seinem künstlichen, computergenerierten Selbst.

Wer jetzt denkt, das Album „Asteria“ begibt sich nun in ruhigeres Fahrwasser, der irrt gewaltig. Mit „Neophobiac“, einem schnellen Industrial/EBM-Track, der seine Hamburger Herkunft nicht leugnen kann, treibt Faderhead seine Hörer von den Bänken auf die Tanzfläche. Der Song geht nach vorn, doch warum ist er viel verhaltener als man von Faderhead gewohnt ist? Vielleicht steckt die Antwort in den Lyrics oder bereits im Songtitel „Neophobiac“ selbst. Am besten jeder findet es beim Hören des ganzen Albums „Asteria“ für sich heraus. Wir machen mit „Halo“ weiter, der sich anfangs auch nahtlos an „Neophobiac“ anschmiegt und dann durch Hardcore- und Techno-Einwürfe viel aggressiver wird und teilweise an The Prodigy erinnert. Erweckt „Halo“ in den Lyrics als auch in der Musik noch den Anschein von innerer Zerrissenheit, so findet mit der ruhigen und melodischen Ballade „The Bottom“ eine Art Versöhnung statt. Warum aus der Dunkelheit und Melancholie ausbrechen, wenn sie doch so sehr zum eigenen Wesen gehören? „The Bottom“ kennzeichnet das Ende Faderheads persönlichen Veränderungsprozesses und bereitet den Weg für den letzten Song auf „Asteria“. Der Titel „Dancing All Alone“ lässt es schon vermuten, es darf wieder getanzt werden. Der eingängige Song am Ende gibt dem Album mit „From His Broken Bones“ am Anfang einen schönen Rahmen. „Dancing All Alone“ hat zwar weniger Dynamik und wirkt schon beinahe poppig, doch der Song vermittelt auch ein heimisches Gefühl von „endlich angekommen“. Und auch Ihr seid am Ende angekommen, wenn Ihr bis hier gelesen habt.


Bereits auf der „Atoms & Emptiness“ von 2014 hat mich Faderhead mit seinem Gespür überrascht, Gefühle zu vertonen und seine Gemütslage zu besingen. Fünfeinhalb Jahre und drei Alben später versteckt er sich nun nicht mehr hinter der großen, coolen Sonnenbrille. Ziel der musikalischen „Asteria“-Reise sollte es für Faderhead sein, jemand zu werden, mit dem er besser leben könne. Ob ihm das gelungen ist, werden wir wohl auf der Asteria-Tour in 2020 sehen und hören und auf künftigen Alben wahrnehmen. Was ihn persönlich beschäftigt und zu düsteren Gedanken führt, hat er mit „Asteria“ offen gelegt. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf die eigene Gefühlswelt, sondern gibt auch Einblick, mit welchen tagespolitischen Themen er sich beschäftigt, ohne jedoch ein politisches Statement abzugeben. „Asteria“ fügt sich sehr gut an „Night Physics“ in seiner Diskographie an und geht dann doch einen Schritt weiter und bricht mit alten Gewohnheiten. Die Songs versprühen bei all der Dunkelheit eine große Intensität, ja haben teilweise schon beinahe etwas hypnotisches, was sich die Altmeister in diesem Musikgenre über mehrere Jahrzehnte erarbeiten mussten. Gratulation Sami, ein großartiges Album und auch wenn „From His Broken Bones“ die Charts stürmt – bei Roman und mir läuft seit Tagen „The Acid Witch“, dass der Putz von den Wänden bröckelt!


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Erscheinungsdatum
4. Oktober 2019
KÜNSTLER
Faderhead
TITEL
Asteria
LABEL
Not A Robot Records
TRACKLIST
From His Broken Bones | The Other Side Of Doom | Watching The Watchers | With A Borrowed Knife | The Acid Witch | Slowly We Inch | Murder | Asteria | Mistakes & Pain | Neophobiac | Halo | The Bottom | Dancing All Alone
Unsere Wertung
9.2
FADERHEAD – Asteria
FAZIT
Ziel der musikalischen „Asteria“-Reise sollte es für Faderhead sein, jemand zu werden, mit dem er besser leben könne. Ob ihm das gelungen ist, werden wir wohl auf der Asteria-Tour in 2020 sehen und hören und auf künftigen Alben wahrnehmen. Was ihn persönlich beschäftigt und zu düsteren Gedanken führt, hat er mit „Asteria“ offen gelegt. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf die eigene Gefühlswelt, sondern gibt auch Einblick, mit welchen tagespolitischen Themen er sich beschäftigt, ohne jedoch ein politisches Statement abzugeben. „Asteria“ fügt sich sehr gut an „Night Physics“ in seiner Diskographie an und geht dann doch einen Schritt weiter und bricht mit alten Gewohnheiten. Die Songs versprühen bei all der Dunkelheit eine große Intensität, ja haben teilweise schon beinahe etwas hypnotisches, was sich die Altmeister in diesem Musikgenre über mehrere Jahrzehnte erarbeiten mussten. Gratulation Sami, ein großartiges Album und auch wenn „From His Broken Bones“ die Charts stürmt - bei Roman und mir läuft seit Tagen „The Acid Witch“, dass der Putz von den Wänden bröckelt!
INHALT / KONZEPT
9.5
TEXTE
9.5
GESANG
9
PRODUKTION
10
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung4 Bewertungen
6.3
POSITIV
Die innere Transformation Faderheads ist in jedem Ton hör- und spürbar.
Ein fein austariertes Electro-Album, das sich im Spannungsfeld zwischen Industrial und Futurepop bewegt.
Faderhead ist vielleicht nicht so lange am Start wie manch anderer Act, dafür aber um Klassen besser als viele andere.
In einem Wort: "Asteria" ist ein (weiteres) Meisterwerk aus dem Hause Faderhead.
NEGATIV
9.2
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
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