HUGH LAURIE - Didn't It Rain
Foto: Warner Music

HUGH LAURIE – Didn’t It Rain

Dass sich Schauspieler irgendwann der Musik zuwenden, ist so ungewöhnlich nicht. So manches Mal möchte man dem Filmpromi hinterher ein fröhliches „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ an den Kopf werfen. Bei Bruce Willis beispielsweise oder Don Johnson ist es nicht sooooo schade, dass sie uns nicht regelmäßig(er) ..öh.. beglück(t)en. William Shatner hingegen babbelt immer noch fröhlich seinen Sprechsingsang zu Melodien, bei denen Ritchie Blackmore oder Sheryl Crow die Saiten zupften. Auch HUGH LAURIE, vor allem bekannt für seine Rolle der garstigen Arztkartoffel namens House, hat das kommerzielle Musizieren für sich entdeckt. Mit „Didn’t It Rain“ lieferte der Tausendsassa kürzlich sein zweites Album ab. Die Frage, die sich stellt, ist: haben wir es hier womöglich wieder nur mit einem Promi zu tun, der einen weiteren Weg zur Selbstvermarktung und dem Baden in der öffentlichen Aufmerksamkeit gefunden hat und ausnutzt, oder handelt es sich hierbei vielleicht doch mal um gute Musik?

Tja, ich schätze, Hugh Laurie wird wohl künftig dem James-Bond- bzw- Captain-Kirk-Effekt verhaftet bleiben: einmal Dr. House, immer Dr. House. Zwar hat sich Laurie neben der Schauspielerei auch schon mal als Buchautor versucht („Der Waffenhändler„, „Bockmist„), aber so ganz das Wahre war das irgendwie nicht. Ein Schelm, wer gerade dem zweiten Buch unterstellt, der Name sei Programm. Nächste Möglichkeit, um nicht immer auf eine bestimmte Rolle bzw. Erwartungshaltung festgenagelt zu sein: einfach mal ein Album aufnehmen, noch dazu, wenn man wie Laurie eine ausgemachte Leidenschaft für Pianogeklimper entwickelt hat. Gesagt, getan. Im Jahr 2011 veröffentlichte Hugh Laurie dann sein erstes Album, „Let Them Talk„, ein durch und durch klassisches Blues – Album, beeinflusst von typischen New Orleans – Klängen. Wer vorher vielleicht noch spöttelte, wurde ob der hohen Qualität des Albums eines besseren belehrt. Spätestens aber durch den großen Erfolg. So kletterte „Let Them Talk“ in den UK Charts bis auf Platz 2, bei uns immerhin bis auf Platz 8.

Und wie das immer so ist: ist eine Sache erfolgreich und/oder hat der Macher einfach Spaß daran, wird halt auch ein Nachfolgewerk zusammengezimmert. Et voilà, zwei Jahre später erscheint „Did’n It Rain„. Schön: mit seinem zweiten Album geht Laurie den eingeschlagenen Weg weiter. Anstatt sich nun von irgendwelchen Erfolgsproduzenten ein leicht verdauliches Pop-/Rock-Gemisch zimmern zu lassen, widmet sich Laurie hier einmal mehr dem Blues. „Didn’t It Rain“ beinhaltet 13 Songs, die für Genre-Freunde mal mehr, mal weniger bekannt und für alle anderen wohl komplettes Neuland darstellen.

Es gibt ein paar Dinge, die an diesem Album wirklich bemerkenswert sind. Zum einen und ganz besonders: die Hingabe und Leidenschaft, mit der sich Hugh Laurie und seine Mitstreiter in die Musik hineinversetzen und sie leben. Nun weiß man, dass die Wurzeln des Blues in der afroamerikanischen Gesellschaft der USA Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liegen. Hugh Laurie, Brite, noch dazu ein Weißer, könnte also kaum weiter von diesen Wurzeln entfernt sein. Und dennoch beschäftigt er sich mit dem Thema schon seit langer, langer Zeit. Zu den Beweggründen für dieses Album ist folgendes überliefert: „Ich habe beschlossen mich weiter voran zu kämpfen, tiefer einzudringen in den Wald der amerikanischen Musik, die mich verzaubert hat, seit ich ein kleiner Junge war. Und je weiter ich gehe, desto mehr werde ich verzaubert – sowohl von den Songs, als auch von den Menschen, mit denen ich das Glück hatte zu spielen„.

Das nächste bemerkenswerte Element dieses Albums: der unheimlich luftige, dynamische Sound, der die Hitze der Südstaaten förmlich in der Stube des Hörers flirren lässt. Und so ist es auch nicht schwer, dass die Magie auf uns Konsumenten überspringen kann. Wenn in „One For My Baby„, dereinst auch schon mal von Frank Sinatra interpretiert, die Hammondorgel im Hintergrund zärtlich tüdelt, während Laurie mit erstaunlich heller Singstimme (man hat ja doch zunächst mal die deutsche Synchronstimme im Kopf) den Text intoniert und auf dem Piano herumklimpert, dann kommt sie schon mal angeschlichen, diese bittersüße Schwermut, die dem Blues innewohnt. Das nur als Beispiel. Mit dieser höchst charmanten Mischung aus Blues, angereichert mit Spurenelementen von Jazz, Gospel und vor allem aber Blues beweist Hugh Laurie, dass er eben nicht nur Dr. House ist, sondern auch ein ernstzunehmender Vollblutmusiker. Und das schwarze Musik auch ganz wunderbar mit der gleichen Hingabe von Weißen intoniert werden kann. Zurück zur Ausgangsfrage: jepp, das ist zweifelsohne gute Musik. Sehr gute sogar.


In diesem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, prasselt Regen gegen mein Fenster. Der Tag ist grau und trübe und überhaupt fühlt sich alles mehr nach November an als danach, dass der Sommer eigentlich in großen Schritten näher kommen müsste. Mit anderen Worten: das Wetter spielt mir den Blues und macht mich besonders empfänglich. Falls Ihr Lust habt, Dr. House mal von einer anderen Seite kennenzulernen, Euren musikalischen Horizont erweitern möchtet oder nur Genießer mit einer Schwäche für unglaubliche Klangdynamik seid – hier ist die Empfehlung für Euch.


INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7
GESANG.7
PRODUKTION.7.5
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.7.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Hugh Laurie macht Blues - in höchster Güte
Nicht nur eines dieser üblichen "Schauspieler macht mal ein Album"-Veröffentlichungen
Gelungene Mischung aus Blues, Gospel, Jazz und vor allem Blues
NEGATIV.
Leider keine Songs dabei, die Laurie selbst geschrieben hat
7.4
PUNKTE.
FAZIT.
Mit dieser höchst charmanten Mischung aus Blues, angereichert mit Spurenelementen von Jazz, Gospel und vor allem aber Blues beweist Hugh Laurie, dass er eben nicht nur Dr. House ist, sondern auch ein ernstzunehmender Vollblutmusiker. Und das schwarze Musik auch ganz wunderbar mit der gleichen Hingabe von Weißen intoniert werden kann.