Foto: Gretchen Lanham

IAMX – Unfall

Vor ein paar Tagen erst habe ich an dieser Stelle darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten sich für Künstler ergeben, wenn sie sich musikalisch mal jenseits ihrer gewohnten Pfade austoben wollen. Die Überlegungen reichten von „ein Nebenprojekt an den Start bringen“ bis hin zu „einfach mal machen“. Anlass war das aktuelle Slave Republic Album „Songs For Sinners“, auf dem sich die Herren in gänzlich ungewohnte und unerwartete Klang-Sphären begaben, ungeachtet eventueller Erwartungen. Das hat so semi-gut geklappt. Auch Chris Corner, prinzipiell gerne mal dabei wenn es darum geht, neue Wege zu beschreiten, folgt nun mit seinem Projekt IAMX dem Prinzip des einfach-mal-Machens. „Unfall“ heißt das neue Album. Hat das bei ihm besser geklappt als bei den Herren von Slave Republic? Ja und nein.

Unfall“ ist nicht nur der Name des ersten Albums von einer geplanten Reihe, auf der Chris Corner sich fortan musikalisch noch mehr austoben möchte. Sondern es ist auch das Pseudonym, unter dem er in der Vergangenheit Remixe anfertigte, man denke da nur an „IAMseX Unfall Rework“ von „Volatile Times“ der gleichnamigen Remix-EP. Nun also soll „Unfall“ die Seite Chris Corners zeigen, die, so heißt es im Pressetext, mit modularen Synthesizern arbeitet und dabei gängiges Pop-Radio-Gedudel vermeidet. Corner selbst wird dazu wie folgt zitiert: „Die Lieder auf „Unfall“ sind ein Gegenmittel zur normalen IAMX-Struktur und eine Chance, so spielerisch zu sein, wie wir mögen. Ein Teil des Reizes dieses Projektes ist die Freiheit und das Experimentieren“.

Foto: Chris Corner

Die Betonung und der Schwerpunkt liegen ganz eindeutig auf dem Experimentieren. Wer sich die bisherigen Alben aus dem Hause IAMX angehört hat, wird sich möglicherweise überrascht die Ohren reiben. Gänzlich anders, fremd und unvertraut wirkt das, was da aus den Boxen schallt. Sein Ansatz war dieses Mal ein mechanischer, ein mathematischer. Corner sagt: „In der Uni habe ich praktische Mathematik nicht gemocht, dafür aber die abstrakte/kreative Mathematik. Das hat meinen Weg am Interesse elektronischer Musik gepflastert“. Bei einem Album wie „Unfall“, das sich weder mit großen Melodien, noch Texten noch sonstigen Dingen aufhält, wie wir sie sonst von IAMX (oder auch den Sneaker Pimps damals) kennen, liegt auf der Hand, dass stattdessen Minimalismus herrscht. „Ich habe immer versucht, so minimalistisch wie möglich zu sein“, erklärt Corner, „und dabei immer nur eine einzige Software und eine begrenzte Anzahl an Synth-Plugins verwendet. Die Verwendung von vereinfachtem Zeug ist nützlich, macht es aber kompliziert, interessante und vielfältige Töne hinzubekommen. Man muss dafür hart arbeiten. Was in Ordnung war für das Songwriting und die Musik, die ich vorher machte, welche deutlich mehr songbasierend war. Sound-Design war lediglich die Verschönerung als Gegensatz zum Kern der Musik“. Damit ist zumindest bei den Werken der geplanten „Unfall“-Reihe, wenigstens aber beim vorliegenden Debüt, Schluss. Kern und Schwerpunkt der ganzen Angelegenheit ist dieses Mal das Sound-Design, das Erforschen neuer und ungewohnter Möglichkeiten. „Ich möchte etwas produzieren, das mich irgendwo jenseitig bringt und nicht mit einer Liedstruktur verbunden ist oder Platten in einer bestimmten Weise verkauft“, so Corner weiter. Eingrätschen meinerseits: Naja, dann wäre die Veröffentlichung unter einem anderen Namen als IAMX die finale Konsequenz gewesen, die der Mann in diesem Punkt ein bisschen vermissen lässt.

Wie dem auch sei: Unter genannter Prämisse muss „Unfall“ durchaus als gelungen angesehen werden. Es lässt keine Vergleiche zu bestehenden IAMX-Alben zu, sieht man mal von den begleitenden Remixen ab. Das wird schon ab der ersten Sekunde des Openers „Little Deaths“ deutlich. Ein minimalistischer, technoider Stampfer, der in einschlägigen Clubs durchaus eine gute Figur machen dürfte. Keine Melodien, kein Gesang, nur purer Rhythmus und jede Menge elektronischer Spielereien. Mit dem nachfolgende „TickTickTick“ treibt Corner seinen kreativen Schub noch weiter voran und liefert eine düstere, experimentelle Klanglandschaft, die zwar mehr melodiöse Spurenelemente enthält, gleichzeitig aber auch noch düsterer und unbequemer wirkt. „Hysteria“ hingegen klimpert zunächst beinahe beschwingt vor sich hin und hätte, anders ausgestaltet – mit mehr stimmlichen Einlagen als den gelegentlichen, weiblichen Vocals, die dann und wann ertönen – sogar als klassische IAMX-Nummer durchgehen können.

Foto: Gretchen Lanham

Und so zieht es sich von Track zu Track dieses immerhin 13 Songs umfassenden Albums. „Trust The Machine“ beispielsweise wirkt wie aus dem Baukasten angehender Düsterelektroniker zusammengeschustert, „The Noise Cabinet“ hingegen fischt ein bisschen in House-Gefilden, ebenso „Cat’s Cradle“. An allen Ecken und Enden des Albums knarzt, kratzt, wummert und fiept es, dass es für alle, die sich auf musikalische Experimente einlassen können, eine wahre Freude ist. Mit „Polar I“ unternimmt Corner sogar einen Ausflug in die Regionen, wo sonst New Age-Gesellen wie Jean-Michel Jarre oder Vangelis zuhause sind. An Abwechslung, dem vorherrschenden Minimalismus zum Trotz, mangelt es diesem „Unfall“ also nicht. Bleibt die Frage: ist es einer? Nein. Aber mit IAMX hat diese Platte dennoch herzlich wenig zu tun, sieht man mal von Chris Corners Vorliebe für verschwurbelte Sounds ab.


Um noch mal auf den Texteinstieg zurückzukommen: unterm Strich wäre eine Vermarktung unter dem bisherigen Pseudonym für eigenwillige Sounds vielleicht die sinnigere, zumal konsequentere Entscheidung gewesen. Wie schon beim anfangs erwähnten Bezug zur Experimentierfreude von Slave Republic, um weiterhin bei einem aktuellen Beispiel zu bleiben, geht mit dem Namen IAMX zweifelsohne eine gewisse Erwartungshaltung einher. Eine Erwartung, die „Unfall“ nicht erfüllt. Wie man den Äußerungen von Herrn Corner entnehmen kann, auch gar nicht erfüllen soll und will. Ob das so pfiffig war, „Unfall“ als Name für das Album zu wählen, wird sich zeigen. Ein klassisches IAMX-Album ist „Unfall“ nicht und wird wohl vor allem die Hörer abholen, die sich für minimalistische, technoide und/oder experimentelle Klanglandschaften begeistern können. Zum Hören nebenbei taugt „Unfall“ herzlich wenig. Wenn man sich aber gänzlich darauf einlassen kann – etwa indem man es via Kopfhörer konsumiert und ansonsten weiter gar nichts macht – wird in diesem Album eine ungeahnte Tiefe entdecken. Gerade kommt mir der Gedanke, dass wenn man in Science-Fiction-Filmen oder -Serien versucht zu verdeutlichen, was die Menschen der Zukunft für Musik hören, gerne auf klassische Musik zurückgegriffen wird. Scheinbar hatte man nie eine Idee davon, wie sich die Zukunft der Musik anhören könnte. Chris Corner jedoch hat scheinbar eine ziemlich konkrete Vorstellung davon. „Unfall“ zeigt das ziemlich deutlich.


INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.6
GESANG.6.5
PRODUKTION.7.5
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.7
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Interessantes Electro-Gefrickel
NEGATIV.
Den klassischen IAMX-Sound sucht man hier vergebens
6.9
PUNKTE.
FAZIT.
Wie schon beim anfangs erwähnten Bezug zur Experimentierfreude von Slave Republic, um weiterhin bei einem aktuellen Beispiel zu bleiben, geht mit dem Namen IAMX zweifelsohne eine gewisse Erwartungshaltung einher. Eine Erwartung, die „Unfall“ nicht erfüllt. Wie man den Äußerungen von Herrn Corner entnehmen kann, auch gar nicht erfüllen soll und will. Ob das so pfiffig war, „Unfall“ als Name für das Album zu wählen, wird sich zeigen.