Foto: Christian Dammann

JAN BLOMQVIST – Remote Control

Es ist ein komisches Wetter draußen. Nicht so richtig hell, nicht so richtig dunkel, mehr nass als trocken, dafür aber in jedem Fall grau, kalt und ungemütlich. Nicht dass durch die ewig heruntergelassenen Jalousien meines Arbeitszimmers viel Licht hinein käme, aber heute wäre da so oder so nicht viel. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, dass es schon eine ganz gute Entscheidung ist, in der Bude zu bleiben. Der Ofen kokelt vor sich hin und verbreitet eine Wärme, die die Welt draußen gerade vermissen lässt. In jeder Hinsicht. Ich zappe mich durch die Promos, die in dieser Woche hereingekommen sind; so richtig will der Funke jedoch weder bei der einen, noch der anderen Platte überspringen. Ihr kennt das. Gibt so Tage, da ist alles irgendwie meh, und heute ist einer davon. Dann fällt mir JAN BLOMQVISTs Debütalbum „Remote Control“ in die Hände. Und ganz plötzlich passiert was. Ich bin nicht mehr in meinem Arbeitszimmer, sondern weit, weit weg. Und als ich zurückkomme, ist die Welt draußen zwar immer noch grau, der Tag aber definitiv jenseits von meh. Magie? Vielleicht. Lasst uns mal einen Blick auf dieses Album werfen.

Wer ist dieser Jan Blomqvist eigentlich? Nun, vielleicht kennt Ihr ihn zum Beispiel vom Oliver Koletzki-Track „The Devil In Me„. Ansonsten sind die Details sind eher spärlich gehalten. Ein Kind der 80er sei er, habe als Kind nie geweint dafür aber gesungen und von seinen Eltern seine erste Gitarre geschenkt bekommen. Weiterhin heißt es, seine erste Band sei im Punk unterwegs gewesen. „Musikalisch eher destruktiv, charakterlich aber mehr oder weniger bildend.“ Im Alter von 21 sei er Student der Raumfahrt gewesen und habe in dieser Zeit den Techno kennengelernt. Damit war die weitere Richtung klar. Das Geschrammel wird sein gelassen, stattdessen widmet sich Blomqvist fortan elektronischer Musik. Heute sagt man ihm nach, Erfinder des „Konzerttechnos“ zu sein: einfache Beats und träumerische Vocals sind die Zutaten, mit denen er begeistert. Seine Mission: „Die Langeweile in den Clubs aufbrechen, Konzertfeeling auf den Dancefloor bringen, mit einfachen Vocals und minimalen Beats. Rock’n’Roll im Club. Alles ganz einfach halten und im Detail die Finesse einbauen.“ Eine ganze Weile hat er sich für das erste Album Zeit gelassen, sich aber vorher mit Konzerten – seinem Rock’n’Roll im Club – einiges an Popularität erspielt.

Zwölf Tracks hat Blomqvist für sein Debüt geschaffen, die manches Mal an der Neun-Minuten-Grenze kratzen – oder sogar überschreiten. Ganz viel Zeit und Gelegenheit also, in den Songs abzutauchen, sich in ihnen zu verlieren. Man kann die Mühe, die Detailverliebtheit, die in dieses Album geflossen sind, nur im Ansatz erahnen. Jeder Ton, jede Note, jeder Beat, jede gesungene Zeile – alles wirkt wie mit chirurgischer Präzision an seinen Platz gebracht. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig. Die Vision: „Die unvollkommenen Sounds zum Charakter machen. Emotional, ehrlich, authentisch, verfrickelt, detailliert, bassbetont, zweitonakkordig, nicht immer schulbuchmäßig, weil manchmal gerade der mini-schiefe Ton die Gänsehaut erzeugt“. Das hat bestens geklappt. Ein bisschen House, ein bisschen Electro-Pop, ein bisschen Soul, einnehmende Melodien, gefühlvoller, manchmal ziemlich hingehauchter Gesang, ganz viel Stimmung – das sind die Zutaten, mit denen Jan Blomqvist seinen akustischen Zauber wirkt. Zudem: schon erstaunlich was es ausmacht, wenn echte Schlagzeuge und Tasteninstrumente zum Einsatz kommen. Seine Magiegehilfen: Christian Dammann, der Drummer. Felix Lehmann, der Pianist. Und Ryan Mathiesen, der Texteschreiber.

Um die dargebotene Mucke mal zu verorten: stellt Euch wieder ein Quadrat vor. An den Ecken oben stehen die beiden Kalkbrenner, Fritz und Paul, sowie Oliver Koletzki, an den Ecken unten Niconé und Sascha Braemer. Wenn man nun von den Eckpunkten wieder eine Linie zur Mitte hin zöge, dann stünde dort der Blomqvist mit seinem Tun. Nur eben ein ganzes Stückchen souliger als die Kollegen.

Wie gesagt, es ist Wetter draußen, und das gar nicht mal so gut. Ich klicke in iTunes auf „Stories Over“, dem ersten Track des Albums. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und lasse die Musik auf mich wirken. Oh, das ist aber ganz schön gut gerade, denke ich. Das nachfolgende Stück „More“ bekomme ich nur noch zur Hälfte bewusst mit. Ich bin schon längst nicht mehr in meinem Arbeitszimmer. Ich stehe an Deck meines liebsten Kreuzfahrtschiffes, das sich durch schwarze Wellen so langsam in die hereinbrechende Nacht schiebt. Die Sonne hat das Vorhaben sich durch die immer dichter werdenden Wolken kämpfen zu wollen, längst aufgegeben und verabschiedet sich, nur noch als kleiner roter Punkt zu sehen, hinter den Horizont. Vorhin hatte es kurz geregnet, ein Regenbogen stand über der See. Wind zersauselt mir das Haar, ich schmecke die salzige Luft der See. The fucking rainbow has no gold, nehme ich unbewusst war. Ein Sturm ist nicht zu erwarten, dennoch wird es so langsam Zeit, die treiben gelassenen Gedanken wieder einzusammeln und in Richtung der Abtanz-Bar aufzubrechen. Denn: „Dancing People Are Never Wrong“. Bei diesem Stück bin ich ganz plötzlich wieder im hier und jetzt. Die halbe Stunde, die dazwischen lag – vollkommen weg. Jan Blomqvist hat mich mit Stücken wie „Empty Floor“, das beispielsweise durch entzückendes Klaviergeklimper begeistert, oder „Dark Noise“, das mit seinen tänzelnden Synthies eigentlich auch ganz gut zu Jean Michel Jarres aktuellen „Electronica“-Experimenten passen würde, völlig aus der Wirklichkeit heraus und hinein in eine wunderbare Tagträumerei gerissen. Ferngesteuerte Gedankenreise, quasi. Ah, daher also der Titel „Remote Control“. Ich bin ja ein bisschen neugierig, wohin Euch dieser Blomqvist mit seiner Fernbedienung zappt.


Irgendwann ist mir in anderem Zusammenhang mal der Begriff Electro-Soul untergekommen. Ein Begriff, der mir wie geschaffen scheint für „Remote Control“. Ein perfekter Soundtrack für Tage, an denen man sich mal von der Musik aus dem allgegenwärtigen Grau entführen lassen möchte oder muss. Aber auch dann, wenn es eigentlich alles gar nicht so doof ist, einem aber der Sinn nach chilliger Träumerei steht. Wer sich für hochwertigen Deep House begeistern kann, sollte sich in diesem Frühjahr dieses Album nicht entgehen lassen! Gimme chemicals, I need more chemicals singt Blomqvist in „Drift“. Im übertragenen Sinne ist „Remote Control“ genau das: eine ziemlich süchtig machende Musikdroge, strafrechtlich und gesundheitlich jedoch zum Glück völlig unbedenklich. Einzig: dem fast anderthalb Stunden andauernden musikalischen Rausch inklusive des Zeitverlusts wieder zu entrinnen, ist nicht einfach. Das merke ich noch jetzt, wo ich diese Zeilen tippe und die Musik vorsichtshalber abgedreht habe. Sonst würde ich vermutlich nie fertig. Ob am Ende nicht doch Magie im Spiel ist, darüber bin ich mir noch nicht abschließend sicher.



JAN BLOMQVIST - REMOTE CONTROL.
FAZIT.
Irgendwann ist mir in anderem Zusammenhang mal der Begriff Electro-Soul untergekommen. Ein Begriff, der mir wie geschaffen scheint für „Remote Control“. Ein perfekter Soundtrack für Tage, an denen man sich mal von der Musik aus dem allgegenwärtigen Grau entführen lassen möchte oder muss.
INHALT / KONZEPT.
8
TEXTE.
7.5
GESANG.
7.5
PRODUKTION.
9
UMFANG.
8.5
GESAMTEINDRUCK.
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV.
Tiefenentspannte Tracks, bestehend aus einnehmenden Melodien und geschmeidigen Beats
NEGATIV.
8.2
PUNKTE.
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT.
TEXTE.
GESANG.
PRODUKTION.
UMFANG.
GESAMTEINDRUCK.
Finale Bewertung