KONZERTBERICHT: Joachim Witt + Support, 30.04.2014 Musikzentrum Hannover
Foto: Elmar Herrmann

JOACHIM WITT – Ich

In einigen Kreisen gilt JOACHIM WITT als eine Art Chamäleon der Pop-Musik. Nachdem die NDW-Zeit des goldenen Reiters vorüber war, bediente Witt einerseits Mainstream-Pop, war andererseits aber auch der Grufti-Schiene zugetan. Dass sich der Herbergsvater scheinbar nicht so ganz auf eine bestimmte Richtung festnageln lassen wollte, kostete ihn bei manchen Konsumenten Glaubwürdigkeit. Nach dem Abschluss seiner „Bayreuth“-Trilogie folgte eine längere Pause von sechs Jahren, bis er mit „DOM“ seine Rückkehr einläutete – und die Zeiten des schillernden Pops scheinbar ein für alle Mal für beendet erklärte. 2014 folgte „Neumond“ und damit einhergehend Auftritte auf diversen Festivals der Düsterszene. Wir staunten seinerzeit nicht schlecht, als Witt auf dem Blackfield Festival 2013 mit bei Mono Inc. auf der Bühne stand. Gerade mal ein Jahr nach dem letzten Album veröffentlicht Joachim Witt nun also „Ich“ – sein in jeder Hinsicht persönlichstes Album. Hat sich das Chamäleon Witt auf seine alten tage noch einmal gewandelt? Ist er jetzt endgültig am Ziel seiner musikalischen Reise angekommen? NDW, NDH, Pop oder doch etwas ganz anderes? Das kann an dieser Stelle schon gesagt werden: die Überraschung ist ihm einmal mehr gelungen.

So überraschend Witts Gastauftritt beim besagten Mono Inc.-Gig damals auch gewesen sein mag – dass der Frontmann der Hamburger Düsterkapelle, Martin Engler, als Produzent das folgende Album „Neumond“ betreute (wer hat hier „verwässert“ gerufen?), war dann schon nicht mehr ganz so überraschend. Kollege Paco war seinerzeit ganz angetan von dem Album. Mich jedoch hat dieser „Neumond“, der viel zu sehr nach Mono Inc. klang, nicht abgeholt. Mögen die Texte noch so gut gewesen sein. Für sein neues Album „Ich“ hat Joachim Witt andere Wege beschritten.

Grundsätzlich ermöglicht wurde es durch eine Crowdfunding-Kampagne, die es dem Hamburger erlaubte, gänzlich frei seine Vision umzusetzen. Anstatt sich abermals irgendeinen Produzenten ins Haus zu holen, der den Songs von Witt einen eigenen Stempel aufdrückt, entschied er sich, beim neuen Album alles alleine zu machen. Und ich meine buchstäblich alles. Produktion, Aufnahme und Mix? Joachim Witt. Instrumente und Programmierung? Joachim Witt. Komposition, Texte und Arrangement? Joachim Witt. Lediglich das Artwork und das Mastering legte er in fremde Hände, aber das hat ja mit der reinen musikalischen Leistung nichts mehr zu tun.

Wenn die ersten Töne des Openers „Über das Meer“ ertönen, die schweren Gitarren die düstere Grundstimmung transportieren und Witt mit seiner dunklen Stimme singt: Suche mein Glück dann in mir selbst / Konzentration auf meine Welt wird klar, dass wir hier gerade die musikalische Einladungskarte in die Welt eines gereiften Musikers bekommen haben, der in diesem Leben schon vieles erlebt hat. Er lässt uns teilhaben an seinen Gedanken und Einsichten und er tut es ausschließlich so, wie er es für richtig hält. Da kann man sich beim Texten auch schon mal ein bisschen vergaloppieren und den Hörer kurz stirnrunzelnd zurücklassen, wenn es beispielsweise in „Wieviel mal noch“ heißt: Jedem wird schlecht und jeder scheißt / Das macht den Menschen noch lange nicht gleich. Nur um anschließend die kritische Betrachtung der Welt auszupacken: Im Trend liegen Kriege und auch Religion / Der menschliche Wahnsinn erobert den Thron.

Foto: Elmar Herrmann
Foto: Elmar Herrmann

Schieben wir den Inhalt kurz mal beiseite: rein von der musikalischen Seite her ist es ein echter Gewinn, dass Witt ohne Produzenten gearbeitet hat. Wenn keiner dazwischenquatscht, kann man Schalten und Walten wie man möchte. Da kann man in besagtem „Über das Meer“ schon mal ein bisschen den späten Johnny Cash raushängen lassen, in „Tod oder Leben“ mit Western-Elementen spielen, in „Olé (Klub)“ die Synthesizertanzmusik der Düsterszene persiflieren – Rumpelbeat inklusive, in „Es wirbeln die Äste…“ dunklen Analog-Minimalismus zelebrieren oder im „Nachtflug“ einen Hauch von House unter Sprechgesang packen. In eine bestimmte Schublade stecken lässt sich dieses Album jedenfalls nicht.

Musikalisch ist „Ich“ ziemlich abwechslungsreich geworden und entspricht in seinem Kern exakt dem, was die Karriere des Chamäleon Witts auszeichnet: man weiß nie, was als nächstes kommt. So lässt sich beim ersten Hördurchgang auch nicht erahnen, wie wohl das folgende Stück klingen wird. Der rote Faden dieses Albums sind die Texte, die das Album zur „Musik für alte Seelen“ macht, wie es der Pressetext erklärt. Und wahrlich: man muss wohl schon so einiges gesehen und erlebt haben, um beispielsweise den Monolog Witts an seine Mutter („Alles was ich bin“) wirklich würdigen zu können. Wenn er hier erzählt: Auch wenn ich irgendwann / Im Alles oder Nichts verschwinde / Ich habe versucht, die Werte / die du mir vermittelt hast, umzusetzen / Doch eines bin ich geblieben / Eine einsame Natur / Die oft mit großer Kraft / Die Türen aufschlagen muss / Um Neues zu entdecken / Entdeckt habe ich / So manch wertvollen Menschen, dann ist man dem Künstler, vor allem aber dem Menschen Joachim Witt verbundener als jemals zuvor.

Nicht immer trifft Witt stimmlich den richtigen Ton. Mancher Reim wirkt nach dem Muster „Reim dich oder ich fress dich“ gestrickt. Und doch ist diese „Musik für alte Seelen“ nicht nur Witts bisher persönlichstes Album, sondern nicht zuletzt der kompletten Eigenregie wegen sein eindrucksvollstes. Eine einsame Natur die singt und musiziert und damit anderen einsamen Naturen das Gefühl gibt, vielleicht doch nicht ganz so alleine zu sein.


Bisher hatte ich immer wieder so meine Schwierigkeiten mit dem Tun von Joachim Witt. Ich erinnere mich noch mit Schrecken daran, wie ich vor Jahren an dieser Stelle etwas zu „Bayreuth 3“ schreiben sollte. Insgesamt sechs Versuche brauchte es, bis mir dazu überhaupt etwas eingefallen war. Es berührte mich damals einfach nicht. Oder das 2014er Album „Neumond“. Für mich ein Mono Inc. Album, dass von Herrn Witt getextet und eingesungen wurde, ansonsten aber in meinen Ohren ganz furchtbar war. Den konsequenten Verzicht auf irgendwelche Produzenten, die Witt dazwischenquatschen und den Sound verwässern könnten, steht ihm ganz ausgezeichnet. „Ich“ ist erdig, kernig, manchmal vielleicht auch ein bisschen sperrig, persönlich und authentisch. Und zwar in einem solchen Maße dass ich mich frage: warum nicht gleich so? In manchen Momenten fühle ich mich sogar, ohne es vergleichen zu wollen, an die „American Recordings“, dem Spätwerk von Johnny Cash erinnert! Wenn Joachim Witt hiernach die Musik an den Nagel hängen sollte, dann ließe sich mit Fug und Recht behaupten: das Beste kam zum Schluss!


wittich


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.7.5
GESANG.7
PRODUKTION.8
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Witt machte die komplette Produktion in Eigenregie, daher ist das Ergebnis auch 100% Witt
7.8
PUNKTE.
FAZIT.
Den konsequenten Verzicht auf irgendwelche Produzenten, die Witt dazwischenquatschen und den Sound verwässern könnten, steht ihm ganz ausgezeichnet. „Ich“ ist erdig, kernig, manchmal vielleicht auch ein bisschen sperrig, persönlich und authentisch. Und zwar in einem solchen Maße dass ich mich frage: warum nicht gleich so? In manchen Momenten fühle ich mich sogar, ohne es vergleichen zu wollen, an die „American Recordings“, dem Spätwerk von Johnny Cash erinnert!