Foto: Paal Audestad

KATZENJAMMER – Rockland

Zu den Dingen, bei denen ich aus lauter Ehrfurcht und Bewunderung den Hut ziehe, gehört ganz klar folgendes: die vier Damen, die als KATZENJAMMER musizieren, beherrschen zusammen locker 30 Instrumente! Für mich, dem sie im Musikunterricht damals selbst die Klanghölzer wegen akuter Verletzungsgefahr weggenommen haben, eine unfassbar hohe Hausnummer! Sie lässt mich mich mit der Frage zurück: wie geht das? Das gehört zweifelsfrei zu den Dingen auf dieser Welt, die man mir zwar erklären kann, die ich aber dennoch nicht begreifen werde. Andererseits muss ich ja auch nicht alles verstehen, sondern einfach mal hinnehmen. Schwenken wir stattdessen um auf das neue Album „Rockland“, das seit dem letzten Freitag auf Käufer wartet.

Die Band (bzw. ihre Mitglieder), deren Geschichte ins Jahr 2005 und ins Nordische Institut für Bühne und Studio (NISS) zurückreicht, gehört also ganz offensichtlich zu den begnadeten Multiinstrumentalisten. Neben den „üblichen“ wie allerhand Saiteninstrumenten (E- und Akustikgitarre, Banjo, Ukulele) beherrscht die vom Trio zum Quartett angewachsene Band Schlagzeug, Mundharmonika, Klavier, Bass-Balalaika, Trompete, Glockenspiel – ja man könnte guten Glaubens annehmen, dass es wohl nicht mehr so fürchterlich viele Instrumente auf diesem Planeten gibt, die sie nicht spielen können – wenn das Katzenjammer-Quartett selbst Blecheimer sinnvoll zur Melodie-/Rhythmuserzeugung verwenden kann. Zunächst waren es nur Anne Marit Bergheim, Turid Jørgensen und Marianne Sveen, die katzenjammerten, später gesellte sich Solveig Heilo hinzu. Zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens mit den anderen Katzenjammerdamen spielte Heilo in acht (!) weiteren Bands. Ich frage mich gerade, ob die da oben in Norwegen eventuell längere Tage haben und mit deutlich weniger Schlaf auskommen als der Rest der Welt. Vielleicht haben die auch nur ein geschickteres Zeitmanagement, wer weiß. Jedenfalls sieht es ganz danach aus, als wäre im Falle Katzenjammer das Backen kleinerer Brötchen etwas „für die anderen“. Mit ihrem nunmehr dritten Album „Rockland“ spielten die Damen nicht nur die allermeisten der Instrumente selbst ein, sondern waren erstmals auch die Hauptsongwriter. Mit Fleiß, Ausdauer, Können und Wollen ganz an die Spitze? Sieht sehr danach aus. Ihr letztes Album „A Kiss Before You Go“ stieg auf Platz 7 der Media Control Charts ein und steuert gerade auf eine Platinauszeichnung zu. 112tausend Fans bei Facebook zeigen ebenfalls auf, dass sie ganz offensichtlich irgendetwas richig machen.

Und was ist das nun aber, das begeistert? Abgesehen von dem (auf dem Papier) beeindruckenden Können? Es ist das traumwandlerisch sichere Wechseln zwischen musikalischen Genrewelten. Wie eine Katze, die auf einem Drahtseil balanciert, bewegen sich Katzenjammer in einer aufregenden Melange aus Folk und Pop und streichen dabei Gebiete, die entweder artverwandt sind oder sich einfach gut einfügen. Country oder Chanson etwa. Wenn sie uns beispielsweise in „Old De Spain“ abholen und damit die Reise ins „Rockland“ eröffnen, dann kann man sich schon fühlen, als sei man gerade auf einem Wagentreck in brütender Hitze durch die staubige Landschaft des wilden Westens unterwegs. In „Curvaceous Needs“ haben wir dann ganz offensichtlich eine größere Stadt erreicht und feiern zu literweise Whiskey in einem ollen Saloon. Fehlt eigentlich nur noch ein Maverick mit Colt am Gürtel und As im Ärmel, der an einem Rundtisch hockt und Poker zockt.

Mit diesen Western-Assoziationen hat es sich aber erledigt, sobald „Oh My God“ ertönt. Na, bei den Bassläufen hat sich aber jemand dolle von Steve Millers „The Joker“ inspirieren lassen, was? Egal, das weitgehend im Sprechgesang vorgetragene Stück zählt zu meinen Lieblingen dieser Platte, da sie im Vergleich zum Rest so herrlich unaufgeregt daherkommt und am besten das eigentliche Thema des Albums trifft: das Konzept der Indivitualität und das, ein Außenseiter zu sein. Neu-Katzenjammerin Solveig erklärt: „Katzenjammer ist unsere eigene Welt. Wir folgen keinen Regeln oder versuchen irgendwie kommerziell zu sein, wenn wir Musik schreiben. Wir haben uns immer von unseren Gefühlen und unserem Herz leiten lassen. Es ist nicht mit einem Gefängnis gleichzusetzen, aber wir sind zusammen in dieser Seifenblase, in der die Regeln anders sind im Vergleich zu dem Rest der Welt. Dafür ist Rockland das Symbol.“ Rockland ist im Übrigen auch Allen Ginsbergs Bezeichung für eine psychiatrische Heilanstalt, in der er sich kurz aufhielt. Und dessen Gedicht „Howl“ in Teilen Grundlagen für das Album lieferte.

Richtig hübsch ist das vorab ausgekoppelte „Lady Grey“. Jeder, der über eine herzliche Verbindung zu seiner (Groß-)Mutter verfügt(e), wird sich in dieser kleinen, schwerelosen Folk-Pop-Nummer wiederfinden. Mama/Oma, erzähl doch mal, wie war das damals, als du noch jung warst? Nimm mich mit zurück in die Tage deiner Jugend. Es passiert nicht oft, aber dieser Song zaubert mir persönlich ein Lächeln ins Gesicht. Und kurz vorm Finale des Albums sind wir mit „Bad Girl“ noch einmal assoziationstechnisch im wilden Westen. Nur dass es hier eigentlich die Ladies sind, die in der wilden Prärie die Hosen anhaben. Wobei… ist das nicht auch heute noch so?


„Rockland“ ist ein wirklich schönes Album. Das kann ich so sagen und habe ein gutes Gewissen dabei. Mich fasziniert das Können der vier Damen, ihre musikalische Vielfältigkeit und ihre verspielte Experimentierfreude. Ich lausche gerne den großen und kleinen Geschichten, die sie ihrem Thema Außenseitertum untergezimmert haben. Und doch ist es eines dieser Alben, bei denen ich irgendwie froh bin, wenn sie vorbei sind. „Rockland“ strengt mich unheimlich an. Es ist eines dieser Sorte, wo ich hinterher die Luft herauspresse und sage: Puh! Ich betreibe noch Ursachenforschung, denke aber, es liegt an dem permanenten mehrstimmigen Gesang, der selbst ruhige Songs pompöser und mächtiger wirken lässt, als sie es tatsächlich sind. Das erschafft eine gewisse Atemlosigkeit, die bei mir ein kleines Bisschen über dem Genuss steht. Das mag bei Euch vielleicht anders sein. Gehört haben kann und sollte man „Rockland“ dennoch in jedem Fall. Alleine schon deshalb, um wirkliches musikalisches Können zu würdigen. In einer Welt, wo einer wie Heino im Fernsehen über Möchtegerntalente richtet, kann man das gar nicht oft genug tun!


Katzenjammer_Albumcover


INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7
GESANG.8.5
PRODUKTION.8
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.7
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
7.7
PUNKTE.
FAZIT.
Rockland“ ist ein wirklich schönes Album. Das kann ich so sagen und habe ein gutes Gewissen dabei. Mich fasziniert das Können der vier Damen, ihre musikalische Vielfältigkeit und ihre verspielte Experimentierfreude. Ich lausche gerne den großen und kleinen Geschichten, die sie ihrem Thema Außenseitertum untergezimmert haben. Und doch ist es eines dieser Alben, bei denen ich irgendwie froh bin, wenn sie vorbei sind. „Rockland“ strengt mich unheimlich an. Es ist eines dieser Sorte, wo ich hinterher die Luft herauspresse und sage: Puh! Ich betreibe noch Ursachenforschung, denke aber, es liegt an dem permanenten mehrstimmigen Gesang, der selbst ruhige Songs pompöser und mächtiger wirken lässt, als sie es tatsächlich sind.