Foto: Claudia Schöne / Guiding Light

LIONHEARTS (FRANK M. SPINATH & HECQ) – Companion

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Manchmal ist es ja so: man kann sich noch so viel Mühe geben, alles Herzblut in ein Projekt wie zum Beispiel ein Album stecken – ein leiser Gedanke, dass noch nicht alles zu Ende erzählt ist, knabbert immer wieder am Bewusstsein herum. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: ganz gleich, wie lange ich manchmal an einem Artikel herumgeschraubt habe – das Gefühl, noch nicht alles erzählt zu haben, den Text aber trotzdem mal zur Abgabe gebracht haben zu müssen, ist immer wieder da. Ich kann mir vorstellen, dass es Frank M. Spinath mit seinem Projekt LIONHEARTS und dessen gleichnamigen Debütalbum ähnlich erging. Das Debüt war vier Jahre in der Mache; die Demos, auf die dafür zurückgegriffen wurde, hatten teilweise aber schon 20 Jahre und mehr auf dem Buckel. Ein Album, das so lange reift, muss irgendwann mal auf den Markt. Deadlines und so. Und doch – vorstellbar, dass trotzdem manches liegen geblieben ist. Das würde erklären, warum relativ zeitnah ein Begleitalbum zu „Lionhearts“ erscheint, das den schlichten Titel „Companion“ trägt. Klar, nüchtern betrachtet ist es ein Remix-Album. Aber es darauf zu reduzieren würde dem kleinen Schwesterchen nicht gerecht werden.

Frank selbst sagt zur Veröffentlichung von „Companion“:

Ich habe die Companion EP angelegt wie die Dekonstruktion und Neuinszenierung einer Kunstausstellung. Das Lionhearts Album stellte in Anlehnung an Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ einen geschlossenen Verbund von Motiven dar.

Wie ein Kurator, der jedes Detail einer Bildersammlung kennt, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, einzelne Motive und Bilder aus dem Zusammenhang zu nehmen und neu erschaffen zu lassen: ohne Vorgaben oder Einschränkungen.

Dazu braucht es Vertrauen, weil ich wusste, dass meine Werke übermalt, zerteilt, neu akzentuiert und arrangiert werden würden. Ich brauchte daher Künstler, die gleichzeitig Freunde sind.

Ich habe dieses Unterfangen ohne Wissen des Labels realisiert, weil ich wollte, dass es völlig losgelöst von den Interessen Dritter realisiert wird.

Mit dem Ergebnis bin ich – sowohl hinsichtlich der Musik als auch hinsichtlich des Artworks – sehr glücklich. Die Neuinterpretationen der Songs sind ungemein kraftvoll geworden. Offenbar steckten selbst in ehemals ruhigeren Albumnummern noch verborgene Ungeheuer.

Foto: Claudia Schöne (guiding-light.de)

Nach meinem Dafürhalten kann Frank mit dem Ergebnis tatsächlich sehr zufrieden sein. Gegenüber dem Original verzichtet „Companion“ auf reine Instrumentalsongs, die auf „Lionhearts“ quasi den Übergang von einem Gemälde zum nächsten symbolisierten. Auf „Companion“ geht es daher direkt zur Sache. Das wird all jene freuen, denen die Interludien des Originals wie Füllmaterial vorkamen.

Den Auftakt macht „Gone“ in der Bearbeitung von Olaf Wollschläger, seines Zeichens sonst als Produzent von Beispielsweise Mesh tätig. „Gone“ erinnerte in der Originalfassung sehr an Nine Inch Nails. Mancher wird vielleicht sagen, die Bearbeitung von Herrn Wollschläger intensiviert diesen Eindruck. Mir hingegen geht der NIN-Eindruck flöten. Das flotte Tempo, der stampfende Beat und die generelle Tanzflächenoptimierung machen das aber locker wett.

Daniel Myer liefert als Architect eine Neuinterpretation von „The Ardent City“. Ein Song, den ich im Original für eines der schönsten Stücke halte, die je das Haus Spinath verlassen haben. Auch Myers Remix kann sich hören lassen. Nicht weniger atmosphärisch, aber schneller in seiner Darreichungsform und daher ebenfalls clubtauglich. Ein bisschen erinnert mich das an das, was Daniel Myer mit seinem Projekt DSTR auf der „Silent World“-EP geliefert hat. Das sind sicherlich nicht die schlechtesten Assoziationen, nehme ich an.

Hecq, unter dessen Mitwirkung das Debütalbum entstanden ist, serviert wenig überraschend auch zwei Remixe. Da ist zum einen „To What I Don’t Know“, das mich im Auslieferzustand nach wie vor an Edge Of Dawn denken lässt. Die Fassung hier ist ungleich poppiger ausgefallen, geblieben sind die markanten Artefakte im Klangbild. Auch „The Ardent City“ erfährt eine Neubearbeitung durch Hecq. Ähnliche Situation wie beim zuvor erwähnten Remix: deutlich poppiger, dafür aber auch tanzbarer. Ich muss sagen, hier gefällt mir die Arbeit von Daniel Myer deutlich besser. Im Vergleich zum Architect-Remix oder gar dem Original fällt diese Version schon eher ab. Interessant ist aber: die Gesangsspur scheint neu oder zumindest bisher nicht verwendet worden zu sein. Franks Gesang tönt hier schon anders als auf dem Originalsong.

Aus dem Hause Mildreda kommt eine neue Fassung von „No Going Back“, das hier deutlich brachialer und dramatischer wirkt, als das doch ziemlich fragile Original. Es ist und bleibt ein unbequemer Song; die Fassung von Mildreda ist die eindrucksvollere. Im Kontext des Debüts hätte die Wucht dieser Neubearbeitung keinen Sinn gemacht, hier jedoch schindet sie mächtig Eindruck.

Nico J. liefert den Acretongue-Remix zu „Gone“. Kam mir bei der Version von Herrn Wollschläger die Nine Inch Nails-Assoziation noch abhanden, ist sie in der Fassung von Acretongue intensiviert. So, wie „Gone“ hier präsentiert wird, könnte es auch ganz bequem die Originalfassung auf „Lionhearts“ ersetzen. Ziemlich gut, was aus der Nummer hier geworden ist!

Foto: Claudia Schöne (guiding-light.de)

Franks Freunde von Iris haben sich ebenfalls „To What I Don’t Know“ angenommen. Die Nummer klingt nun wie eine typische Iris-Nummer, bisschen angedeutete Gitarre in der Melodieführung inklusive. Und von Forma Tadre kommt ebenfalls eine neue Version von „No Going Back“. Nicht ganz so düster und mächtig wie die Fassung von Mildreda, dennoch nicht weniger gelungen da irgendwie perkussiver. Forma Tadre hat sich in der Vergangenheit schon so manches Mal als Remixer hervorgetan (man denke nur an den Remix zu Edge Of DawnsDamage“, zu finden damals auf der „Dependence Vol. 2“). Der gute Eindruck wird durch diese neue Fassung von „No Going Back“ noch gefestigt. Sie lässt das Stück optimistisch wirken. Beinahe wie: Haken hinter, auf zu neuen Ufern. Als letztes Stück dieses Albums genau an der richtigen Stelle positioniert.

Als Bonbon gibt es auf „Companion“ noch eine Demo-Version eines bisher unveröffentlichten Stückes: „Stars“ heißt es, und würde auf dem Originalalbum direkt hinter „The Ardent City“ eine gute Figur machen. Hier wird eine ruhige Nummer geschoben, gleichwohl verbreitet „Stars“ die gleiche bittersüße Schwermut, die auch das Drama zweier Liebender, die nicht füreinander bestimmt sind, in „The Ardent City“ innewohnt. „We’ll call it a mistake“, singt Frank hier, und es fällt nicht schwer zu anzunehmen, dass das Dinge, die zunächst einen guten Anfang nahmen, in der Handlung dieses Songs komplett aus dem Ruder gelaufen sind. Das würde zu „Lionhearts“ passen. Die musikalischen Gemälde, die Frank dort ausstellt, sind schließlich keine Wimmelbilder des Frohsinns.

Dieser neuerliche Ausflug in die Welt von „Lionhearts“ mit seinen neuen Betrachtungen bekannter Motive hat mir gut gefallen. Es fühlt sich von Anfang bis Ende so an, als sei nun ein abschließender Strich unter „Lionhearts“ gezogen. Unter das Album als erstes Kapitel, nicht unter das Projekt. Es fühlt sich so an, als sei dazu nun endlich alles gesagt. Dass wir teilweise die mehrmals den gleichen Songs zu hören bekommen, ist hier übrigens kein Problem: Die Remixe unterscheiden sich alle so sehr voneinander, dass nicht das Gefühl aufkommt, schon wieder den gleichen Titel zu hören.

Remixe an sich sind so eine Sache. Manchmal wird der Kern des Originals gut getroffen – manchmal aber ist der Remix auch nur knapp am Thema vorbei. Bestes Beispiel momentan: der Machine Mix von „So Much Love“, zu finden auf der Deluxe-Fassung des aktuellen Depeche Mode-Albums „Spirit“. Der hat mit dem Original kaum noch etwas gemeinsam. Stampfend, minimalistisch und ab und zu wird mal ein Gesangsfetzen von Dave eingestreut. Kann man so machen, von mir aus, aber für den Genuss über die heimische Anlage ist das nix. Da überzeugen mich Remixe, wie sie hier auf „Companion“ zu finden sind, deutlich mehr. Sie greifen das Thema des Originals auf, machen eine eigenständige neue Fassung daraus, werfen aber nicht komplett alles über Bord. Das ist eben der kleine aber feine Unterschied zwischen gewollt und gekonnt.

Lionhearts“ gehörte zu unseren liebsten Alben des vergangenen Jahres. Dieses musikalische Schwesterchen dazu, dieses „Companium“, positioniert sich direkt zum Auftakt des Musikjahrs 2018 als erstes Highlight. Wie beide Alben eine Einheit ergeben, die sich bequem am Stück hören lässt ohne zu ermüden, lässt mich staunend zurück.


Über das Für und Wider von Remix-Alben ließe es sich vortrefflich streiten. Einzig: Im Falle von Lionhearts und dessen „Companion“ tu ich mich sehr schwer damit, es als schlichtes Remix-Album abzutun. Irgendwie würde das der Sache nicht gerecht werden. Es fühlt sich eher wie ein Schwester-Album an. Wie eines, bei dem sich befreundete Musiker Spinaths durch die gleiche Ausstellung bewegt hätten wie er und, ähnlich wie Spinath beim Original-Album, ihre Interpretation der ausgestellten Bilder in Töne gegossen. Da alle die gleichen Bilder gesehen haben, sind die Ergebnisse auch alle irgendwo ähnlich – und doch sehr verschieden und eigenständig. Tatsächlich sind die vorliegenden Neu-Interpretationen allesamt sehr hochwertig – bei den beteiligten Künstlern aber auch kaum anders zu erwarten – und lassen diesen Begleiter wirken wie etwas, das noch gesagt werden musste. Wie etwas, das Spinaths Opus aus dem letzten Jahr zu einem runden Abschluss bringt. Das Debüt von Lionhearts ist damit zu einem denkbar großartigen Abschluss gebracht worden – jetzt können sich Frank M. Spinath und sein Buddy Hecq direkt auf ein neues Album stürzen. Auf eines, das dann vielleicht nicht zum wesentlichen Teil aus wieder ausgegrabenen Demos vergangener Tage besteht. Bei Lionhearts geht noch mehr, ganz sicher.



INHALT / KONZEPT.9.5
TEXTE.9.5
GESANG.9.5
PRODUKTION.9
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Mehr Begleit- als Remix-Album
Tolle Remixe, die den Originalen spannende, neue Seiten abgewinnen
Für ein Remix-Album beachtlicher Umfang
9.1
PUNKTE.
FAZIT.
Über das Für und Wider von Remix-Alben ließe es sich vortrefflich streiten. Einzig: Im Falle von Lionhearts und dessen „Companion“ tu ich mich sehr schwer damit, es als schlichtes Remix-Album abzutun. Irgendwie würde das der Sache nicht gerecht werden. Es fühlt sich eher wie ein Schwester-Album an. Wie eines, bei dem sich befreundete Musiker Spinaths durch die gleiche Ausstellung bewegt hätten wie er und, ähnlich wie Spinath beim Original-Album, ihre Interpretation der ausgestellten Bilder in Töne gegossen. Da alle die gleichen Bilder gesehen haben, sind die Ergebnisse auch alle irgendwo ähnlich - und doch sehr verschieden und eigenständig.

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