Foto: Nicholas Alan Cope

MARILYN MANSON – The Pale Emperor

Irgendwie komisch: MARILYN MANSON gehört zu den Künstlern, die schon ziemlich regelmäßig neue Alben veröffentlichen. Ohne übermäßig lange Warterei dazwischen. Und dennoch fühlt es sich jedes Mal so an, als läge die jeweils letzte Platte eine Ewigkeit zurück. Ist aber irgendwie nur bei Manson so. Vielleicht ist das der Grund, warum bei einem neuen Album des ehemaligen Antichrist Superstars in der Presse stets von einem Comeback die Rede ist. Hält man sich vor Ohren, dass die letzten beiden Alben „Born Villain“ (2012) und „The High End Of Low“ (2009) sich entsetzlich schnell abgenutzt hatten, ist es im Falle des neuen Albums „The Pale Emperor“ gar nicht mal so abwegig, hier von einer Rückkehr des bleichen Kaisers der Rockmusik zu sprechen. Schauen wir mal, wie gut Manson das neue Album gelungen ist.

Die besten Alben hatte Manson stets immer dann abgeliefert, wenn ein paar talentierte Mitstreiter das musikalische Chaos des Künstlers in geordnete Bahnen gelenkt hatten. Früher waren dies beispielsweise Twiggy Ramirez und Tim Skold, deren Mitwirken geliebte Immergrüne wie „Antichrist Superstar“ oder „Eat Me, Drink Me“ hervorbrachte. Das ging auch mal ein bisschen in die Hose („The Golden Age Of Grotesque“) und Hardcore-Fans und Besserwisser werden eh alles einzig dem Können/Wollen des Meisters zuschreiben. Fakt ist aber: für sein neues Album hat sich Marilyn Manson Unterstützung von Außen geholt. Tyler Bates heißt der Mann, der zuletzt fast nur im Bereich der Filmmusik unterwegs war. In seiner Vita liest man Titel wie „300“, „Halloween“, „Day Of The Dead“ oder „Dawn Of The Dead“. Meistens kümmert sich Bates um Filme oder Serien, die dem Genre ‚Horror‘ zuzuordnen sind. Da haben sich also anscheinend die beiden richtigen Figuren gesucht und gefunden. Die Zusammenarbeit von Manson und Bates (wie sich das anhört…) began mit damit, dass sie zusammen den Titelsong für die neue Fernsehserie „Salem“ komponierten. Hexenprozesse im Massachusetts im 17. Jahrhundert – genau das richtige Thema für einen wie Manson, der bekanntlich der amerikanischen Gesellschaft nur zu gerne Spiegel und Mittelfinger vorhält. Aus diesem einen Song – „Cupid Carries A Gun“ – ist ein ganzes Album geworden. Und Tyler Bates ist nicht mehr nur Komponist, sondern inzwischen auch offiziell Gitarrist im Musikimperium Mansons. Wir gehen kurz in die Einzelbetrachtung der Songs über. Im Gegensatz zu anderen Einzelbetrachtungen sind es diesmal übrigens spontane Assoziationen, die ich direkt beim Hören aufgeschrieben habe. Öfter mal was Neues.

Killing Strangers: Und so beginnt es: schleppende, peitschende Rhythmen, sehr tiefe Bässe, die die Membran Deiner Anlage auf eine ernsthafte Belastungsprobe stellen. Wir hören Marilyn Mansons zerrissene Stimme und sind sofort wieder mitten drin anstatt nur dabei. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir direkt nach „Eat Me, Drink Me“ abgeholt und die Alben danach würden wir als Station direkt auslassen. Quasi so wie der ICE gerne mal Wolfsburg vorbeirauscht, obwohl er dort halten müsste. Und dann piekst Manson noch ein bisschen in der amerikanischen Seele herum und wird sich drüben wieder viele Freunde machen wenn er singt: „we’re killing strangers so we don’t have to kill the ones we love“. Wusa! Willkommen zurück!

Deep Six: Eine treibende, dezent Blues angehauchte Rock-Granate typischer Manson-Machart ist das, da zappeln die Füße! Eventuell zappelt man auch wie die wilde Wutz auf der Tanzfläche.  Oder schubst sich bei Konzerten durch die Gegend. Alles denkbar. Außerdem macht sich als Erkenntnis breit: schreien kann er immer noch! Insgesamt die Nummer dieses Albums mit dem höchsten Tempo. Der Drängler auf der Tracklist-Autobahn. Schon ein ziemlich geiler Start in den Tag wenn Du weißt, er wird scheiße werden. Alternativ: ein geiler Ausklang wenn Du gelernt hast, dass er scheiße wurde.

Third Day Of A Seven Day Binge: Extrem cool, extrem lässig, extrem groovy! Schon wieder ein Bastardkind aus Blues- und Glam-Rock. Insgesamt extrem geil, eine der gefälligsten Manson-Nummern seit gefühlten Äonen, mindestens aber seit „Eat Me, Drink Me“-Zeiten, wenn nicht gar seit „Holy Wood“. Das muss der Soundtrack sein, wenn man in den Südstaaten in einem Höllenloch in der Nähe des Highways verschwindet, die Luft nach Whiskey, Zigarettenqualm, Schweiß und Sünde schmeckt und die Gäste des Etablissements, in dem dieser Song läuft, die Nacht im Haar und die Zeit im Gesicht haben. Extrageil mit Anlauf, nur damit das klar ist. Die Hölle ist nur einen Drink entfernt. Und falls Du noch nicht bei blassem Mondlicht mit dem Teufel getanzt haben solltest – dies wäre eventuell der Song für Euren Auftritt.

The Mephistopheles Of Los Angeles: Das ist doch nicht etwa Manson selbst? Ein Schelm, wer das behauptet. Antichrist Superstars im Rampenlicht, die von ihren inneren Dämonen bedrängt werden, wird es in L.A. wohl so einige geben. Das Intro erinnert zunächst an Filmmusik. Die Kneipe da in den Südstaaten, die lassen wir hinter uns und gurken weiter zum nächsten Sündenpfuhl. Später wieder typisch Manson-galoppierende Rhythmen, schicke weil jaulende Gitarre, im Refrain eventuell zunächst ein bissen zu poppig. Trotzdem: einer dieser Manson-Songs, der gekommen ist um zu bleiben. Ich möchte sogar behaupten, dass dieser Song mit jedem Hören gewinnt und am Ende einer DER Gewinner ist.

Warship My Wreck: Und wieder unheilsschwangere Gitarre, bedrohliches Klavier, pumpendes Gewummer im Hintergrund, das nichts gutes verheißt. Man könnte es wohl als eine Art Ballade verkaufen. Unbequem und mit weitem Abstand der düsterste Song dieses Albums. Entweder gehen die Hexer von Salem gerade zum Angriff über oder aber die Inquisition hat gerade wieder einen guten Tag und brennt Städte und Dörfer und überhaupt alles nieder, wo sie Übel vermuten. Moah, es schüttelt mich jedes Mal auf’s Neue, wenn ich diese Nummer höre! Mansons überspitzer Gesang tut den Rest. Er fordert seine Stimme auf diesem Album übrigens wie schon lange nicht mehr. Man möchte massivst die Hand zum Takt auf die Tischplatte dreschen. Bitte probiert das dennoch nicht zuhause.

Slave Only Dreams To Be King: Eingeleitet von einem Sprachsample entwickelt sich der Song schnell zu einer typischen Rock’n’Roll Nummer Marke Manson. Nicht der Song bei dem ich denke, schön dass er’s auf die Platte geschafft hat, wegskippen möchte ich ihn aber auch nicht. Das schnörkelig-schrulleige Geschrammel zwischendurch, der Fußwackelrhythmus – sie retten die Nummer doch noch. Zumal der Titel ja auch irgendwie eine Aussage ist, die sich auf viele Aspekte der heutigen Welt ummünzen lässt. Manchmal denke ich, Mr. Manson beobachtet unsere Welt genauer als wir ihm zugestehen wollen.

The Devil Beneath My Feet: Falls Du bisher einen Grund für den Kauf gesucht hast – hier isser. Eingängig, tanzbar, ja purer Sex in Form von astreinem Glam-Rock. Und Mansons untrügliches Gespür dafür, literweise Essig in die Wunden der Welt zu schütten. Guck Dich um. Was passiert gerade so? Vor allem in Hinblick auf den ewigen Wettstreit „mein Gott ist viel geilerererer als deiner“. Er bringt es auf den Punkt: „Don’t need a motherfucker looking down on me / The motherfucker looking down on me / Least I know wherever I go I got the devil beneath my feet“ War „Third Day Of A Seven Day Binge“ einer der besten Manson Songs bisher, dann ist dies hier einer der besten überhaupt! Hergehört, der Kaiser hat zu uns gesprochen. Und nun tanzt!

Birds Of Hell Awaiting: Erinnert zu Beginn an den Soundtrack eines dystopischen Films (ach!), bisschen spooky und so, kurz danach meint man, Drogen nicht zu mögen – von ihnen aber geliebt zu werden. Der Beat ist sehr ähnlich. Sehr von Echo und Hall durchzogener Gesang, gelegentlich mit dem bekannten Gegurgel. Und irgendwann sitzte halt da und wippst mit dem Fuß, während Manson gebetsmühlenartig in Flüstersingsang vorträgt: „This is your death / This is your death / This is your death desire“. Ein fieser kleiner Sack von einem Song, der Dich Stück für Stück für sich einnehmen wird. Wetten?

Cupid Carries A Gun: Urlaub in „Holy Wood“. Oder Besuch der „Mechanical Animals“-Farm. Irgendwo dort, in Mansons bisher (vermeintlich) bester Schaffensphase musikalisch anzusiedeln bleibt dennoch die Frage: warum ausgerechnet diese Nummer vorab auskoppeln, um Appetit anzuregen? Ganz einfach: sie ist gut genug, um die Neugier und Gespannung weiter in die Höhe zu treiben, fällt gegenüber den restlichen Songs im direkten Vergleich aber ab. Die Halloween-Stimmung des Songs jedoch allein hebt sie schon weit über vieles, was der Meister auf den letzten beiden Alben verzapft hat.

Odds Of Even: Willkommen im Dschungel der Hölle – so jedenfalls könnte die Assoziation in den ersten Sekunden ausfallen, ehe der schwerfällige Rockblues einsetzt, den Manson hier kredenzt. Hätte auch ganz gut auf „Holy Wood“ oder „Eat Me, Drink Me“ stattfinden können, lässt mich persönlich aber völlig kalt. Ich mag die verspielten Arrangements, ansonsten aber der (Obacht, Wortspiel) blasseste Song des Albums. Allenfalls der gurrige Gesang kurz vorm melodramatischen Finale überzeugt mich. Aber sonst? Die letzten beiden Songs in der Reihenfolge getauscht würde „The Pale Emperor“ das perfekte Finale bescheren, aber so endet das Album für mich geistig schon bei Track 9.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass die kreative Zusammenarbeit von Marilyn Manson und Tyler Bates noch viele Früchte trägt. „The Pale Emperor“ ist eine wunderbare Manson-Platte geworden, die all denen viel Freude bereiten dürfte, die heute noch bei „Mechanical Animals„, „Holy Wood“ und „Eat Me, Drink Me“ dieses besondere Glänzen in den Augen bekommen. Und auch wenn man hier viele Elemente wiedererkennt, die man seit Jahren zu hören bekommt, so ist die Beteiligung eines Filmmusikers in etlichen kleinen Momenten nicht zu leugnen. Das hat zur Folge, das „The Pale Emperor“ die mit Abstand bildgewaltigste Platte Mansons überhaupt ist. Schlussendlich hat folgende Aussage, damals in „Vodevil“ auf „The Golden Age Of Grotesque“ getägtigt, nach wie vor Bestand: This isn’t music and we’re not a band. We’re 5 middle fingers on a motherfucking hand.


Mein Promoter will mir „The Pale Emperor“ nicht als Comeback sondern gleich als Wiedergeburt verkaufen. Bisschen starker Tobak, wenn Ihr mich fragt. Für mich war Manson weder weg vom Fenster noch gestorben. Fans sehen das eventuell ähnlich. Einzig: die letzten beiden Alben „The High End Of Low“ und „Born Villain“ hatten weitem nicht die Halbwertszeit früher Alben und können auch gerne im Gesamtkunstwerk des Meisters ignoriert werden. Wenn ich zurückdenke an mein Fazit zum 2007er Album „Eat Me, Drink Me“… dort hieß es sinngemäß: wenn sich Manson jetzt zur Ruhe setzte hätte er sich ein schickes, abschließendes Denkmal geschaffen. Dank „The Pale Emperor“ bin ich echt maximal froh, dass er’s nicht getan hat! Der einstige „Antichrist Superstar“ der Rockmusik ist jetzt zu ihrem blassen Kaiser (oder besser: ihrer grauen Eminenz) geworden. Über die Wichtigkeit, Besonderheit und seine wegweisende Kraft von „The Pale Emperor“ werden die Gelehrten noch in Jahren streiten, davon bin ich überzeugt. Ich bin auf die nächste Evolutionsstufe von Mansons Klangimperium mehr als gespannt!


MM_ThePaleEmperor


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