Foto: Dependent Records

MIND.IN.A.BOX – The Dreamweb Trilogy (Vinyl Re-Release)

Wisst Ihr noch, was Ihr 2004 so gemacht habt? Also abgesehen davon, unter anderem Zeuge geworden zu sein dass Gerhard Schröder seinen Rücktritt als Parteivorsitzender der SPD erklärte, sich die EU um zehn weitere Mitgliedsländer erweiterte, George W. Bush erneut zum Präsidenten der USA gewählt wurde und ein gewisser Mark Zuckerberg eine Plattform namens Facebook ins Leben rief? Musikalisch tat sich auch ein bisschen was in jenem Jahr: Green Day veröffentlichten „American Idiot“, Linkin Park ihr zweites Album „Meteora“ und Scooter ihr bis dahin zehntes Album „Mind the Gap“. Eine Sache passierte aber 2004 noch, an die sich so mancher Konsument feiner elektronischer Musik sicher gern erinnert: Die Pforte zum Dreamweb wurde erstmal aufgestoßen; mind.in.a.box veröffentlichten in jenem Jahr ihr richtungsweisendes Debütalbum „Lost Alone“ . Und schufen aus dem Stand ihre ganz eigene Nische. Schon ein Jahr später folgte „Dreamweb“, welches das abgefahrene Konzept aus Musik und Science-Fiction-Geschichte final zum Grundstein nahezu aller folgenden Alben machte. 2007 kam dann „Crossroads“ und die Dreamweb-Trilogie war komplett. Zumindest die erste. Mit „R.E.T.R.O.“ erlaubten sich mind.in.a.box einen Ausflug in die Zeit der C64-Computerspiele, inspiriert von Komponistengrößen der Heimcomputer-Szene wie Chris Hülsbeck, ehe sie mit „Revelations“ (2012), „Memories“ (2015) und „Broken Legacies“ (2017) eine weitere Trilogie rund um das Dreamweb, Black, die Agency und all die anderen Figuren, die sie im Laufe der Jahre ersonnen hatten, nachschoben. Die erste Dreamweb-Trilogie erscheint nun bei Dependent endlich auch als Vinylvariante. Die wohl beste Gelegenheit, um noch einmal einzutauchen in dieses in jeder Hinsicht einzigartige Klanguniversum.

Also es ist ja nicht so, dass ich die ersten drei Alben von mind.in.a.box seit ihrem Erscheinen nicht mehr gehört hätte (vielmehr sind sie stattdessen immer wieder wenigstens in Teilen in meiner Playlist), aber mitunter passiert es, dass man ein Album, das 16 Jahre auf dem Buckel hat, abspielt und denkt: hmm, damals war das aber irgendwie geiler. Gerade im elektronischen Teil der Düsterszene gibt es genügend Alben, die quasi schlecht gereift sind. „Lost Alone“ ist da anders. Das wirkte damals schon aus der Zeit gefallen. Da sind einerseits die Vocals, die mit Vocoder und Verzerrung so sehr bearbeitet waren dass es schien, eine künstliche Intelligenz würde die intelligenten Texte vortragen. Da sind andererseits die Kompositionen, die mit ihrer Mischung aus düsterem, technoiden Grundgerüst und einer einem Jean-Michel Jarre zur Ehre gereichenden Melodieführung begeisterten. Nicht zu vergessen die Hintergrundgeschichte mit ihren Anleihen aus Matrix, Deus Ex und der Necromancer-Trilogie von William Gibson. Diverse „Album des Monats“-Auszeichnungen sprachen seinerzeit eine deutliche Sprache davon, dass „Lost Alone“ einen Nerv getroffen hatte. Das Stück „Change“ geriet den Österreichern Stefan Poiss (verantwortlich für Musik und Gesang) und Markus Hadwiger (Texte) aus dem Stand zum überragenden Immergrün, mit „You Will See“ „Lost Alone“ oder „Leave“ finden sich aber derer aber noch ein paar mehr auf dem Album.

Foto: Dependent Records

Apropos „Leave“: Die Genialität der Macher, ihre Überzeugung aus dem Dreamweb mehr zu machen als nur eine Eintagsfliege sowie der unbedingte Wille, in der Düsterszene etwas einzigartiges zu schaffen – all das spiegelt sich auch in „Tape Evidence“ wieder, dem Eröffnungstrack vom zweiten Album „Dreamweb“. Nicht nur, dass hier der immer wieder auftretende Hörspielcharakter, der die Geschichte des Dreamwebs im Kopf seiner Zuhörer entfaltet, verstärkt zu hören ist, nö, mind.in.a.box knüpfen an den Vorgänger an, in dem sie kurze Fragmente aus „Leave“ einbinden. Wie durch Gedankensplitter aus der Vergangenheit werden wir also noch einmal kurz daran erinnert, dass das Dreamweb immer noch da draußen ist.

Im Zuge der Vorbereitungen auf diesen Artikel hier habe ich mir den Spaß gegönnt, alle sechs Alben von mind.in.a.box, die mit dem Dreamweb zu tun haben, am Stück zu hören. Binge-Listening, sozusagen. Es ist bemerkenswert und beeindruckend, wie sehr sie ihren Stil über die Jahre verfeinert haben, ohne auch nur ansatzweise von dem einst gewählten Pfad abzuweichen. Wie sich die Alben nahtlos hören lassen, ohne das auch nur der Hauch eines Bruchs wahrnehmbar wäre – und das, obwohl zwischen „Lost Alone“ und „Broken Legacies“ auch im Dreamweb 13 Jahre vergangen sind!

Foto: Dependent Records

Mit „Crossroads“, dem dritten Album dieser Trilogie gestatteten sich die Österrreicher, in ihr Konzept ganz geschickt auch ein paar stattliche Clubkracher einzubauen. „Amnesia“ sei hier genannt, „Stalkers“ und natürlich „What Used To Be“, das seinerzeit sogar mit einer entsprechenden Single-Auskopplung bedacht wurde. Inzwischen nicht mehr erhältlich, als Bonus aber dem limitierten Box-Set beigepackt. Abgerundet wurde das Album durch die Illustrationen Ingo Römlings, der in der Szene schon so manches Album mit seiner Arbeit veredelt hat.

Diese drei Alben liegen nun also in vinyler Fassung vor. Wie von Dependent nicht anders zu erwarten hochwertig verarbeitet und mit klarer Fokussierung auf die Fans. Die Alben werden einzeln veröffentlicht, als Doppel-Vinyl mit dem jeweils originalen Artwort und den Songtexten auf der Innenseite. Zusätzlich erscheint auch noch eine auf 300 Exemplare limitiertes Box-Set mit blauem statt schwarzen Vinyl, Bonus-Tracks der nicht mehr erhältlichen Singles „Certainty“ und „What Used To Be“, Kunstdrucke im Cover-Format und womöglich der ein oder anderen Überraschung mehr.

Foto: Dependent Records

Obwohl ich davon ausgehe, dass die Songs von mind.in.a.box seit jeher ausschließlich in digitaler Form vorlagen – sich somit klanglich eigentlich kein Unterschied zur CD-Fassung vernehmen lassen sollte – so war ich doch überrascht. Irgendwie wesentlich luftiger und dynamischer entfaltete sich der Einstieg ins Dreamweb. Vielleicht wurden die Originalaufnahmen tatsächlich noch einmal neu gemastert, vielleicht ist es auch nur eine Art Wunschdenken rund um das Wissen, gerade eine Schallplatte zu hören, denen man allgemein einen besseren, volleren Klang nachsagt. Dem positiven Eindruck dieser Wiederveröffentlichung war dieses Empfinden jedenfalls sehr zuträglich.


Ich denke es ist in den vorangegangen Zeilen deutlich geworden, dass ich mind.in.a.box sowie die Dreamweb-Trilogie für Ausnahmeerscheinungen halte. Das habe ich ohnehin in der Vergangenheit oft genug kundgetan. Nach meinem Verständnis gibt es auch nach 16 Jahren nichts, das damit vergleichbar wäre. Die Neuveröffentlichung auf Vinyl richtet sich klar an Fans und Sammler – und die sollten sich zunächst mal die schmucke Box sichern, so lange wie sie noch zu haben ist. Und während ich persönlich darüber sinniere, dass seit „Broken Legacies“ schon wieder drei Jahre vergangen sind, damit im Prinzip eine zweite Trilogie beendet wurde und 2020 ja eigentlich ein neues Kapitel aufgeschlagen werden könnte, habe ich viel Spaß mit dieser Wiederveröffentlichung. In zwei Sätzen: Die Vinylvarianten der ersten drei mind.in.a.box-Alben sind klare Pflichtkäufe für Fans und Sammler! Und wer ohnehin nur Vinyl konsumiert bekommt hier die beste Gelegenheit, sich ins Dreamweb entführen zu lassen.