NORTHERN LITE und ich, wir gehen schon eine Weile den Weg zusammen. Nicht immerzu, machmal auch getrennt, aber eben immer mal wieder und dann auch sehr gerne. Das wissen die Erfurter natürlich nicht, da ich nie der größte Fan der Truppe war, ihren musikalischen Ausstoß über die Jahre aber immer wieder gerne goutiert habe. Angefangen hatte es damals Ende der 90er mit ihrem Erstlingswerk „Small Chamber Works“, ein wunderbar minimalistisches Elektro-Album, das überhaupt keinen Hinweis darauf lieferte, was in den folgenden fast 20 Jahren so passieren sollte. Nun stehen Northern Lite wieder in meiner Playlist, dieses mal mit ihrem aktuellen Album „Back To The Roots“ – ein durchaus treffender Titel.

Nach dem besagten „Small Chamber Works“ und dessen diverse Nachfolger wurden Northern Lite bei mir – wie sicherlich bei so einigen anderen Teilnehmern der damaligen Düsterszene auch – eine riesige Nummer, als sie mit ihrem 2006er Album „Unisex“ einen absoluten Volltreffer landeten. „I Don’t Remember“ oder „Enemy“, auch gerne genommen in der Duett-Version mit Chapeau Claque, waren seinerzeit absolute Gassenhauer und auf den Parties, die ich anno dazumal so besuchte, fester Bestandteil der abendlichen, tänzerischen Leibesertüchtigung. Auch das nachfolgende Werk, „Super Black“ aus dem Jahre 2008, wurde zu einem ganz heißen Eisen in meinem Dunstkreis. Nicht zuletzt wegen „Girl With A Gun“ und dem Auftritt der Band auf dem Blackfield Festival in jenem Jahr, was meine Gang und mich damals zu ausgelassensten Feierlichkeiten veranlasste. Alles was danach folgte, habe ich dann mal mehr, mal weniger aufmerksam verfolgt. Aber wie das immer so ist – großartige Zeiten lassen sich oftmals nicht wiederholen. Zu erwarten, dass die Nachfolger von „Super Black“, die beiden „Letters & Signs“-EPs etwa oder „I Like“ den gleichen, prägenden Einfluß haben würden, wäre ohnehin nutzlos gewesen. Die Zeit damals war gut, aber sie war eben vorbei – das machten auch die Alben irgendwie deutlich.

NORTHERN LITE - Back To The Roots

Foto: Kristin Herziger

Nun jedoch sitze ich hier, abermals stehen große Veränderungen in meinem Leben bevor, so wie damals Ende der 90er, als sich mein Lebensmittelpunkt von Berlin in die niedersächsische Provinz verlagerte, und wieder tauchen Northern Lite auf meinem Radar auf. Und genau wie vor bald 20 Jahren ziemlich bewusst. „Back To The Roots“ bedeutet für mich nicht (zwingend), wieder nach Berlin zu gehen, gleichwohl aber bedeutet es für die Band, sich ihrer rein elektronischen Wurzeln zu besinnen und den ganzen rockigen Quatsch, der Alben wie „Unisex“ auszeichnete, einfach wieder bleiben zu lassen.

Herausgekommen ist mit „Back To The Roots“ ein ganz großartiges, schnörkelloses und einstweilen auch düsteres Elektro-Album mit außergewöhnlich hohem Coolness-Faktor. Die Stimme von Andreas Kubat hat über die Jahre nichts von dem „ich bin so cool, hinter mir schneit es“-Faktor verloren. Das hat natürlich wesentlichen Anteil an genanntem Eindruck. Darüber hinaus gefällt „Back To The Roots“ durch den teilweise ziemlich tiefenentspannten Minimalismus, der sich durchaus mal an House oder Techno orientiert. Wem nun zusätzlich zum Hitze- auch noch der Angstschweiß die Kimme hinab rinnt, sei beruhigt – so krass minimal wie damals, anno 1999, wird es auf diesem Album nicht mehr. Tatsächlich würden die Songs auf diesem Doppelalbum genauso gut funktionieren, würden sich Northern Lite hier weiterhin früherer Elemente wie Gitarren und Schlagzeug bedienen.

NORTHERN LITE - Back To The Roots

Foto: Kristin Herziger

Tun sie aber nicht. Northern Lite, so erklärt es mir der Pressetext, sind im Jahre 2018 das Duo Andreas Kubat und Sebastian Bohn, die aufgebrochen sind, wieder Club-Luft zu schnuppern. Das einleitende „Never Enough“ macht deutlich, wohin die Reise auf diesem Album geht – und hätte als Opener auch durchaus Bands wie Daniel Myers DSTR gut zu Gesicht gestanden. Lassen wir den dezent technoiden Auftakt mal weg – „Do You Think Of Me“ hätte durch seine ganze Struktur doch auch wunderbar auf „Unisex“ stattfinden können. Genauso auch wie „Au revoir“, entstanden zusammen mit Die Ruhe. Das „Enemy“ mit Chapeau Claque dieser Platte, quasi. „Back To The Roots“ bedeutet in diesem Fall nicht nur ein Schritt zurück zur elektronischen Enthaltsamkeit frühester Tage, sondern auch zum Spirit der „Unisex“-Zeiten. Wer, wie ich, wunderbarste Erinnerungen mit jener Zeit und den Songs jener Alben verknüpft, wird von diesem Doppelalbum sicher glücklich gemacht werden.

Und auch die, die sich für elektronische Spielereien begeistern können, für die in der Düsterszene beispielsweise Bands wie Covenant bekannt sind. „Freaks Out“ sei hier genannt. Ein hübsches Beispiel dafür, dass verschroben-verspielte und gleichwohl eingängige Elektro-Kost mit dunklerem Touch nicht zwingend aus Schweden oder dem Hause Myer kommen muss. Und mit dem sehr technoiden „Old Times“ ist es ein bisschen wie beim Monopoly – direkt zurück auf Start. Dort übrigens untermauern sie meine These, dass man Erlebnisse zwar in Erinnerungen reanimieren kann, sich aber viele Dinge im echten Leben eben nicht wiederholen lassen. Im (überschaubaren) Text heißt es nämlich: old times never coming back. Isso.

Einen kleinen Dämpfer bekommt der gute Eindruck durch die nach meinem Empfinden mäßige Coverversion von Depeche Modes unsterblichem Klassiker „Enjoy The Silence“. Die war irgendwie unnötig. Das war sie schon auf der „Holywood Girl„-EP, die einen Teil dieses Albums ausmacht und im vergangenen Jahr als Vorbote ins Rennen geschickt wurde. Sorry Jungs, bei so einem Song könnt ihr nur verlieren. Die auf zwei CDs verteilte Gesamtspielzeit von gut anderthalb Stunden bieten aber nicht ausschließlich nur neues Zeug. Auf CD zwei finden sich auch neue Fassungen von „Trusting Blind“ (vom 2004er Album „Reach The Sun“) sowie „No Escape“ (ursprünglich auf „Temper“ von 2005 zu finden). Beide Überarbeitungen machen eine gute Figur und passen gut in das Klangbild dieses gelungenen Albums.


Es hat sich über die Jahre sicherlich bemerkbar gemacht – mit feiner elektronischer Musik kriegt man mich immer. Es freut mich gerade sehr, dass Northern Lite, die ich in meinem früheren Festival- und Partyleben Teil von ein paar wirklich sensationelle Erinnerungen sind, mit „Back To The Roots“ genau das gemacht haben. Ein feines Elektro-Album, das sich sehr am Schaffen und Spirit der Band bis 2006 orientiert, ohne jedoch die Entwicklung und Reife der jüngeren Vergangenheit komplett über den Haufen zu werfen. Gerade habe ich das Gefühl, so wie sie jetzt klingen, haben die Erfurter ihren Weg gefunden. Das mag in ein paar Jahren wieder anders aussehen, wer weiß. Im wirklich dolle heißen Sommer des Jahres 2018 haben Northern Lite aber definitiv eines der coolsten Elektro-Alben geschaffen. Besten Dank dafür und die damit verbundene Zeitreise!


NORTHERN LITE - Back To The Roots

NORTHERN LITE - Back To The Roots
Ein feines Elektro-Album, das sich sehr am Schaffen und Spirit der Band bis 2006 orientiert, ohne jedoch die Entwicklung und Reife der jüngeren Vergangenheit komplett über den Haufen zu werfen. Gerade habe ich das Gefühl, so wie sie jetzt klingen, haben die Erfurter ihren Weg gefunden. Das mag in ein paar Jahren wieder anders aussehen, wer weiß. Im wirklich dolle heißen Sommer des Jahres 2018 haben Northern Lite aber definitiv eines der coolsten Elektro-Alben geschaffen.
INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.6
GESANG.8.5
PRODUKTION.8
UMFANG.10
GESAMTEINDRUCK.9
POSITIV.
  • Geht zurück zu den Wurzeln, vergisst dabei aber die bisherige Entwicklung nicht
  • Satte 2 CDs Umfang
NEGATIV.
  • Die Coverversion von "Enjoy The Silence" ist unnötig
8.2TOTAL.