Foto: Jenna Dallwitz / Four Artists

OLLI SCHULZ – Scheiß Leben, gut erzählt

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„Gefällt mir nicht!“, „scheiß Album, schlecht erzählt“, „nervtötend“, „schwach“ – ich muss zugeben, dass es diese recht durchwachsenen Rezensionen sind, die meine Vorfreude auf Olli Schulz‘ neues Album dämpfen. Bereits beim gemeinsamen Podcast mit Jan Böhmermann hatte er die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt noch zeitgemäß sei, ein komplettes Album zu produzieren, schließlich könne man ja heute ganz einfach mal hier, mal da eine Single auf den Markt bringen. Ist das jetzt also das halbherzige Ergebnis: ein Album mit zwei, drei guten Songs, mit unkreativem Füllmaterial auf 10 Tracks aufgebauscht?

Mit einiger Spannung lege ich die CD in den Wechsler meines Opel Corsa.

Ich hab‘ dich einfach überschätzt / Ich hab‘ gedacht du wärst viel besser / Ich hab‘ gedacht, dass du für irgendetwas brennst / Doch hast dich viel zu weit entfernt von dir“.

Olli Schulz nuschelt durch meine Lautsprecher, unterbrochen von einer Frau, die zur Bestätigung seiner Worte „Du schockst nicht mehr!“ ruft, brüllt, schreit.
Puh, Olli!, denke ich. Was soll das sein? Eine vorauseilende Entschuldigung? Und dieser Stil, das klingt ja so gar nicht nach dir…
Vom nächsten Song („Ganz große Freiheit“) höre ich im Stadtverkehr nur das minimalistisch-rhythmische Gedudel und den gleichförmigen monotonen Klang Ollis Stimme. Erst Song Nummer drei, „Crazy Person“, klingt überhaupt irgendwie nach Schulz, dabei schlägt der Text wieder in die gleiche Kerbe wie beim Eingangstrack:

Bist ’ne ambivalente, inkonsequente, crazy Person […] / 
Und du pushst und du planst und du tust, doch du ahnst,
 du hast keine Vision, keine Mission, keine Vision“. Schon wieder dieses Destruktive, Olli… geht’s dir nicht gut?!

Richtig versöhnt fühle ich mich dann mit dem nächsten Lied „Wölfe“, einem Song über lange Nächte. „Los, komm endlich raus aus deiner Wohnung,
 ich hab‘ noch Kippen und ’nen Strohrum“. Ein Song, der direkt in den Kopf geht mit seinem langsamen und dennoch energiegeladenen Rhythmus. Oder alternativ in die Leber.

Wachsen im Speisesaal des Lebens“ dagegen ist ein Song über das Leben an sich, über das Aufundab, Liebe, Freundschaft, Schmerz, Vergessen. Der Text ist gut gemeint, aber irgendwie fehlt ihm der richtige Pfiff, auch die Hintergrundmusik ist mehr solala und wirkt nicht besonders kreativ. Aber immerhin nervt es nicht.

Junge Frau sucht reifen Mann“, schallt es durch die Lautsprecherboxen, als ich um die Kurve biege. Erst als ich lauter mache wird mir klar, dass der reife Mann in Wirklichkeit ein „Reifen-Mann“ ist. Die junge Frau hat also einen Platten, nachdem sie sich mit ihrem Freund gestritten hat und fragt nun den Reifen-Mann „ob man das reparieren kann“. Mit Freude habe ich Bjarne Mädels Stimme als „Reifen-Mann“ Gerd vernommen, obwohl der Song auch so, allein durch seine Doppeldeutigkeit, Spaß macht.

Setzen wird den Pfad Richtung Beziehungs-Krise fort: Die Freundin ist weg und der Ex ist jetzt „Skat spielen mit den Jungs“. Ein stimmungsvoller Trennungssong, ohne allzu melancholisch oder kitschig zu wirken, sondern gerade richtig für ein „Mach was du willst, ich bin raus!“, ein Song, der kein großes Highlights setzt, sich aber ganz stimmig anhört.

Sportboot“. Mit dieser sich endlos wiederholenden Monotonie, die mich spontan an Neue Deutsche Welle erinnert, drängelt sich dieses Wort in meine Gehirnwindungen, setzt sich darin fest. „Sportboot“.
Wenn ihr wollt, fahren wir bald mit meinem Sportboot, wenn ihr wollt, fahren wir bald mit meinem Sportboot, mit meinem Sportboot…“
„Spongebob!“, kräht es von der Rückbank zu mir nach vorne und holt mich aus meinen Gedanken.
Nee, Sportboot“, korrigiere ich den jungen Mann.

Dauernd Post vom Rechtsanwalt – Sportboot! 
Schon wieder ’ne Geschlechtskrankheit – Sportboot! 
Immer Stress und selten Zeit – Sportboot!
 Freunde weg, kein Handynetz – Sportboot! 
Abtreibung vom Tinder-Match – Sportboot!
 Dauernd läuft die Katze weg – Sportboot!

Ob man es nun will oder nicht: nach 2 Minuten 33 möchte man nur noch „Sportboot“ rufen. „Sportboot“, die Lösung auf alle Fragen der Menschheit – naja, vielleicht auch nicht. Aber immer noch besser als Kreuze an den Wänden…
Nächster Track.
Scheiß alles rein, scheiß alles raus…“, schallt es von der Rückbank.
Nee: Schmeiß alles rein, schmeiß alles raus“, korrigiere ich.

Mein abgefucktes Leben lässt sich nicht mehr schönreden
 / Ich bin ziemlich hoch verschuldet und werd‘ nur noch geduldet
 / Werd‘ verflucht und gesucht von den Menschen dieser Stadt
 / Es gibt eigentlich niemand hier, der von mir ’ne gute Meinung hat“. Schon wieder ein eher destruktiver Text, der immerhin einigermaßen versöhnlich endet. Der Protagonist wird dazu angehalten, aus den Scherben etwas neues zu entwerfen, wenn er endlich so weit ist, sich selbst genug zu sein.

Als letztes noch ein recht ironisches Werk: „Schmeckt wie…
Wir sind es ja von Olli Schulz gewohnt, das im Laufe seiner Alben gern etwas Humoriges kommt, das man nicht ganz so ernst nehmen sollte. Also singt er einfach mal über Suppen, die schmecken, „wie Pisse riecht.“ Gut, ich hätte den Song jetzt nicht gebraucht. Zumindest: Es ist mal was anderes. Über Pisse singen kann auch nicht jeder, das muss man Olli Schulz vielleicht zugute halten. Und immerhin gibt es auch noch eine Aussage zu dem Ganzen:

Ich mein‘, wenn man jemanden gern hat,
 vielleicht sogar liebt,
 dann ist es scheißegal, ob es schmeckt, wie Pisse riecht“.

Ja, naja. Nach dem Song weiß man wenigstens, das Olli nicht so auf Cunnilingus steht. Aber wenn man jemanden liebt, dann…
Zumindest ist der Song streitbar.

Ich fange nochmal von vorne an und nochmal und nochmal und nochmal.
Wenn man sich an den Stil gewöhnt hat, wenn man offen für Neues ist und Olli Schulz mal so ganz nah an sich heran lässt, dann gibt es gar keine schlechten Songs mehr auf „Scheiß Leben, gut erzählt“. Vielleicht gibt es welche, die weniger ins Ohr gehen, vielleicht gibt es Songs, zu denen man eine weniger Bezug hat als zu anderen – aber es sind durchaus keine schlechten Songs.

So wird „Du schockst nicht mehr!“ zu einem experimentellen Versuch: Olli Schulz probiert etwas Neues aus, ist kreativ, will sich nicht festlegen, in keine Schublade stecken lassen. Wie oft hört man einen Song und weiß genau: „Red Hot Chili Peppers!“, weil die eben immer gleich klingen?!
Ein Künstler, der ausprobiert, der wagt, sich über den eigenen Tellerrand hinauszulehnen, geht das Risiko ein, Hörer zu verlieren. Aber Olli Schulz macht keine Musik für die Massen, Olli Schulz macht keine Musik, um irgendjemanden zu gefallen, Olli Schulz macht Musik, weil er dafür brennt und sich dabei selbst genug ist. Umso schöner, dass er für Überraschungen gut ist.

Auch der zweite Song, der bei mir im Wagen fast untergegangen wäre, hat sich bei genauerem Hinhören zu einem meiner Lieblingssongs gemausert. Mit monotonem Sprechgesang erzählt „Ganz große Freiheit“ von der Oberflächlichkeit menschlicher Beziehungen: „Da sitzt der smarte Businessmann im exklusiven Restaurant / Mit seiner schönen Skinnybitch und weiß nicht, wer sie wirklich ist, /Hunger hab’n sie beide nicht, doch Hummer ist ihr Leibgericht / Und im trüben Abendlicht sieht man ihre Narben nicht“. Es sind solche Zeilen, für die ich Olli Schulz liebe. Er schafft es mit wenigen Worten ein konkretes Bild aufzubauen und stellt Beziehungen und Menschen dar, die tatsächlich so (ko-)existieren.


Songs wie „Ganz große Freiheit“ und „Du schockst nicht mehr“ sind weder massen- noch bühnentauglich. Aber genau darum passen sie so gut auf ein Studioalbum. „Scheiß leben, gut erzählt“ ist ein Songsammelsurium mit einem lockeren roten Faden, der sich nicht immer, aber doch immer wieder durch Themen wie Scheitern, Antihelden, fallen und wieder aufstehen zieht und so ein spannendes Gesamtgebilde entstehen lässt. Obgleich ich Anfängern wohl eher andere Alben von Olli Schulz empfehlen würde („SOS – Save Olli Schulz“, „Feelings aus der Asche“), so kann ich Fans seiner Musik guten Gewissens auch das neuste seiner Alben empfehlen, mit der Anmerkung, dass man es wirklich mehrmals hören muss, um reinzukommen und mit Sicherheit auch eine gewisse Offenheit für Experimente an den Tag legen sollte.



INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.8.1
GESANG.6.9
PRODUKTION.7
UMFANG.6.9
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Musikalisch überraschend vielfältig
Typischer Schulz-Humor, mit durchaus ernster Note
NEGATIV.
Bisschen kurz, das alles
7.4
PUNKTE.
FAZIT.
Songs wie „Ganz große Freiheit“ und „Du schockst nicht mehr“ sind weder massen- noch bühnentauglich. Aber genau darum passen sie so gut auf ein Studioalbum. „Scheiß leben, gut erzählt“ ist ein Songsammelsurium mit einem lockeren roten Faden, der sich nicht immer, aber doch immer wieder durch Themen wie Scheitern, Antihelden, fallen und wieder aufstehen zieht und so ein spannendes Gesamtgebilde entstehen lässt. Obgleich ich Anfängern wohl eher andere Alben von Olli Schulz empfehlen würde („SOS – Save Olli Schulz“, „Feelings aus der Asche“), so kann ich Fans seiner Musik guten Gewissens auch das neuste seiner Alben empfehlen, mit der Anmerkung, dass man es wirklich mehrmals hören muss, um reinzukommen und mit Sicherheit auch eine gewisse Offenheit für Experimente an den Tag legen sollte.

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    Roman Jasiek
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