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PSYCLON NINE – Icon Of The Adversary

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Der Begriff Metamorphose bezeichnet in der Mythologie die Verwandlung einer Gottheit oder eines Menschen in etwas anderes. Diese Metamorphose kann von kurzer oder langer Dauer sein. Seit ihrer Gründung haben sich Psyclon Nine einer sehr interessanten Metamorphose unterzogen. Am Anfang präsentierte sich die Band als reines Dark/Harsh Electro Projekt. Schon damals fielen mir zwei Stilelemente stark auf. Da war zum einen die prägnante Stimme von Mastermind Nero Bellum. Er schreit hoch und ätzend. Er flüstert zuweilen und immer erinnerte er mich etwas an Dani Filth. Zum anderen ähnelte vor allem ab dem zweiten Album „I.N.R.I.“ das Songwriting mehr und mehr dem des Black Metal. Am prägnantesten dafür waren die treibenden Drum-Settings. Spätestens ab „Crwn Thy Frnicatr“ wurden die Metalelemente immer stärker, bis die Metamorphose zu einer Industrial/Black Metal Formation (fast) vollzogen war.

Nun sind schon fünf Jahre seit dem letzten Output „Order Of The Shadow : Act I“ vergangen. Der geneigte Hörer durfte also gespannt sein, war das letzte Album doch ein wenig schwierig zu hören. Irgendwie schien die Symbiose aus Industrial und (Black) Metal noch nicht perfekt zu harmonieren. Gewissen albumtypische Elemente bleiben zunächst auch 2018 erhalten. Der Aufbau von „Icon Of The Adversary“ ähnelt mit Intro und instrumentalen Stücken den vorherigen Werken der Band. Jedoch sind diese ein Beweis für die kompositorische Entwicklung. Teilweise klingen das Intro „Christsalis“ sowie die Intrumentalstücke „Behold An Icon“ und „Give Up The Ghost“ wie der Soundtrack eines sehr düsteren Films. Vor allem „Give Up The Ghost“ erinnert stark an Reznor/Ross, ohne eine schlichte Kopie zu sein. Der erste echte Brecher ist „Crown Of The Worm“. Ein düsteres Intro zieht den Hörer förmlich an, bevor dieser von schnellen Drums, harten Riffs, und dem Schreigesang von Nero angefallen wird. Ein aggressiver, aber nicht zu schneller Song. Er kriecht wie ein Wurm durch die Boxen, türmt sich dann vor einem auf und verschlingt sein Opfer.

The Light Of Armageddon“ setzt fast nahtlos am Vorgänger an. Die Gitarren heulen auf und der Industrial-Sound sticht hier stärker hervor. Das Drum-Setting ist treibend und abgehackt. Aggressive drei Minuten. Ruhiger und atmosphärisch wird es bei „Beware The Wolves“. Ein düsteres Stück Industrial und Soundtrack-Musik. Nero flüstert und beschwört seine Hörer. „Warm What’s Hollow“ zieht den Hörer weiter in einen Schlund. Nero wechselt bei diesem Midtempostück zwischen schreien und flüstern. Beide Stücke bestechen durch ihre Stimmung und einen Sound, welcher stellenweise an „I Do Not Want This“, „The Becoming“ oder „Reptile“ von Nine Inch Nails‚ „The Downward Spiral“ erinnern. Jedoch in einem wesentlich bedrohlicheren und härteren Soundgewand. Tatsächlich zwei Songs, die ich mit jedem Durchlauf immer besser finde.

When The Last Star Dies“ ist ein ebenso wütender wie auch dunkler Industrial-Metal-Track, welcher den Hörer an MansonsAntichrist Superstar“-Zeiten erinnern könnte. Jedoch ist auch hier spätestens der Refrain mit seinen harten Gitarrenriffs typisch Psyclon Nine. „And With Fire“ ist ein weiterer Midtempo-Industrial-Brecher. Atmosphärische Drums und Flächen gepaart mit harten und wütenden Gitarren. Der Song offenbart zudem eine sehr gelungene Symbiose aus dem vorgetragenem Industrial-Metal und den Instrumentalstücken. Nero schreit sich dazu stellenweise die letzten Reste seiner Seele aus dem Leib – vorausgesetzt, er hatte je eine. Den Abschluss bildet das melancholische „The Last“. Nero klingt fast kränklich, während er den Text flüstert und teilweise erinnert er sogar an einen Schamanen, der ein Ritual durchführt. Wir erleben kein typisches Outro. Der Song ist jedoch eine gelungener Abschluss. Die Stimmung wird am Ende nochmal in eine Tiefe gezogen, welche das Gesamtwerk großartig unterstreicht. Der ab Minute fünf einsetzenden Hiddentrack offenbart eine instrumentale Geräuschkulisse, welche einen Höllenschlund vertont. Der Hörer wird quasi fast 49 Minuten nach unten gezerrt und nun der Dunkelheit entgegen treibend losgelassen und verzehrt. Ohne Wiederkehr. Ohne Hoffnung. Ohne Licht.


Nicht jeder Musikliebhaber ist mit einem so krassen Genrewechsel einer Band einverstanden. Oftmals sind solche Entwicklungen einfach enttäuschend. Für jemanden wie mich, der in den 1990ern mit Bands wie Nine Inch Nails, Marylin Manson, Cradle Of Filth, Hocico oder auch Wumpscut musikalisch sozialisiert wurde, ist diese Platte jedoch ein wahrer Leckerbissen. Jeder neue Durchlauf offenbart neue instrumentale Versatzstücke und Elemente. Das Arrangement der einzelnen Songs ist äußerst gelungen. Oft wirken instrumentale Intros, Outros oder auch Zwischenstücke eher fehl am Platze. Auch Psyclon Nine haben solche eher anstrengenden Passagen schon einmal auf früheren Alben gezeigt. Auf „Icon Of The Adversary“ passt jedoch alles sehr harmonisch zusammen und jeder Song ergänzt den vorigen. Allerdings ist dies auch das einzig harmonische an diesem Werk. Psyclon Nine scheinen ihren Sound gefunden zu haben. Düster, bedrohlich, aggressiv, hart. Nero Bellum und seine Mitstreiter präsentieren eine sehr spannende Variante des Genres Industrial Metal. Gerade die immer wieder einfließenden Anleihen des Black Metal wirken 2018 als künstlerische Erweiterung und nicht mehr als bloßer Versuch einer Symbiose. Das Gefühl der Suche nach eben dieser Symbiose, welches mich noch beim Vorgängeralbum beschlich, taucht auf diesem Werk nicht mehr auf. Nero Bellum ist sicher kein unumstrittener Musiker. Mit „Icon Of The Adversary“ haben Psyclon Nine jedoch ein grandioses Werk auf die Welt losgelassen, welches gehört zu werden verdient. Ein Ungetüm, welches sich bis ins Mark frisst.


INHALT / KONZEPT.8.5
TEXTE.8
GESANG.8
PRODUKTION.9
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Ein wirklich gut arrangiertes Album.
Der Sound ist hervorragender abgemischt.
Auch nach mehrmaligem Durchlauf wird die Platte nicht langweilig, das Genre Industrial Metal erlebt ein Highlight.
NEGATIV.
Warum ein Hiddentrack in der Audiospur von „The Last“? Ein fragwürdiges künstlerisches Stilelement.
Fans des harten Electrosounds von früher werden der Band endgültig entsagen.
8.3
PUNKTE.
FAZIT.
Das Gefühl der Suche nach eben dieser Symbiose, welches mich noch beim Vorgängeralbum beschlich, taucht auf diesem Werk nicht mehr auf. Nero Bellum ist sicher kein unumstrittener Musiker. Mit „Icon Of The Adversary“ haben Psyclon Nine jedoch ein grandioses Werk auf die Welt losgelassen, welches gehört zu werden verdient. Ein Ungetüm, welches sich bis ins Mark frisst.

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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