Foto: Dependent Records / Frank Machalowski / vs-grafik.de

RADIOAKTIVISTS – Radioakt One

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Wenn Ihr mal kurz die Augen schließt und Euch ein Pliiiing-Geräusch vorstellt, dann könnte das vor Eurem geistigen Auge ich sein, der flugs ein paar Groschen in das Phrasenschwein wirft. Leider komme ich aber bei meinem heutigen Thema nicht umhin, die folgenden Kamellen zu bringen: Gut Ding will Weile haben. Oder: was lange währt, wird irgendwann gut. Diese Binsenweisheiten, die schon zu meiner Großmutters Zeiten ziemlich abgedroschen waren, passen aber eben einfach zu gut auf das nun vorliegende Album „Radioakt One“ der RADIOAKTIVISTS. Jene Supergroup, die aus den Electro-Klangtüftlern Daniel Myer (hat als Produzent gefühlt überall seine Finger im Spiel und das ist auch gut so, ansonsten pflegt er seine Projekte Haujobb, Architect oder DSTR) und Krischan Wesenberg (unter anderem Rotersand und ganz neu: Future Lied To Us), dem singenden Psychologen Frank M. Spinath (ähnlich wie Daniel Myer ein Tausendsassa, ansonsten aber vor allem bei Seabound und Edge of Dawn sowie seinem eigenen Projekt Lionhearts zu hören) und dem Autoren Sascha Lange (hat unter anderem mal ein Mammutbuch über Depeche Mode geschrieben) besteht. Und die schon 2013 erstmals in dieser Konstellation auf den Plan traten, ein ganzes Album bis dato aber schuldig geblieben sind. Nun aber ist „Radioakt One“ fertig – und nach all den Jahren schwillt sicher nicht nur mir die Frage im Gebeiß, ob sich die Warterei gelohnt hat.

SASCHA LANGE | FOTO: ROMAN JASIEK / AVALOST.

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, wie ich am Nachmittag des 16. Mai des Jahres 2013 nach Leipzig fuhr, um am Vorabend des Wave-Gotik-Treffens dem allerersten (und bis zum Zeitpunkt dieses Artikels einzigen!) Konzert der Radioaktivists im Rahmen von Schwarzes Leipzig Tanzt beizuwohnen. Wenige Zeit zuvor hatte das Quartett einen ersten (und lange Zeit ebenfalls einzigen) Song veröffentlicht, der im Laufe der Jahre zu einem echten Klassiker herangereift ist. Die Rede ist natürlich von „Pieces Of Me“, einem Meisterstück anspruchsvoller Düsterelektronik, das, so scheint es mir, seine Schöpfer aufgrund der ihm innewohnenden Genialität selbst ein bisschen überrascht zu haben schien. Anders kann ich mir kaum erklären, warum seit jenem Song und jenem Konzert vor mehr als fünf Jahren nichts passierte bei den Radioaktivists. Zwar muss es schon mehrere Songs gegeben haben, logisch, sonst wäre ja kaum ein Konzert, und sei es auch noch so kurz, machbar gewesen. Dummerweise kann ich heute allerdings nicht mehr sagen, ob sich in der Moritzbastei damals außer „Pieces Of Me“ noch andere Stücke in der Setlist befanden, die heute zur Tracklist von „Radioakt One“ gehören. Zu vermuten ist es aber.

KRISCHAN WESENBERG | FOTO: ROMAN JASIEK / AVALOST.

Die Arbeitsteilung der Radioaktivists sieht wohl im Wesentlichen so aus: Krischan und Daniel sind für den Sound verantwortlich, Sascha und Frank haben Texte und Gesang auf dem Zettel stehen. Bei einem Album, an dem ein Daniel Myer und ein Krischan Wesenberg herumgetüftelt haben, muss vermutlich nicht extra erwähnt werden, dass es ziemlich prima aus den Boxen tönt, oder? Ich erwähne es trotzdem. Nicht nur sind es die (wenig überraschend) sehr feingliedrigen Arrangements und das gewohnt brillante Auge (oder eher: Ohr) für Details, die Eindruck schinden, sondern auch die gefällige weil angenehm dynamische Produktion sowie das gekonnte Mastering, welche mit ordentlich Schalldruck den Raum füllen. Rein technisch gesehen ist „Radioakt One“ so hochwertig ausgefallen, wie man es aufgrund der beteiligten Musiker erwarten konnte.

DANIEL MYER | FOTO: ROMAN JASIEK / AVALOST.

Auch die Songs selbst versprühen eine angenehm düstere Stimmung. Die Gesangsbeiträge von Sascha überzeugen mich stimmlich nicht über die Maßen, im Zusammenspiel mit den hübschen Songs, die seine Wortmeldungen untermauern, macht sich trotzdem eine eigenwillige Faszination breit. Dennoch: Franks Arbeit überzeugt mich einmal mehr, zumal mit dem flotten „Raiders“ auch ein formidabler Tanzflächenfüller mit Ohrwurmqualitäten geschaffen wurde, während hingegen „Lovers“ so wunderbar mit dem Sound der 1980er Jahre flirtet, „Leere“ musikalisch wie stimmlich ein Ausflug in Neuland darstellt – und dann ist da ja noch „Pieces Of Me“, quasi in der 2018er Fassung.

FRANK M. SPINATH | FOTO: ROMAN JASIEK / AVALOST.

Alles schick, alles prima und … merkt Ihr, dass mich „Radioakt One“ irgendwie nicht so richtig so in Verzückung versetzen will, wie ich das vielleicht selbst gern gehabt hätte? Die Ursachenforschung gestaltet sich schwierig. Objektiv betrachtet ist „Radioakt One“ (abgesehen von dem albernen Titel) ein hochwertiges Elektro-Album, in das Fans des Genres und/oder der beteiligten Künstler gut und gerne ihre schwer verdienten Taler investieren können. Vielleicht habe ich nach all den Jahren des Wartens, nach dem Auftritt damals in der Moritzbastei irgendwie mehr erwartet als das, was „Radioakt One“ letztlich geworden ist. Die Summe der Teile ist von hoher Güte, das Gesamtpaket irgendwie… zu lange gereift? Zu viele Köche, die letztlich den Brei verdorben haben? (Pliiing) Keine Ahnung. Es ist schön, dass „Radioakt One“ jetzt da ist. Die erhoffte Sensation ist es aber nicht. Dafür kam es einfach zu spät. Und dafür scheinen sich die beteiligten Musiker mit ihren bisherigen Projekten in der Zwischenzeit schon weiterbewegt zu haben. Somit bleibt als Antwort auf die eingangs gestellte Frage, ob sich die Warterei gelohnt hat, leider nur ein klares Jein. Ein paar Jahre früher und es hätte mich wahrscheinlich aus den Latschen gehauen. So aber bleibt immer der Beigeschmack von: zu spät. Dass sie damit viele Mitbewerber aber immer noch überragen, steht freilich auf einem anderen Blatt.


Wer mich kennt und/oder diesen Blog verfolgt wird wissen, dass ich das musikalische Tun mindestens zweier der beteiligten Musiker gerne mal über den grünen Klee lobe und mich in schöner Regelmäßigkeit von deren Mucke abholen lasse. Leider will mir das bei „Radioakt One“ nicht gelingen. Es ist wirkt auf mich in Summe wie ein Album, das zu lange auf Halde lag; wie eines das jetzt endlich mal rausgebracht werden musste, ehe es hätte lächerlich werden können und an dem deutlich zu lange gefrickelt wurde. Nehmen wir nur „Pieces Of Me“, das in der Sammleredition des Albums noch in der ursprünglichen Demo-Version enthalten ist. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass man auch so lange an einem Song herumschrauben kann, bis die einstige Faszination flöten geht. Die Demo-Version macht im direkten Vergleich wesentlich mehr Eindruck. „Radioakt One“ ist musikalisch die hohe Schule, wirkt aber vom Tun der jeweiligen Künstler selbst inzwischen irgendwie überholt. Vermutlich sind Daniel, Frank, Sascha und Krischan froh, dass das Ding jetzt endlich fertig und draußen ist. Ich bin es auch. Und wenn sich die Herren dereinst noch einmal zusammenfinden sollten, für einen „Radioakt Two“, dann freue ich mich. Dem noch einmal so entgegen fiebern werde ich aber nicht.



INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.7
PRODUKTION.9
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.7
LESERWERTUNG.2 Votes6.9
POSITIV.
Ein paar Tracks haben durchaus das Zeug zum Klassiker.
Produktion, Mastering - technisch alles von hoher Güte.
NEGATIV.
"Pieces Of Me" ist in der ursprünglichen Version ansprechender.
Es wirkt wie ein Album, an dem schlicht zu lange gefriemelt wurde.
7.8
PUNKTE.
FAZIT.
Wer mich kennt und/oder diesen Blog verfolgt wird wissen, dass ich das musikalische Tun mindestens zweier der beteiligten Musiker gerne mal über den grünen Klee lobe und mich in schöner Regelmäßigkeit von deren Mucke abholen lasse. Leider will mir das bei „Radioakt One“ nicht gelingen. Es ist wirkt auf mich in Summe wie ein Album, das zu lange auf Halde lag; wie eines das jetzt endlich mal rausgebracht werden musste, ehe es hätte lächerlich werden können und an dem deutlich zu lange gefrickelt wurde.

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    Roman Jasiek
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