RAMMSTEIN

Über zehn Jahre mussten Fans und Kritiker warten, um sich an einem neuen Werk der wohl erfolgreichsten deutschen Metalband zu ergötzen. Ein Satz, der sinngemäß in so ziemlich jeder Kritik zum neuen selbst betitelten Rammstein-Album steht. Vor allem in den Feuilletons der größeren Presseportalen kommt dieses Album jedoch eher schlecht weg. Zu sehr sucht der deutsche Intellektuelle bei deutschen Bands die große Lyrik und die großen Inhalte. Ist dann aber enttäuscht, wenn das lyrische Ich mit zu wenigen rhetorischen Figuren ins Bett geht und nur Blümchensex hat. Geschrieben und gesagt wurde also schon viel über Rammstein anno 2019. Vieles davon muss selbst kritisch betrachtet werden. Also nochmal zurück zum Anfang.

Der mediale Aufschrei vor dem ersten Video zu „Deutschland“ war riesig und sicher auch vom Berliner Sextett kalkuliert. Am Ende war dies auch eine grandiose Marketingkampagne, welche zu Rammstein passt. Sie wurde nun schon mehrfach durchdekliniert. Diverse Vertreter der Medien und der Politik sind jedenfalls in die scheinbare Falle getappt. Einen 30-sekündigen Teaser als Generalabrechnung zu nutzen, um die eigenen Vorurteile gegenüber der Band auszuspeien, zeugt nicht gerade von intellektueller Weitsicht. Manch einer mag „Deutschland“ als eine Art politischen Wegweiser verstehen. Mindestens ist das Video ein Comeback mit Knalleffekt und gleichzeitig der wohl stärkste Song des Albums. Musikalisch ein Beispiel für Industrial Metal par excellence. Eine einprägsame Hookline und Gitarrenwände, die sofort Bewegungsdrang auslösen. Thematisch ein wilder Ritt durch verschiedene Epochen der deutschen Geschichte und eine Abrechnung mit der German Angst. Gerade in diesen von Populismus geprägten politischen Zeiten scheint eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte – und vor allem der Deutsch-Deutschen Geschichte samt der innerdeutschen gesellschaftlichen Zerwürfnisse nach der Wiedervereinigung bis heute – nötiger denn je.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Als zweite Single und auch als zweiter Song des Albums wurde „Radio“ ausgewählt. Manch einer mag Anleihen von Kraftwerk heraushören. So ist der Song jedenfalls mit allerlei elektronischen Spielereien und einer markanten Bassline unterlegt. Die Melodien sind popig und eingängig. Der Refrain ist ein extremer Ohrwurm und nistet sich sofort im Gedächtnis ein. „Radio“ beschäftigt sich mit den unfreien Medien in der DDR, dem Heimatland der Bandmitglieder. Das Radio, welches in Zeiten ohne Internet in einem autoritäreren Land das Tor zur Welt wurde. Heute wird selbst das Internet in manchen Ländern zensiert und schlimmer noch, wird es überall durch diverse undurchsichtige Algorithmen kontrolliert. Stasi 2.0. Nichts neues, aber die Botschaft ist wichtig, solange sie Bestand hat.

Eine weitere nicht neue, aber dennoch immens wichtige Botschaft, ist die beißende Religionskritik in „Zeig dich“. Gott, wo bist du? Behandelt der Text in der Folge die bigotte Haltung der Kirche, welche mehr Zweifel an der Existenz eines Gottes produziert als dieser Institution lieb sein sollte. Den christlichen Kirchen laufen nicht erst seit kurzem die Anhänger davon. Und dann sind da ja auch die vielen Missbrauchsfälle, bei deren Aufarbeitung die Kirche scheinbar kaum hinterherkommt. Auch ein Thema dieses Songs. Musikalisch kommt mit „Zeig dich“ der nächste leichte Bruch. Im Intro schmettert ein Chor Zeilen auf Latein. Der Song wirkt düster. Die Strophen rockig mit synthetischen Bläsern und abgehackten Gitarrenriffs im Break. Der Refrain ist hymnisch und mit Keyboardflächen und Piano unterlegt. Insgesamt ein schnelles Stück, welches wütend vorangeht.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Es folgt die dritte Singleauskopplung. Musikalisch wurde „Ausländer“ schon als Disco-Metal verschrien. Wer den Song mit EDM vergleicht, hat Industrial Metal allerdings nicht verstanden. Der Rhythmus stapft voran und wird mit einem trancelastigen Snare angereichert. Etwas KMFDM („Adios“, „Hell Yeah“), etwas Waltari („So Fine“, „Far Away“), viel Rammstein. Das Synth-Lead klingt ebenso recht tanzbar und eingängig. Der Titel „Ausländer“ lässt zunächst ein politisches Thema vermuten. Jedoch stellt sich schnell der Eindruck ein, dass sich dieser Song eher mit Sextourismus beschäftigt. Die Zeilen: „Ich bin kein Mann für eine Nacht. Ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden.“ und „Du kommen mit. Ich dir machen gut.“ erinnern an einen Besuch im Rotlichtmilieu irgendwo auf der Welt. Allerdings erinnern die weiteren Zeilen aus dem Französischen, Italienischem, auf Russisch und in Englisch an einen Gigolo auf einer Tour de Fuck in Europa. Quer durch Amsterdam, durch Hamburg oder auch durch die Heimatstadt meiner Wahl, Braunschweig (die Bruchstraße ist hier so etwas wie die Herbertstraße in Hamburg). Der Song ist auf der Metaebene eher eine weitere Fortführung von „Mein Land“ oder „Pussy“. Sextourismus ist eben nicht einzig auf ferne Länder, wie in beispielsweise Südostasien, beschränkt. Den Junggesellenabschied in Amsterdam zu zelebrieren, ist eine gängige Praxis junger Männer. Auch ist nicht jede Sexarbeiterin in unserem Land mit einem deutschen Pass ausgestattet oder gar freiwillig in diesem Gewerbe tätig. Sie „machen gut“, weil sie es müssen. Und wenn ich schon meine Wahlheimat anspreche, die Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss hat mit ihrem Dokumentarfilm „Lovemobil“ Prostituierte in ihren Wohnwägen an der Landstraße zwischen Gifhorn und Wolfsburg begleitet. Dort warten Frauen darauf, dass Männer anhalten und sie für Sex bezahlen. Nicht legal, aber geduldet.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Das Video zu „Ausländer“ macht ganz aktuell eine weitere Metaebene auf. Der europäische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Es gibt zu der Umsetzung des Videos viel Kritik aus der linken Medienwelt. Diese echauffiert sich hauptsächlich an den gezeigten Klischees des Videos. Rammstein werden wieder schnell vermehrt in die rechte Ecke geschoben. Jedoch vollziehen die Berliner hier ein Leerstück der versteckten Botschaften. Vor allem der deutsche Kolonialismus in Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, ist nicht wirklich im kollektiven deutschen Geschichtsbewusstsein. Die rechte Parteienlandschaft und Presse redet gern vom „Nafri“, der uns Deutschen die Jobs und die Frauen wegnehmen will. Dann herrscht noch die Gefahr einer „Islamisierung des Abendlandes“. Ein wirres Konstrukt, welches durch Unwahrheiten und Vorurteile aufgeladen wird. Vorurteile, die genau auch aus dieser Zeit der deutschen Kolonien und von der Sichtweise im Kaiserreich stammen. Der politische und wirtschaftliche Zustand des afrikanischen Kontinents ist genau auf diese europäische Kolonialherrschaft mit seinen Verbrechen an der Menschlichkeit zurückzuführen. Völkermord und Ausbeutung. Verstümmlung als Strafaktion. Menschenraub. Die sogenannten Völkerschauen in der Heimat und die damit einhergehende Verfestigung noch heute sichtbarer Stereotype. Deutschland steht in dieser Liste auch für den Genozid an den Herero und Nama. Themen, welche heutzutage kaum noch Beachtung finden. Wahrscheinlich auch nur ein „Fliegenschiss in der deutschen Geschichte“.

Nein, eben nicht.

Das Video zeigt gekonnt, wie sich Europäer in Afrika so verhalten haben, wie es Migranten und Flüchtlingen heute vorgeworfen wird. Im Video wird die eigene Sprache gelehrt, die eigene Religion aufgezwungen und es werden Kinder gezeugt, die nicht geliebt und verlassen werden. Es ist für unseren Umgang mit Geschichte bezeichnend, dass beispielsweise bis heute die in dieser Zeit gestohlenen Kunstobjekte in europäischen Museen liegen. Was ist der richtige Weg bei der Restitution dieser Kulturgüter? Wie geht Deutschland generell mit seiner Verantwortung um? Wie sehen afrikanische Perspektiven darauf aus und werden sie überhaupt beachtet? Welche Folgen hat der Kolonialismus auch noch für die heutige Gesellschaft und für People of Color in Deutschland? Fragen, welche sich stellen lassen und einige Debatten anregen können und sollten. Debatten, welche nicht nur durch die offensichtliche Aussage, sondern auch durch die Interpretation der Kunst entstehen kann. Die ersten vier Lieder des Albums sind ein gesellschaftskritisches Quartett voller Wucht.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Bei der Umsetzung der Videos zu „Deutschland“ und „Ausländer“ zeigt sich ein interessanter Gegensatz. Einerseits die Darstellung der allmächtigen Germania, besetzt durch eine Person of Color, die allem Überlegen und allgegenwärtig erscheint. Ihr gegenübergestellt die Darstellung der weißen Kolonialherren und ihres unterworfenen Stammes in Afrika. Der Historiker in mir hat jedenfalls großen Spaß an Songs (samt Videos) wie „Deutschland“, „Radio“ und „Ausländer“. Als Geschichtslehrer kann ich diese nur als pädagogisch wertvoll beurteilen und auf eine angemessene Transferleistung pochen.

Das nachfolgende „Sex“ erinnert vordergründig an „Pussy“. Dabei wirft der Song eigentlich gar nicht die Frage auf, ob Sex wirklich etwas Schönes ist oder doch eher als belanglose Alltagsaktivität genügt. Die erste Zeile „Ich seh dich an und mir wird schlecht“ erhält in Verbindung mit dem recht lieblos anmutend getexteten Refrain eine gewisse Tiefe: „Wir leben nur einmal – wir lieben das Leben“. Textzeilen, welche genauso unter tausend (oder gar millionen) Bildern auf Instagram und Co prangern. Genau das macht den Song so grandios. Der Refrain kann auf das Volk von Influencern und Aushilfsphilosophen in den sozialen Netzwerken und die gleichzeitige Übersexualisierung des Internets bezogen werden. Halbnackte und ganz nackte Körper, die auch das letzte Produkt billig bewerben (was ja übrigens auch im Video zu „Ausländer“ hervorragend funktioniert – diese Metaebenen). Von dem dadurch entstehendem Bodyshaming im Netz ganz zu schweigen. Ein „Fickt-euch-und-zieht-euch-was-an“. Andererseits lautet die letzte Zeile auch „Wir leben, weil…Sex.“ Also doch wieder nicht ganz eindeutig. Dreht sich am Ende doch alles nur um den Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr? Blümchensex geht jedenfalls anders.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Mein persönliches Highlight (ohne bisherige Singleauskopplung) ist „Puppe“. Dieser Song könnte fast als Reminiszenz zu FalcosWiener Blut“ interpretiert werden. Geht es doch um ein traumatisiertes Kind, welches den Mord an der eigenen Schwester mitansieht. Diese Schwester prostituiert sich regelmäßig und sperrt das kleine Geschwisterchen samt Puppe in einem Zimmer ein – wieder das Thema Sexarbeit und seine Folgen. Erinnert die Atmosphäre von „Puppe“ zu Beginn an die Stimmung von „Klavier“ („Sehnsucht“, 1997) oder „Mutter“ („Mutter“, 2001), so wird Tills Stimme plötzlich wütend, panisch, aggressiv. Unerwartet zerreißt das Geschrei die melancholische Stimmung in ein wahnhaftes Wüten. Die Verzweiflung, die einem traumatischen Erlebnis einher gehen kann, wird schlagartig greifbar. Unterlegt wird das Geschrei von einem markanten Schlagzeugsolo, gefolgt von einer harten Gitarrenwand und einem düsteren Synth-Lead. Grandios.

Was ich liebe“ spiegelt einen inneren Zwiespalt wider, der typisch Lindemann zu sein scheint. Etwas Borderline und die Suche nach innerer Ruhe. Das Stück steigert sich von einer poppigen Ballade hin zu einer schon fast hymnischen Arie im Refrain. „Was ich liebe, das muss auch sterben“. Eine Art „Ohne dich“ („Reise, Reise“, 2004), aber mit einer weniger starken Botschaft.

Wenn Rammstein etwas können, dann tieftraurige Balladen. „Frühling in Paris“ („Liebe ist für all da“, 2009) berührt mich auch nach zehn Jahren noch zutiefst. „Diamant“ ist ein weiteres Stück Melancholie in dieser Reihe. Unterlegt von Akustikgitarren und Streichern bildet das Stück thematisch das Gegenstück zu „Sex“ und erinnert musikalisch an „Ein Lied“ („Rosenrot“, 2005). Schönheit ist nicht alles „Wunderschön, wie ein Diamant. Doch nur ein Stein.“, heißt es in der letzten Zeile. Es benötigt eben doch mehr in der Liebe als bloßen äußerlichen Glanz – der Schein, dem man sich nur schwer entziehen kann.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Weit weg“ beschäftigt sich mit Voyeurismus und ist thematisch nicht weit weg von „Diamant“. Schönheit ist doch anziehend, aber treibt allein in den Wahnsinn. Eine eingängige Hookline und ein Refrain, der sich wieder ins Ohr brennt. Die Synthies sind spannend und lassen die Gitarren etwas in den Hintergrund rücken. Die Zeile „Wenn der Mond die Sterne küsst – ganz nah.“ erinnert an den Liebesschwur zweier Protagonisten aus der wohl recht bekannten Serie Game of Thrones: „You are the moon of my life, my sun and stars.“ Ein vielfach tätowiertes Zitat. Zugegeben ist das eher meine eigene Überleitung zum nachfolgenden Titel „Tattoo“, würde aber passen.

Ein Tattoo aus Liebe – ein oft gewähltes Motiv wäre der Name der oder des Angebeteten – ist austauschbar: „Aber wenn du uns entzweist, such ich mir jemand, der genauso heißt.“. Eine Abrechnung mit diversen Beziehungen Lindemanns? Jedenfalls scheinen nicht einmal Tattoos einen tiefgründigen und nachhaltigen Sinn zu besitzen. Sie gehen unter die Haut, aber bleiben oberflächlich. Ein schwacher Ersatz für tiefgründige Gefühle. Garniert wird die Thematik mit einem treibendem Industrial Rock der etwas an „Adios“ („Mutter“, 2001) erinnert. Das musikalisch an die Rosenrot-Ära erinnernde „Hallomann“ kann als zweite Reminiszenz an Falco („Jeanny“) herhalten. So ist der Text ebenso eine pathologische Antwort auf „Puppe“. Eine bedrückende Stimmung und am Ende des Songs erfolgt ein musikalischer wie thematischer Ausklang des Albums.

FOTO: JENS KOCH / UNIVERSAL MUSIC.

Songs wie „Zeig dich“, „Sex“ oder „Hallomann“ schockieren nicht mehr wirklich. Auch „Ausländer“ kommt erst mit dem Video als eine Art Provokation daher. Diese gesellschaftlichen Tabus wurden aber eben auch durch Bands wie Rammstein über Jahrzehnte bearbeitet. Das bisherige Werk der Band hat seinen kleinen Beitrag zu gesellschaftlichen Veränderungen geleistet. 2019 liefern Rammstein nun ein fast reifes Album ab. Musikalisch mehr Industrial-Rock als Metal. Stellenweise garniert mit grandiosen Synthesizer-Leadsounds, die insgesamt sehr homogen in den einzelnen Songs arrangiert sind. Rammstein laden ihre Fans auf eine musikalische Reise ein, die sie quer durch die verschiedenen Schaffensperioden der Band führt. Abwechslungsreich und interessant. Die Männer wissen, wie eine gute Platte geschrieben werden muss. Dabei sind Rammstein weniger dreckig produziert, aber weiterhin nicht radiotauglich. Die Soloaktivitäten von Till Lindemann und Richard Z. Kruspe (der drei großartige Industrial-Rock-Platten mit ‚Emigrate‚ veröffentlichte) lassen grüßen.

Bei aller musikalischen Homogenität, der Aufruhr kehrt dennoch zurück und ist in den aktuellen politischen Zeiten gar nicht so fehlplatziert. Till Lindemann macht auf diesem Album wieder das, was er am besten kann: Geschichten erzählen. Lindemann ist ein guter, aber eben kein herausragender Sänger. Muss er auch nicht. Seine Stimme variiert auf diesem Werk etwas facettenreicher als gewohnt und erzeugt ein ums andere Mal eine düstere Atmosphäre. Eine gewohnt gekonnte Horrorshow. Die Texte sind schaurig und schön. Dabei wirken diese aber stellenweise persönlicher als bisher und sind eventuell deshalb auch eingängiger und teils weniger bissig. Im Gegensatz zu den vergangenen Alben scheint sich auf diesem ein inhaltlicher roter Faden erkennen zu lassen. Wenn Rammstein anno 2019 auch (wieder) nicht politisch klar Stellung beziehen, legen sie dennoch erneut den Finger in diverse Wunden. Wunden, die sie einst selbst aufrissen. Oder wenn das Streichholz auf dem Cover bemüht wird: Rammstein zündeln. Wie groß das Feuer wird bestimmt die Hörerschaft.

FOTO: MATTHIAS MATTIES / UNIVERSAL MUSIC.


Im Gegensatz zu anderen Größen des Genres, wie beispielsweise Ministry oder KMFDM, sind Rammstein nie vordergründig politisch gewesen. Sie kamen nie mit dem linken Hammer, um damit auf aktuelle politische Missstände einzudreschen. „Wenn man sich Texte von DDR-Bands ansieht, sieht man, wie gut die teilweise sind, wenn sie ein Thema mit lyrischen Mitteln umschreiben. Diese Vergangenheit ist mit uns eng verbunden“ so Christoph Schneider in einem Stern-Interview von 2001. Ähnlich wie beispielsweise das Gesamtwerk von DAF ist das Gesamtkunstwerk Rammstein zunächst sich selbst verpflichtet, nicht dem Kunstkonsumenten. Diese Disco-Metal-Faschisten, welche doch viel zu gefühlvoll (und links) für Faschisten sind – ähnlich wie DAF. Politik ist nicht vordergründig interessant für das Album. In der Juni-Ausgabe des „Rolling Stone“-Magazins äußerte sich Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz zu den Intentionen hinter den Songs und Musikvideos von Rammstein: „Es geht uns nicht darum, Leute zu schockieren. […] Wir wollen provozieren, Leute in Bewegung bringen. Das ist das Gegenteil von Entertainment„. Wer progressiven Industrial Metal mit einer klaren politischen Botschaft will, dem seien die Herren von 3teeth empfohlen. Diese spielten auch schon als Vorband für Rammstein und veröffentlichen im Juni ihr drittes Album. Ästhetik und Provokation. Lust und Liebe. Gewalt und Kitsch. Gefühl und Brutalität. Das Album und seine Schöpfer können mit vielerlei solcher Begrifflichkeiten beschrieben werden. Alle treffen zu. Alle beschreiben den Reiz dieser Kapelle. Beim Hören von Rammstein 2019 werden die eigenen Ohren zu Augen, welche sich langsam öffnen, aber nach einer Weile ein grelles Licht erblicken. Zum Abschluss eine These: Die Kritiker im gesetzteren Alter sind überwiegend von diesem „zahmen“ Rammstein-Album enttäuscht, da es sie nicht mehr so sehr aus ihrer tristen Existenz zerrt. Das Feuilleton mag es eben nicht nur liederlich und braucht es insgeheim vor allem widerlich.



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FAZIT
Wenn Rammstein anno 2019 auch (wieder) nicht politisch klar Stellung beziehen, legen sie dennoch erneut den Finger in diverse Wunden. Wunden, die sie einst selbst aufrissen. Oder wenn das Streichholz auf dem Cover bemüht wird: Rammstein zündeln. Wie groß das Feuer wird, bestimmt die Hörerschaft.
Gut
  • Mit „Deutschland“ und „Radio“ zwei neue Hits der Band.
  • Sound und Produktion sind auf den Punkt.
Schlecht
  • Ein wenig mehr Wut hätte einigen Songs gutgetan.
  • Die Wartezeit war einfach zu lang.
  • Teilweise sehr provokante Texte und Videos.
8.9
Super
INHALT / KONZEPT - 10
TEXTE - 9
GESANG - 7
PRODUKTION - 10
UMFANG - 8
GESAMTEINDRUCK - 9.5
Christian Giesdorf
Geschrieben von
Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“

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