ROVER - Rover

ROVER – Rover

Wer weiß schon, wozu es gut ist? – Ich bin mir sicher, diesen höchst hilfreichen Satz habt Ihr alle schon mal zu hören bekommen, wenn sich Dinge verändert haben und das nicht zum Besseren meist. Dicht gefolgt oft von einem weiteren, gerne genommenen, verbalen Mutmacher: wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. In dem Moment, wo sich die Dinge verändern, will man diese ganzen tollen Sprüche immer nicht hören. Sie haben nur einen Haken: irgendwie ist ja doch etwas dran. Beispiele finden sich dafür immer wieder. Wie zum Beispiel bei ROVER, dessen Debütalbum gleichnamiges Debütalbum es vielleicht gar nicht geben würde, wäre nicht mal eine Türe laut krachend zugefallen. Wäre das ein Verlust für die Musikwelt gewesen? Möglicherweise.

Steve Jobs sagte in einer berühmten Rede den Stanford-Absolventen des Jahres 2005, dass wir Punkte immer nur rückblickend verbinden können, niemals aber vorausschauend. Ob Rover, der eigentlich Timothée Régnier heißt und früher mal in der Punkrockband The New Government spielte, diese Rede bzw. diese Aussage des Apple-Gründers bekannt ist, weiß man nicht. Auf den Kern der Aussage wird er aber selbst gekommen sein, nachdem er vor etwa zwei Jahren wegen Visa-Problemen aus dem Libanon verstoßen wurde. Möglicherweise wurde ihm längerer Aufenthalt verwehrt, da seine damalige Spielmannskapelle gerne mal die Denkweise im nahen Osten auf dem Kieker hatte. Aber das ist natürlich reiner Spekulatius. Fakt ist, Régnier musste zurück nach Hause, zurück nach Frankreich und sah sich nun mit der Suche nach neuen Perspektiven konfrontiert. In der Überlieferung (also dem mir vorliegenden Pressetext) heißt es, dass er nach seiner Rückkehr in einem Haus voller Musikinstrumente in der Bretagne kleben geblieben sei und sich in diesem „eher heruntergekommenen“ Heimstudio dem Training seiner markanten, vielseitigen Stimme hingegeben habe. Und ein Album hat er in der Zeit auch noch aufgenommen. Dies allerdings in Zusammenarbeit mit Samy Osta und Guillaume Jaoul in zwei verschiedenen Studios.

Diese eher nutzlose Information soll nur als Überleitung für die folgende, wesentlich spannendere dienen: Régnier (oder einigen wir uns ab hier einfach nur noch auf Rover, ok?) hat alle Songs dieses 17 Songs umfassenden Albums selbst geschrieben. Selbst komponiert. Selbst arrangiert, selbst eingesungen, selbst eingespielt – und an Instrumenten ist einiges zu hören: (Akustik-)Gitarre, Klavier, Mundharmonika, Synthesizer, Drumcomputer, … Mit anderen Worten: alles, was da an Tönen und Texten auf den Hörer losgelassen wird, stammt einzig und alleine aus dem kreativen Kopf Rovers. Und natürlich seinen fähigen Händen. Das ist mehr als beachtlich. In Zeiten, wo selbst der allerletzte Grobmotoriker mit einem iPad und GarageBand ein Liedchen zusammenbasteln kann, eine wahre Meisterleistung. Das herausragendste Instrument ist aber tatsächlich die unglaublich vielseitige Stimme Rovers. Es ist schon faszinierend, über welch ein facettenreiches Spektrum dieser Mann verfügt. Der herrlich analoge Sound, der irgendwo aus der Mitte der 70er Jahre entsprungen zu sein scheint, trägt ein übriges dazu bei, das Musikjunkies hier anerkennend mit dem Kopf nicken.

Die Musik selbst ist durchaus streitbar und gleichwohl über jeden Zweifel erhaben – so widersprüchlich sich das auch anhören mag. Die ziemlich überwiegend ziemlich schwermütigen Songs sind eine abgefahrene Mischung unterschiedlichster Einflüsse. Wenn man David Bowie und Interpol ein musikalisches Kind hätte zeugen lassen, nachdem sie zu viel Beatles gehört und komisches Zeug der Doors geraucht hätten und die Dead Guitars wären die Sandkastenkumpels, dann wäre womöglich etwas ähnliches herausgekommen. Und manchmal, wie etwa beim Stück „Remember„, schwingt sogar ein Hauch Elektronik mit, wie man sie bei C64-Musikern findet.

Die Vermutung liegt nahe, dass es durchaus ein Verlust geworden wäre, hätte man Rover seinerzeit nicht aus dem Libanon hinauskomplimentiert. Dass nämlich unter den dann anderen Umständen ein Album wie dieses entstanden wäre, darf angezweifelt werden. Ein Album, das zeigt, dass es noch hochtalentierte Musiker gibt, die konsequent ihr eigenes Ding durchziehen. Siehst du Rover, jetzt weißt du, wozu das alles gut war.


Ich tu‘ mich ehrlich gesagt etwas schwer damit, ein abschließendes Urteil bzw. eine allgemeine Empfehlung für Rovers Debütalbum auszusprechen. Das musikalische Talent ist über jeden Zweifel erhaben, genauso die viel- und sorgfältig ausgearbeiteten Songs. Aber: mehr als bei jedem anderen Album, das mir in der letzten Zeit untergekommen ist, muss man in der richtigen Stimmung für die teilweise sehr schweren Songs mit ihrem starken 70er-Einschlag sein. Gibt Euch das Leben gerade nur Zitronen, dann könnte das die Limonade sein, die Ihr daraus macht. Vorheriges Probehören ist aber durchaus angeraten. Beschäftigt Euch damit, bildet Euch Euer eigenes Urteil und lasst mich eventuell wissen, was Ihr davon haltet.


Mise en page 1


INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.7
GESANG.8
PRODUKTION.8
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.7
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Interessant und aus musikalischer Sicht beeindruckend, aber...
NEGATIV.
...eben auch sehr speziell.
7.4
PUNKTE.
FAZIT.
Die Musik selbst ist durchaus streitbar und gleichwohl über jeden Zweifel erhaben - so widersprüchlich sich das auch anhören mag. Die ziemlich überwiegend ziemlich schwermütigen Songs sind eine abgefahrene Mischung unterschiedlichster Einflüsse. Wenn man David Bowie und Interpol ein musikalisches Kind hätte zeugen lassen, nachdem sie zu viel Beatles gehört und komisches Zeug der Doors geraucht hätten und die Dead Guitars wären die Sandkastenkumpels, dann wäre womöglich etwas ähnliches herausgekommen.