Foto: Roman Jasiek / AVALOST

SEADRAKE – Lower Than This (Someday)

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Es gibt so Dinge, die sind ganz plötzlich einfach irgendwie da. So wie diese Single von SEADRAKE hier. Und überhaupt Seadrake als solches. Mal kurz die Hand gehoben, wer das Stockholmer-Züricher-Trio bisher schon auf dem Schirm hatte? Dachte ich mir. Bei aktuell irgendwas um die 1000 Likes bei Facebook und um die 100 Abonennten bei Youtube dürften bisher noch nicht allzu viele Musikkonsumenten von dieser neuen Gruppe Notiz genommen haben. Ich gebe zu: auch mir sind sie erst durch eine Mail der Gruppe auf dem Radar erschienen, in der sie mich auf ihre neue Single „Lower Than This (Someday)“ hingewiesen haben. Zu behaupten, Seadrake sind ein neuer Stern am Electro-Pop-Himmel mit Düsteranstrich ist also nicht ganz falsch.

Aber eben auch nicht ganz richtig. Tatsächlich reichen die ersten Veröffentlichungen ins Jahr 2015 zurück. In dem Jahr nämlich erschienen die beiden Singles „On The Run“ und „What You Do To Me“. „Lower Than This (Someday)“ ist also nicht das erste Lebenszeichen dieser neuen Gruppe, dafür aber das, was wohl zunächst mal den meisten Staub aufwirbeln dürfte. Schließlich konnten Seadrake für diese Single Frank M. Spinath (Seabound, Edge Of Dawn, Ghost & Writer) gewinnen, der ja bekanntlich gerne mal dafür zu begeistern ist, einem Projekt seine Texte und Stimme zu leihen. Zuletzt geschehen beim belgischen Projekt Liquid Newt und der sensationellen Single „Walk With Scars“ – für mich immer noch die großartigste Single, die das Jahr 2016 gesehen (bzw. gehört) hat! Liquid Newt ist ansonsten ein Ein-Mann-Projekt. Ganz anders Seadrake. Ähnlich wie bei Franks letztem Exkurs in andere Band- bzw. Projektgefüge verbergen sich auch hinter Seadrake Leute, die nicht gerade erst angefangen haben, sich in der Düsterszene ihre Sporen zu verdienen. Tatsächlich stecken hinter Seadrake der Bassist Rickard Gunnarsson (Lowe, Statemachine), der Musikus Mathias Thürk (Minerve) und Sänger Hilton Theissen (Akanoid). Moment mal, Minerve… war da nicht schon mal was? Richtig, genau: 2011 kam aus diesem Hause mal die EP „You Don’t Know Me“, auf der sich das Stück „In Love With An Open End“ befand. Schon damals arbeiteten Minerve mit dem Seabound-Sänger zusammen und schufen einen zeitlosen Track, der auch heute noch bestens funktioniert und unterhält, aber scheinbar leider ein bisschen in Vergessenheit gerät.

Zurück zu „Lower Than This (Someday)“. Ganz offensichtlich hatten Matthias und Frank wieder Möge, gemeinsam einen Song zu machen. Das neue Betätigungsfeld in Form von Seadrake, nicht zuletzt womöglich der Nähe der beiden Bandnamen Seadrake und Seabound wegen, ein bisschen zu puschen, leuchtet irgendwie ein und liegt als Vermutung verdammt nahe. Und was hören wir? Nun, lasst es mich so sagen: es ist eben manchmal doch schön, wenn sich Geschichte wiederholt.

Die Stimmung des Songs, zusammengefasst in einem Bild. Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Lower Than This (Someday)“ ist so inhaltlich so dunkel ausgefallen, wie man es von Frank M. Spinath gewohnt ist. Die beinahe schon fröhliche, in jedem Fall aber sehr eingängige Melodie mit höchstem Ohrwurmpotential, ist beinahe wie eine Watsche zum inhaltlichen „Hinterher ist man immer schlauer“. So manchen Wert erkennt man nämlich erst beim Verlust. Und manchen erst, lange Zeit später. Someday it will be the ocean, someday we’ll see what we lost, heißt es dort.

Es gibt so vieles, was sich verlieren lässt. Die Heimat, die man aus welchen Gründen auch immer verlassen hat. Weggefährten, die sich warum auch immer aus dem eigenen Leben verabschiedet haben. Die Beziehung, die man jahrelang führte, in gutem Glauben, alles würde gut werden. Wie wir alle wissen, ist es manchmal so, dass nicht alles gut wird. Manchmal ist ein Wort zu viel gesagt oder irgendwas zu wenig getan, manchmal ist eine (innere) Grenze einmal zu oft überschritten. Einer gibt, einer nimmt. Einer fühlt sich überlegen, einer unterlegen. Hingabe, Unterwerfung, Kampf auf verlorenem Posten. Wie tief willst du sinken? Can you sink a little more? Can you sink lower? Can you sink any lower than this? Aber gerade in diesem Beziehungskisten ist es ja manchmal so, dass der Gewinner von heute der Verlierer von morgen ist. „Lower Than This (Someday)“ bietet genügend Raum, dass Ihr Eure eigene Wahrheit in dem Text suchen und finden könntet. Das Zwischenmenschliche ist und bleibt aber, wenig überraschend, Franks großes Thema.

Musikalisch umschreiben Seadrake ihr jüngstes Schaffenskind so: Synthpop, elektronischer Rock und eine kleine Portion Industrial. Ok, Synthpop geh ich mit, den Rest habe ich nicht heraushören können. Das macht aber nüscht. Die Buzzwords, um Aufmerksamkeit zu erregen, haben Seadrake gar nicht nötig. Vor allem der Single-Edit hat einen so entspannten Groove, dass ich immerzu an einen Ozeanriesen denken muss, der sich durch die Wellen des Meeres schiebt. Die Beats erinnern mich dabei an das Gestampfe der mächtigen Dieselmotoren, die das Schiff durch die flüssig gewordene Unendlichkeit treiben. You are the Ark. Die im Gegensatz dazu schon fast federleichte Melodie wirkt wie der Polarstern, der am Himmel steht und dem Koloss aus Stahl den Weg weist – Destination unbekannt. Wer mal an Bord eines Schiffes unterwegs war wird bestätigen können, dass es sich an Deck, die Arme auf die Reling gelehnt, den Wind in den Haaren und die salzige Seeluft schmeckend ganz wunderbar darüber sinnieren lässt, was mal war. Was man verloren hat. Und wo man damals stand – auf der Gewinnerseite? Auf der Verliererseite? Und wie sich womöglich das Blatt seitdem gewandelt hat. „Lower Than This (Someday)“ hat übrigens noch einen weiteren Nebeneffekt: es weckt die Sehnsucht nach dem Meer. Wen die See einmal gepackt hat, den lässt sie niemals wieder los.

Nun gibt es ja aber nicht nur den Single-Edit, sondern auch noch drei Remixe des Stücks. Einer davon stammt von Acretongue. Der Südafrikaner lässt die Nummer so wirken, als wäre sie ursprünglich seinem Geiste entsprungen. Bisschen kälter, aber auch ein bisschen atmosphärischer, und gleichwohl irgendwie außerweltlich. Beinahe so, als hätte sich Nico J. auf eine Reise durch Zeit und Raum machen wollen. Weg von den Wellen des Meeres, hin zu den Sternen. Eben entsprechend dem zweiten Teil des Refrains: Someday it will be the stars. Mit einer Spielzeit von gut sechs Minuten kann man in diese Version auch so richtig schön abtauchen.

Länger ist nur noch der Extended Remix von Daniel Myer. Seine beiden Versionen, die lange wie die kurze, sind deutlich stampfender und treibender ausgefallen und scheinen die Maßgabe gehabt zu haben, die Nummer für die Clubs fit zu machen. Sinnieren und Träumen kann man ja schließlich mit den anderen Versionen, hier ist getanzte Körperertüchtigung angesagt. Fetzt auch, nicht zuletzt der vielen Spielereien, die Myer dem Klangbild hat angedeihen lassen, für mich funktioniert der Song in den anderen Versionen aber besser.

Lower Than This (Someday)“ ist feinste elektronische Kost, Musik für die Seele quasi. Die Stimmen von Frank und Hilton im Background ergänzen sich ganz wunderbar. Einzig: das ohoh-oho hätte es nach meinem Dafürhalten nicht zwingend gebraucht, um eine wirklich schicke Nummer daraus zu machen. Tut der Sache aber insgesamt keinen Abbruch. Es ist wie damals, 2011 – dieser Song hat das Zeug zu einem stillen Klassiker.


Franks Stimme, seine dunkle Poesie und die mächtige Sound-Produktion von Seadrake ist ein tolles Beispiel von kraftvoller elektronischer Popmusik „at it’s best“ – so steht es im Pressetext. Da steht bekanntlich viel, wenn der liebe Tag lang ist, schließlich geht es ja darum, ein Produkt im bestmöglichen Licht erstrahlen zu lassen. In diesem Fall aber trifft die gemachte Aussage des Pudels Kern. „Lower Than This (Someday)“ ist tatsächlich ein ziemlich hübscher Pop-Song mit Düsteranstrich geworden, der das Zeug zu einem echt fiesen Ohrwurm hat! Auch die Remixe wissen zu gefallen, hier allen voran die Arbeit von Acretongue. Einzig: auch ohne dieses ohohoh wäre „Lower Than This (Someday)“ ein schicker Song geworden. Vielleicht sogar noch ein kleines bisschen besser. Unterm Strich aber ist diese Zusammenarbeit von Seadrake mit Seabound-Sänger und Texter Frank M. Spinath eine Pflichtanschaffung für Fans von eben diesem, sowie ein ganz heißer Tipp für alle Freunde gefälliger Düsterelektronik, die ganz prima ohne Klischees, verzerrte Vocals oder Bumm-Bumm-Geballer auskommen. Ich für meinen Teil würde es sehr begrüßen, wenn die Beteiligten sich künftig nochmals zu einer Zusammenarbeit zusammenfänden.



INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.9
GESANG.9
PRODUKTION.9
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Eingänge, im Gehör haften bleibende Electro-Pop-Nummer mit wie üblich großartiger stimmlicher Leistung und gefälligen Texten von Frank M. Spinath
NEGATIV.
Wäre ohne die vielen "oh-oh-ooooohs" vielleicht *noch* besser geworden
8.6
PUNKTE.
FAZIT.
Franks Stimme, seine dunkle Poesie und die mächtige Sound-Produktion von Seadrake ist ein tolles Beispiel von kraftvoller elektronischer Popmusik „at it's best“ - so steht es im Pressetext. Da steht bekanntlich viel, wenn der liebe Tag lang ist, schließlich geht es ja darum, ein Produkt im bestmöglichen Licht erstrahlen zu lassen. In diesem Fall aber trifft die gemachte Aussage des Pudels Kern. „Lower Than This (Someday)“ ist tatsächlich ein ziemlich hübscher Pop-Song mit Düsteranstrich geworden, der das Zeug zu einem echt fiesen Ohrwurm hat! Auch die Remixe wissen zu gefallen, hier allen voran die Arbeit von Acretongue. Einzig: auch ohne dieses ohohoh wäre „Lower Than This (Someday)“ ein schicker Song geworden. Vielleicht sogar noch ein kleines bisschen besser.

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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