Foto: Silke Jochum / Slave Republic / Accession Records

SLAVE REPUBLIC – Songs For Sinners

Es ist so und es bleibt wohl auch immer so: macht man als Künstler immer dasselbe, wird es immer Leute geben, die dann wie Pilze aus dem Boden schießen und nöhlen, dass diese ewige Trampelei auf ausgelatschten Pfaden langweilig ist. Entscheidet man sich als Künstler jedoch, einmal eben diese Pfade zu verlassen und tatsächlich etwas ganz anderes zu probieren, gibt es analog dazu ebenfalls wieder Nörgler, denen das ganz und gar nicht passt. Was also macht man, wenn einem das Musizieren im Blute liegt und man sich weiterentwickeln möchte? Für gewöhnlich bieten sich zwei bis drei wesentliche Optionen. Entweder, man startet für die musikalischen Ambitionen, die nicht zum bisherigen Schaffen passen, ein weiteres Projekt. Das erlebt man oft in der Form, dass Musiker, die für gewöhnlich in elektronischen Gefilden unterwegs sind, plötzlich einen auf Rock machen. Oder umgekehrt. Manchmal ist es auch ein schleichender Prozess, bei dem sich im Laufe der Zeit die Schwerpunkte verlagern. Oder aber man hat einfach die Eier in der Hose und sagt sich: mir doch egal, das ist mein Projekt und ich mach das jetzt so, wie ich das für richtig halte – auch wenn das bewährte Prinzip die sicherere Bank wäre! SLAVE REPUBLIC haben sich für ihr neues Album „Songs For Sinners“ dazu entschieden, ihre bisherige musikalische Mixtur komplett über Bord zu werfen und etwas ganz anderes zu wagen. Ob das geklappt hat, fragt Ihr? Hm.

Ok, fairerweise muss festgehalten werden: in verschiedenen Genres unterwegs zu sein, ist bei Alec Fu und Alex Alice, den beiden Herren hinter Slave Republic, nix Neues. Schon das letzte Album, „Quest For Love“, war diesbezüglich ein Kessel Buntes. Was den geneigten Hörern allerdings bei „Songs For Sinners“ aus den Boxen entgegen tönt, dürfte überraschen. Um es mal kurz und knapp auf den Punkt zu bringen: das ist über weite Strecken ein Dance Album, das sich ganz vornehm hinter begriffen wie „Synthwave-Noir“ und einer Fokussierung auf die Düsterszene versteckt. Wobei… wenn die Finsterlinge diese durchaus krasse Veränderung nicht zu schätzen wissen, kann man damit immer noch bei den EDM-Jüngern klingeln gehen. EDM statt EBM (ok, waren sie eh nie, klingt hier aber gerade ganz hübsch), Mysteryland statt M’era Luna.

Sie eröffnen mit dem von Daniel Myer produzierten Stück „Welcome (To The Slave Republic)“ und die Marschrichtung für die folgenden 41 Minuten ist hier schon klar. Text und Inhalt werden hinten angestellt gegenüber maximaler Tanzbarkeit. Dass sie Deutsch und Englisch vermischen, stört in diesem Fall nicht weiter. Und schon beim Opener wird deutlich: die Welt im Hause Slave Republic hat sich verändert. Wesentlich synthetischer sind sie geworden – mit deutlichen Dance-Anleihen, der in den Synthpop (oder von mir aus: Synthwave) gemischt wurde. Deutlicher wird das noch bei der vorab ausgekoppelten Nummer „Sinner“. Hier habe ich ganz deutlich das Gefühl, dass die Herren Alice und Fu nicht mehr nur Teilnehmer der Schwarzen Szene abholen wollen. Das tönt ein bisschen wie eine musikalische Bewerbung für IDM-Festivals wie Mysteryland oder Tomorrowland. Wirft man einen Blick in die Credits, dann liest man, dass diese Nummer von Erik Loz produziert wurde – selbst aktiver Teil der EDM-Szene. Daher weht also der Wind.

Mit „Deathless Dream“ orientiert man sich offenbar ein bisschen am jüngeren Material von New Order. Das klappt tatsächlich auch recht gut. „Godspeed“ und „Something Inside You“ sind auf dem ganzen Album so ziemlich die einzigen Nummern, denen ich trotz der deutlichen Dance-Anleihen attestieren würde, Synthwave zu sein. „Re-Love“ ist für mich eher Deep House, „Klarer See“ auch eine reine Tanznummer, wie sie beispielsweise auch Sono gemacht haben könnten. Die eher albernen deutschen Lyrics stehen Slave Republic aber irgendwie nicht so richtig. „Let’s Play War“ ist schon beinahe FuturePop, „Abendmahl“ die obligatorische Düster-Ballade mit Endzeitthema. Ich bleibe dabei: deutsche Texte funktionieren bei der Band einfach nicht – auch wenn sie wie hier wieder nur in Teilen vorkommen. Schade drum, rein musikalisch weiß der Song nämlich durchaus zu gefallen. Und dann ist da abschließend ja noch „Dorian Gray“. Wenn es mit der Bewerbung fürs Mysteryland mittels „Sinner“ noch nicht geklappt hat – hiermit bestimmt. Es lebt und atmet in jeder Sekunde den Geist üblicher EDM-Tracks. Martin Garrix, Calvin Harris, Hardwell – sie alle scheinen Pate gestanden zu haben. Ein Instrumental wäre hier aber vielleicht die bessere Alternative gewesen, das immer wieder über die Tonspuren geplärrte Dorian Gray will irgendwie nicht so richtig zur Musik passen. Als hätte Alec einen anderen Song im Kopf gehabt, als er den überschaubaren Text eingesungen hat.

Wie bereits erwähnt: knappe 41 Minuten dauert dieser Ausflug von Slave Republic in bisher für sie unbeackerte Gebiete. Das ist in Summe ganz unterhaltsam, leider jedoch kommt „Songs For Sinners“ nicht ganz ohne Genöhle meinerseits davon. Dass sie die Musik über die Inhalte stellen, darüber kann man genauso wenig lamentieren wie über die Entscheidung, mal etwas anderes machen zu wollen. Letzteres nötigt mir sogar Respekt ab. Aber: so richtig wollen mir die 10 Songs nicht ins Ohr gehen, bzw. dort hängen bleiben. Für Slave Republic tönt das zwar alles ganz frisch und ungewohnt, im Vergleich zu Größen der Szene, mit der sie hier liebäugeln, aber doch zu beliebig. Weiterhin: nun hat Alec im Bezug auf den Gesang auf diesem Album im Vergleich zu den Vorgängeralben nicht so sonderlich viel zu tun – wie kann es da sein, dass seine stimmliche Leistung dieses Mal so zurückfällt? Irgendwie sehr kraftlos, dafür aber angestrengt wirkt das auf mich. Insgesamt macht „Songs For Sinners“ auf mich den Eindruck, als hätten Slave Republic ein paar schicke Instrumentalsongs gehabt, denen dank der teilweise erstklassigen Produzenten (Daniel Myer!) der nötige Feinschliff verpasst wurde – aber am Ende keine zündende Idee gehabt, was man daraus macht. Oder so, wollte man den Fame der letzten Alben als Startschub für das neue mitzunehmen. Quasi auf Brechen und Biegen eine Slave Republic-Platte daraus machen, damit es sich besser verkauft. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ein Nebenprojekt auf die Beine zu stellen in diesem Fall vielleicht doch die bessere Idee gewesen wäre. Eier in der Hose hin oder her.


Bisschen mehr als vier Jahre liegt das letzte Slave Republic-Album „Quest For Love“ inzwischen zurück. Das ist viel Zeit. Eine Zeit, in der sich Menschen entwickeln, neue Eindrücke gewinnen, Einflüsse aufnehmen und für sich manchmal feststellen, dass eine Veränderung her muss. Ich kann nur spekulieren, aber so scheint es den Herren von Slave Republic ergangen zu sein. Die Entscheidung, mal etwas ganz anderes zu machen, finde ich sehr respektabel. Sie werden sicher wissen, dass sie mit ihrer Fokussierung auf die Schwarze Szene genau dort mit der aktuellen musikalischen Ausrichtung nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoßen werden. Mich persönlich holt die Scheibe allerdings nicht sonderlich ab. Das war bei den letzten beiden Alben so, das ist auch dieses Mal so. Handwerklich gibt es nichts zu meckern (außer beim Gesang vielleicht), aber dennoch will der Funke auch dieses Mal nicht wirklich überspringen. Nachdem die 10 Songs verklungen waren, fühlte ich mich zwar einigermaßen gut unterhalten – ein Bedürfnis nach einer Wiederholung hatte ich jedoch nicht. Da ich aber der Meinung bin, dass Stillstand selten so wirklich zu irgendwas Gutem geführt hat, empfehle ich wenigstens doch mal reinzuhören. EDM-Interessierte finden hier möglicherweise noch mehr gefallen.


Die Entscheidung, mal etwas ganz anderes zu machen, finde ich sehr respektabel. Sie werden sicher wissen, dass sie mit ihrer Fokussierung auf die Schwarze Szene genau dort mit der aktuellen musikalischen Ausrichtung nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoßen werden.
INHALT / KONZEPT.
7
TEXTE.
5
GESANG.
6
PRODUKTION.
7.5
UMFANG.
7
GESAMTEINDRUCK.
6.4
LESERWERTUNG0 Bewertungen
0
POSITIV.
Der Versuch, die musikalischen Szene-Grenzen hinter sich zu lassen, ist mindestens respektabel
NEGATIV.
Inhaltlich ziemlich dünn
6.5
TOTAL.
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT.
TEXTE.
GESANG.
PRODUKTION.
UMFANG.
GESAMTEINDRUCK.
Finale Bewertung