SNAKESKIN - Music For The Lost
Foto: Snakeskin / Hall of Sermon

SNAKESKIN – Canta’Tronic Interview mit Tilo Wolff

Das neue Album des Nebenprojekts von Lacrimosa Mastermind Tilo Wolff steht noch gar nicht so lange in den Läden, begeistert aber Fachpresse und Konsumenten gleichermaßen. Grund genug für uns, mit Tilo mal ein paar Worte zu wechseln.

RJ: Zunächst mal – wie waren denn die Reaktionen damals, nachdem quasi die Katze aus dem Sack gelassen wurde und bekannt war, wer sich hinter Snakeskin verbirgt?

TW: Die Überraschung war verständlicherweise recht gross. Es gab ja vorher die wildesten Spekulationen und einige bezeichneten Snakeskin als die Gründer eines neuen Industrial Stils. Und leider haben sich dann auch alle Klischees bestätigt, zumindest in einigen Ländern: diejenigen, die mit Lacrimosa nichts anfangen können, haben von heute auf morgen Snakeskin verteufelt, obwohl sie vorher die Musik noch gelobt hatten.

RJ: Und wie denkst Du, wie wird die so genannte Schwarze Szene angesichts Deines neuen Snakeskin Albums reagieren?

TW: Schwer zu sagen. Es kommt darauf an, ob man die Musik der Musik wegen hört, oder ob man nur das Bild, das sich die Menschen über mich machen, im Positiven wie im Negativen bestätigt sehen will. Aber letztlich denke ich, dass „Canta’Tronic“ einen guten Weg vor sich hat, denn es ist neuartige, emotionale und qualitative Musik und zumindest ich persönlich bin von der Musik, wie auch vom Artwork, das wieder Ingo Römling von Monozelle gemacht hat, äusserst begeistert!

RJ: Bei Lacrimosa ist es ja wohl so, dass zunächst das Wort steht, ehe der Ton dazu kommt. Aber wie ist die Herangehensweise bei Snakeskin?

TW: Genau umgekehrt und das ist auch der Grund, warum es Snakeskin überhaupt gibt. Die Musik von Lacrimosa ist, anders wie die meisten Bands, komplett von einer Lyrik abhängig und baut sich sozusagen um diese herum auf. Bei Snakeskin wollte ich Musik machen, die keinen Text als Geburtshelfer kennt und bei der der Hörer den Text meist nur auf emoptionaler Ebene, durch den Ausdruck der Musik, kennenlernt.

RJ: Wie würdest Du selbst „Canta’Tronic“ jemandem beschreiben, der bis dato noch nie etwas von Snakeskin gehört hat?

TW: Kalte und kranke Beats treffen auf emotionalen Operngesang und Schmerzensgesänge, wie es der Titel bereits etwas vorwegnimmt.

RJ: Was hat Dich dazu bewogen/inspiriert, beim neuen Snakeskin Werk „Canta’Tronic“ eine weibliche Opernstimme in den Vordergrund zu stellen und nicht wie beim Vorgänger auf stark verzerrte Vocals zu setzen?

TW: Dies war das Konzept für das zweite Album. Ich wollte, nach den, durch die Verzerrungen sehr animalischen Gesänge, die Emotion anhand der Klarheit und Reinheit einer ausdrucksstarken Opernstimme fortführen. Ausserdem konnte ich so die Verbindung aus klassischen Kompositionsabläufen, der zugehörigen, klassischen Stimme und ausgefallenen Industrial- und Elektrobeats ungehemmt ausleben.

RJ: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Kerstin Doelle? Und wie gestaltete sich diese?

TW: Kerstins Manager hatte mich bezüglich einer Zusammenarbeit für Lacrimosa angeschrieben, da Kerstin Doelle, obwohl sie aus einer komplett anderen musikalischen Welt kommt, Lacrimosa sehr schätzt. Und diese Anfrage kam gerade zu der Zeit, als ich für Snakeskin eine einzigartige Stimme gesucht hatte, denn man muss klar sagen: Opernstimmen gibt es viele und die meisten können einem ziemlich auf die Nerven gehen. Eine Stimme, wie sie Kerstin ausgebildet hat, gibt es äusserst selten.

RJ: Der Titel des Albums ist ja eine Wortspielerei mit dem Begriff Cantadora bzw. Cantadoro. Was ja im weitesten Sinne Leute sind die weiterleben um ihren (Seelen-)Schmerz zu besingen. Ist diese Vorlage für das neue Snakeskin Album nur ein zur Szene passendes Konzept oder ist auch Canta’Tronic vertonter Schmerz?

TW: Seelenschmerz ist der Antrieb fast jeden Künstlers und Seelenschmerz war und ist in meiner Musik schon immer eines der zentralen Themen. Und ausserdem: wenn man eine Platte für ein Zielpublikum macht, dann würde sie nicht so quer wie „Canta’Tronic“ klingen, die sich erst einmal ein Publikum suchen muss.

RJ: Hat der Verzicht, Deine Stimme diesmal wieder bis ins (teilweise) Unkenntliche zu verfremden stilistische Gründe oder damit, dass es diesmal keinen Grund mehr gab, den kreativen Kopf hinter Snakeskin „zu verstecken“?

TW: Ja, Grund zum Verstecken gab es nicht mehr und aus musikalischer Sicht hat es sich bei diesen Titeln, bis auf wenige Ausnahmen, nicht angeboten, was nicht heisst, dass sich das nicht wieder ändern wird.

RJ: Gibt es eine Botschaft oder ein/e Gefühl/Stimmung, die Du zum Hörer transportieren möchtest? Oder anders gefragt: Was möchtest Du mit „Canta’Tronic“ ausdrücken?

TW: In Musik verpackter Schmerz, die den Schmerz in eine positive Energie umwandelt.

RJ: Lacrimosa enthält ja schon seit sehr geraumer Zeit immer mehr klassische Elemente, auch bei Snakeskin hat die klassische Musik Einzug gefunden. Könntest Du Dir vorstellen, mal – unabhängig von Lacrimosa oder Snakeskin – ein reines Klassikalbum aufzunehmen, ohne Metal- oder Electro-Elemente?

TW: Eher nicht, da mich gerade die Verbindung aus den verschiedenen, musikalischen Welten interessiert.

RJ: Zurück zu Snakeskin: Wird der geneigte Hörer Snakeskin auch mal live erleben können? Und wäre es für Dich vorstellbar, während eines Events sowohl Lacrimosa als auch Snakeskin Stücke zu performen? Oder sind das in jeder Hinsicht zwei verschiedene Welten, die auch voneinander getrennt bleiben werden?

TW: Komplett getrennt können sie nie sein, da sie aus der gleichen Quelle stammen und den gleichen, emotionalen Antrieb haben. Aber wann, wie und ob ich Snakeskin auf die Bühne bringe, weiss ich derzeit nicht. Es gibt also im Moment keine diesbezüglichen Pläne.

RJ: Nach Snakeskin steht nun vermutlich wieder ein neues Lacrimosa Album an. Gibt es diesbezüglich schon etwas, das Du über das nächste Lacrimosa Album verraten kannst bzw. willst?

TW: Ein Album steht derzeit nicht an, aber wir veröffentlichen nächstes Jahr den Lacrimosa-Film, der anderthalb Jahre Tourleben in 12 Ländern auf vier Kontinenten dokumentiert. Eine ziemliche einmalige Sache, weil man Gothics aus der ganzen Welt kennenlernt und mehr als nur eine Band auf der Bühne erlebt.

RJ: Man kann wohl sagen, dass Du mit deinen musikalischen Projekten schon so einiges erreicht hast. Gibt es für Dich noch so etwas wie ein „großes Ziel“, das Du damit erreichen möchtest? Und wie sieht es aus mit Projekten jenseits von Lacrimosa bzw. Snakeskin? Theaterstücke schreiben beispielsweise, oder Schauspielerei? Ist so etwas für Dich auch denkbar?

TW: Denkbar schon, aber solange ich zum Beispiel Konzertangebote für Lacrimosa ablehnen muss, weil keine Zeit dafür bleibt, werde ich jetzt nichts Neues anfangen. Aber natürlich habe ich gewisse Träume, ich würde dabei aber nicht von Zielen sprechen, für die ich nun alles in Bewegung setzen würde. Aber wenn der eine oder andere Traum wahr wird, freut es mich dann umso mehr.

RJ: Die letzten Worte dieses Interviews gehören Dir.

TW: Danke! Ich habe immer gesagt, der Künstler ist nicht so wichtig, wie die Musik. Du hattest im Verlauf des Interviews eine Frage im Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung Snakeskins als mein Projekt gestellt, und ich musste antworten, dass sich alle Klischees dahingehend bestätigt hatten, dass man die Musik nicht von dem öffentlichen Images Tilo Wolffs trennen konnte. Nun hoffe ich, dass man sich wieder mehr auf meine Musik und weniger auf meine Person konzentriert, denn die Musik ist echt, aber das Bild, das man sich von mir macht, hat wenig mit mir selbst zu tun!