SOLAR FAKE - All The Things You Say
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

SOLAR FAKE – Another Manic Episode

2015 steht ganz im Zeichen von SOLAR FAKE. Mit der Veröffentlichung von kleinen musikalischen Happen wurde bei den Fans auf das Jahr verteilt die Vorfreude auf das neue Album angefacht. Im März präsentierten Sven Friedrich und André Feller mit „Under Control“ einen ersten Teaser der sofort klar machte: Da wo Solar Fake sind, ist vorne! Anfang Oktober folgte dann die limitierte Maxi-Single „All the things you say“, die als Dreingabe noch zwei Remixe mitbrachte. Und nun ist es also endlich da, das vierte Solar Fake Album „Another Manic Episode“. Zehn energiegeladene und temporeiche Tracks, die sich, mit Ausnahme der zwei Balladen am Ende des Album, bei um die 130 beats per minute bewegen, Verschnaufpausen Fehlanzeige.

Den Anfang auf „Another Manic Episode“ macht der Titel „Not what I wanted“ und der geht nach 17 Sekunden Intro auch gleich richtig nach vorn. Der Song besticht durch powervollen Elektro-Sound mit beinahe House-Elementen und Sven Friedrichs unverwechselbarer Stimme. Die Story dazu schrieb vermutlich das Leben selbst. „…this is a nightmare, but it’s the life…“ lautet da doch eine Textzeile und so wie es im Leben auf und ab geht, spielt der Song mit den Gefühlen des Zuhörers zwischen himmelhochjauchzendem Elektrogewitter und einer ruhigen, leicht melancholisch zu Tode betrübten Passage. Von der Bühnentauglichkeit des Songs konnte ich mich auf der Release-Party in Berlin selbst überzeugen. Als Opener präsentiert, dauerte es nicht mal eine Minute im ausverkauften Frannz Club und Solar Fake hatten das gesamte Publikum mitgerissen. Diese Weltpremiere ist geglückt.

Gleich als nächstes folgt „Fake to be alive“, der schnellste Titel auf dem Album. Wegen der anfangs eher ruhigen Gesangslinie fällt dem Zuhörer das Tempo vielleicht nicht auf, doch „Fake to be alive“ ist alles andere als Kindergeburtstag, was sich dann in voller Härte mit dem Refrain offenbart. Musikalisch würde ich den Track irgendwo zwischen „Face me“ und „Change the view“ vom „Reasons to kill“-Album aus 2013 einordnen, was vielleicht auch an den Dupstep-Anleihen in der Bridge liegen mag. Das Songtempo treibt auch die Lyrics vor sich her. Der Protagonist fleht geradezu darum, aus seiner ausweglosen Lebenssituation gerettet zu werden, vielleicht ist es auch ein Stück weit dieses „nicht wahr haben wollen“, dass ihn plagt. Mhh, einen Moment, war der Titel des Albums nicht „Another Manic Episode“? Leugnet da jemand, seine Situation zu akzeptieren? Hören wir schnell weiter. Live performt kommt der Track übrigens genauso kraftvoll beim Publikum an, wie auch schon „Not what I wanted“, Solar Fake laden zur Tanzstunde.

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

All the things you say“ war bereits auf der Maxi und von mir ausführlich besprochen. Warum also viele Worte verlieren, die Menge hat ausgelassen getanzt und die Band gefeiert (ich werde das vermutlich noch öfter schreiben, denn in Berlin haben Solar Fake 26,5 Songs gespielt und die Stimmung war fantastisch). Natürlich passt auch „All the things you say“ in den Kontext einer manischen Episode. Das Gefühlschaos ist mitten im Gange, Trauer, Schmerz und Einsamkeit tauchen in der Musik eines Party-Songs unter und von Zeit zu Zeit immer wieder wortgewaltig in den Lyrics auf. Geht es auf „Another Manic Episode“ um das traurige Ende einer Beziehung aus der Sicht des „Verlassenen“?

Auch „Under control“, die Nummer vier auf dem Album ist mittlerweile seit März bekannt. Nachdem mit den ersten beiden Titeln des Albums schon so sehr auf die Tube gedrückt wurde, wirkt „Under control“ fast brav, obwohl er keineswegs viel langsamer als „Not what I wanted“ ist. Unter Kontrolle hat der Protagonist sich selbst in seinem Gefühlschaos wohl noch nicht, auch wenn er schon auf dem Weg ein kleines Stück weiter ist.

Mit dem Gefühl, nun in ruhigeres Fahrwasser zu steuern, lauschen wir mal bei “Until it’s over“ rein. Als Melodieinstrument überrascht zunächst einmal ein Piano und Sven Friedrichs ruhige, melancholische Gesangslinie, die etwas trauriges inne hat. Der Song hat, wie die meisten Titel auf „Another Manic Episode“, seine gut 130 bpm, durch das Zusammenspiel von Instrumentierung und Gesang nimmt Sven hier jedoch deutlich Tempo raus und macht “Until it’s over“ zu einer andächtigen und doch zügigen Ballade. Nun, der Titel verrät auch schon, worum es sich in den Lyrics dreht und der Fokus liegt hier eindeutig im Textinhalt, die Musik umrahmt das ganze Thema. Aus dem ganzen Chaos der Emotionen hat sich endlich der Weg für eine Neuorientierung gebahnt, doch wird die Situation wirklich ernsthaft reflektiert?

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Ganz soweit ist das Gefühlsleben noch nicht, “Observer“ haut dem Hörer nämlich wieder die geballte Club-Power um die Ohren. Mit treibendem Beat und schrillem Elektro-Sound spannt sich der Stimmungsbogen erneut in Richtung Höhepunkt auf. Im Gegensatz zu den verzerrten Synthesizer-Sounds klingt Sven Friedrichs Gesang in der Strophe absolut clean, was einen ziemlichen Kontrast zum Refrain mit der anklagenden Textzeile „…why the fuck you broke my heart…“ darstellt, denn dort ist der Gesang ebenfalls verzerrt und aggressiv. Einfach sind sie eben nicht, die Geschichten, die das Leben schreibt. Auch bei diesem Titel gab es für die Fans in Berlin kein Halten, „Observer“ gehört zweifelsohne in den Club und auf die Tanzfläche.

The race of the rats“ knüpft musikalisch an seinen Vorgänger „Observer“ an, der Gesang ist durchgängig verzerrt und der Beat noch treibender. „The race of the rats“ geht in die Beine, doch es fehlt ihm ein wenig an dem Feingefühl, welches auch in noch so harten Club-Tracks von Solar Fake immer unterschwellig wieder zum Vorschein kommt. Mich persönlich hat der Titel erst bei seiner Live-Performance auf der Release-Party überzeugen können.

If I were you“ bildet einen starken Kontrast zu „The race of the rats“. Der Gesang kommt nahezu ohne Effekt aus, ist während der Strophe etwas ruhiger und gefühlvoller, was den Track jedoch nicht kraftlos erscheinen lässt, er gewinnt eher durch die ruhigeren Passagen an Dynamik, bis dann zum Ende hin mit geballter Synthesizer-Power der Angriff auf die Tieftöner losbricht. Wow, da klopft die Lautsprecher-Membran schon mal ans Gitter, der Titel hat mächtig viel Dynamik und avanciert zum Future-Pop-Song. Beim Wort „Klopfen“ fällt mir noch eine nette Anekdote ein. Wenn ihr euch auch wundert, wer da so aus dem Takt klopft, vielleicht mal die Eingangstür öffnen. Tschuldigung lieber Untermieter, ja, es ist halb zwei Nachts, ich nehm’ jetzt die Kopfhörer. Zurück zu „If I were you“, ja, der hat ziemlichen Wumms und auch seine Feuertaufe im Frannz Club bestanden. Erwähnte ich schon, dass der Laden ausverkauft war? Nun denn, es gibt für euch im Februar noch zahlreiche Termine den Titel live zu hören.

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Auch „I don’t want you in here“ besticht durch eine gefühlvolle Gesangslinie mit der Sven Friedrich die Verletztheit des Protagonisten besingt. Das Stück ist deutlich langsamer als die vorangegangenen Songs und wirkt vielleicht gerade deshalb viel gewichtiger als beispielsweise „The race of the rats“. Der Text trägt viel zum Verständnis dieser musikalischen „manischen Episode“ bei. Mit Zeilen wie „…I will find my own way, I don’t want you in here…“, einer markanten Stimme und den Solar Fake-typischen Synthie-Sounds fühlt sich der Song gleich beim ersten Hören an, als gehöre er schon lange zu den Top-Titeln der Band.

Die tragische Piano-Elektro-Ballade „Stay“ ist leider schon der letzte Titel auf dem Album und auch das langsamste Stück. Es sind Zeilen wie diese: „…and I hope, I will never wake up again…“ von leisen synthetischen Streichern begleitet, die mich erschaudern lassen. Nur zu gut finde ich mich in dieser „Another Manic Episode“ wieder und doch versprüht „Stay“ eine gewisse Wärme. Mhh, Gefühlschaos perfekt! „Stay“ muss übrigens laut gehört werden, damit „Sie“ die Botschaft erreicht, außerdem erhöht das den „Gänsehautfaktor“ ungemein. Die vielen Details im Arrangement nimmt man erst nach mehrmaligem hören wahr, „Stay“ lässt sich immer wieder neu entdecken. Ein tragisch-schöner Abschluss für ein powervolles Album.

Die Release-Party in Berlin war übrigens ein voller Erfolg für Solar Fake und „Another Manic Episode“. Die neuen, wie auch die älteren Songs kamen beim Publikum super an. Bereits nach dem Opener „Not what I wanted“ gab es für das Publikum kein Halten mehr. Der Mix aus Stücken vorangegangener Alben und den neuesten Kreationen war sehr wohl überlegt. Sven und André stand die Spielfreude ins Gesicht geschrieben und die Fans dankten ihnen jede Weltpremiere eines neuen Songs mit langem Applaus. Natürlich fehlten auch ein paar Huldigungen an Musikerkollegen in Form von Coverversionen nicht. Ein besonderes Highlight brachte das Cover zu „The dividing line“ von Project Pitchfork mit sich. Eigens für diesen Song holten sich die beiden Berliner den Frontmann Peter Spilles auf die Bühne und performten im Trio. Auch der Hamburger Spilles wurde vom Berliner Publikum mit frenetischem Applaus belohnt. Ich persönlich finde die Coverversionen sehr gelungen, lediglich das Cover für den Lana Del Rey-Song „Gods and monsters“, der nach Aussage von Sven Friedrich eigentlich noch auf das Album sollte, überzeugte mich genauso wenig, wie das meines Erachtens noch viel schwächere Original. Nun, von dem Titel kann man eben keine Wunder erwarten und ich habe ihn auf dem Album nicht vermisst. Nach 20 Stücken verließ die Band das erste mal die Bühne. Moment, da fehlt doch noch ein Song vom neuen Album. Korrekt und deshalb betraten die beiden Musiker für „The race of the rats“ und zwei weitere Titel vom „Frontiers„-Album noch einmal die Bühne. Auch nach einem weiteren Abgang von der Bühne liessen sich die Fans nicht zum nach Hause Gehen motivieren und so betraten Sven und André ein letztes mal die Bühne für 3,5 letzte Songs. Ja, that’s live und da gibt es schon mal technische Pannen. Die teilweise von weit her angereisten Fans sind trotzdem alle voll auf ihre Kosten gekommen und somit entliessen Solar Fake mit „Your hell is here“ in eine laue Nacht in Berlin. Moment, nicht ganz. Denn nach dem Konzert stellten sich Solar Fake noch ihren Fans für ein Meet&Greet und gaben Autogramme, posierten für Fotos oder hielten einfach einen kleinen Plausch mit dem ein oder anderen. Solar Fake zum Anfassen quasi und lauter glückliche Gesichter zu beobachten. Ja, es war ein schöner Abend in der Bundeshauptstadt, danke Solar Fake.

Übrigens gibt es „Another Manic Episode“ auch als Deluxe Doppel-CD mit exklusivem Bonus-Minialbum, sowie als streng limitierte Fan-Box, welche die Doppel-CD, eine exklusive Bonus-Disc mit ergreifenden Piano-Versionen von Stücken des neuen Albums, sowie eine Reihe exklusiver Goodies in Form von einem Paar stylisher, fingerloser, mit SolarFake-Logo bestickter Handschuhe, einem Sticker, einer Autogrammkarte und einem handnummerierten Echtheitszertifkat enthält.


Da haben Sven Friedrich und Andrè Feller ja ganz schön was angerichtet. „Another Manic Episode“ liefert einen Club-Track nach dem anderen, ist zweifelsohne das schnellste und härteste Solar Fake Album und doch ist es außerdem auch das gefühlvollste Album, das die beiden bisher abgeliefert haben. Selten begegnen sich Wut, Resignation, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung, harte Beats und einfühlsame Piano-Passagen mit aggressivem und dann doch wieder ruhigem Gesang, wie auf diesem Album. „Another Manic Episode“ kommt mit zehn hochwertigen Songs daher, in denen sich auch nach mehrmaligem Hören noch schöne Details entdecken lassen. Bei all dem Auf und Ab der Gefühle, welches die Songs auch auf den Hörer überspringen lassen, kennt die Qualität nur ein gleichbleibend hohes Niveau. „Another Manic Episode“ ist ein traurig schönes Powerelektro-Album mit vielen Titeln, die auf den Club-Tanzflächen Dauerfüller-Potenzial haben.


SOLAR FAKE - Another Manic Episode<


INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.7.5
GESANG.8.6
PRODUKTION.8
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Elektronische Härte, gefühlvolles Piano, markanter Gesang - Solar Fake haben ihr Rezept verfeinert
Das bisher schnellste und härteste Solar Fake-Album
8
PUNKTE.
FAZIT.
Da haben Sven Friedrich und Andrè Feller ja ganz schön was angerichtet. „Another Manic Episode“ liefert einen Club-Track nach dem anderen, ist zweifelsohne das schnellste und härteste Solar Fake Album und doch ist es außerdem auch das gefühlvollste Album, das die beiden bisher abgeliefert haben. Selten begegnen sich Wut, Resignation, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung, harte Beats und einfühlsame Piano-Passagen mit aggressivem und dann doch wieder ruhigem Gesang, wie auf diesem Album.