Foto: Anton Corbijn / Universal Music

THE KILLERS – Wonderful Wonderful

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Las Vegas/Nevada – Hauptstadt der Spieler, der schnellen Eheschließungen und Heimat einer der schillerndsten Indie-Rock-Bands des 21. Jahrhunderts: THE KILLERS. Fünf Jahre nach „Battle Born“ sind sie mit ihrem nunmehr fünften Album zurück. Nachdem das letzte Studioalbum schon in den Aufnahmen und der Produktion mit einigen Schwierigkeiten behaftet und sogar in der Bewertung der Band selbst nicht als die idealste Platte gilt (was ich tatsächlich so nicht unterschreiben würde), sollte dieses mal einiges anders werden. Waren für „Battle Born“ noch fünf verschiedenen Produzenten verantwortlich, begaben sich The Killers nun in die Hände von Jacknife Lee, welcher unter anderem schon mit U2, R.E.M., Bloc Party oder den Editors zusammengearbeitet hat. Gute Vorzeichen, um einen nahezu perfekten Sound zu finden. Drummer Ronnie Vannucci offenbarte unlängst im laut.de-Interview: „Fakt ist: Wenn wir uns in zwanzig Jahren über dieses Album unterhalten, werden wir sagen, dass wir 2017 genau so klingen wollten“.

Nicht nur musikalisch gehen The Killers neue Wege. Thematisch ist „Wonderful Wonderful“ wesentlich persönlicher als seine Vorgänger. „Gerade mit den Texten bin ich dieses Mal noch bewusster umgegangen. Ich wollte, dass jede Zeile zählt. Und nicht einfach nur, dass sie sich reimt.“ (Brandon Flowers im SZ-Interview). Flowers – Baujahr 1981 – ist nachdenklicher geworden. Dies mag am Alter liegen und an den gemachten Erfahrungen, welche eine Rockstar-Karriere mit sich bringt. Auch privat ist das Leben in Las Vegas nicht per se wonderful. Flowers bezeichnet „[…] die neue Platte [als] eine Bestandsaufnahme meines Lebens“. Die eigenen Prioritäten verändern sich. Dies zeigt sich schon am Booklet der CD und der Tourplanung. Gitarrist Dave Keuning und Bassist Mark Stoermer werden auf der kommenden Tour nicht dabei sein. Keuning fehlte gar aus pivaten Gründen bei den Fotosessions zum Album. Um den Fortbestand der Band müssen sich die Fans jedoch keine Sorgen machen: „[…] das hat keine Auswirkungen auf das Fundament der Band. […] Mark und Dave waren auch mit im Studio. Sie brauchen lediglich eine Tour-Pause.“ (Vannucci)

Wonderful Wonderful“ beginnt passend dazu etwas esoterisch-jazzig. Der Titeltrack ist eine wunderbar melancholische Hymne an die Hoffnung. „I will give you a home – You were never alone“. Musikalisch stellenweise mit Ethnoklängen versetzt und mit einer Killers-typischen Steigerung in opulente Sphären, endet „Wonderful Wonderful“ in einer schweren Bassline. Der Text scheint gleich zu Beginn die Weichen für das Album zu stellen. Musikalisch bescheren uns die vier Amerikaner mit dem folgenden Track „The Man“ eine mitreißende Disco-Funk-Nummer per excellence. Die erste Single des Albums begeistert mit einer extrem eingängigen Hookline. Die musikalische Macho-Antwort auf „Human“. Gleichzeitig ist „The Man“ die pure Ironie bezogen auf die jüngere Version von Flowers selbst: „Mit Mitte 20 willst du die Frau mit Männlichkeit, Geld und einem schnellen Auto beeindrucken und weißt noch nicht, dass ihr ganz andere Dinge viel wichtiger sind.“ (Flowers). Ist das Album als persönliche Bestandsaufnahme zu verstehen, muss mit einer persönlichen Rückschau begonnen werden. Männlichkeit bedeutet nicht zwangsläufig, die dickste Karre und das prallste Bankkonto zu haben. Laut Flowers ist die „Fähigkeit zur Empathie“ entscheidend. „Mehr an andere als an sich zu denken, das erfordert Mut und eine gewisse Anstrengung“. Erkenntnisse, welche in dieser musikalischen Form sowohl tiefgründig als auch sehr unterhaltsam sind. Eben diese Empathie ist auch Inhalt von „Rut“. The Killers spielen wieder mit Emotionen. Hymnisch geht es um Hoffnung und um die Momente im Leben, in denen man sich gegenseitig stützen muss. Die Komposition beginnt melancholisch und endet in einer Pophymne, welche diesen Weg glaubhaft symbolisiert. „But don`t give up on me – ‚Cause I’m just in a rut“. Tiefgründig und ebenso stadiontauglich.

Foto: Anton Corbijn / Universal Music

Life to come“ schließt thematisch an „Rut“ an. „You think I lost my vision but I didn’t“. Flowers berichtet eindringlich und ungewohnt offen von seinen eigenen Gefühlen in Momenten des Zweifels. „Have a little faith in me, girl“. Der musikalische Spannungsbogen wird harmonisch weitergeführt. Auf das hymnische „Rut“ folgt eine Popballade mit Synthieflächen und vielen Backingvocals. Dabei wirkt der Song an keiner Stelle überladen, sondern spielt eher mit dem Gefühl der Weite. Da ist sie wieder, die Hoffnung.
Es folgt die zweite Singleauskopplung „Run For Cover“. Diese beginnt mit einem Intro, welches zunächst an die Briten von Placebo erinnert. Im weiteren Verlauf gibt Keuning noch ein Gitarrenspiel als quasi Verneigung vor The Cure dazu. Gemischt mit dem Gesang von Flowers und der grandiosen Hookline im Refrain steigert sich „Run For Cover“ in einen grandiosen Indie-New-Wave-Rock-Song. Ohne sich jedoch plump bei genannten Vorbildern zu bedienen. Eingängig und sehr tanzbar.

Getragen von dieser Stimmung nehmen uns The Killers mit auf eine Reise zurück in die frühen 90er. Nicht musikalisch, mehr metaphorisch. Der Song beginnt und endet mit Samples aus einem der berühmtesten Boxkämpfe des letzten Jahrhunderts. Am 11. Februar 1990 trat der junge und bis dato unbezwungene Boxweltmeister Mike Tyson – die Bestie – gegen den krassen Underdog James Douglas an und wurde vollkommen überraschend in der zehnten Runde K.O. geschlagen (den K.O. hört man im Originalkommentar). Ein Erdbeben im Boxsport und der Anfang vom Ende von Tysons Karriere. Da ist sie doch wieder, diese grobe und unfehlbare Männlichkeit, verpackt in eine Sportmetapher. Der junge Flowers sieht im Fernsehen sein Idol zu Boden gehen und versteht die Welt nicht mehr. „When I saw him go down – Felt like somebody lied“. Flowers selbst hat drei Söhne und für diese ist er ein Vorbild. Was, wenn er scheitern würde? Großartiger Indie-Rock mit einer für mich mitreißenden Thematik – haben The Killers hier doch meinen persönlichen Lieblingssong des Albums versteckt.

Der persönlichste Song Flowers ist „Some Kind Of Love“, welcher seiner an Depressionen erkrankten Frau gewidmet ist. Eine Liebeserklärung, bei der selbst die drei Söhne des Paares zu hören sind. Vor diesem Hintergrund ist dies eine aufmunternde Ballade, die wieder die Hoffnung zu schüren sucht.
Bei „Out Of My Mind“ spürt der Hörer irgendwie sofort den Pop der 80iger. Etwas melancholisch-popig und mit einigen Synthies unterlegt. Das Intro von „The Calling“ wurde von Schauspieler Woody Harrelson eingesprochen. Der Song markiert einen coolen bluesigen Popsong mit einem fast stampfenden Beat, der das Album dadurch um eine weitere musikalische Nuance bereichert. Irgendwie erinnert mich der Song an die Grundstimmung der Serie „True Detective“ (mit Harrelson in der Hauptrolle).
Das Finale markiert eine Sinnkrise von Brandon Flowers, welche ihn zu „Have All The Songs Been Written?“ inspirierte. Eben jene Frage stellte er U2s Sänger Bono. Dieser riet Flowers, immer weiterzumachen. Außerdem wäre das doch ein guter Songtitel. Gesagt, getan. The Killers schließen den Spannungsbogen mit diesem atmosphärischen Lied. Wie bei „Wonderful Wonderful“ beginnt auch der letzte Track erst melancholisch, um dann in einer Hymne zu enden.


Einige Fans der ersten Stunde sind mittlerweile Zwiegespalten. Haben sich The Killers für sie doch zu sehr von den Indie-Rock-Wurzeln entfernt. Jene werden wohl auch mit Wonderful Wonderful nicht sofort hundertprozentig glücklich. Jedoch ist dieses Album eines von denen, welches mit jedem Durchlauf interessanter und besser zu werden scheint. Mich persönlich hat diese Platte gepackt. Dies mag zum Teil an dem Umstand liegen, dass ich in einem ähnlichen Alter wie Flowers bin. Ich kann mich mit einigen Texten einfach identifizieren. Das ist es wohl auch, was dieses Album ausmacht, möchte ich meinen. Die Texte sind glaubhaft und scheinen geerdet zu sein. Ja fast erwachsen. Genau wie die Band selbst. Hinzu kommt, dass diese Texte teilweise musikalisch grandios umgesetzt wurden. Die Arrangements der einzelnen Songs und deren Abfolge sind einfach schlüssig. „Wonderful Wonderful“ spiegelt ein Wechselbad der Gefühle wider, welches es schafft, die emotionale Seite vor allem von Brandon Flowers zu übertragen. Geschickt wurden verschiedene Elemente der vorherige Alben verwendet und auch dank Jacknife Lee um weitere bereichert. Selbst Brandon Flowers Gesang wirkt nochmal ausgereifter und ergreifender. Mal Pop („Rut“, „Out Of My Mind“), mal Disco („The Man“), mal etwas New Wave („Run For Cover“) und immer noch Indie-Rock. The Killers sind anno 2017 tiefgreifend und machen Spaß. Die kommende Tour kann nur wonderful wonderful werden.



INHALT / KONZEPT.7.5
TEXTE.8
GESANG.8
PRODUKTION.8
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.8
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Glaubhafte Texte
Brandon Flowers immer noch überzeugender Gesang
Wirkt sehr erwachsen
7.8
PUNKTE.
FAZIT.
Einige Fans der ersten Stunde sind mittlerweile Zwiegespalten. Haben sich The Killers für sie doch zu sehr von den Indie-Rock-Wurzeln entfernt. Jene werden wohl auch mit Wonderful Wonderful nicht sofort hundertprozentig glücklich. Jedoch ist dieses Album eines von denen, welches mit jedem Durchlauf interessanter und besser zu werden scheint. Mich persönlich hat diese Platte gepackt. Dies mag zum Teil an dem Umstand liegen, dass ich in einem ähnlichen Alter wie Flowers bin. Ich kann mich mit einigen Texten einfach identifizieren. Das ist es wohl auch, was dieses Album ausmacht, möchte ich meinen. Die Texte sind glaubhaft und scheinen geerdet zu sein. Ja fast erwachsen. Genau wie die Band selbst.
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