Wenn man sich näher mit Musik beschäftigt, dann gewinnt man irgendwann den Eindruck, alles schon mal gehört zu haben. Alles wäre schon mal da gewesen. Vielleicht ist das ja auch so, dass sich Dinge wiederholen. Aber dennoch: wenn man nicht auf bestimmte Richtungen festgelegt ist, sondern einigermaßen offen durch die (Musik-)Welt geht, findet sich immer wieder irgendwas, das man noch nicht auf dem Schirm hatte. Das überrascht, in Erstaunen versetzt und die Frage aufwirft, warum dies, das oder jenes so lange vor einem verborgen geblieben ist. So ist es mir gerade erst wieder ergangen. Ich würde schon von mir behaupten wollen, wirklich viel Musik zu hören und nicht (mehr) auf bestimmte Richtungen fokussiert zu sein. Genau genommen nimmt die Musik einen großen Teil meines Lebens ein. Und trotzdem: TOKUNBO ist mir bisher verborgen geblieben. Bis zu dem Moment, bis mir ihr aktuelles, zweites Album „The Swan“ als Thema für die Avalost Times vorgeschlagen wurde. Derartiges passiert öfter, aber nicht jedes Mal denke ich mir anschließend: wow, warum erfahre ich davon erst jetzt? Ich kann mir vorstellen, einigen von Euch geht es ähnlich. Lust darauf, dem Alltag die Geschwindigkeit und die Hektik zu nehmen und das in Form eines Albums, das in Sachen Produktion Maßstäbe setzt? Dann lasst mich kurz von „The Swan“ erzählen.

Tokunbo Akinro, die hier ihr zweites Solo-Album vorlegt, ist schon eine ganze Weile als Musikerin unterwegs. Jahrelang war sie mit der Acoustic-Soul-Band Tok Tok Tok unterwegs. Die Band bestand von 1998 bis 2013, in dieser Zeit veröffentlichte sie sagenhafte 14 Tonträger, darunter ein Live-Album. Für ihre Werke wurden sie unter anderem zweimal mit dem German Jazz Award in Gold ausgezeichnet, ehe sie sich mit ihrem letzten Konzert am 17. März 2013 in Neumünster im Rahmen ihrer Goodbye Tour als Band verabschiedeten. Tokunbo jedoch debütierte schon 2014 als Solo-Künstlerin mit ihrem ersten Album „Queendom Come“.

TOKUNBO - The Swan

Foto: Anne de Wolff

Tokunbo ist auch auf dem neuen Album „The Swan“ Sängerin und Songwriterin in einer Person – und in den Jahren seit dem Debütalbum ist sie überdies Mutter geworden. Die Geschichten, die sie in Songs wie „New June“, „Somersault“, „Innocence“ oder dem Titelstück erzählt, sind auch auf diesem Album wieder geprägt von ihrem persönlichen Empfinden und Erleben, richten sich nun aber noch an einen weiteren, ganz besonderen Zuhörer. Mögen die Texte auch aus persönlicher Sicht geschrieben sein, so sind sie doch universell genug, dass sie Identifikationsmöglichkeiten für alle bieten, die bereit sich, sich darauf einzulassen. In „Rebecca“ beispielsweise heißt es: Counting the hours till nightfall. Spending your days in a haze. When did your life turn stale? Traveling the one-way trail. Es möge doch bitte mal kurz die Hand heben, wer sich darin als gestresster Arbeitnehmer mit immer kleinerem Zeitfenster für das, was sich Leben nennt, nicht wiederfindet. Oder das hier: Play me a song, hold me close. I won’t let you go until dawn finds you in my arms fast asleep finally. It’s our song that carries you far away. aus „Play Me A Song“ – was, bitte, mehr lässt sich hierzu sagen, als: hach? Eben.

Ihre Musik nennt Tokunbo „Folk Noir“. Logisch, ohne einen Kunstbegriff geht es heute ja kaum noch. Dieser „Folk Noir“ orientiert sich an Folk, ein klitzekleines bisschen an Country, deutlich mehr an Soul und an der reichhaltigen Vielfalt von Jazz. „The Swan“ ist ruhig, entschleunigt, es ist der geworfene Anker in einer immer schneller werdenden Welt. Vorgetragen werden die Texte von Tokunbo mit einnehmender, samtener Stimme, welche die Gehörgänge umschmeicheln. „Play Me A Song“ – fast bin ich geneigt, dies zum Ende eines aufwühlenden, ereignisreichen Tages als frommen Wunsch zu formulieren. Umrahmt wird ihre Stimme von gekonnter Instrumentierung. Tokunbo arbeitet auf „The Swan“ erneut mit den Musikern ihres Debüts zusammen, manche davon waren schon zu Tok Tok Tok-Zeiten am Start. Ulrich Brode ist an der Gitarre zu hören, Christian Flohr am Bass, Matthias Meusel übernahm die Percussions, während Marc Ebermann für die Abmischung zuständig war. Manchmal sind zusätzlich Streicher zu hören, aber so unterm Strich wirkt das Album derart erfrischend auf das Wesentliche reduziert, dass es eine wahre Wonne ist. Wenn ich zurückdenke an das, was ich in den letzten Wochen und Monaten so gehört habe, dann komme ich nicht umhin festzustellen: mehr Herzblut, Hingabe und Können war lange nicht.

TOKUNBO - The Swan

Foto: Anne de Wolff

Die Songs auf Tokunbos zweitem Album „The Swan“ sind so wunderbar ruhig, entspannt und entspannend ausgefallen, dass sie sich als Mittel zur Entschleunigung förmlich anbieten. Aber das ist gar nicht mal der größte Pluspunkt dieser Scheibe. Viel mehr sind es die herausragenden, dynamischen und differenzierten Arrangements, die luftig-leichte Produktion, welche den Songs so unfassbar viel Raum zur Entfaltung geben. Jedes Instrument, zu denen ich Tokunbos wunderbare Stimme mitzähle, bekommt den gleichen Stellenwert eingeräumt – und trotzdem klingt es nicht, als sei alles dieser allgegenwärtigen, immer nervigeren Loudness unterworfen. Schön, endlich mal wieder eine Wellenformanzeige zu sehen (und demnach zu hören), bei der nicht alle Spitzen bis zum Anschlag ausgereizt sind und das, was eigentlich Wellen sein sollten, zu einem durchgängig gleich lauten Balken verkommen ist. Einen ganz großen Reiz bezieht „The Swan“ also aus der gefälligen weil gekonnten Instrumentierung und dem Umstand, dass sich jedes noch so feine Detail dieses exakt auf den Punkt produzierten Albums heraushören lässt. Dafür benötigt man noch nicht mal eine High-End-Stereoanlage. Ach, verfügte doch nur jedes Album über eine derartig feine Produktion! Beim Musikgenuss läge die Betonung deutlich öfter auf dem zweiten Teil des Wortes. TokunbosThe Swan“ ist überdies die musikalische Notbremse, wenn einen das Leben (wieder einmal) zu überholen droht.


Tokunbo ist eine dieser Künstlerinnen, die ganz plötzlich einfach so auf meinem Radar aufgetaucht sind, nachdem sie diesen jahrelang höchst erfolgreich unterflogen haben. Warum auch immer. Dabei ist die Dame nun wirklich keine Newcomerin, auch wenn wir es hier erst mit ihrem zweiten Solo-Album zu tun haben. In diesem Fall ist es in klarer Fall von ‚besser spät als nie‘! „The Swan“ entspannt mich ungemein. In einer Welt, die immer hektischer wird, nimmt mich dieses kleine Juwel von einem Album mit auf eine Reise zurück in Zeiten, wo das alles ein bisschen einfacher und relaxter war. Zudem ergeben die Kombination aus Tokunbos toller Stimme, der punktgenauen Instrumentierung und der detailverliebten, extrem klangvollen Produktion ein Gemisch, in dem ich baden möchte. Mir ist schon klar, dass dieses im sogenannten Folk Noir beheimatete Album nicht alle Konsumenten erreichen wird. Das ist schon ok so. Ähnlich wie die Lieblingsdecke auf dem Sofa möchte man dieses Album nämlich womöglich an sich drücken und energisch „meins!“ rufen. Und das, Ladies & Gentlemen, hat in dieser Form schon eine ganze Weile kein Album mehr geschafft.


TOKUNBO - The Swan


TOKUNBO - The Swan
Tokunbo ist eine dieser Künstlerinnen, die ganz plötzlich einfach so auf meinem Radar aufgetaucht sind, nachdem sie diesen jahrelang höchst erfolgreich unterflogen haben. Warum auch immer. Dabei ist die Dame nun wirklich keine Newcomerin, auch wenn wir es hier erst mit ihrem zweiten Solo-Album zu tun haben. In diesem Fall ist es in klarer Fall von ‚besser spät als nie‘! „The Swan“ entspannt mich ungemein. In einer Welt, die immer hektischer wird, nimmt mich dieses kleine Juwel von einem Album mit auf eine Reise zurück in Zeiten, wo das alles ein bisschen einfacher und relaxter war. Zudem ergeben die Kombination aus Tokunbos toller Stimme, der punktgenauen Instrumentierung und der detailverliebten, extrem klangvollen Produktion ein Gemisch, in dem ich baden möchte.
INHALT / KONZEPT.7
TEXTE.7
GESANG.7.5
PRODUKTION.10
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8
POSITIV.
  • Sehr dynamische, klangverliebte Produktion
  • Gekonnte Instrumentierung
7.9TOTAL.
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