Foto: Infacted Recordings

TORUL – The Measure

Von 2015 kann man sicher halten was man will, eines jedoch wird niemand ernsthaft abstreiten wollen: wer sich für Synthie- bzw. Electro-Pop erwärmen kann, hatte dieses Jahr bisher keinen Grund zur Klage. Diverse Perlen sind bereits erschienen, ein paar stehen noch in den Startlöchern und manche werden ziemlich sicher am Ende des Jahres einen Platz in unserer Top 30 finden. Auch die slowenische Band TORUL möchte sich mit ihrem aktuellen Album „The Measure“ erneut ein Stück Eurer Aufmerksamkeit sichern. Warum das durchaus angebracht ist, erzähle ich Euch nachfolgend.

Fragt mich nicht warum, aber bei Laibach – oder eben Ljubljana, der slowenischen Hauptstadt – muss ich in den seltensten Fällen an Synthie-Pop denken. Eine andere Band kommt mir da stets in den Sinn, aber erstens geht es um diese hier und heute nicht und zweitens könnte Torul durchaus automatisch auf dem inneren Schirm aufploppen. Einerseits weil Torul Torulsson seit mindestens 2003 in größerem Rahmen Musik veröffentlicht. Damals noch als Torul W unter anderem die Single „Waterproof Theme“ bei Low Spirit. Genug Zeit für entsprechende Verknüpfungen im Kopp wäre ja gewesen. Andererseits weil Torul als Band (ergänzt um Jan Jenko und Borut Dolenec) seit ihrem Debüt 2010 nahezu im Jahrestakt hochwertige Synthie-Pop-Alben liefert, die gerne mit Darkwave-, Electro- und IDM-Elementen spielt. Es ist ja fast schon erstaunlich, dass man auf das neue Album beinahe zwei Jahre warten musste. Die Extra-Zeit, die sich Torul gegönnt haben, um ihren Sound reifen zu lassen, war es wert.

So ein bisschen unbequem klingt das schon, wenn Torul das Album mit „Lonely Night“ eröffnen. Wie dichter Nebel, der sich durch nächtliche und nur spärlich beleuchtete Straßen zieht, wabert der dumpfe Bass vor sich hin, ganz bald begleitet von leichtfüßigen Beats, die zusammen mit den Melodietupfern das Dickicht des düsteren Grundgerüst als Kontrast auflockern. Der samtene Gesang von Torul Torulsson trägt ein Übriges dazu bei, das sich die musikalische Welt von Torul vertraut anfühlt, aber eben gleichzeitig auch immer ein bisschen unbequem. Im letzten Drittel gestattet sich das Trio einen melodischen Sprung nach vorne, heraus aus dem Dunst, schwenkt quasi kurz die Leuchtfackel, und verschwindet dann wieder.

Foto: Torul / Infacted Records
Foto: Torul / Infacted Records

Das nachfolgende „Ballance“ verhält sich ähnlich, zitiert aber auf ganz charmante Weise „Mad World“ von Tears For Fears, ohne jedoch zu kopieren. Ich bin mir aber sicher, diese Assoziation kommt jedem in dem Sinn, wenn Torul singt all I want is / all I want is / to be happy once again. Könnte es da nicht auch Tears For Fears’ Curt Smith sein sein, der singt Children waiting for the day they feel good / Happy Birthday / Happy Birthday? Rhythmus, Struktur, Tonfolge sind hier zu auffällig ähnlich, als das ich von einem Zufall ausgehen wollen würde. Schon ziemlich clever eingefädelt von den Sloweniern. „Higher“ hingegen besticht durch einen knochentrockenen, stampfenden Beat und melodieführendem Gitarrengeplänkel, wie man es seit Depeche Mode oftmals im Synthie-Umfeld zu hören bekommen hat. Wenn sich das Lied allerdings seinem Finale entgegenwobbelt wünsche ich mir drei Minuten zusätzliche Spielzeit. Das ist irgendwie hypnotisch, verführerisch und sorgt dafür, dass die Gedanken in beliebige Richtungen abdriften.

Difficult To Kill“, vorab bereits ausgekoppelt, ist tanzbarer, kommt mit quietschigen, förmlich hüpfenden Synthies daher – ist deshalb aber nicht automatisch freundlicher oder bequemer als die Vorgängerstücke. Oder als die nachfolgenden. Hat ein bisschen was von dem avantgardistischen Synthie-Geklimper von Little Dragon. Einmal mehr ein Zitat / eine Verbeugung durch Torul? Wer weiß, wer weiß. Es funktioniert jedenfalls bestens. Andere Bands hätten vermutlich stumpf gecovert oder gesamplet. Das sich ein Song ähnlich anfühlt, trotz aller offenkundigen Unterschiede, zeigt doch, dass der Kern der Sache erfasst wurde. Konsumiere, adaptiere, erschaffe – oder wie war das? Wenn das Toruls Motto gewesen sein sollte, dann Hut ab vor der Leistung, aus ach so bekannten Dingen etwas Neues entstehen zu lassen. Eventuell lässt sich so das anfangs erwähnte Gefühl der Vertrautheit erklären. Btw: muss eigentlich zufällig bei dem Deutsche-Alternative-Charts-Nummer 1 – Hit „All“ im energiegeladen Refrain noch jemand an Underworlds „Born Slippy“ denken, das ja zwischendurch auch abgeht wie Zäpfchen? Frage für einen Freund.

Letzte Beispiele für den großartigen Sound dieses Albums: das übermächtige „We Grow“, das zunächst mit bedrückend schweren Synthieteppichen über den Hörer hinweg rollt, ja ihn förmlich platt bügelt, begleitet von wellenförmigen, in tiefer Stimme gesungenen Strophen – alles in diesem Lied ist wie ein unheilsgeschwängerter Gewitterhimmel. Anstatt sich jedoch mit brachialer Gewalt zu entladen, wechseln zwischendrin Tempo und Stimmung – und fesseln mit einer sofort abhängig machenden Melodieführung, die überrascht, die begeistert, die in die Hände klatschen lässt. Für mich der größte Wurf dieses Albums. Und dann ist da noch „The More We Are“. Beinahe schon bedrohlich, diese einschneidenden, kurzen Toneffekte. Auf die Idee, Kirchenglocken zu samplen und für die tragende Melodie zu verwenden, darauf muss man auch erst einmal kommen. Und mit der letzten Minute von „Discrepancy“ ist das Album endgültig in der dystopischen Stimmung angekommen, wie sie in Filmen wie ‚Blade Runner‘ skizziert wird. Assoziationen zum Soundtrack von Vangelis sind auch hier wieder sicher kein purer Zufall.


Toruls viertes Album innerhalb von nur fünf Jahren ist nicht nur das bisher ausgereifteste der Band aus dem slowenischen Ljubljana. Man wird es am Ende dieses Jahres auch zu den düstersten und nicht zuletzt deshalb eindrucksvollsten Vertretern des Synthie-/Electro-Pop-Genres zählen. Und das dann aus gutem Grund. Die filmartige Stimmung des Albums schwankt stets zwischen dystopisch, düster, bedrohlich und unbequem – nur um immer wieder helle Lichtstreifen der Hoffnung, des vermeintlichen Wohlbefindens am musikalischen Düsterhorizont aufblitzen zu lassen. Und dann sind da ja noch die diversen Anspielungen/Zitate an das Schaffen anderer Künstler, von Tears For Fears bis Vangelis. Wer bisher also nicht nachvollziehen konnte, warum Torul in der Düsterszene einen so ausgezeichneten Ruf genießen, bekommt mit „The Measure“ die denkbar eindrucksvollste Erläuterung dafür. Jaaa ich weiß, Empfehlungen für Synthie-Freunde gab es an dieser Stelle in diesem Jahr schon viele. Aber dieses Album hier, hey, das könnt Ihr nu auch noch mitnehmen. Es lohnt sich.


Torul_The Measure_front face cover


TORUL - THE MEASURE.
FAZIT.
Toruls viertes Album innerhalb von nur fünf Jahren ist nicht nur das bisher ausgereifteste der Band aus dem slowenischen Ljubljana. Man wird es am Ende dieses Jahres auch zu den düstersten und nicht zuletzt deshalb eindrucksvollsten Vertretern des Synthie-/Electro-Pop-Genres zählen. Und das dann aus gutem Grund. Die filmartige Stimmung des Albums schwankt stets zwischen dystopisch, düster, bedrohlich und unbequem - nur um immer wieder helle Lichtstreifen der Hoffnung, des vermeintlichen Wohlbefindens am musikalischen Düsterhorizont aufblitzen zu lassen. Und dann sind da ja noch die diversen Anspielungen/Zitate an das Schaffen anderer Künstler, von Tears For Fears bis Vangelis. Wer bisher also nicht nachvollziehen konnte, warum Torul in der Düsterszene einen so ausgezeichneten Ruf genießen, bekommt mit „The Measure“ die denkbar eindrucksvollste Erläuterung dafür.
INHALT / KONZEPT.
7.5
TEXTE.
7.5
GESANG.
8
PRODUKTION.
8
UMFANG.
7.5
GESAMTEINDRUCK.
8
LESERWERTUNG0 Bewertungen
0
POSITIV.
Ein angenehm düsteres, gut produziertes Synthie-Pop-Erlebnis
NEGATIV.
7.8
PUNKTE.
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT.
TEXTE.
GESANG.
PRODUKTION.
UMFANG.
GESAMTEINDRUCK.
Finale Bewertung