U2 – Songs Of Experience

Manchmal kitzelt es mich ja schon in den Fingern, einen Text über U2 bzw. über ein neues Album der Iren mit einem Bonmot zu beginnen. Gerade jetzt, wo der oberste Weltenretter Bono in den kürzlich veröffentlichten Panama Papers aufgetaucht ist. Dann wiederum denke ich mir: darüber zu urteilen steht mir nicht zu. Und wenn jeder Mensch, der es zu einer großen Menge Geld geschafft hat, ähnlich ambitioniert unterwegs wäre wie Bono – die Welt sähe möglicherweise anders aus. Darum hake ich dieses Thema an dieser Stelle auch gleich wieder ab. Wie man Bonos Briefkastenfirmen moralisch einordnen möchte, muss jeder für sich entscheiden – auch ganz ohne vermeintlich witzige Anmerkungen der schreibenden Zunft. Konzentrieren wir uns lieber auf das, was für uns Konsumenten viel greifbarer ist als alles andere: Die Musik. Daran lassen sich Bono und seine Kollegen von U2 noch immer am besten messen. Drei Jahre nach „Songs Of Innocence“ gehen sie nun mit ihren „Songs Of Experience“ an den Start. Dieses 13. Studioalbum ist eine Art Verjüngungskur für eine Band, die nächstes Jahr seit geschlagenen 40 Jahren in der immer gleichen Besetzung unterwegs ist.

Ich oute mich: während es immer wieder en vogue zu sein scheint, U2 aus welchen hanebüchenen Gründen auch immer doof zu finden, bin ich ein Fan der vier Iren. Einerseits beeindruckt mich, dass sie es geschafft haben, länger zusammen Musik in unveränderter Besetzung zu machen, als ich Lebenszeit auf diesem Planeten verbracht habe. Zudem holt mich die Mucke von U2 schlicht und ergreifend ab. Allerdings: ich gehöre nicht zu dem Teil der Hörerschaft, die blindlings alles verehren, was Bono und seine Gang aus dem Ärmel schütteln. Es gab in der Vergangenheit so manche Alben, die mich ziemlich ratlos zurückgelassen haben. Trotzdem halte ich nichts von dieser „früher war alles besser“-Litanei. Ich mag es, wie U2 den Spagat versuchen, ihren gewohnten Sound beizubehalten und dennoch immer wieder mal was Neues probieren. Manchmal klappt das, manchmal nicht.

Das 2014er Album „Songs of Innocence“, das durch einen Deal mit Apple zur kostenlosen Zwangsbeglückung für alle geriet, die irgendwie ein Produkt der Firma aus Cupertino nutzen, speziell iPhone, war ungeachtet des Vertriebs eines dieser Alben, an die ich mich gerne zurück erinnere. Inspiration holten sich U2 hier nicht so sehr beim aktuellen Weltgeschehen, das es irgendwie anzukreiden galt, sondern bei der Gedichtsammlung „Songs Of Innocence and Expierence“ des englischen Mystikers und Poeten William Blake. Eine gute Entscheidung, schließlich nahmen U2 damit schon mal denen Nörglern den Wind aus den Segeln, die in Bono nur den missionarischen Rockstar sehen. Zudem reichte die Inspiration für ein paar wirklich tolle Songs, die das Album zweifelsohne zu einem der besseren in der Diskografie U2s machten.

Foto: Anton Corbjin / Universal Music

Daran knüpfen die Iren drei Jahre später an. Schon der Name „Songs Of Experience“ macht deutlich, dass die Band mit der Inspiration durch Blake noch nicht fertig sind. Das neue Album wurde in Dublin, New York und Los Angeles aufgenommen. Bono, aus dessen Feder die Texte wie üblich stammen, folgte bei der Entstehung des Albums einem Ratschlag, den er von Professor und Autor Brendan Kennelly erhalten hat: Schreib, als ob du tot wärst. Das Album, so will es das Universal Music scheinbar am liebsten verstanden wissen, stellt eine Art Sammlung von Briefen Bonos da, die er seiner Familie, seinen Freunden, Fans und auch sich selbst geschrieben habe. Tatsächlich macht diese Einschätzung durchaus Sinn. In Kombination mit dem Coverfoto, das Bonos Sohn Eli Hewson und Sian Evans, die Tochter des Gitarristen The Edge, Hand in Hand zeigt, entsteht hier schnell der Eindruck, dass „Songs Of Experience“ trotz all des Pomps und Getöses, der auch dieses Mal reichen wird um Stadien zu füllen, im Kern ein kleines, feines und persönliches, wenn nicht gar intimes Album geworden ist.

Dass sie trotzdem offen sind, sich von ihren Produzenten neue Einflüsse ins Klangbild pinseln zu lassen, wird schon direkt beim Eröffnungsstück „Love Is All We Have Left“ deutlich. Zu einer sehr elektronisch gefärbten Ballade, die als Intro eine gute Figur macht, gesellt sich dezentes, hintergründiges Autotune-Genöhle. Über Autotune lässt es sich ganz vortrefflich streiten, hier aber funktioniert es als Aufmerksamkeitserreger. „Lights Of Home“ hingegen lässt die Elektronik weg und präsentiert sich knochentrockene Blues-Rock-Nummer, zu der man heruntergelassenen Fensters mit einem fetten, rostigen Pickup-Truck durch die Salzwüsten der Vereinigten Staaten cruisen möchte. Entsprechende Stiefel und Hut inklusive, ist klar, ne. Da kommt mir „American Soul“ in den Sinn, offenbar entstanden, nachdem die Welt mit einem Präsidenten Trump aufwachen musste. Den Punkt kann man aber zumindest hier gut ignorieren. The Edge lässt seine Gitarre hier ähnlich knarzen, Bono macht sich Gedanken über die Amerikaner und ansonsten zeigen die vier Iren, dass sie nicht zwar mehr die Jüngsten sind – aber immer noch ordentlich rocken können, als wären die Jahre spurlos an ihnen vorübergezogen. You are Rock&Roll, trötet Bono hier. Danke, gleichfalls.

Tatsächlich gefällt mir „Songs Of Experience“ in den ruhigen Momenten am besten. Das ist nichts Neues, immer schon haben mich U2 mit ihren Balladen am meisten abgeholt. „The Little Things You Give Away“ reiht sich gut rein in die Riege dieser Nummern, wo es einem gleichzeitig warm ums Herz wird und sich ein Kloß im Hals breit macht. „Landlady“ geht in eine ähnliche Richtung. Und dass U2 auf dem letzten Album mit „Song For Someone“ einen Song für die Ewigkeit geschaffen haben, scheint ihnen inzwischen selbst auch so richtig bewusst geworden zu sein – zumindest würde das die wirklich ergreifende und mit höchstem Gänsehautfaktor versehene Reprise „13 (There Is A Light)“ erklären. In dieser Fassung einer der mächtigsten Songs der Band überhaupt!

An U2 scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister. Dass sie, wie schon beim Vorgängeralbum, Inspiration bei klassischen Gedichten gesucht haben, war ein Gewinn. Dass die neue Platte von Jacknife Lee und Ryan Tedder, gemeinsam mit Steve LillywhiteAndy Barlow und Jolyon Thomas produziert wurde, ebenfalls. Frischer, druckvoller, dynamischer, abwechslungsreicher und, ja auch jünger, klangen U2 schon eine ganze Weile nicht mehr. Ähnlich wie Depeche Mode zu Beginn dieses Jahres, die sich musikalisch mit „Spirit“ auch verjüngten, überzeugen mich U2 und ihre „Songs Of Experience“ auf ganzer Linie. In der Vergangenheit waren bei einem Album von, na sagen wir mal zehn Songs, stets welche dabei, die ich nur zu gerne weiter geskippt habe. Auch und gerade bei U2. Auf diesem Album suche ich entsprechende Kandidaten noch.


Kritiker werden vermutlich nörgeln, dass U2, die Dinos der leicht zu konsumierenden Rock-Musik, den jungen (oder jüngeren) Wilden wie The Killers in Sachen Sound und gefälligem Pop-Anteil hinterherhecheln. Dass es womöglich albern sei, wie sich die vier älteren Herren mit dem Flair unbeschwerter, leichtfüßiger und eingängiger Mucke umgeben und einen auf jung machen. Kann man so ankreiden. Kann man aber auch lassen. „Songs Of Experience“ macht in meinen Ohren schon vom Titel her deutlich, wo der Hammer hängt. Erfahrung kommt nicht von Ungefähr und nach so langer Zeit Überleben im Musikgeschäft, wissen sie, was getan werden muss um ein Album gelingen zu lassen. Und dass sich U2 klanglich Inspiration bei Künstlern, die ihnen nachgefolgt sind, gesucht haben, ist nur legitim – schließlich war es über Jahre, vielleicht Jahrzehnte andersherum. Unterm Strich ist mir „Songs Of Experience“ das unterhaltsamste U2-Album seit Jahren, dem es gut bekommt, dass sie frischen Wind in den Sound haben einziehen lassen – und die Weltverbesserungskeule weitgehend im Schrank geblieben ist.



INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.9
PRODUKTION.9
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Musikalisch orientieren sich U2 ein bisschen an Bands, die nach ihnen kamen
Die ganz große Moral-Keule ist dieses Mal im Schrank geblieben
Trotzdem geht es Trump-Amerika an den Kragen
8.6
PUNKTE.
FAZIT.
Kritiker werden vermutlich nörgeln, dass U2, die Dinos der leicht zu konsumierenden Rock-Musik, den jungen (oder jüngeren) Wilden wie The Killers in Sachen Sound und gefälligem Pop-Anteil hinterherhecheln. Dass es womöglich albern sei, wie sich die vier älteren Herren mit dem Flair unbeschwerter, leichtfüßiger und eingängiger Mucke umgeben und einen auf jung machen. Kann man so ankreiden. Kann man aber auch lassen. „Songs Of Experience“ macht in meinen Ohren schon vom Titel her deutlich, wo der Hammer hängt. Erfahrung kommt nicht von Ungefähr und nach so langer Zeit Überleben im Musikgeschäft, wissen sie, was getan werden muss um ein Album gelingen zu lassen. Und dass sich U2 klanglich Inspiration bei Künstlern, die ihnen nachgefolgt sind, gesucht haben, ist nur legitim - schließlich war es über Jahre, vielleicht Jahrzehnte andersherum.

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