Foto: Dependent Records

VARIOUS – Dependence 2017

Kurz zur Auffrischung: bekanntlich pflegt man beim Gelsenkirchener Qualitätslabel DEPENDENT zwei Compilation-Reihen, die mehr oder weniger regelmäßig fortgeführt werden und die zwei ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Da ist einerseits die „Septic“-Reihe, mit welcher man in Gelsenkirchen aktiv Perlentaucherei betreibt und Künstler sowie Hits zutage fördert, die mitunter später in der Electro- und Düsterszene gefeiert werden. Das kam in der Vergangenheit schon vor und würde die „Septic“ regelmäßiger erscheinen, wäre das vielleicht auch heute noch so. Kurzes Gewinke in Richtung Dependent: für eine Reihe wie die „Septic“ herrscht auch heute noch Bedarf, Möglichkeiten der Musikentdeckung via Soundcloud, Spotify & Co. hin oder her. Daneben gibt es aber noch eine andere Compilation, die regelmäßig unregelmäßig erscheint: „Dependence“. Im Gegensatz zur „Septic“ handelt es sich hierbei um eine Art Werkschau. Auf der „Dependence“ werden die Künstler, die aktuell bei den Gelsenkirchenern unter Vertrag sind, ins Rampenlicht gerückt. Neuzugänge sind hierbei stets genauso vertreten wie aktuelle Themen. Mit der hauseigenen Werkschau“Dependence 2017“ erscheint nach zwei Jahren Pause die inzwischen achte Ausgabe. Schauen wir doch mal, was der aktuelllste Ableger so kann.

In den letzten zwei Jahren ist einiges passiert. Einige Künstler veröffentlichen inzwischen woanders, The Birthday Massacre zum Beispiel oder KMFDM, dafür sind mit 2nd Face, Alec Empire oder Kirlian Camera spannende und qualitativ hochwertige Neuzugänge im Team Dependent zu verzeichnen gewesen. Konzept jeder Ausgabe der „Dependence“ ist es seit jeher, auch den Fans des Labels, die sich treu jede Veröffentlichung ins Regal stellen, neben dem reinen Sammelfaktor einen Mehrwert zu bieten. Und zwar dadurch, dass die hier vorgestellten Songs entweder bisher unveröffentlicht sind oder aber in einer bis dato noch nicht präsentierten Fassung daherkommen. Remixe und Raritäten ist also das Motto. An dem bewährten Konzept hat man auch im Jahre 2017 nichts geändert.

Eingeleitet wird die aktuelle Ausgabe mit Alec Empires „Now It’s Between You and Gd“, in einer alternativen Version gegenüber der vom Album bekannten. Nicht so gravierend anders, aber als Intro ziemlich gelungen. Es folgt ein weiterer Neuzugang, Our Banshee, mit „Undone to the Light“ im 3rd Revision Mix. Wer Dependent wegen der Synthpop-Acts wie beispielsweise Beborn Beton schätzt, wird sich über diesen Beitrag sicher freuen. Passt gut in dieses Schema und macht möglicherweise vor allem derart neugierig auf mehr, dass man sich den 20. Oktober im Kalender markiert. Da nämlich erscheint deren Debütalbum „4200“. GingerSnap5 sind ebenfalls neu bei Dependent und liefern mit der Club Version von „I Disappear“ eine schnelle und tanzbare Nummer. Auch hier gilt: im Auge behalten! Deren Dependent-Debüt erscheint gleichfalls am 20.10. und wird möglicherweise Fans von Acretongue oder Encephalon abholen.

Covenant hingegen sind alte Hasen, nicht nur bei Dependent. Das hier vorliegende Fassung von „Dies Irae“ ihres letzten Kracher-Albums „The Blinding Dark“ tönt meines Erachtens ebenfalls nicht so wesentlich anders als das Original. Erinnert aber wieder daran, dass das letzte Album der Schweden ein ganz schön schwer zu verdauender Brocken war. Alte Hasen im Electro-Geschäft sind auch die Italiener Kirlian Camera, die in Punkto neuer Album nach Gelsenkirchen gewechselt sind. „Hologram Moon“ wird ihr nächstes Album heißen, „Absentee II“ wird hier als erster Vorbote daraus präsentiert. Zunächst denke ich noch, naja, nicht gerade die stärkste Nummer von Kirlian Camera – bis zu den flirrenden, luftigen, ja beinahe schon außerweltlichen Refrains. Hui!, sag ich mal so. Sie können es ja doch noch! Mit ihrem Solo-Projekt SPECTRA*paris hat Elena Alice Fossi ja schon bei Dependent geliefert, Kirlian Camera dürfen jetzt gerne nachziehen. Immerhin: am (Ihr ahnt es bereits) 20. Oktober erscheint mit „Sky Collapse“ eine Zusammenarbeit mit Covenant!

Es folgen: Die Radioaktivists! Nachdem dieses Projekt von Daniel Myer (Haujobb, DSTR, Covenant und ungefähr drölfzig weitere Projekte), Sascha Lange, Krischan Wesenberg (Rotersand) sowie Frank M. Spinath (Seabound, Lionhearts, Edge Of Dawn und Gastvokalist bei ungefähr drölfzig weiteren Projekten) mit der ersten Single „Pieces Of Me“ sowie einem allerersten Konzert im Rahmen von Schwarzes Leipzig Tanzt in der Moritzbastei auf den Plan getreten war, verschwand es genauso schnell wieder in der Versenkung. So schien es zumindest, denn lange Zeit war von den Radioaktivists nix zu hören oder zu sehen. Nun sind sie aber wieder da. „I Want You“ heißt das Stück, das hier präsentiert wird, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Album der Radioaktivists, so denn mal eines kommt, ganz weit oben in der Liga großartiger Electro-Alben mitspielt. Bei den beteiligten Protagonisten wäre das allerdings überraschend, wenn es anders käme. Feinste elektronische Kost wird hier geboten. „I Want You“ gehört klar zu den Highlights dieser Zusammenstellung!

2nd Face gehören zu den Bands, die via Dependent ihr Debütalbum veröffentlicht haben, und richten sich mit ihrer Musik an Konsumenten, die es gerne etwas düsterer und EBM-lastiger mögen – bei gleichzeitiger Einbindung großer Melodiebögen. „Insanity (Assimilate)“ passt da gut ins Bild. Ich muss kurz an Front 242 oder Nitzer Ebb denken. Sicher nicht die schlechtesten Vergleiche. This Morn’ Omina meldeten sich in diesem Jahr nach jahrelanger Pause mit dem Album „Kundalini Rising“ zurück. Hier zu hören: „Ayahuasca (Let’s Shift Togehter) [ CCF ]“. Treibend, irgendwie auch tribalistisch, gut nach vorne gehend – eben so, wie man es vom Album gewohnt ist. Wer hier nicht in die Gänge kommt, ist von flotter Electro-Mucke jedenfalls wohl kaum zu bewegen. Lizver & The Tree sind ebenfalls neu im Kader des Gelsenkirchener Labels, und liefern hier mit „Puppet“ die ruhigste und langsamste Nummer der gesamten Compilation. Ein bisschen verschwurbelt ist das schon und wird vor allem die Leute ansprechen, die das Ungewöhnliche zu schätzen wissen.

Ungewöhnlich tönt auch „Just Someone“ von Edge Of Dawn. Das Projekt von Mario Schumacher und Frank M. Spinath kommt hier mal wieder mit einem neuen Stück um die Ecke, das mit dem dramatischen Klaviergeklimper in den ruhigen Passagen, den vordringlichen Drums dazwischen und Franks intensiver Vortragsweise eine ziemlich unbequeme Stimmung erzeugt. Schön, mal wieder was von Edge Of Dawn zu hören! Alle Compilation-Beiträge der letzten Zeit reichen doch schon bald für ein (Mini-)Album.

You Really Got Me“ stammt von SPECTRA*paris’ aktuellem Album „Retromachine Betty“. Die nach wie vor unterhaltsame Coverversion des Kinks-Klassikers ist einer der wenigen Songs hier, die weder neu bearbeitet, noch nicht je zuvor zugänglich gemacht worden sind. Die aktuelle Mesh Single „Runway“ liegt hier im Remix von Tim Callaghan vor. Die Gitarren wirken dramatischer und krawalliger, eine gute Minute zusätzlicher Laufzeit kam hinzu, ansonsten ist der Spirit des Originals weitgehend beibehalten worden. „Runway“ halte ich nicht für den stärksten Track, der je das Studio des Bristoler Duos verlassen hat, aber immerhin: Tim Callaghans Bearbeitung ist die bisher rundeste Variante dieses Songs.

To What I Don’t Know“ von Lionhearts, dem Solo-Projekt von Frank Spinath, das unter Mithilfe von Ben Lukas Boysen (Hecq), entstand, erinnert zunächst mit seinen anfänglichen Störgeräuschen schon an die vom Album bekannte Fassung, entwickelt sich dann aber in eine doch deutlich andere Richtung. Melodiöser und weniger rhythmusorientiert. Es steht wohl ein Remix-Album zu „Lionhearts“ in den Startlöchern. Wenn das hier ein erster Ausblick darauf ist, dann ist Gespannung darauf durchaus angebracht!

Martin Sane hat mit seinem Projekt Fix8:Sëd8 in Form von „Foren6“ ein sehr spannendes Düsterelectro-Album an den Start gebracht, dass sich respektvoll vor den Genre-Größen verneigt, gleichzeitig aber auch mit frischen Ideen und vor allem hohem handwerklichen Können begeisterte. „Baptism of Fire“ liefert einen guten Eindruck davon. Dass es lediglich die Albumsfassung ist, tut der Sache keinen Abbruch. Mit „The Hero“ bekommen wir auch endlich mal wieder ein musikalisches Lebenszeichen von Dismantled, das ganz in der Tradition bisheriger Veröffentlichungen steht. Ich hatte nicht (mehr) auf dem Schirm, dass Gary Zon auch ruhig kann. Fetzt, diese Ballade à la Dismantled! Da darf jetzt auch gerne ein neues Album kommen.

Dearly Damaged“ von Ghost & Writer dürfte wohl das letzte Stück sein, dass wir gemeinsam von Jean-Marc Lederman und Frank M. Spinath zu hören bekommen. Kaum dass sich das Duo wieder zusammengefunden hatte, schien es schon wieder dicke Luft zwischen beiden gegeben zu haben, sodass das Projekt wieder einmal zu Grabe getragen wurde. Dieses Mal wohl für immer. Schade drum. Aber wenigstens gab es noch diesen einen letzten Nachschlag, der gut in das bisherige Schaffen passt – und doch irgendwie ungewohnt aus den Boxen tönt. Ähnlich wie der Beitrag von Edge Of Dawn verbreitet „Dearly Damaged“ eine sehr unbequeme Stimmung.

Mit „Abacus“ meldet sich Acretongue zurück – immerhin seit fast sechs Jahren der erste neue Song des Südafrikaners Nico J. Sein bis dato letztes Album „Strange Cargo“ ist auch heute noch als großer Wurf anzusehen. Schön, dass die „Dependence 2017“ mit diesem spannenden Appetitanreger ausklingt. Noch schöner wäre es ja, wenn es im Falle Acretongue nicht nur bei diesem einen Beitrag bliebe.


Macht es überhaupt Sinn in 2017, im Zeitalter von Spotify, YouTube und automatisierten Playlisten noch eine Labelkopplung zu veröffentlichen? Wir glauben ganz klar: Ja, vor allem wenn das Material und dessen Qualität stimmt“ – dieses Zitat, der Dependent-Webseite entnommen, kann ich nur voll und ganz unterschreiben. Jahrelange Erfahrung lässt sich in manchen Bereichen eben doch nicht durch Algorhythmen ersetzen. Nie war es so einfach wie heute, neue Musik zu entdecken. Und gleichzeitig war es auch nie so schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Für Freunde düsterer elektronischer Musik ist es quasi ein Glücksfall, dass Dependent ihnen die Arbeit abgenommen hat. Dass sie mit der „Dependence 2017“ naturgemäß im eigenen Katalog blättern, stört dabei überhaupt nicht. Schließlich ist dieser auch im Jahre 2017 abwechslungsreich genug, um eine spannende, mit Herz und Verstand zusammengestellte Compilation präsentieren zu können. Fans freuen sich über teilweise bisher noch unveröffentlichtes Material, alle anderen bekommen nicht nur Rückblicke, Einblicke und Ausblicke, sondern auch abermals eine Zusammenstellung, die sich wohltuend von den Mitbewerbern abhebt. Trotz verschiedener Stilrichtungen wirkt die „Dependence 2017“ wie aus einem Guss, ja beinahe so als sei es ein „richtiges“ Album. Da hatte jemand ganz offenbar einmal mehr ein glückliches Händchen für Dramaturgie. Und während wir weiter auf eine neue „Septic“ warten, können wir mit der „Dependence 2017“ eine Menge Spaß haben.