Foto: Hamburger Küchensessions / Sabine Gebhardt (www.sabine-gebhardt.de)

VARIOUS – Hamburger Küchensessions Vol. 4

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Noch stecken mitten wir drin in der Weihnachtszeit – für gewöhnlich die Zeit des Jahres, wo man sich neben der Hektik des Alltags gerne mal auch Zeit für Besinnlichkeit und Gemütlichkeit nimmt. Musik ist dabei oft ein nicht unwesentlicher Begleiter. Man kann sich in diesen Momenten der Ruhe ganz traditionell von irgendwelchen Weihnachtsliedern bedudeln lassen und so der vermeintlichen Glückseligkeit hingeben. Kann man machen, das ist schon ok. Oder aber man greift beim Tonträgerhändler seines Vertrauens einfach mal zu einer Zusammenstellung von Musik, die auch noch dann bestens funktioniert, wenn die Weihnachtszeit längst wieder vorbei ist. Die man quasi über das Jahr verteilt immer wieder gerne mal aus dem Schrank kramt, wenn einem generell der Sinn nach feinfühliger, mitunter melancholischer Mucke steht. Für diejenigen unter Euch, die sich für Deutsch-Pop-Poeten und Singer-Songwriter begeistern können, bieten sich die HAMBURGER KÜCHENSESSIONS an. Die bisherigen drei Compilations bringen Euch ganz wunderbar durch die Weihnachtszeit – und schon am 20. Januar erscheint mit Folge 4 endlich Nachschub. Und um diesen geht es mir jetzt.

Nun gibt es ja Leute, denen die Hamburger Küchensessions kein Begriff sind. Daher hier eine kurze Erläuterung, was es damit auf sich hat. Es handelt sich dabei um eine Konzertreihe, einen Video-Blog und ein CD-Projekt gleichermaßen, welches Neulingen und gestandenen Künstlern der internationalen Singer-Songwriter-Szene eine Plattform bietet, um sich im Rahmen eines kleinen Konzerts akustisch zu präsentieren. Die Hamburger Küchensessions gibt es seit dem Jahr 2010; da nämlich wurde das Projekt von Jens Pfeifer, einem gelernten Toningenieur, initiiert. In dessen Küche finden diese kleinen, ganz besonderen Konzerte statt. Manchmal vor ausgewähltem Publikum, manchmal ohne. Da wird kurzerhand das Inventar der Küche ein bisschen an die Seite geschoben und die jeweiligen Künstler spielen ein Akustik-Set, das teilweise extra für dieses Konzert entsprechend arrangiert wurde. Zwei Kameras filmen dabei stets das Geschehen. Eine stationäre Cam und eine mobile Handkamera. Seit der Initiierung im Jahre 2010 spielten über 180 (!) Künstler in Pfeifers Küche, die Videos auf dem zugehörigen Youtube-Kanal bringen es auf gute sechs Millionen Aufrufe. Enno Bunger war bereits in Pfeifers Küche zu Gast, Olli Schulz ebenfalls und auch Bela B., ebenso Tom Liwa, Georg auf Lieder, Bernadette La Hengst, Thees Uhlmann, Sarah and Julian oder Gisbert zu Knyphausen, um nur ein paar wenige zu nennen. Inzwischen sind die Küchensessions sogar so populär, dass Pfeifer ein entsprechendes Festival im Hamburger Knust sowie die Aktion „Hamburger Küchnensessions gehen raus“ am Lattenplatz der Hansestadt ins Leben gerufen hat. Stets ist das Motto: „Musikalische Begegnungen ohne akustische Kompromisse“.

Im Januar kommt nun also die nächste Folge dieser bemerkenswerten Compilation-Reihe auf den Markt. Satte 40 Tracks umfasst sie, die „Hamburger Küchensessions Vol. 4“ und beinhaltet unter anderem ein paar Künstler, die wir hier in den vergangenen Monaten ziemlich abgefeiert haben. So zum Beispiel eben Enno Bunger, den alten Flausenleger, hier vertreten mit einer neuen Fassung von „Klumpen“ – der letzte Track seines aktuellen Albums „Flüssiges Glück“. Ebenfalls mit an Bord (und ganz toll!) Sarah and Julian mit „Home“. Zuletzt gehört auf ihrer selbstbetitelten Debüt-EP aus 2015. Nun ist deren Musik ohnehin schon im herkömmlichen Auslieferungszustand ziemlich akustisch ausgefallen, die vorliegende Küchenfassung fällt erwartungsgemäß da nicht aus dem Rahmen, wirkt insgesamt aber nochmals eine Spur intimer und persönlicher. Wie wohl jeder der hier versammelten Songs. Ist eben doch was anderes, ob man in einem Studio seine Songs einspielt oder in einer Küche. Bemerkenswert auch: „Testament“ von Sarah Lesch, die mit ihrer Anprangerung gesellschaftlicher Zustände durchaus schon in der Tradition klassischer Protestsongs steht.

Die Sache mit der Sache ist ja: inmitten von Herd, Kühlschrank und diversen Küchenutensilien sind so viele großartige Aufnahmen entstanden, dass es mir echt unheimlich schwer fällt, weitere Perlen als Beispiel herauszupicken. Waren es Tipps für Wilhelm, die mich in „Zwischen Windrädern“ mit dem wunderbar rauchig-brüchigen Gesang beeindruckt haben? Oder doch Lampe mit „Morgen fang’ ich an“, das hier durch die Vortragsweise wirklich den Eindruck vermittelt, inmitten eines Küchenkonzertes zu stehen? Oder doch die Last Days Of April, die in „Sea Of Clouds“ so ein wunderbares Bob-Dylan-Flair versprühen? Scott Matthews mit seinem ergreifenden „Virgina“? Ich weiß es nicht. Es ist bei den Küchensessions immer so ein bisschen wie mit Büchern aus dem Diogenes Verlag. Da kannst du auch wahllos irgendeines nehmen und davon ausgehen, dass es gut ist. Ähnlich verhält es sich bei den Songs der Küchensessions. Einfach mal bei Spotify, Apple Music oder ähnlichen ausprobieren und von der Musik verzaubern lassen.

Enno Bunger hat über diese Compilation-Reihe mal folgendes gesagt: „Innerhalb von vier Jahren hat sich mit den Hamburger Küchensessions ein musikalisches Gourmetrestaurant etabliert, in dem stets mit den besten Zutaten und sehr viel Liebe zum Detail gekocht wird. Keine Fastfoodproduktion für die Massen, kein Schuss in den Ofen. Selbst Quiche Richards ist Fan. Platte kaufen, Ohren spitzen, Flatrateseufzen!“ Jo. Besser lässt sich nicht zusammenfassen, was hier an Kleinodien aus den Boxen tönt. Diese Songs, diese Compilation – sie funktionieren natürlich in der eingangs erwähnten Weihnachtszeit. Aber eben auch darüber hinaus. Im Gegensatz zu manch anderer Musikzusammenstellung funktionieren sie einfach immer. Und so wird aus diesen Küchenkonzerten ein ganz persönliches, sehr intimes kleines Konzert toller Künstler, direkt in Eurem Wohnzimmer. Für die Momente, in denen Ihr inne haltet, zur Ruhe kommt, über dieses oder jenes sinniert oder einfach nur in einer besonderen Art und Weise gewärmt werden wollt.


An dem Tag, wenn die „Hamburger Küchensessions Vol. 4“ auf den Markt kommt, befinden wir uns noch immer inmitten der dunklen Jahreszeit. Noch immer ist es spät hell, früh dunkel und draußen ist es kalt, grau und ungemütlich. Mit anderen Worten: der Rahmen, sich zu wärmen – speziell auch innerlich – ist noch immer gegeben. Spontan fällt mir kein besseres Mittel dafür ein als diese Zusammenstellung. Zumal: es kann ja auch nicht andauernd heiße Schokolade oder Glühwein sein. Wer sich für Singer-Songwriter bzw. akustische Liedermacherei begeistern kann, wird mit dieser Doppel-CD so gut bedient wie nur selten. Es bleibt mir an dieser Stelle nur noch zu hoffen und zu wünschen, dass den Hamburger Sessions auch weiterhin der gleiche Erfolg beschieden bleibt, wie es aktuell der Fall ist, damit wir Konsumenten noch lange in den Genuss dieser tollen Konzerte – und Compilations! – kommen. Die „Hamburger Küchensessions Vol. 4“ sind für Fans dieser Art von Musik zweifelsohne das erste Highlight des Musikjahres 2017.



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