VARIOUS - Mauerfall - Das legendäre Konzert für Berlin '89
Foto: Max Kohr / Deutsche Grammophon / Universal Music

VARIOUS – Mauerfall – Das legendäre Konzert für Berlin ’89

Manchmal frage ich mich, was ich wohl heute tun würde, wäre nicht vor 25 Jahren die Mauer gefallen. Vermutlich würde ich heute noch immer in Berlin hocken und ein allenfalls funktionierendes Rädchen in einem System sein, das seine Bürger gängelt, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ok, in mancher Hinsicht ist der Unterschied heute nicht so gravierend zu damals, aber damit das nicht in eine politische Schreibe ausartet hier, halte ich mal fest: bedingt durch den Fall der Mauer und die damit einhergehenden Freiheiten kann ich heute nicht nur Musik konsumieren, die andernfalls womöglich immer noch unerwünscht wäre. Nee, ich kann Euch zusätzlich noch davon berichten. Welch ein Zugewinn! Anlässlich des 25. Jubiläums der Grenzöffnung am 9. November 1989 erschien am 31. Oktober dieses Jahres die CD „Mauerfall – Das legendäre Konzert für Berlin ‘89“. Und über diese Scheibe will ich mich jetzt mit Euch unterhalten.

Nachdem am Abend des 9. Novembers 1989 klar war, dass das System DDR definitiv am Ende und die Bürger des Landes die so lange herbeigesehnte (Reise-)Freiheit erhalten – ja friedlich erkämpft – hatten, ging es ganz plötzlich sehr schnell. Bereits am Morgen des 10. Novembers trafen sich die Redakteure der Jugendsparte des Senders Freies Berlin in der Masurenallee mit dem Plan, den Berlinern etwas ganz besonderes zu schenken. Und mal ehrlich: was verbindet mehr als Musik? Eben. Der Plan sah vor, deutsche sowie internationale Stars, quasi Ost und West, auf eine Bühne zu stellen und ein Konzert für Berlin zu veranstalten. Und das schon zwei Tage später. Eine entsprechende Location war auch schnell gefunden: die Deutschlandhalle im Westteil der Stadt. Alleine schon vom Namen her hätte die Wahl kaum treffender ausfallen können. Die entsprechende Beschallungstechnik wurde eines edlen Sponsors wegen kostenfrei aufgestellt und SFB-2-Musikchef Helmut Lehnert konnte mit der Planung beginnen. Und tatsächlich: aufgrund dieses einmaligen Ereignisses fiel es nicht schwer, etliche Künstler aus Ost und West an Land zu ziehen. Namhafte Künstler wie Joe Cocker unterbrachen ihre Tour und kamen, wie etwa Die Toten Hosen, extra aus Frankreich in die nun nicht mehr geteilte Stadt, um an jenem Tage die Deutschlandhalle zu beschallen. Stundenlanger Staus in der Hauptstadt zum Trotz. Eine logistische Meisterleistung wie diese wird es in der Musikgeschichte wohl nicht so oft gegeben haben, ein Zusammentreffen dieser Art ebenfalls nicht. Mehr als 10tausend Zuschauer sahen das Konzert in der Deutschlandhalle, unzählige weitere Menschen verbrachten den Tag/Abend direkt in unmittelbarer Nähe. Darüber hinaus wurde die Bürger Berlins aufgefordert, Radios in die Fenster zu stellen um die Übertragung des Konzertes für jedermann in allen Winkeln der Stadt hörbar zu machen. Eine Bitte, der einige Tausend Berliner nachgekommen waren.

VARIOUS - Mauerfall - Das legendäre Konzert für Berlin '89
Foto: Max Kohr / Deutsche Grammophon / Universal Music

Auf dem Programm standen Künstler wie die bereits erwähnten Joe Cocker oder die Toten Hosen, aber auch Udo Lindenberg, der seinen „Sonderzug nach Pankow“ kurzerhand umdichtete: Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug aus Pankow? Wir müssen mal eben da hin; mal eben nach West-Berlin. Man glaubt es ja kaum, es ist ja alles wie ein schöner Traum – doch keine Angst vor’m Erwachen, wir werden jetzt so weiter machen! Außerdem unter anderem mit dabei: die legendären Silly, Heinz-Rudolf Kunze, Konstantin Wecker, Marius Müller-Westernhagen, Nina Hagen, BAP, Die Zöllner, die Puhdys, Melissa Etheridge oder Nena. Einige der Künstler mischten sich teilweise als Background-Sänger mit in die Auftritte anderer, so geschehen etwa bei Joe CockersWith A Little Help From My Friends“, das von Tamara Danz (Silly), Udo Lindenberg, Heinz-Rudolf Kunze, Ulla Meinecke und Konstantin Becker unterstützt wurde. Die Zeit zwischen den Auftritten nutzten die Bands für persönliche Eindrücke oder Grußworte. Melissa Etheridge beispielsweise sagte: „As an American, I am very proud to be here at this time in history. But as a human being I wish you both – east and west – freedom und Freiheit – jetzt und für immer!

Aber auch Politprominenz wie etwa der damalige regierende Bürgermeister West-Berlins, Walter Momper, richtete ein paar Worte von der Bühne herab an die DDR-Bürger. Moderiert wurde dieses Spektakel vom Fernsehmoderator und Fußballkommentator Steffen Simon, der den Zuschauern und Zuhörern zwischendurch beispielsweise verkündete: „Der Verteidigungsminister der DDR hat soeben in der Aktuellen Kamera bekanntgegeben, dass an den innerdeutschen Grenzen der Schießbefehl aufgehoben ist!

Mit anderen Worten: in einer unfassbaren Zeit der Aufbruchsstimmung fand ein unfassbares Ereignis statt, dass durch Universal Music nun für jeden zum Nacherleben in den eigenen vier Wänden erhältlich ist. Wir hören hier Joe Cockers besagtes „With A Little Help From My Friends“, SillysAlles wird besser“, Nina Hagens abgefahrenes „My Way“, PankowsGib mir’n Zeichen“, LindenbergsSonderzug nach Pankow“ (logisch) oder Konstantin WeckersDie weiße Rose“. Zwischendurch sind immer wieder Moderationsbeiträge von Steffen Simon eingestreut, die der ganzen Angelegenheit eine besondere Würze verleihen, einfach weil sie das Nacherleben jener Zeit damals noch verstärken.

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Foto: Max Kohr / Deutsche Grammophon / Universal Music

Alles eitel Sonnenschein also? Mitnichten. Leider ist dieser „Mauerfall“-Konzertmitschnitt bei weitem nicht so toll geworden, wie er hätte werden können, ja sogar müssen. Das fängt bei der Zusammenstellung der Playlist an. Wer zum Geier ist denn bitte auf die Idee gekommen, die chronologische Reihenfolge zu verändern? Joe Cockers Beitrag war sicher nicht der erste dieses Konzerts. Weiterhin: es macht keinen Sinn, zunächst einen Gesangsbeitrag von Udo Lindenberg einzufügen um ihn anschließend nochmals in die Liste zu nehmen, den entsprechenden Moderationsbeitrag („hier ist er wieder bla blubb“) allerdings erst bei der zweiten Gesangsmeldung einzufügen. Soll ich die CD rückwärts hören oder wie? Das erschließt sich mir so gar nicht. Dass die Tonqualität nicht die beste ist, kann ich aufgrund des alten Materials bequem verzeihen, auch wenn manche Jubelschreie manchmal schon ein bisschen übersteuern. Geschenkt. Eine richtige Reihenfolge wäre mir lieber gewesen. Genauso ist es bedauerlich, dass nicht alle Künstler, die seinerzeit auf der Bühne standen, auf dieser CD zu finden sind. Ok, das hat eventuell lizenzrechtliche Gründe, mag sein. Aber dann wäre es unverständlich, dass man sich aufgrund dieses Ereignisses (25 Jahre Mauerfall) nicht doch auf eine Lösung verständigen konnte. Und wenn schon nur die tatsächlich hier auf Silberling gepressten Künstler – warum nicht dann deren kompletten Sets? Das sind Fragen, die mir beim Hören dieser Zusammenstellung durch den Kopf gehen. Und dann kommen die verschwörungstheoretischen Hintergedanken beinahe automatisch: was ist, wenn das nur ein Testballon ist um zu gucken, ob es noch Interesse an diesem Konzertmitschnitt gibt? Um anschließend eine Komplett-Box zu liefern, eventuell sogar angereicht durch Videomitschnitte? Das wäre zwar irgendwie eine Schweinerei, die diese CD noch liebloser wirken lässt als so schon, aber dennoch wünschenswert. Dann aber auch bitte in der richtigen Reihenfolge der Bands. Dass die vorliegende CD dennoch massivst über Gänsehautmomente verfügt, liegt vor allen an den (hier zum Teil erwähnten) Zwischenworten des Moderatoren sowie der Künstler. Mir fährt noch immer ein Schauer über den Rücken wenn Simon erklärt, dass der Schießbefehl aufgehoben wurde. Das kann ich diesem Album nun wirklich nicht streitig machen.


Als die Mauer fiel, war ich gerade zarte sieben Jahre alt. Noch viel zu klein also, um die Tragweite dieses geschichtsträchtigen Ereignisses wirklich begreifen zu können. Und Musik war damals vor allem „Schlapps und Schlumbo“ und „Der Traumzauberbaum“ von Reinhard Lakomy und Monika Erhardt. Noch ziemlich weit entfernt von ernsthaftem Musikkonsum also. Theoretisch müsste mich diese „Mauerfall“ CD erfreuen, da sie mir als Musikliebhaber Live-Mitschnitte von Bands bietet, die ich heute mag und die sonst bisher noch nicht veröffentlicht worden sind. Und weil sie als zeitgeschichtliches Dokument diese Momente der neuen Freiheit, des Glücksgefühls und der unendlichen Erleichterung ein kleines bisschen erfahrbar und nachvollziehbar macht. Leider ärgere ich mich aber auch über diese Scheibe, da die chronologische Anordnung absolut keinen Sinn macht. Und das Programm dieses einzigartigen Konzertes umfasste seinerzeit eine viel größere Künstlerschar, als hier geboten wird. Waren lizenztechnische Dinge der Grund, dass a) nur ein Teil der Künstler sowie b) nur ein Teil ihres jeweiligen Sets serviert werden? Oder hebt man sich den Rest für eine etwaige spätere Veröffentlichung auf? So wirkt es leider ein bisschen wie mit der heißen Nadel gestrickt, um mittels des Jubiläums noch ein paar Taler extra zu kassieren. Sehr schade. Diese „Mauerfall“ CD hätte ein beeindruckenderes Zeitdokument werden können, so aber empfiehlt es sich vor allem Musikfans, die ihre Sammlung mit ein paar interessanten Live-Mitschnitten aufstocken wollen. Am Ende bleibt Roger Waters „The Wall – Live in Berlin“ DVD weiterhin die einzige wirklich brauchbare Alternative, wenn man die Vereinigung Deutschlands musikalisch nacherleben möchte. Ich sage es noch mal: schade!


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