Foto: Michael Kanzler / AVALOST

VNV NATION – Resonance

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Gut Ding will bekanntlich Weile haben. Während die Kollegen von Blutengel relativ zeitig nach dem scheinbar für alle Beteiligten sehr bewegenden Gothic meets Klassik Festival 2012 ein Klassikalbum lieferten, ließen sich VNV NATION damit etwas länger Zeit. Nicht zuletzt deshalb, weil der ursprüngliche geplante Mitschnitt vom GmK aufgrund unglücklicher Umstände verloren ging. In Metaphern gesprochen: so ist das nun einmal mit gutem Wein. Besser wird er, wenn er längere Zeit liegen und reifen kann. Um bei diesem Bild zu bleiben: die Warterei auf „Resonance“, so der Name des Klassikalbums von VNV Nation, hat sich gelohnt. Es ist ein sehr edler Tropfen geworden!

Ein unbestreitbarer Fakt ist es, dass Ronan Harris tolle Songs schreiben kann, die sich zu dauerhaften Begleitern im Leben seiner Hörer entwickeln. Songs die fetzen, wenn die Stimmungslage auf Party gestellt ist. Songs die trösten und umärmeln, wenn Mut und Mundwinkel in Richtung Südpol zeigen. Aber niemand wird wohl ernsthaft vermuten, dass Harris Stücke für ein ganzes Orchester schreiben kann. Beziehungsweise die schon vorhandenen Songs entsprechend umarrangieren, damit sie noch Sinn machen, wenn sie mittels Cello, Kontrabass, Flöte, Piano, Harfe, Violine und was weiß ich noch eingespielt werden und das gewohnte Geballer fehlt. Für dieses Umarrangieren bestehender Songs gibt es ja Spezialisten, die sich damit auskennen. An dieser Stelle muss ich den Bogen noch mal kurz zu Blutengel und ihrem klassischen Album schlagen. Genauso wie die Berliner sicherte sich Ronan Harris die Dienste von Conrad Oleak, offensichtlich eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Wie schon dereinst unter anderem bei den Blutengeln nahm er die Stücke, schrieb sie entsprechend für ein großes Orchester um und schaffte gleichzeitig das Kunststück, den Geist und die Seele der Lieder beizubehalten. Bei „Nova (Largo)“ frickelte zusätzlich Szymon Jakubowski die Arrangements fürs Piano zusammen, bei „Further (Andante appassionato)“ war es Mr. Harris höchstselbst. Besagtes „Nova“ bildet übrigens auch die Ausnahme auf diesem Album und gleicht mit seinem Fokus auf Piano und einem Streichertrio eher Kammermusik. Eingespielt wurden die Stücke vom Filmorchester Babelsberg. Und anstatt eventuell bestehende Gesangsspuren zu nehmen und sie über die klassische Musik zu pappen, hat sich Ronan nochmals ins Studio begegeben und die Songs allesamt neu eingesungen.

Das Ergebnis kann sich mehr als Hören lassen. Klanglich differenziert und dynamisch, so wie man es bei einem Klassikalbum eben erwarten würde, tönen die 11 Stücke aus den Boxen und lassen der Musik die Möglichkeit, sich so richtig schön im Raum auszubreiten. Ihn mit musikalischem Leben zu füllen. Selbst leiseste Instrumente, die nur als klangliches Detail ertönen, lassen sich heraushören. Den Hörer zu umhüllen und auf einer Woge von Gefühlen ins eigene Kopfkino zu schicken. Dass Ronan die Songs neu eingesungen hat, war übrigens eine richtig gute Entscheidung. Dem nun deutlich reduzierten Tempo zollt er dadurch Tribut und dass er nochmals so gefühlvoll und energisch vor ein Mikro treten würde, hätte zumindest ich nach dem doch sehr gepresst klingenden „Transnational“ schon fast für unmöglich gehalten. Ein „Beloved“ beispielsweise wirkt durch das neue Zusammenspiel von Musik und Gesang viel ergreifender (der Wasserfüllstand in meinen Augen steigt jedes Mal!), ein „Sentinel“ hingegen wirkt viel epischer. Oder der ewige Gassenhauer „Perpetual“ – jetzt erst recht ein Song für die Ewigkeit. Episch ist überhaupt das Wort der Wahl, wenn man „Resonance“ in nur einem Wort zusammenfassen möchte. Monumental ginge auch. Die Zeit, die es brauchte, um dieses Album reifen zu lassen, war es definitiv wert. Was auch immer noch kommen mag an Düstermucke, die in ein klassisches Gewand gesteckt wird – der Maßstab liegt hiermit nun vor. So gesehen ist es eigentlich sogar besser, dass es eben nicht „nur“ ein Mitschnitt, sondern alles komplett von vorne angegangen wurde. Ronan Harris hat sich mit diesem Album einen lange gehegten Traum erfüllt. Ein Glücksfall für uns, dass wir Mitträumen dürfen. Danke dafür!


Ein orchestraler Hauch wohnte den Songs von VNV Nation ja schon immer inne. In dieser klassischen Fassung gewinnen die hier versammelten Stücke aber nochmals deutlich an Tiefe und Gewicht. Songs, die man teilweise schon viele Jahre lang auf Konzerten, Festivals und Parties bis zum geht nicht mehr abfeierte, bieten hier viel Raum, sie neu zu erleben, neu zu interpretieren, ja sie neu zu fühlen. Wessen Herz beispielsweise nicht von „Beloved“ berührt wird, der hat vermutlich gar keins. Wenn man sich mit Ronan unterhält oder die Beiträge bei Facebook verfolgt merkt man deutlich, wie stolz er auf dieses Baby ist. Und ganz ehrlich? Das kann er auch sein! Sicherlich nimmt es aufgrund seiner Art eine Sonderstellung in der Diskografie VNV Nations ein, dennoch: es ist ohne Zweifel eines der besten Alben, die Herr Harris bis dato geliefert hat. Wenn nicht sogar! Die orchestrale Neuvertonung und vor allem der gefühlvolle, zur Musik passende Gesang – Ronans beste Leistung seit Jahren! – machen die „Resonance“ zu einem absoluten Volltreffer. PS: Die restlichen Kollegen aus dem Bereich Düsterelectro brauchen ähnliche Ambitionen nach meinem Dafürhalten jetzt nicht mehr weiter verfolgen. Das Thema „Düsterelectro trifft auf Klassik“ ist damit eigentlich zu einem krönenden Abschluss gebracht worden.


resonance


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.9
GESANG.8
PRODUKTION.8.5
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Wohl keine andere Mucke der Düster-Szene lässt sich so gut ins Klassische umwandeln wie die von VNV Nation
Tolle Produktion, sehr dynamisch
Ronan hat sie Songs alle nochmals neu eingesungen
NEGATIV.
"Teleconnect, Pt. 2" nur digital erhältlich
8.3
TOTAL.
FAZIT.
Ein orchestraler Hauch wohnte den Songs von VNV Nation ja schon immer inne. In dieser klassischen Fassung gewinnen die hier versammelten Stücke aber nochmals deutlich an Tiefe und Gewicht. Songs, die man teilweise schon viele Jahre lang auf Konzerten, Festivals und Parties bis zum geht nicht mehr abfeierte, bieten hier viel Raum, sie neu zu erleben, neu zu interpretieren, ja sie neu zu fühlen. Wessen Herz beispielsweise nicht von „Beloved“ berührt wird, der hat vermutlich gar keins. Wenn man sich mit Ronan unterhält oder die Beiträge bei Facebook verfolgt merkt man deutlich, wie stolz er auf dieses Baby ist. Und ganz ehrlich? Das kann er auch sein!

NEUE KOMMENTARE.

  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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