Foto: Roman Kasperski

BEBORN BETON – She Cried (EP)

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Victor Hugo soll mal gesagt haben, die Musik würde das ausdrücken, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. Ich denke, dem werden die meisten von Euch wohl zustimmen. Eben entsprechend der Tatsache, dass Musik eine ganz besondere Erfindung ist, die für so ziemlich jede Stimmungslage die passende Untermalung bietet. Eine ganz besondere Qualität bekommt sie vor allem immer dann, wenn sie bei einer Live-Darbietung genossen werden kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob das in einer Oper, einem Theater, vor einer Konzertbühne eines riesigen Stadions oder in einem kleinen Club stattfindet – gemeinsam mit unzähligen anderen in diese besondere Stimmung abtauchen, wie sie nur innerhalb eines solchen Rahmens ermöglicht wird – das ist nicht nur manchmal ein ganz besonderes, mitunter sogar magisches Erlebnis. Nö, oftmals bekommt man auch dabei eine Vorstellung davon, was Victor Hugo wirklich gemeint haben mag, als er jenen Ausspruch tätigte. Der persönliche Lieblingssong, gemeinsam mit vielen anderen Kehlen gemeinsam aus voller Inbrunst mitgeträllert oder im Kollektiv träumerisch in Gedanken und Träumereien schwelgend… Hach, wer Musik live genießt der weiß, das Konzerte, ganz gleich in welcher Form, zu den schönsten Dingen gehören, die man erleben kann. Das gilt für uns Konsumenten, logisch. Aber auch für Musiker ist das stets auf’s Neue etwas Besonderes. Schließlich haben die sich ja auch irgendwann mal etwas dabei gedacht und empfunden, als sie ihre Musik machten. Ich werde es mangels Talent nicht mehr erleben wie es ist, selbst auf der Bühne zu stehen und zu sehen, wie Fans meine Musik abfeiern. Ich kann nur erahnen, wie es sich anfühlen muss, teilweise intimste Gedanken und Gefühle, verpackt in Musik, mit Leuten die ich gar nicht kenne, vielleicht auch niemals kennenlerne, zu teilen und die entsprechende Resonanz darauf zu bekommen. BEBORN BETON, das Synthie-Pop-Trio aus dem Ruhrgebiet, haben im letzten Jahr bekanntlich ihr sensationelles Comeback-Album „A Worthy Compensation“ veröffentlicht. Darauf befand sich ein Song, der sich so verstehen lässt, als würde er diesen immer wieder einzigartigen Moment des Auf-der-Bühne-stehens einfangen wollen und uns Hörern somit die Möglichkeit geben, eben doch auch mal die andere Seite zu nachzufühlen. „She Cried“ heißt er und aus dieser schicken Nummer haben die drei Herren eine EP gleichen Namens gemacht, um die es mir nachfolgend geht.

Alle guten Dinge müssen irgendwann zu einem Ende kommen. Und so auch die Verwertung eines Albums. Leider auch von einem, das so gelungen ist wie „A Worthy Compensation“. Nicht nur von uns in höchsten Tönen gelobt und über einen langen Zeitraum immer und immer wieder gehört und abgefeiert, wird es nun, ein gutes Jahr nach der Veröffentlichung, Zeit den Vorhang fallen zu lassen. Die Bühne wieder frei zu machen für neue Dinge, die da vielleicht kommen mögen. Da ist es nur konsequent, für die finale Vorstellung im Zusammenhang mit dem Album ausgerechnet „She Cried“ zu wählen. Von allen Songs des Albums drückt er zusätzlich zu den in der Einleitung genannten Dingen am meisten das aus, was bezüglich des Comebacks von Beborn Beton gesagt werden kann: We made a promise to return pretty soon / Deep in our hearts there is plenty of room / Pieces of you kept as memories in me / And I breathe singt Stefan Netschio dort in dieser federleichten Synthie-Pop-Nummer. Nach der langen Pause, die Beborn Beton eingelegt hatten (mindestens fünfzehn Jahre immerhin!), waren sie anlässlich ihrer Rückkehr auch auf diversen Konzerten und Festivals zu sehen. Wie passend tönt doch da der Refrain aus den Boxen: Do you feel the high? / My shy little girl come closer to me / She cries as I write my name / And it feels so right / A face in the crowd is smiling at me / Smiling at me tonight / She cries as I write my name. Doch, oh doch, inhaltlich passender hätte diese letzte Vorstellung nicht gewählt werden können.

Was bekommen wir zum Schluss geboten? Natürlich den Titeltrack, der hier als Single Edit vorliegt. Knapp 30 Sekunden kürzer als die Fassung auf dem Album. Beborn Beton gönnen sich im Vergleich zum Original nicht so ein langes Intro, sondern kommen schneller zum Punkt. Single Edit halt. Klingt ansonsten aber gewohnt und vertraut. Es wäre keine EP geworden, wenn sie nicht diverse Neu-Bearbeitungen des Titelsongs beinhalten würde, nehme ich an. Daher bekommen wir überdies von Beborn Beton einen Extended Club Mix präsentiert, der es in sich hat. Fast sechseinhalb Minuten Spielzeit hat er, deutlich mehr Bums als das Original, zudem ist er seiner Ausrichtung entsprechend elektronischer, tanzbarer, einnehmend hypnotisch und deshalb irgendwie immer noch zu kurz geraten. Gerade die zusätzlichen, kurzen elektronischen Brücken verleihen dem Song eine ganz neue Ausrichtung und verleihen ihm enormes Suchtpotential. Von mir aus hätte der Club Mix noch länger ausfallen dürfen. Damit man sich so richtig in einen Rausch tanzen kann. Vielleicht tun es aber auch die sechseinhalb Minuten. Werde ich bei Gelegenheit austesten.

Genre-Kollege Zynic machte aus „She Cried“ eine verspieltere Version. Eine, die man zuhause gerne hört und sich daran erinnert wie es war, als man den Song live und/oder im Club abgefeiert hat. Zudem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier noch eine Prise 80er-Jahre-Charme untergemengt wurde. Steht dem Song jedenfalls gut zu Gesicht. Prima Arbeit, die Zynic hier abliefert. Sein Remix kann sich locker neben dem Original behaupten. So wie ein anderer Song dieser EP, auf den ich gleich noch zu sprechen komme.

Foto: Roman Kasperski
Foto: Roman Kasperski

Ähnlich verhält es sich mit der Version von BabyMax. Definitiv die experimentellste Fassung, die sehr mit modernen Sounds spielt und „She Cried“ mit seinen zarten Anleihen an Drum&Bass zurück in die Moderne holt. So kann man an den Song also auch herangehen – und es macht definitiv immer noch Sinn. Das wäre es dann auch mit den verschiedenen Fassungen des Titelstücks, Remixe gibt es hier aber noch ein paar weitere. Die Schweden von S.P.O.C.K. haben sich an „24/7 Mystery“ gesetzt und einen Remix gemacht, der mit „typisch“ gut umschrieben wäre. Klassischer, spaciger Synthie-Pop mit nur einem Ziel: die Tanzfläche. Wenn ich mich gerade irgendwo vertippt haben sollte dann liegt das daran, dass ich hier einfach nicht stillsitzen kann. Gar nicht so einfach zu zappeln und nebenbei zu tippen, sag ich Euch! Und dann ist da ja noch Daniel Myers Remix von „Who Watches The Watchmen“, einem meiner persönlichen Favoriten auf „A Worthy Compensation“. Es wäre wohl kein Myer-Remix, wenn hier das Augenmerk nicht auf pfiffige, flotte Beats und jeder Menge elektronischer Spielereien gelegt worden wäre. So macht man aus einer herzergreifenden Ballade also mal eben einen Song für die Tanztempel dieser Welt. Fetzt!

Als Bonus haben Beborn Beton eine Coverversion beigesteuert. Witzige Idee, sich dafür ausgerechnet „The Black Hit Of Space“, im Original von The Human League und irgendwann aus den ganz frühen 80ern stammend, auszusuchen. I knew I had to escape but every time I tried to flee, the record was in front of me, heißt es dort. Welch hübsches Gleichnis für das Album und diese EP, die Beborn Beton geliefert haben. Musikalisch haben die Herren dem Song den Staub aus dem Scheitel gepustet, ihn behutsam modernisiert, gleichwohl aber den Geist des Originals beibehalten. Ich bin ja grundsätzlich bei Coversongs eher mäßig begeistert. Aber dieser hier, der kann sich ganz bequem neben dem Original behaupten. Schon wieder!

Zusammen mit dem schicken Artwork, das der Designsprache des Albums folgt, haben Beborn Beton zum Abschluss also noch einmal ein Päckchen geschnürt, über das abschließend eigentlich nur noch eines zu sagen ist: gelungen. Das war, nun ein Jahr nach dem Album, schon wieder a worthy compensation.


EPs sind immer so eine Sache. Oft genug wirken sie so, als sollte da eine Kuh unbedingt noch mal gemolken werden. Als sollte auf der Welle des Erfolgs (oder wenigstens der Aufmerksamkeit bei der jeweiligen Zielgruppe) noch ein bisschen weitergesurft werden. Mehrmals der gleiche Song, vielleicht noch eine B-Seite dazu, fertig. Technisch gesehen machen Beborn Beton hier nichts anderes. Und doch: irgendwie haben sie es geschafft, aus dieser EP eine besondere  zu machen. Es ist der gelungene Abschluss des Themas „A Worthy Compensation“. Die Ergänzung, welche der ganzen Sache den letzten Schliff gibt. Ein Bonbon für die Fans. Wer das Album mochte, braucht im Prinzip auch die EP. Nicht zuletzt, weil er einem der stärksten Songs des Albums besondere Aufmerksamkeit schenkt. Um noch mal auf die einleitenden Worte zurückzukommen: die Gabe, Musik zu machen, ist wahrlich nicht jedem gegeben. Es ist ein Glücksfall für Synthie-Pop-Fans, dass sich Beborn Beton irgendwann mal gefunden und zusammengetan haben, um gemeinsam Musik zu machen. Um für uns live oder aus der Konserve das auszudrücken, was wir vielleicht manchmal selbst nicht imstande sind, zu sagen. Und wer weiß, vielleicht ist es ja auch dieses Mal ein Fingerzeig, wenn sie singen: We made a promise to return pretty soon.


BebornBeton-SheCried


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.8.5
GESANG.9
PRODUKTION.9
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Votes0
POSITIV.
Prima Ergänzung und Abschluss von "A Worthy Compensation"
Eine EP mit dem Umfang eines Albums
Tolle Remixe
8.5
PUNKTE.
FAZIT.
Zusammen mit dem schicken Artwork, das der Designsprache des Albums folgt, haben Beborn Beton zum Abschluss also noch einmal ein Päckchen geschnürt, über das abschließend eigentlich nur noch eines zu sagen ist: gelungen. Das war, nun ein Jahr nach dem Album, schon wieder a worthy compensation.

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  • Die Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Mail benachrichtig...
    Roman Jasiek
  • Rückblickend betrachtet hat mir das Museum irgendwie besser gefallen als...
    Roman Jasiek
  • Die Kollegen bei Electrozombies haben auch eine schöne Review zu...
    Roman Jasiek
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