Foto: Williams & Hirakawa / Universal Music

BRANDON FLOWERS – The Desired Effect

Wie so vielen anderen Frontmännern auch, gelüstet es BRANDON FLOWERS dann und wann mal nach einem Solo-Album. Wenn er also nicht mit seiner Band The Killers musiziert, erscheint alle Jubeljahre ein Album von ihm ohne Begleitung vom Rest der Bande. Das war vor fünf Jahren mit „Flamingo“ so, das war auch kürzlich mit „The Desired Effect“ so. Und über das wollen wir uns heute unterhalten. Ein Wort der Warnung sei vorweg angebracht: Musikkonsument, der du dir dieses Album zu Gemüte führen möchtest – eventuell musst du hierbei ganz schön tapfer sein.

Irgendwie sagt es ja auch schon etwas aus, wenn sich der Informationsgehalt eines beiliegenden A4-Pressetextes auf einen einzigen Absatz zusammenfassen lässt: Der The Killers-Frontmann hat nach fünf Jahren ein neues Album am Start. Juhu. Das können wir in Gedanken noch ergänzen mit: …Und wildert dabei in allem herum, was uns schon in den 80ern mächtig auf den Saque ging. Dass Flowers anno dazumal zum Best Dressed bzw. Sexiest Man gewählt wurde, steht auch im Pressetext mit drin. Warum? Weil es über dieses kitschige Schlageralbum mit höchstem Nervpotential namens „The Desired Effect“ vermutlich sonst nichts zu erzählen gibt.

Auch ich bin ja selten um lange Artikel verlegen, in denen ich genüsslich und in aller Ausführlichkeit erzähle, was ein Album in mir auslöst. Warum es mich begeistert. Aber zu diesem hier? Puh! Ich könnte Euch erzählen, dass Flowers hier mit Produzent Ariel Rechtshaid (Haim, Vampire Weekend, Charli XCX) zusammengearbeitet hat. Vielleicht finden wir hier die Erklärung, warum „The Desired Effect“ so maßlos überzogen ist, dass es über weite Strecken einfach nur anstrengt. Wie gesagt, musikalisch wildert Flowers hier vor allem in den 80ern. Ganz viel Synthies, ganz viel Eingängigkeit, ganz viel Pathos und Kitsch. Ein bisschen pastell, ein bisschen neon. Vorne kurz, hinten lang. Das wäre ja alles nicht so schlimm. Bekanntlich sind die 80er mein musikalisches Lieblingsjahrzehnt. Aber spätestens dann, wenn die übertriebenen Backgroundvocals, logischerweise stets mit ganz viel Hall, einsetzen habe ich das Gefühl, demnächst platzt mir der Kopp. Dass er bei „I Can ChangeBronski BeatsSmall Town Boy“ verwurstelt trägt zu diesem Eindruck genauso bei wie die krude Mischung aus Bruce Springsteen und Shakin’ Stevens, die uns in dem pornösen „Diggin’ Up The Heart“ serviert wird. Aber nicht alles auf diesem Album vermittelt das Gefühl, demnächst einen Höckerrücken zu bekommen. Es gibt tatsächlich auch lichte Momente. „Never Get You Right“ zum Beispiel ist tatsächlich sehr schön. Es erinnert mit seinem Pianogeklimper ein bisschen an Bruce HornsbysThe Way It Is“. Und siehe da: besagter Herr Hornsby hat hier höchstselbst in die Tasten gehauen! Das tat er übrigens diverse Male auf diesem Album, jedoch reichte das zur Rettung dennoch nicht. In der Riege prominenter Gastmusiker muss noch Danielle Haim erwähnt werden, die in „Lonely Town“ mit ins Mikrofon säuselt. Wäre eigentlich auch gar nicht so schlecht dieser Plastik-Pop-Beitrag – wäre da nicht dieser Autotune-Unfall, der einem Chers schlimmste Zeiten wieder zurück ins Bewusstsein holt. Nur eine Wurzelbehandlung kann noch schöner sein. „Untangeld Love“ erinnert ein bisschen an die Zeiten, als ein Jim Steinman zusammen mit einem Meat Loaf die Fledermäuse der Hölle entfesselte. Einzig: ein bisschen stimmgewaltiger war der Fleischklops dann doch.

Brandon Flowers hat sicher eine Menge Spaß dabei gehabt, sich bei diesem Album so richtig auszutoben. Einfach mal die 80er herzunehmen und ein völlig überspitztes, musikalisches Portrait jener Epoche zu entwerfen. Als wäre es ein Eimer Farbe, den man fröhlich gegen eine weiße Wand geschleudert hätte. Und weil das so schön war, noch zwei bis sieben Eimer hinterher. Anschließend bisschen drinnen herumwühlen. Fertig. Wen er damit erreichen möchte, weiß ich allerdings nicht. Den typischen Killers-Hörer? Sicher nicht. Und wenn, dann nur seiner Stimme wegen. Fans der 80er? Die sind nach den ersten paar Schlagern dieses Albums wahrscheinlich geflüchtet. Den genügsamen Radiohörer? Vielleicht. Spaß hatte ich auch. Ja. Ich bin mir sicher, dieses nervöse Zucken geht auch wieder weg.


Junge, Junge – das sind schon ganz schön schwere Geschütze, die der Flowers hier auffährt. Viel überkandidelter kann ein Album kaum sein. Mehrstimmiger, choraler, effektüberzogener Kitschgesang hier, haufenweise ohos und eeeejooos da. Für mich der Inbegriff von Lolli-Pop. Süß, klebrig bei gleichzeit null Gehalt. Es ist ein bisschen so, wie ein großes, fettes Stück Sahnetorte zu verspeisen. Im Moment des Konsumierens vielleicht schmackofatz, aber hinterher habe ich ein schlechtes Gewissen. Und schlecht ist mir auch.


Brando Flowers Albumcover


Junge, Junge - das sind schon ganz schön schwere Geschütze, die der Flowers hier auffährt. Viel überkandidelter kann ein Album kaum sein. Mehrstimmiger, choraler, effektüberzogener Kitschgesang hier, haufenweise ohos und eeeejooos da. Für mich der Inbegriff von Lolli-Pop. Süß, klebrig bei gleichzeit null Gehalt.
INHALT / KONZEPT.5
TEXTE.6
GESANG.7.5
PRODUKTION.7
UMFANG.7
GESAMTEINDRUCK.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Wilder Ritt durch diverse Stile des schillerndsten Jahrzehnts der Pop-Geschichte
NEGATIV.
Ziemlich schnell ziemlich anstrengend
6.3
TOTAL.