ENNO BUNGER - Wo bleiben die Beschwerden? (Official Video)
Foto: PIAS Germany

ENNO BUNGER – Flüssiges Glück

Heute ist ein schöner Tag. Draußen schüttet es wie aus Eimern, so als wollte Mutter Natur uns ertränken. Die Welt fühlt sich aufgrund des aktuellen Tagesgeschehens so an, als würde sie in Kürze komplett in Flammen aufgehen – und doch sitze ich hier und freue mich. In einer Zeit und einer Welt, wo man permanent von Existenzängsten aller Art, von Burnouts und Depressionen geplagt sein müsste (oder manchmal sogar ist), freue ich mich gerade darüber, dass es noch immer die Musik ist, die mich fest in dieser Welt verankert. Die für eine kurze Weile eine Flucht nach Woanders ermöglicht. Die wie ein Malbuch ist, wo ich mir die Dinge so ausmalen kann, wie ich sie gerne hätte. Das neue ENNO BUNGER Album „Flüssiges Glück“ ist so eines dieser Alben. Ohne vorab schon zu viel verraten zu wollen – es gehört zu der Sorte, in der man sich verlieren kann. Wieder und wieder und dann noch einmal. „Widerlegen, widersetzen, widerstehen“ ist eine der prägnantesten Textstellen dieses Albums. Warum Ihr das im Bezug auf „Flüssiges Glück“ jedoch keinesfalls tun solltet, das versuche ich nachfolgend zu ergründen. Diese Platte ist eine Versuchung, der Ihr stattdessen bitte nachgeben solltet.

Da es sich hierbei um das inzwischen dritte Album des Ostfriesen und Wahlhamburgers Enno Bunger handelt, kann ich mir großartige Ausflüge in die Biografie an dieser Stelle sparen. Deshalb nur ganz kurz: Bungers musikalische Karriere begann als Barpianist (2014 sogar persönlich für Limp Bizkit tätig!) und Organist, die ersten Songs schrieb er im Anschluss an sein Abi 2006. Schon Ende 2008 wurde sein heutiges Label PIAS Germany auf Bunger aufmerksam, 2009 erschien mit „Herzschlag“ die erste Single, 2010 das Debütalbum „Ein bisschen mehr Herz“. 2012 kam das Folgewerk „Wir sind vorbei“ auf den Markt und inzwischen, so heißt es, können Enno Bunger und seine Mitspieler auf mehr als 300 Konzerte zurückblicken.

Das erste, was beim musikalischen Tun Bungers auffällt, ist seine bewundernswerte Fertigkeit, Texte schreiben zu können, die unter die Haut gehen. Die berühren und manchmal so sehr den Kern treffen, dass es schmerzt. Manchmal möchte man sich umdrehen und gucken, ob er nicht irgendwo in der Ecke steht und heimlich beobachtet, was man so macht, wie das eigene Leben so abläuft und ob sich daraus nicht auch eine gute Story bauen ließe. Dazu passt es ganz hervorragend, dass Bunger selbst erklärt: „Ein guter Song muss mich einerseits musikalisch überzeugen, andererseits muss sein Text auch für sich stehen und ohne Musik bewegen können“. Und das tun sie, die hier versammelten zehn Songs. Den Beweis brachte Bunger selbst, in dem er im Vorfeld Auszüge aus den Texten des neuen Albums in Form dieser neumodischen Sprüchebilder in die sozialen Netze pustete. „Wenn die Gläser nicht mehr reichen hol die Tassen aus dem Schrank“ und ähnliche – sie sind Euch sicherlich schon über die Timeline gerattert, wenn Ihr Euch beispielsweise bei Facebook bewegt. Und kann das Album auch was, außer tollen Sprüchen? Oh aber ja doch! Ein paar Beispiele.

Foto: PIAS Germany
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Neonlicht“ kennen Interessierte ja schon ein Weilchen. Dieses Stück wurde quasi als Vorbestellerbonus via iTunes schon vor geraumer herausgehauen, es war auch das erste, das mit einem zugehörigen Video gewürdigt wurde. Diese lebensbejahende Nachtschwärmer-Hymne bringt mir beinahe vergessene Erinnerungen zurück. Damals, Berlin war es und viele, viele Jahre ist es inzwischen her. Ich hatte ein Date und bin mit der Dame zu fortgeschrittener Stunde in einer Disco gelandet. Dort war es aber doof, daher sind wir wieder raus. Und irgendwie – fragt mich nicht wie und warum – sind wir los marschiert. Einfach so, durch die Nacht. Von der Frankfurter Allee aus, immer ins Gespräch vertieft, eingehüllt von den Schatten, die die gelben Lichter der Straßenlaternen in der Nacht formten. Irgendwo unterwegs gabelten wir Getränke auf und ehe wir es richtig bemerkt hätten, waren wir am Ku’Damm. In tiefster Nacht, angestrahlt von den Leuchtreklamen und Neonlichtern, umringt von anderen Nachtschwärmern. Wer mal Google Maps bemüht weiß, dass wir da ein ordentliches Stück Weg zu Fuß zurückgelegt hatten. Nun, die Dame jenes Abends ist, wie so viele andere auch, inzwischen längst aus meinem Leben verschwunden. An diesen Abend jedoch denke ich gerne zurück. Und dieses Gefühl, das „Neonlicht“ transportiert, lässt mich dabei lächeln, auch wenn ich mich der begleitenden Melancholie nicht ganz erwehren kann. Oder will. Ich bin mir sicher, Ihr habt alle Eure ganz eigenen Erinnerungen an nächtliche Begebenheiten, die sich mit diesem Song verknüpfen lassen. Und sei es die daran, während des Amphi Festivals nachts auf der Kölner Hohenzollernbrücke getanzt zu haben – im ströhmenden Regen. Hach ja. Das Leben, es ist schon gut, manchmal. Und genau diese Botschaft schwingt hier zwischen den Tönen mit.

Apropos Hymnen – Herrn Bungers neuem Album mangelt es daran nicht. Wie so viele andere auch ist auch Bunger dem Reiz der Stadt Hamburg erlegen – weshalb er ihr gleich ein zehnminütiges Opus widmet: „Hamburg„. Die neue offizielle inoffizielle Hamburg-Hymne, die nach Jahren endlich mal KettcarsLandungsbrücken raus“ beerbt. Es fängt wie eine jazzige Nummer aus Bungers früheren Schaffensphasen an und bietet Beobachtungen der Stadt und ihrer Bewohner. Nach etwa dreieinhalb Minuten wandelt sich der Song jedoch in eine instrumentale, ein bisschen trancige Electro-Nummer, auf die so mancher Künstler, der eher in diesem Genre zuhause ist, sicher neidisch sein wird. Gesang und Text sind verschwunden und breite Melodiebögen eröffnen die Möglichkeiten, die angestoßenen Gedanken und Gefühle der ersten drei Minuten weiterzuträumen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nach einem Besuch in der Hansestadt – und sei er noch so kurz gewesen – von ihr nicht als „meine Perle“ gesprochen hätte. All das, was man in Hamburg gesehen und erlebt hat, all die Momente, Gefühle und Erinnerungen – es wird alles in den letzten knapp sechseinhalb Minuten wieder lebendig. Was genau den Reiz Hamburgs ausmacht, konnte mir noch nie jemand schlüssig beantworten und auch ich habe trotz zahlloser Besuche noch immer keine Antwort darauf. Aber fortan einen ständigen musikalischen Begleiter, wenn es wieder in Richtung Hamburg geht. Fetzt!

Zwei Streifen“ dürfte indes das gelungenste Stück Musik sein, das jemals ersonnen wurde, wenn es um Vaterglück und das unfassbare und unbeschreibbare Gefühl geht, Nachwuchs zu bekommen. Du brauchtest nur drei Worte und ich dann keine mehr, singt Bunger. Und weiter: ich sehe so viele Streifen, gerade waren’s noch zwei, wir beide sind bald drei. Die vom Klavier dominierte Instrumentierung und der einmal mehr gefühlvolle Gesang sorgen hier dafür, dass ich nicht nur bis ins Innerste ergriffen bin, sondern mich aus der Ferne und unbekannterweise mitfreue. Dieses Album ist übrigens großes Gefühlskino, habe ich das schon mal erwähnt?

Jedoch nicht nur die positiven Gefühle sind es, die hier zum Vorschein gebracht werden. Auch Wut, Fassungslosigkeit und Ohnmacht treten zu Tage, wenn Herr Bunger in „Wo bleiben die Beschwerden“ die aktuellen Zustände unseres Landes anprangert. Ganz speziell: das Erstarken brauner Schwachköppe, die nicht nur ihr beschissenes rechtes Gedankengut ungefiltert (und ungestraft!) in die sozialen Netze posaunen, sondern überdies auch Flüchtlingen gegenüber übergriffig werden. Enno Bunger selbst sagt dazu: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so politisch werde, wie ich es heute bin. Aber ich kann nicht anders. Obwohl ich kein Hemdenträger bin, ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe mich im Oktober 2014 gefragt, warum es kaum neue Lieder gibt gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Rassismus in Deutschland, denn Deutschland hat ein Rassismusproblem. Als dann im Dezember 2014 PEGIDA hochkam, habe ich mich gewundert, dass so viele Leute so still sind, dass so viele Leute nicht gegen Fremdenfeindlichkeit protestieren, dass wir die Menschen, die leiden und in Angst leben müssen, alleine lassen. Wer etwas verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Darum habe ich dieses Lied geschrieben und habe mich auseinandergesetzt, mit dem NSU-Prozess, mit Oury Jalloh, mit Fällen rechter und rassistischer Gewalt in Deutschland. Nie war ich beim Schreiben eines Songs so bewegt, so traurig, so wütend. Dieses Lied ist das Ergebnis, eine Kritik an dem Land, in dem wir leben, an unserer Gesellschaft, und vor allem auch an mich selbst. Wir sind mitverantwortlich für das, was da passiert“ und ich kann nicht anders, als ihm beizupflichten. Es ist schon wieder einer dieser musikalischen Beiträge, die ich den angeprangerten Schwachköpfen so lange um die Ohren ballern möchte, bis sie es entweder begriffen haben oder ihnen die braune Grütze aus den Ohren läuft. Traurig nur: die Anständigen, die hören das Stück und bestätigen Enno in seiner Mission. Die, die es aber viel eher hören sollten, werden davon – wie von so vielen Dingen – wohl kaum Notiz nehmen. Es ist ein Jammer. Ach ja richtig, hatte ich vergessen: Nein, es sind nicht die paar Nazis, es ist unsere Ignoranz / Lieber Bild, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand. Manchmal möchte man echt nicht mehr auf diesem Planeten leben, oder?

Um nicht jedes Lied im Detail zu sezieren – lasst Euch gesagt sein, dass Enno Bunger nach wie vor ein Wortjongleur sondersgleichen ist, der Wortspiele beherrscht wie aktuell nur wenige andere in der deutschen Musiklandschaft. Wenn er, wie in „Heimlich“, singt: Wo die Wäschespinnen wachsen und im Keller sich verkeilen / Da will ich Dein Kummerjäger sein fragt man sich unweigerlich: warum fällt mir so etwas nie ein, wenn es mal darauf ankommt? Der selbsternannte „Flausenleger“ macht diese Wortspiele aber nicht der reinen Wortspielereien wegen. Sie müssen dennoch sinnig, stimmig sein und ins Konzept passen. Bunger erklärt: „Manchmal darf es auch gern ein dumpfer Flachwitz sein. Man muss nur aufpassen, dass man dabei die Balance nicht verliert. Einige Textzeilen habe ich wieder weggeworfen, weil ich dachte: Klingt zwar irgendwie gut, reicht aber jetzt auch mal mit den Wortwitzen“. Der Spagat ist ihm gelungen. Genauso wie der musikalische. Ein Jahr der Schreiberei und ein weiteres für die Aufnahmen klingt nach viel Arbeit. Die Mühe jedoch, sie hat sich gelohnt.

Wer sich „Flüssiges Glück“ das erste Mal anhört und noch dazu die Vorgänger kennt, wird nicht schlecht staunen, wenn die ersten Töne des ersten Stückes „Scheitern“ aus den Boxen tönen. Ist das ernsthaft Electro, das wir dort hören? Oh aber ja doch! Und schon lange nicht mehr hat es sich so natürlich, so richtig angefühlt, dass ein Musiker die bekannten Pfade verlassen – oder, nein – ausgeweitet hat wie hier. Es sind noch in jeder Hinsicht die typischen Enno-Bunger-Songs, nur dass sie sich hier eben mitunter in synthetisches Gewand kleiden. Ein bisschen Trance hier, ein bisschen Synthie-Pop da, vielleicht auch noch mal eine Prise Deep-House – und zu dem gewohnten Indie mit dem Klaviergeklimper neuerdings auch eine immer wieder mal ziemlich domaninante Gitarre. Diese musikalische Vielfalt, die wir auf „Flüssiges Glück“ genießen dürfen, ist das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit von Enno Bunger und seinem Produzent, Freund und Vertrauten in Personalunion, Tobias Siebert. Enno Bunger gibt zu Protokoll: „Dass auf der neuen Platte zahlreiche Stücke mit starker Elektronik spielen, ist eben das Ergebnis eines Prozesses der letzten Jahre und noch mehr der Musik, die ich zuletzt gehört habe. Anfangs habe ich diese Elektroniksachen auch unter anderen Pseudonymen gemacht, weil ich selber dachte, dass das nicht zu Enno Bunger passt. Als ich mit Tobias nun an der Platte saß, stellte ich auf einmal fest, dass diese neuen Richtungen gerade zu Enno Bunger passen, dass sie das Signal sind, mutig in neue Richtungen aufzubrechen“. Ja, so absolut ja! Dabei muss man sich ja nicht einmal komplett umgewöhnen. Das abschließende „Klumpen“ sei hier als Beispiel angeführt. Es ist nicht nur nach eigener Aussage das traurigste Lied, das er je geschrieben habe – sondern auch die direkte Fortsetzung zu „Regen“ – gleicher Anfangsakkord und die gleiche Tonart inklusive. So funktioniert der Brückenschlag in die musikalische Vergangenheit im Hause Bunger.

Schon seit der Ankündigung dieses Albums, spätestens aber mit der Veröffentlichung von „Neonlicht“ hatte ich ein gutes Gefühl bei dieser Platte. Jemand, der mal so ein alle Zeiten überdauerndes Stück wie besagtes „Regen“ gemacht hat, so einer kann doch nicht enttäuschen? Mich als Konsumenten freut es über alle Maßen, dass Bunger tatsächlich wie erwartet und erhofft geliefert hat. Vom Leichtmatrosen bis hin zu Gloria – an großartigen, deutschsprachigen Alben mangelt es uns in diesem Jahr nun wirklich nicht. Und auch das hatte ich irgendwie geahnt: „Flüssiges Glück“ setzt sich in meinen Ohren die Krone auf. „Ich muss scheitern“? Nee, Enno. Hiermit nicht.


Ich vergleiche Musik ja gerne mit Malbüchern. Manchmal mit groben, manchmal mit feinen Linien werden Bilder im Kopf skizziert, die jeder Hörer ganz individuell mit eigenen Farben füllt. Sie dadurch zum Leben erweckt. Enno Bungers „Flüssiges Glück“ ist eines dieser Alben, wo zwar die Linien durch die wortreichen Texte relativ deutlich gezeichnet sind – und wo dennoch zwischen den Worten, zwischen den Tönen und den Melodien so unendlich viel Platz ist, um sich bequem dazwischen zu setzen. Umringt von Farbtöpfen aller Art. Ich mache keinen Hehl daraus, dass sich „Flüssiges Glück“ innerhalb kürzester Zeit zu einem meiner absoluten Lieblinge dieses Jahres gemausert hat. Die Gründe, warum man dieses Album toll finden kann, sie sind ja auch so zahlreich! Sind es die Texte? Die musikalische Abwechslung und Vielfalt? Ist es der Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen und dabei keinen Schiffbruch zu erleiden? Das große Gefühlskino gar? Sucht es Euch aus. In der wohligen Gewissheit, dass „Flüssiges Glück“ gleichbedeutend ist mit musikalisch erzeugtem Glück starte ich jetzt den nächsten Hördurchgang und gehe noch ein bisschen malen. Eines von den vielen Bildern in meinem Kopf.


Enno_Bunger_Fluessiges_Glueck


INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.9.5
GESANG.9
PRODUKTION.9
UMFANG.7.5
GESAMTEINDRUCK.9
LESERWERTUNG.1 Bewertung10
POSITIV.
Singer-Songwriter, Indie-Pop, Electronica - Bunger pinselt mit vielen musikalischen Farben
Hintersinnige Texte, musikalisch ganz groß dargeboten
8.7
PUNKTE.
FAZIT.
Manchmal mit groben, manchmal mit feinen Linien werden Bilder im Kopf skizziert, die jeder Hörer ganz individuell mit eigenen Farben füllt. Sie dadurch zum Leben erweckt. Enno Bungers „Flüssiges Glück“ ist eines dieser Alben, wo zwar die Linien durch die wortreichen Texte relativ deutlich gezeichnet sind - und wo dennoch zwischen den Worten, zwischen den Tönen und den Melodien so unendlich viel Platz ist, um sich bequem dazwischen zu setzen. Umringt von Farbtöpfen aller Art.