Foto: Larissa Corriveau

ESSAIE PAS – Demain Est Une Autre Nuit

Hello darkness, my old friend? Naja. Nacht und Dunkelheit sind nicht immer unsere Freunde. Menschen mit Schlafstören kennen das nachfolgend beschriebene Gefühl vielleicht: Ihr liegt im Bette, die Augen geschlossen. Eigentlich sind all Eure Systeme bereits soweit heruntergefahren, dass Ihr eigentlich jetzt einschlafen könntet. Für gewöhnlich kriegen wir den Übergang ja gar nicht mit. Ganz plötzlich ist der nächste Morgen da, den Wechsel von wach zu schlafend – die Erinnerung daran fehlt gänzlich. Wenn das so funktioniert, ist alles gut, schätze ich. Aber: es gibt auch Leute, die diesen Übergang spüren können. Es wird gerne so beschrieben, dass sie sich nicht mehr bewegen können, Arme und Beine liegen schwer wie Blei auf der Matratze – klar, die Leute wollen ja auch schlafen – und es sich alsbald so anfühlt, als würden eisige Klauen sie in die Tiefe reißen, in eine bodenlose Schwärze. Ist es die Angst vor den Träumen, die da aufkommt? Vor den Erinnerungen? Ziemlich unangenehm jedenfalls. Und auch wenn der Schlaf als solches eine gesunde und erholsame Erfindung ist – dieses Gefühl der Wehrlosigkeit, dieser anrückende Kontrollverlust lässt den Verstand sich an alle Sinneseindrücke klammern, die noch wahrgenommen werden. Das Ticken der Uhr an der Wand beispielsweise oder der Verkehr auf der Straße draußen. Irgendwas. Nur nicht die Kontrolle verlieren, nur nicht in die Schwärze reißen lassen! Irgendwann gewinnt der Schlaf natürlich. Sehr wahrscheinlich wird Euch Morpheus einige Stunden später wieder gehen lassen, doch: morgen schon kommt die nächste Nacht. Womit ich übrigens jetzt auf „Demain Est Une Autre Nuit“ zu sprechen kommen möchte, dem neuen Album von ESSAIE PAS. Würde man beschriebenes Gefühl vertonen wollen, dann könnte es sich nämlich genau so anhören.

Um nun tatsächlich mal von der Musik von Essaie Pas‚ zu erzählen: sie ist kalt, sie ist minimalistisch, sie ist treibend, sie ist unbequem, sie ist faszinierend, sie nimmt zwischen allen Stühlen Platz und sie bedient sich vielerlei Zitate verschiedenster Genres. Vor allem Cold Wave ist es, aber auch ein bisschen Soundtrack, EBM, Synthiepop, Electro, Minimal, New Age, Techno, … – Scheuklappen, sich überall in der Welt umzuschauen, hat dieses Duo jedenfalls nicht. Aber wer sind Essaie Pas eigentlich?

Es ist ein kanadisches Duo, stammt aus Montreal und besteht aus Marie Davidson und Pierre Guerineau. Beide haben sich schon vor Essaie Pas die ein oder andere Lorbeere verdient. Marie mit zwei Solo-Alben, Pierre hingegen als Produzent diverser Acts des musikalischen Untergrunds Kanadas, so etwa Dirty Beaches oder Femminielli. Es heißt, Essaie Pas sei in einer heißen Sommernacht geboren worden, aus der letztendlich diverse Singles hervorgingen, die in der 2013er Debüt-EP „Nuit de noce“ mündeten. Aber eigentlich müssen wir noch ein bisschen weiter ausholen, um die Gründungsgeschichte von Essaie Pas zu erzählen. Nach der Rückkehr von ihrer ersten Europatour mussten Marie und Pierre feststellen, dass sie buchstäblich das Dach über dem Kopf verloren hatten. Studio weg, Apartment weg. Die Gentrifizierung macht eben auch vor Montreal nicht halt und so kam es, dass La Brique, ihr bisheriges Studio, gleichzeitiger Proberaum sowie bekannte Untergrundeinrichtung, für immer die Pforten geschlossen hatte. Stress mit ihrem Vermieter sorgte überdies dazu, dass das Duo fortan also auch noch ohne Dach über dem Kopf – und ohne sonderlich vielen Optionen – dem Winter Montreals entgegenblicken musste. Zu ihrem Glück konnten sie die Büroräume von Le Filles Electriques nutzen, einem Veranstalter von Independent Festivals. Nun, diese Räumlichkeiten wurden ziemlich schnell zu Pierres neuem Studio – und Maries neuem Zuhause. Es handelt sich hierbei um einen Industriekomplex und ein solcher bietet natürlich viele lange Flure und Korridore – perfekt für Maries Workout. Sie sagt, sie lief „wo immer möglich und hörte dabei Techno, Acid, Italo Disco“ und sei dabei von den Tönen in ihrem Ohr und der Umgebung um sie herum beeinflusst worden. Gerade mal acht Monate später war „Demain Est Une Autre Nuit“ (Morgen ist eine andere Nacht) im Kasten. Pierre sagt dazu: „Diese Umgebung beeinflusste unsere Musik. Die Sounds sind klarer und offener, die Produktion hat mehr Tiefe im gesamten Frequenzbereich“. Darüber hinaus seien die Bedingungen, wie und wo sie während ihrer Tour durch Europa hausten, weitere maßgebliche Einflüsse für den Sound, den Ton und die Stimmung dieses Albums gewesen. „Wenn man für die Dauer eines Jahres bei verschiedenen Leuten rund um die Welt wohnt, dann unterstreicht es das Gefühl, ein Fremder zu sein, egal wohin du gehst. Selbst in deiner eigenen Stadt. Aber es fördert eben auch das Gefühl, ein Teil einer internationalen Community zu sein, ganz im Gegensatz zu einer Szene, die nur in einer Stadt existiert“, sagt Pierre.

Und somit währen wir wieder bei der anfänglichen Festellung: die Musik ist kalt. Sie ist nichts, was Euch einhüllt, ein bisschen Wärme spendet. In Filmen würde die Kamera entweder durch verlassene Industriekomplexe schwenken oder sich durch die nächtlichen Straßen einer Großstadt winden. Gemeint sind nicht die Ecken, wo unterhalb von Leuchtreklamen und Neon-Sonnenschein das Leben pulsiert. Gemeint sind die Seitenstraßen, beklebt und beschmiert mit Plakaten, Graffitis und Obszönitäten, wo Dampf aus Gullideckeln emporsteigt, Straßenlaternen flackernd fahles Licht auf achtlos in die Gegend geschmissenen Müll werfen und dabei mehr Schatten produzieren als alles andere, während endloser Regen sich in Pfützen sammelt, in denen sich die Tristesse dieser Szenerie kräuselnd spiegelt. In einigen Fenstern ist gelbes Licht, andere hingegen sind vernagelt. Dunkle Hauseinge wirken wie gierige Schlunde, bereit alles und jeden zu verschlucken, der nicht vorsichtig genug ist. Alles in allem nicht der Ort, wo man gerne spazieren geht. Und doch schieben sich Gestalten durch diese Nacht, die Schultern hochgezogen, den Kopf gesenkt. Eine Kamera würde freudlose, sorgenvolle Gesichter erfassen, die kurz durch den Lichtschein huschen, ehe sie wieder in der Nacht verschwinden. Ähnlich den zu Beginn genannten Schlafproblemen: weder die einen noch die anderen wissen, ob sie am Ende der Nacht wieder in den nächsten Tag entlassen werden. Eine unbestimmte Angst, es könnte nicht so sein, teilen sie.

Die Musik von Essaie Pas besteht vor allem aus sehr flächigen Synthie-Sounds und treibenden Percussions, deren Ursprung man durchaus in den 80ern, französischen Cold Wave-Künstlern wie Guerre Froide und bei Jean Michel Jarre verorten könnte. Darüber hinaus gestatten sie sich in ihren meist eher minimalistisch gehaltenen Songs immer wieder Störgeräusche bzw. Samples verschiedenster Art, die das Album in die Nähe von Künstlern wie Burial rücken. Gesang solltet Ihr hier nicht erwarten, viel mehr sind es abwechselnd Marie und Pierre, die ihre französischen Texte stattdessen ins Mikrofon sprechen oder hauchen. Passend zur Stimmung des Albums sind es auch keine Gute-Nacht-Märchen, die sie hier erzählen. „Le port du masque est de rigueur“, die erste Single und das treibendste Stück des Albums, erzählt die Geschichte einer Obsession eines Mannes, der besessen ist von der Wahnvorstellung einer unmöglichen Beziehung. „Die Nacht ist ein Ort der Freiheit“, erklärt Pierre, „ein Ort wo Fantasien und Obsessionen nicht an irgendwelche Moralvorstellungen gebunden sind. Es ist aber auch die Zeit, in der das Gefühl von Einsamkeit viel stärker ist, wenn Gefühle und Erinnerungen hervorbrechen – ganz gleich, ob man sich ihnen stellt oder davor flüchtet. Ich glaube, die Spannung und das Gefühl der Dringlichkeit auf dieser Platte kommt von dieser Zweiteilung“.

Wer weiß. „Demain Est Une Autre Nuit“ wird aufgrund der gleichzeitig unbequemen wie außerordentlich spannenden Mucke vermutlich keinen Beitrag dazu leisten, beim Einschlafen das eingangs beschriebene Gefühl zu verhindern. Den Übergang in Moprheus’ Welt nicht leichter machen, etwaige Beklemmungen beim Durchwandern der Nacht nicht aus der Welt schaffen. Schließlich klingt der Titel in einem solchen Fall schon beinahe wie eine Drohung. Für die Wach-Zeiten jedoch ist es ein spannendendes, faszinierendes und sehr anregendes Hörerlebnis.


In Plattensammlungen, wo Künstler wie Burial (vor allem der Stimmung wegen), französche Post Punk- bzw. Cold Wave-Bands der 80er aber auch Jean Michel Jarre oder Vangelis herumstehen, da sind auch Essaie Pas mit ihrem aktuellen Album „Demain Est Une Autre Nuit“ gut aufgehoben. Kalt fühlt es sich an, eher spärlich ausgestaltet kommt es daher und regt in sehr gesteigertem Maße das Kopfkino an. Die einen setzen sich vor den Flimmerkasten oder gehen ins Kino, um Geschichten in Form vorgefertigter Visionen zu erleben. Die Möglichkeiten, die Handlungen zwischen den verschiedenen Szenen mit eigenen Gedanken zu befüllen, sind vor allem während des Konsums dann doch eher beschränkt, würde ich sagen. Die anderen, die Imaginationscineasten quasi, setzen sich hin, am besten mit Kopfhörern, schließen die Augen und lassen im Geiste einen ganz eigenen Film ablaufen, bei dem sie Darsteller, Handlung usw. ganz nach eigenem Ermessen bestimmen. Das einzige, was Letztgenannte dann gemeinsam haben, ist der dystopische Soundtrack. „Demain Est Une Autre Nuit“ ist nichts für nebenbei, aber falls Ihr Euch solcherlei Hörgenuss gerne mal hinsetzt und entsprechenden Freiraum gestattet, dann ist das hier eine definitive Empfehlung. Und keine Sorge: die nächste Nacht kommt zwar ganz gewiss – der nächste Morgen aber eben auch. Hello darkness, my old friend…



Kalt fühlt es sich an, eher spärlich ausgestaltet kommt es daher und regt in sehr gesteigertem Maße das Kopfkino an. Die einen setzen sich vor den Flimmerkasten oder gehen ins Kino, um Geschichten in Form vorgefertigter Visionen zu erleben. Die Möglichkeiten, die Handlungen zwischen den verschiedenen Szenen mit eigenen Gedanken zu befüllen, sind vor allem während des Konsums dann doch eher beschränkt, würde ich sagen. Die anderen, die Imaginationscineasten quasi, setzen sich hin, am besten mit Kopfhörern, schließen die Augen und lassen im Geiste einen ganz eigenen Film ablaufen, bei dem sie Darsteller, Handlung usw. ganz nach eigenem Ermessen bestimmen. Das einzige, was Letztgenannte dann gemeinsam haben, ist der dystopische Soundtrack.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.6.5
GESANG.6
PRODUKTION.7.5
UMFANG.6
GESAMTEINDRUCK.7.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Wunderbar kalt und mechanisch
NEGATIV.
Bisschen kurz geraten
6.9
TOTAL.