Foto: Olaf Heine / Sony Music

EXCLUSIVE – Neuer Mensch

Diese Beipackzettel – oder eben: Presseinformationen – die für gewöhnlich einem Album beiliegen, damit wir Schreiberlinge ein paar Infos über die zu besprechende Veröffentlichung bekommen, haben stets ein bisschen was von einer Apple Keynote. Selbstverständlich ist es stets das beste Album bisher, bzw. im Falle von (relativen) Newcomern das nächste große Ding, auf das die Musikwelt sehnsüchtigst gewartet hat. Da wird mitunter so dick aufgetragen und mit Superlativen um sich geworfen, dass vor meinem geistigen Auge schon die ersten Kaufwilligen vorm Tonträgerhändler des Vertrauens kampieren, um sofort nach Ladenöffnung das Milchgeld in den neuen Silberling zu investieren. Diese Übertreibungen sind alle bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar und erträglich, schließlich soll ja was verkauft werden. Manchmal wird der Punkt aber überschritten und Interesse weicht Skepsis. „Neuer Mensch“ der Münchener Indie-Electro-Pop-Band EXCLUSIVE ist ein Paradebeispiel dafür. Na schön. Wenn dick aufgetragen wird, muss auch geliefert werden. Meist scheitert es dann. Wie es hier gelaufen ist, gucken wir uns mal an.

Exclusive gingen 2008 an den Start, damals noch als The Exclusive. Die fünfköpfige Band tingelte auf Schulkonzerten und in Jugendzentren durch die Gegend, bis sie im Jahre 2010 in Münchener Szene-Clubs erste größere Auftritte absolvierten. Im gleichen Jahr veröffentlichten sie ihre erste, selbstbetitelte EP. 2012 folgte das Album „Nachtmensch“. Danach ging es ziemlich steil ab für die Band. Sie spielten beim Rock am Ring und Rock im Park und kassierten den New Music Award ein. Tja und kaum erweckt etwas den Eindruck, dass sich damit Geld verdienen ließe, steht auch irgendwann ein Major vor der Tür. In diesem Fall ist es die A&R Abteilung von Sony Music gewesen, die auf Exclusive aufmerksam geworden ist.

Und was hören wir? Gefälligkeits-Rock, angereichert mit Synthies und diversen elektronischen Spielereien. Prinzipiell ist es ja keine schlechte Sache, Rock und Electro zu kombinieren. Das ist zwar weder innovativ noch sonderlich kreativ, funktioniert aber immer wieder ziemlich gut. Tendenziell auch bei Exclusive. Wenn sie ihr Album mit dem Titelsong einleiten und uns eine energische Melange Electro-Rock um die Ohren fetzen, ist die Welt noch in Ordnung. Auch der vermeintlich zerrissene Gesang passt anfangs noch gut ins Bild. Dummerweise verbraucht sich das alles ziemlich schnell. Dass so junge Menschen inhaltlich nicht sonderlich viel zu sagen haben, erwartet wohl niemand. Wäre ich heute noch 14 oder 15, dann fände ich Texte wie „Spiel dein Spiel! Yeah!!! Denk nicht nach!! Yeah!!! / Egal was sie sagen, egal was sie tun!!! / Hör nicht auf! Yeah!!! Spiel dein Spiel!! Yeah!!! / Egal was sie sagen, egal was sie tun!!!“ in Kombination mit der leicht rebellischen Attitüde vermutlich sogar noch cool. Ich bin aber keine 15 mehr und aufgrund des Inhalts und seiner Darbietung eher peinlich berührt. Dass viele Texte stur aus vier Zeilen pro Strophe bestehen, macht die Sache nicht unbedingt besser. Vielleicht hat man als Kind einer so wohlhabenden Stadt wie München aber auch einfach keine wirklichen Themen?

12 Songs haben Exclusive zusammengeschustert. 12 Songs, bei denen die reine Musik ungeachtet kaum vorhandener Inhalte durchaus konkurrenzfähig ist. Das Zusammenspiel von Rock und Electro ist den Jungs schon ziemlich gut gelungen. Eingängig, nett arrangiert und druckvoll produziert. Da schwingt eine Menge Energie mit. Wenn sie sich nicht in jedem Song auf diesem immer gleich klingenden, gekünstelt und angestrengt wirkenden Schreisingsang ausruhen würden, hätte das sogar richtig gut werden können. So aber? Höm.

Die beste Angriffsfläche liefert übrigens der anfänglich erwähnte Pressetext zum Album selbst. Dort heißt es: „Exclusive – viel mehr Statement, viel mehr Chuzpe hält ein Bandname ja kaum aus. Dieser Name leuchtet aus dem großen Ganzen Musikdeutschlands, in dem viele Bands nett, okay, ein bisschen grau, aber irgendwie nicht so richtig geil sind, hervor wie das grell flackernde Leuchtstoffröhren-Logo über dem Club, in den nicht jeder reinkommt“. Dummerweise auch die Band selbst nicht, die sich mit diesem Album scheinbar vor die Türe gestellt und vom Türsteher nicht mehr hineingelassen wird. Eben irgendwie nicht so richtig geil.


Es gibt Platten, die regen mich auf. „Neuer Mensch“ ist so eine. Ungeachtet der Tatsache, dass man uns hier mit der Mischung aus Gefälligkeits-Rock und Schunkel-Synthies einen alten, ausgelatschten Schuh als das nächste große Ding verkaufen möchte, machte sich über die Dauer der 12 Tracks spätestens ab Lied Nummer 4 das Gefühl breit, immerzu das gleiche Stück zu hören. Schuld daran sind vor allem die Vortragsweise (das klingt eben nicht nach rauher, rauchiger bzw. zerrissener Stimme, sondern einfach nur gekünstelt, angestrengt und geht mir nach kürzester Zeit wirklich massiv auf den Nerv) und den in Wortzahl und Inhalt extrem überschaubaren Texten. Wäre ich jetzt noch pubertierend unterwegs auf der Suche nach einer musikalischen Identität, würde ich „Neuer Mensch“ bestimmt ganz toll finden und mich in diesem Hauch Rebellion baden. So aber fühle ich mich für ein Album wie dieses schlicht und ergreifend zu alt. Da sind es inzwischen andere, die ähnliche Kost servieren, dabei aber authentischer und mitreißender sind. Staubkind zum Beispiel. Oder Eisbrecher, wenn es ein bisschen härter sein soll.


neuermensch


Es gibt Platten, die regen mich auf. „Neuer Mensch“ ist so eine. Ungeachtet der Tatsache, dass man uns hier mit der Mischung aus Gefälligkeits-Rock und Schunkel-Synthies einen alten, ausgelatschten Schuh als das nächste große Ding verkaufen möchte, machte sich über die Dauer der 12 Tracks spätestens ab Lied Nummer 4 das Gefühl breit, immerzu das gleiche Stück zu hören. Schuld daran sind vor allem die Vortragsweise (das klingt eben nicht nach rauher, rauchiger bzw. zerrissener Stimme, sondern einfach nur gekünstelt, angestrengt und geht mir nach kürzester Zeit wirklich massiv auf den Nerv) und den in Wortzahl und Inhalt extrem überschaubaren Texten.
INHALT / KONZEPT.
1.5
TEXTE.
2
GESANG.
3
PRODUKTION.
5
UMFANG.
8
GESAMTEINDRUCK.
2.6
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV.
Das Album dauert nur 42 Minuten
Für Teenies im Alter von +-15 Jahren bestimmt ganz toll, so mitten in der Pubertät
NEGATIV.
Der Gesang klingt nicht rauchig oder zerrissen, sondern gekünstelt und angestrengt
Inhaltsleer
Musikalisch kaum Abwechslung, gefühlt besteht die Platte nur aus 4 Songs
3.7
TOTAL.